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Rezension: Musikindustrie und Web 2.0

Georg „Guru“ Hübner, der vor nicht allzu langer Zeit den Musikmanagement-Lehrgang an der Donau-Universität Krems absolviert hat, legt nun seine Masterthesis in Buchform vor. Wer keine Zeit hat, die gesamte Rezension zu lesen, dem sei schon jetzt verraten, dass es dem Autor auf 134 Seiten herorragend gelungen ist, die gegenwärtige Umbruchsituation in der Musikindustrie kompakt und dennoch mit viel Kenntnisreichtum zu analysieren und in den Kontext mit den beiden anderen Strukturbrüchen in der Musikindustrie – der Jazz- und der Rock ’n‘ Roll-Revolution zu stellen. 

Georg Hübner

Musikindustrie und Web 2.0. Die Veränderungen der Rezeption und Distribution von Musik durch das Aufkommen von Web 2.0

Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main etc.

134 Seiten,  25,20 EUR

ISBN 978-3-631-58218-3

Hier geht es zur ausführlichen Rezension

Es ist eine zweischneidige Aufgabe ein Buch zu rezensieren, das als Ausgangspunkt mein eigenes Buch – „Kreativität und Innovation in der Musikindustrie“ – gewählt hat (siehe S. 25, FN 16). Denn die Versuchung ist groß, sich geschmeichelt zu fühlen und in Folge dessen sich darüber in Lobeshymnen zu ergehen. Andererseits birgt eine zu kritische Auseinandersetzung nicht nur die Gefahr mit sich, es sich mit dem Autor zu verderben, sondern sich selbst auch überzuinterpretieren. Aber was soll’s, ich werde versuchen, den Mittelweg einzuschlagen, der dort liegt, wo kritische (Selbst)Reflexion und Lob sich treffen.

 

Ausgangspunkt des Buches sind drei Thesen:

(1)   Der gegenwärtige Strukturbuch in der Musikindustrie ist in eine Reihe mit den beiden anderen großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts – die Jazz-Revolution und die Rock ’n’ Roll-Revolution zu stellen.

(2)   Der gegenwärtige Umbruch wurde durch das Web 2.0 ausgelöst.

(3)   Im Gegensatz zu den beiden voran gegangenen Revolutionen ist die gegenwärtige nicht mit einem Musikstil verbunden.

Die weiteren Ausführungen im Buch sind in der Folge darauf gerichtet, diese drei Hypothesen zu belegen. So werden also nach einem Kapitel mit Begriffsklärungen im zweiten Kapitel die vorangegangenen historischen Umbrüche dargestellt, um sie im darauf folgenden Abschnitt im Erklärungsansatz der Mediamorphose, der von Kurt Blaukopf entwickelt bzw. von dessen Mitarbeitern und Nachfolgern am Institut für Musiksoziologie der Musikuniversität Wien weiterentwickelt wurde, zu verorten. Das Kapitel 4 widmet der Autor der Geschichte des Internets und der verschiedenen Musikangebote mit besonderem Augenmerk auf die Web 2.0-Applikationen. Das Herzstück der Arbeit bildet aber das Kapitel 5, in dem der gegenwärtige Strukturbruch in der Musikindustrie mit der Jazz- und Rock ’n’ Roll-Revolution im Licht der oben genannten Thesen verglichen wird.

 

Das Pferd von hinten aufzäumend, möchte ich mit dem letzten Kapitel und mit der Hypothesen-Diskussion beginnen. Ich stimme mit dem Autor überein, dass die Strukturbrüche der 1920er und 1950er Parallelen zur digitalen Revolution aufweisen. Allerdings bin ich nicht wie er der Meinung, dass sich die Geschichte wiederholt, auch wenn er einschränkend „nicht auf exakt die gleiche Weise“ hinzufügt (S. 17). Im historischen Vergleich geht es nämlich nicht darum, platte Analogien herzustellen, sondern Entwicklungsgesetzmäßigkeiten in einer Industrie aufzuzeigen, die über den Konjunkturzyklus hinweg ähnliche Muster aufweisen. Vielleicht liegt auch hierin das Missverständnis, dass mit jedem Strukturbruch auch ein neuer Musikstil einhergehen muss. „Jazz“ und „Rock ’n’ Roll“ stehen zudem nur als leicht verständliche Chiffre für einen umfassenden Paradigmenwechsel, in dem jeweils das Netzwerk aus Musikproduktion, Musikdistribution und Musikrezeption vollständig zerstört wurde und gänzlich anders strukturiert neu entstanden ist. Genauso gut hätte ich statt Jazz- auch Rundfunk-Revolution und statt Rock ’n’ Roll- auch Tonträgerrevolution sagen können. Das hätte aber wieder den Eindruck der Vorrangstellung des technologischen Wandels, wie er im Großteil ökonomischer Innovationstheorien behauptet wird, gestärkt, den ich aber vermeiden wollte. Ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass es sich in allen Fällen um einen kulturellen Paradigmenwechsel handelt, in dem soziale, rechtliche, organisatorische, technologische und nicht zu Letzt ästhetische Wandlungsprozesse sich gegenseitig verstärken und dadurch zum Zusammenbruch der so unveränderbar scheinenden Prozesse und Strukturen beitragen. Daher halte ich es auch für zu kurz greifend, wenn der Autor den gegenwärtigen Umbruch allein auf das neue Kommunikations- und Rezeptionsverhalten, das sich in den Web 2.0-Anwendungen manifestiert, zurückführt. Denn genau dieses Rezeptionsverhalten hat wiederum, so wie es in den Kapiteln davor präzise beschrieben wurde, soziale, technologische, rechtliche, organisatorische und ästhetische oder allgemeiner gesagt kulturelle Wandlungsprozesse zur Voraussetzung. Wobei es müßig ist, irgendwelche kausalen Auslöser dingfest machen zu wollen, weil es sich um selbstreferentielle, autopoietische und somit emergente Prozesse handelt, die in ihrer Komplexität eben nicht in ihre einzelnen Wirkungsfaktoren zerlegt werden können.

 

Um das ein weniger verständlicher zu machen: Die einfache Distribution von Musik übers Internet hatte die Erfindung der MP3-Technologie zur Voraussetzung. Diese war ab spätestens 1992 als „Abfallprodukt“ der Filmsynchronisation verfügbar. Aber ohne findige Internetuser hätte MP3 wohl keine weitere Verbreitung gefunden, und es erlebte erst mit dem Erscheinen von NAPSTER 1999 seinen fulminanten Durchbruch. Hat nun die veränderte Musikrezeption, wie sie sich in Tauschnetzwerken manifestierte (These des Autors), den Umbruch ausgelöst oder war doch die technologische Innovation MP3 der Stein des Anstoßes (wie viele Innovationstheoretiker argumentieren)? Beides stimmt und ist gleichzeitig auch falsch, weil sowohl MP3 als auch NAPSTER nur Erscheinungsformen eines komplexen Wandlungsprozesses sind, der weit über Technologie und Rezeptionsverhalten hinaus reicht. Es braucht dazu auch eine Distributionsinfrastruktur, in diesem Fall billige Computer, die über leistungsstarke Netzwerkverbindungen kommunizieren können. Es braucht eine Tonträgertechnologie, in der Musik in Form von Nullen und Einsen gespeichert vorliegt. Es braucht Musikerinnen und Musiker, die mit elektronischen Klangerzeugern Musik generieren und eine Computertechnologie, die die Musikproduktion quasi im Wohnzimmer möglich macht. Es braucht die sozialen Subkulturen, in denen sich diese elektronisch generierte Musik verbreiten kann. Und es braucht noch viel mehr darüber hinaus, damit alle diese Prozesse, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, sich gegenseitig verstärken, um eine ganze Industrie zum Einsturz zu bringen.

 

In diesem Sinn möchte ich am Begriff der „digitalen Revolution“ für den gegenwärtigen Strukturbruch in der Musikindustrie festhalten und ihn nicht durch „Internet-“ oder „Web 2.0 ‑“Revolution ersetzt wissen. Ob retrospektiv ein Musikstil als Namengeber für diesen Paradigmenwechsel fungieren wird, ist sekundär. Tatsache ist vielmehr, dass in der Produktion von Musik welcher Art auch immer digitale Technologien nicht mehr wegzudenken sind und zu einer gewaltigen Reduktion der Produktionskosten beigetragen haben. Von der immensen Rolle der Digitalisierung in der Musikdistribution und -rezeption war ja schon die Rede.

 

Nun soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass im Buch eine verkürzte oder womöglich nicht lesenswerte Analyse der gegenwärtigen Entwicklung der Musikindustrie vorläge. Ganz im Gegenteil; gerade die Fokussierung auf die geänderten Kommunikations- und Rezeptionsbedingungen bietet viele neue und lesenswerte Erkenntnisse und Einsichten. Zudem wird kompakt und trotzdem kenntnisreich die historische Entwicklung der Musikindustrie im 20. Jahrhundert nachgezeichnet und die historischen Wurzeln der gegenwärtigen digitalen Revolution beleuchtet sowie die vielen aktuellen Web 2.0-Anwendungen mit Musikbezug dargestellt. Dabei vermeidet der Autor den in ähnlich gelagerten Darstellungen üblichen flapsigen Erzählstil, der so leicht ins Anekdotische abzugleiten droht. Wer sich also vor allem über die Entwicklung des Web 2.0 einen schnellen aber dennoch faktenreichen Überblick verschaffen will, dem ist die Lektüre des vierten Kapitels, aber darüber hinaus natürlich aller Kapitel des Buches, wärmstens zu empfehlen. Wenn dann der Autor zu anderen Schlüssen kommt als der Rezensent, dann ist das nur Ausdruck eines niveauvollen, wissenschaftlichen Diskurses, der gerade mit der Lektüre dieses Buches fortgesetzt werden muss. So wünsche ich ganz im Wortlaut des Verfassers des Vorwortes, Gerrit Pohl, dass der Autor „… mit seinen Gedanken viele Kreative, Controller, Manager, Verbandsobere und nichts zuletzt auch Musikfans erreicht“. Mögen sie sich mit vielen Kommentaren zu dieser Buchrezension äußern.


2 Responses to “Rezension: Musikindustrie und Web 2.0”


  1. 1 yourbestrecord
    31. März 2009 um 4:09 am

    Hallo Allerseits!

    Ich habe das Buch noch nicht lesen können, aber dennoch eine kurze Anmerkung zu: „Das Ausbleiben eines neuen revolutionären Musikstils […]“.

    Ist es nicht so, dass es gerade wegen der veränderten Rezeptionslogik gar keine neuen revolutionären Musikstile mehr geben kann? Natürlich hängt diese Aussage stark am Innovationsbegriff. Der revolutionäre Innovationscharakter vom Jazz oder Rock’n Roll lag aber weniger in der Ästhetik als in der Massenwirkung. In der damaligen Rezeptionsumgebung gab es nur Platz für relativ wenige Musikstile, darum konnte ein neuer Stil sehr viel mehr bewegen und einen gesellschaftlichen Revolutionscharakter entfalten.

    Dies ist heute anders. Es gibt nahezu unendlich viele Rezeptionskanäle. Insofern hat eine musikalische Innovation, von denen es die letzten Jahre unzählige gab, viel weniger Revolutionspotential. Bzw. im Sinne der klassischen Innovationstheorie vermutlich sogar gar keinen Innovationscharakter mehr, da er in der Diversifizierung verloren geht. Im ästhetischen Sinne jedoch ist der Innovationssprung vom Rock’n Roll zum Techno bspw. mindestens so groß, wie der vom Swing zum Jazz.

    Ich finde, in diesem Kontext muss der Innovationsbegriff sehr differenziert betrachtet werden.


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