03
Apr
09

Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 1

Am 17. April wird das Gerichtsurteil gegen die schwedischen Betreiber des BitTorrent-Trackers „Pirate Bay“ erwartet. Den vier Angeklagten drohen jeweils ein Jahr Haft und eine Strafe in der Höhe von umgerechnet 111.000 Euro. Die Kläger aus der Musik- und Filmindustrie haben zudem einen Schadensersatz von umgerechnet 11,1 Mio. Euro geltend gemacht.

Da der „Pirate Bay“-Prozess als international wegweisend angesehen wird, soll der Versuch unternommen werden, die Wirkungen von File-Sharing vor dem Hintergrund vorliegender Forschungsergebnisse in einer Serie von Artikeln zu bewerten. Die Kläger aus der Musikbranche beklagen einen Schaden von 2,1 Mio. Euro für insgesamt 23 nachgewiesene, Musiktitel, die ohne Lizenzierung zur Verfügung gestellt wurden. Da die Zahl der hochgeladenen Musikfiles natürlich weitaus höher liegt, wird von den Klägern ein immenser Schaden reklamiert. So macht der CEO der IFPI International, John Kennedy das File-Sharing für einen 38%igen Rückgang im CD-Verkauf zwischen 2001 und 2007 verantwortlich. Allerdings ist es aus wissenschaftlicher Perspektive alles andere als empirisch gesichert, dass das File-Sharing Schäden in solchen Größenordnungen verursacht. Der IFPI-Vorstandsvorsitzende beruft sich in seiner Argumentation auf eine Studie von Professor Stan Liebowitz der University of Texas in Dallas, die starke negative Wirkungen des File-Sharing auf den Tonträgerumsatz identifiziert hat. Die Liebowitz-Studie soll, so die Aussage des Industrievertreters, die Arbeit von Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf widerlegen, in der von bestenfalls neutralen, aber keinesfalls negativen Effekten auf die Tonträgerumsätze, die Rede ist.

Unterschiedliche Studienergebnisse

Das wirft natürlich die Frage auf, warum die besagten Studien zu so divergierenden Ergebnissen kommen und was nun tatsächlich stimmt? In einer Serie von Artikeln möchte ich bis zum 17. April die bereits vorliegenden Studien zum Musik-File-Sharing evaluieren und einander gegenüber stellen. Beginnen möchte ich aber weder mit der Liebowitz- noch mit der Oberholzer-/Strumpf-Studie, sondern mit der aktuellsten Arbeit zu dieser Frage, die am 18. Februar dieses Jahres von niederländischen Wissenschaftern im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft sowie des Ministeriums für wirtschaftliche Angelegenheiten und dem Ministerium für Justiz in Auftrag gegeben wurde. 

Economic and cultural effects of file sharing on music, film and games

Die Studie mit dem Titel „Ups and Downs – Economic and Cultural Effects of File Sharing on Music, Film and Games” umfasst 128 Seiten und befasst sich nicht nur mit dem Zusammenhang zwischen File-Sharing und dem Rückgang der Umsätze mit Lizenz pflichtigen Entertainment-Inhalte, sondern auch mit den Wohlfahrtseffekten des Tausches von Musik, Filmen und Videospielen übers Internet. Dabei möchte ich in der Folge den Fokus auf jene Teile richten, die sich auf das Musik-File-Sharing beziehen.

Das Forschungsdesign und die zentralen Ergebnisse

Basis ist eine standardisierte Umfrage unter 1.500 Internetnutzern, die für die Niederlande repräsentativ ist und somit verallgemeinerbare Aussagen zulässt. Ergänzt wurde die standardisierte Fragebogenerhebung durch Fokus-Interviews mit so genannten „heavy Downloadern“, um mehr über die Motive der File-Sharer zu erfahren.

Was sind nun die zentralen Ergebnisse? In rein quantitativer Hinsicht ist das File-Sharing in den Niederlanden ein Massenphänomen. 40% der über 15jährigen, die über einen Internetzugang verfügen, geben zu, dass sie in den letzten 12 Monaten zumindest einmal Musik-File-Sharing betrieben haben. Das entspricht einem Äquivalent von 4,3 Mio. Personen. Hingegen haben nur 6,5% der befragten Internetuser irgendwann in der Vergangenheit schon einmal bei iTunes, 2,9% bei Amazon, 2,3% bei planetmusic.nl, 1,2% bei http://www.msn.com und jeweils unter 1% bei weiteren sieben Anbietern einen kostenpflichtigen Download getätigt. Interessant ist, dass in den vergangenen 12 Monaten nur 2,3% der Internetuser angab, kostenpflichtig Musik herunter geladen zu haben. Die Autoren schließen daraus, dass die Bezahlangebote als nicht so attraktiv wahrgenommen werden wie das File-Sharing.

Im Vergleich von File-Sharern und Nicht-File-Sharern zeigt sich, dass erstere in den letzten 12 Monaten 5,49 Alben (in Form von Tonträgern und Downloads) und letztere 5,69 Alben gekauft haben, was als kein besonders großer Unterschied gewertet wurde. Bei der Gruppe der 15-24jährigen ist es sogar umgekehrt. Die File-Sharer haben im abgelaufenen Jahr 5,90 Alben, die Nicht-File-Sharer aber nur 3,90 Alben käuflich erworben. In dieser Altersgruppe weisen also die File-Sharer eine höhere Kaufbereitschaft auf als die Nicht-File-Sharer. Zudem besuchen File-Sharer signifikant öfter ein Konzert und kaufen signifikant mehr Merchandising-Artikel als Nicht-File-Sharer, was mit ihrer hohen Musikaffinität erklärt werden kann.

Lediglich 19% gaben an, mehr Musik zu kaufen, wenn File-Sharing vollkommen unmöglich wäre. 54% würden ihr Kaufverhalten nicht ändern und 27% würden sogar weniger Musik in kaufen.

Was die Motive anlangt, so gaben 69% an, im File-Sharing aktiv zu, weil sie neue Musikgenres oder Bands/Künstler entdecken wollen; 13% um soziale Kontakte mit Gleichgesinnten zu pflegen.

Interessant ist auch der Unterschied im File-Sharing-Verhalten bei den Fans der verschiedenen Musikrichtungen (Mehrfachnennungen waren möglich). So machen die HipHop- und R&B-Fans nur 20% der Internetpopulation in den Niederlanden aus, aber 59% von ihnen waren in den letzten 12 Monaten in einem File-Sharing-Netzwerk aktiv. Bei den Fans von Avantgarde- und experimenteller Musik lag der File-Sharer-Anteil bei 58% (4% der Internetpopulation), bei Rock-Fans bei 57% (32% der Internetpopulation), bei Dance-Fans 51% (33% der Internetpopulation), bei Pop-Fans 49% (53% der Internetpopulation), bei Country-, Blues- und Folk-Fans bei 42% (17% der Internetpopulation), bei Jazz-Fans bei 40% (21% der Internetpopulation), bei World-Music-Fans bei 39% (20% der Internetpopulation), bei sonstigen Musikfans (z.B. Soundtrack, niederländische Musik) bei 39% (38% der Internetpopulation), bei Fans von Easy Listening (Crooner, Musical u.ä.) bei 38% (50% der Internetpopulation) und bei Klassik-Fans bei 30% (33% der Internetpopulation).

Und schließlich wurde auch erhoben, dass sich 36% der Befragten sich bewusst ist, dass sie beim File-Sharing eine Verletzung des Copyrights begehen; 48% waren sich dessen nicht bewusst und 16% wussten über das Copyright zu wenig Bescheid, um eine Aussage treffen zu können.

File-Sharing: Eine andere Art der Musiknutzung 

Aufgrund der Befragungsergebnisse kommen die Studienautoren zum Schluss, dass sich File-Sharing und das Kaufen von Tonträgern bzw. der Erwerb kostenpflichtiger Downloads nicht ausschließen. Nicht jeder unlizenzierte Download darf mit einem nicht-verkauften Track gleich gesetzt werden. File-Sharing wird auch betrieben, weil man sich Tonträger nicht leisten kann. Aber auch die Suche nach neuen Genres, Bands und Künstlern (der so genannte „Sampling-Effekt“) substituiert keine Tonträgerkäufe, kann aber solche durchaus anregen, obwohl die Autoren keine positiven Wirkungen auf den Kauf von Musik in der Befragung feststellen konnten. Interessanterweise neigen aber „heavy User“ eher zum Kauf eines Tonträgers/kostenpflichtigen Downloads als Gelegenheitsnutzer. Das führt die Autoren zum Schluss, dass File-Sharing einfach eine andere Art der Musiknutzung als der Tonträgerkauf bzw. der Erwerb eines Downloads darstellt.

Und wortwörtlich heisst es in der Studie: „All in all, file sharing seems to have only a moderate effect on physical audio format sales. This is in line with the observed global downturn in sales. That said, there does not appear to be a direct relationship between the decline in sales and file sharing” und “Due to the empirical subtlety of the relationship between file sharing and sales and the diverse underlying mechanisms, it ist very difficult to determine the relationship on title by title basis. Measuring the possible harmful effect of a specific uploader’s content is even more difficult, if not downright impossible.” (S. 102).

Wirkungen auf die Gesamtwohlfahrt

In weiterer Folge versuchen die Wissenschafter für die Niederlande mit Hilfe einer Social-cost-benefit-Analyse die kurzfristigen Wohlfahrtsgewinne bzw. -verluste zu errechnen. Sie kommen zum Ergebnis, dass das File-Sharing bei den niederländischen Musik-Produzenten (von den Verlagen über die Label zu den Rechteinhabern) einen Verlust von 100 Mio. Euro pro Jahr verursacht, dem aber einer Wohlfahrtsgewinn durch File-Sharing von 200 Mio. Euro gegenüberstehen. Kurzfristig führt also das File-Sharing in den Niederlanden zu einem Wohlfahrtszuwachs von jährlich 100 Mio. Euro. Dabei sind die positiven Wirkungen auf den Verkauf von Konzertkarten und Merchandising-Artikeln noch nicht mit eingerechnet.

Kritische Würdigung

Die gewählte Methode der repräsentativen Befragung hat sicherlich den Vorteil allgemein gültige Aussagen über das Untersuchungsfeld treffen zu können. Insofern sind die Ergebnisse der Befragung sehr aufschlussreich. Bei einzelnen Fragenstellungen muss aber auch Kritik angebracht werden. Wenn zum Beispiel gefragt, ob jemand mehr oder weniger Musik kaufen bzw. ob sein Kaufverhalten unverändert bleiben würde, wenn File-Sharing unmöglich wäre, dann wird nicht das tatsächliche Kaufverhalten erfragt, sondern nur eine Einschätzung einer rein hypothetischen Situation erhoben. Des Weiteren ist natürlich die Differenzierung bei der Download-Intensität der Fans diverser Musikrichtungen spannend aber nicht in allen Fällen aussagekräftig. Wenn sich nämlich nur 2% der Befragten, d.h. 30 Personen, als Fans von Avantgarde- bzw. experimenteller Musik bezeichnen, dann können über eine solch kleine Gruppe keine allgemein gültige Aussage mehr getroffen werden. Da aber in fast allen anderen Kategorien, die Anzahl des Samples groß genug ist, kann diese methodische Unsauberkeit vernachlässigt werden. Insgesamt ist das Befragungsdesign nachvollziehbar und erfüllt im Großen und Ganzen die wissenschaftlichen Qualitätskriterien.

Bei der nachfolgenden Berechnung der kurzfristigen Wohlfahrtseffekte wird nur mehr zum Teil auf die eigenen Befragungsergebnisse zurückgegriffen. Hier fließen auch die Resultate anderer internationaler Studien ein, wobei die Schwankungsbreite der Daten-Interpretation sehr groß ist, dessen sich die Studienautoren auch durchaus bewusst sind. Sie wählten daher stets die konservativsten und für das File-Sharing ungünstigsten Annahmen und kommen dennoch zu einem beachtlichen positiven Wohlfahrtseffekt. Natürlich kann man auch hier an den einzelnen Annahmen so lange herumdrehen bis das gegenteilige Ergebnis herauskommt, aber das wäre dann wohl wiederum nur ein Interessen geleitetes.

Insgesamt sollte man also die Erkenntnisse, die in der vorliegenden Studie gewonnen werden, sehr Ernst nehmen und bei der Bewertung von File-Sharing einfließen lassen. Jedenfalls kommen die Autoren zum Schluss, dass die Tauschbörsen nicht so böse sind, wie die Vertreter der Verbände der Musikindustrie immer behaupten, aber auch kein Segen sind, der sich positiv auf den Musikverkauf auswirkt. Sie weisen lediglich darauf hin, dass File-Sharing eine andere Art der Musiknutzung ist, und als solche auch behandelt werden soll.

Das nächste Mal geht es dann um die bereits erwähnte Studie von Stan Liebowitz.


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