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Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 3

Die Studie von Felix Oberholzer-Gee (Harvard University) und Koleman Strumpf (University of Kansas) ist jener klassische Artikel, der immer dann zitiert wird, wenn belegt werden soll, dass das File-Sharing doch nicht so böse ist. Mit ihrer Schlussfolgerung, dass das File-Sharing so gut wie keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Tonträgerverkäufe hat, haben sie das Argumentationsgebäude der Branchenvertreter ins Wanken gebracht. Zuletzt hat sogar der CEO der IFPI International, John Kennedy, als Zeuge im Pirate Bay-Prozess, die Oberholzer-Gee/Strumpf-Studie erwähnt und als widerlegt vom Tisch gewischt. Ob das tatsächlich der Fall ist und wie die Ergebnisse zu interpretieren sind, soll in diesem dritten Teil zur Serie „Wie böse ist das File-Sharing?“ erörtert werden.

 

Die ursprüngliche Version der Studie mit dem Titel „The Effect of File Sharing on Record Sales. An Empirical Analysis“ wurde im März 2004 ins Netz gestellt. Nach einer Reihe von Überarbeitungen wurde sie 2007 im „Journal of Political Economy“ veröffentlicht. Das ist insofern erwähnenswert, da sich Stan Liebowitz, der als Widerleger des Oberholzer-Gee/Strumpf-Artikels von John Kennedy namhaft gemacht wird, sich nicht auf die Endversion, sondern auf das ursprüngliche Working Paper bezogen hat. Im Vergleich der beiden Versionen fällt jedenfalls auf, dass die Autoren weiterführende und für die Schlussfolgerungen wichtige statistische Tests durchgeführt haben.

 

Methodik und Datenquelle

Methodisch gehen Oberholzer-Gee und Strumpf mit einem ökonometrischen Modell an die Frage heran, ob das File-Sharing für den Rückgang beim Tonträgerabsatz verantwortlich ist. Zu diesem Zweck haben sie vom 8. September bis 31. Dezember 2002 die Log-Files des OpenNap-Servers ausgewertet. Das OpenNap-Netzwerk funktioniert ähnlich wie die Ursprungsversion von Napster über einen zentralen Server, der die Suchanfragen weiterleitet. In den USA war OpenNap hinter dem FastTrack-Netzwerk (z.B. KaZaA) und WinMX zum Untersuchungszeitpunkt das am meisten genutzte File-Sharing-System für Musik. Insgesamt wurden 1,75 Mio. herunter geladene Files beobachtet, was einem Anteil von 0,01% aller Downloads weltweit entsprach. Mittels statistischer Verfahren wurde zudem sichergestellt, dass die Verfügbarkeit der Titel im Open-Nap-Netzwerk stark mit jener in den beiden größeren Netzwerken (FastTrack, WinMX) korreliert und damit die Aussagen insgesamt für File-Sharing repräsentativ sind.

Aus der Grundgesamtheit von 1,75 Mio. Files wurde nun über ein zweistufiges Zufallsstichproben-Verfahren ein nach Genres differenziertes und repräsentatives Sample von 680 Alben gezogen, die insgesamt 10.271 Songtitel repräsentieren. Diese Titel wurden nun in einem weiteren Schritt mit den Verkaufszahlen (nach Nielsen SoundScan) jener Tonträger, auf denen die Songs ebenfalls zu finden waren, in Beziehung gesetzt. Es handelt sich dabei um 47.709 Downloads von Musiktiteln, die im gleichen Zeitraum auch auf Tonträger erhältlich waren, und für die die Absatzzahlen zur Verfügung standen. Es wurden also nicht x-beliebige Musikfiles verglichen, sondern nur jene, die im Beobachtungszeitraum tatsächlich herunter geladen wurden und gleichzeitig auf Tonträger erhältlich waren. Ein möglicher zeitlicher Bias bei den Tonträgerverkäufen wurde über statistische Verfahren berücksichtigt.

 

Downloadverhalten und Herkunft der File-Sharer

Allein diese Auswertung bietet schon interessante Erkenntnisse. So wurden 60% der Songs, die auf Tonträger verfügbar waren, nicht herunter geladen. Durchschnittlich wurde ein Song 70mal abgerufen. Allerdings ist eine starke Ungleichverteilung bei den Downloads festzustellen. So wurden die beliebtesten Titel 1.799mal herunter geladen wohingegen die Median-Downloadzahl bei 16 lag. Bei 90% aller Titel lag die durchschnittliche Downloadzahl bei nur 195. Am beliebtesten war die jene Songs, die die Billboard Top-200 bildeten. Sie machten allein 48% des gesamten File-Tranfers aus. Weitere 25% fielen auf die Kategorie „Alternative“.

Es zeigte sich auch, dass die US-File-Sharer nur 31% des Gesamtsample ausmachten. Insgesamt waren 150 Staaten vertreten, wobei Deutschland (13,5%), Italien (11,1%), Japan (8,4%), Frankreich (6,9%), Kanada (5,4%) und Großbritannien (4,1%) die vorderen Ränge einnahmen. Österreichische File-Sharer belegten mit einem Anteil von 0,8% den 15. Rang in der Downloadstatistik.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass US-File-Sharer untereinander nur 45,1% der Titel getauscht haben. Weitere 16,5% der Titel stammten von deutschen File-Sharern, 6,9% von kanadischen und 6,1% von italienischen Nutzern.

 

Das ökonometrische Modell und die Ergebnisse

Die Aufgabe bestand darin ein Erklärungsmodell für das Downloadverhalten aus dem empirischen Material abzuleiten und dieses mit einem Nachfragemodell für Tonträger zu korrelieren. Es würde nun zu weit gehen, alle statistischen Details an dieser Stelle auszubreiten. Nur so viel, die beiden Autoren haben einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen den sommerlichen Schulferien in Deutschland und dem Downloadverhalten der US-File-Sharer festgestellt, was sicherlich mit dem hohen Anteil der Musiktitel, die aus Deutschland herunter geladen wurden, zusammenhängt. Erhöht wurde die Signifikanz der Ergebnisse für jene Musikstücke, die von Interpreten stammten, die gerade zu dieser Zeit in Deutschland auf Tournee waren. Auch die Platzierung der Titel in den MTV-Charts aber auch in den deutschen Charts hatte einen signifikanten Einfluss auf das US-Downloadverhalten und schließlich wirkten sich fehlerhafte Suchanfragen negativ auf das File-Sharing-Verhalten aus. Mit diesen Variablen bastelten Oberholzer-Gee und Strumpf nun ihr statistisches Erklärungsmodell für das Downloadverhalten und korrelierten es mit der aus den SoundScan-Daten generierten Nachfragemodell für die entsprechenden Musikalben.

Auf dieser Grundlage konnten Oberholzer-Gee/Strumpf die Hypothese, dass File-Sharing für den Absatzrückgang von 24,1 Mio. Stück Alben jährlich verantwortlich wäre, ablehnen oder in ihren Worten „… that the sales decline over 2000-2002 was not primarily due to file-sharing“. Sie weisen statistisch nach, dass nicht mehr als 6 Mio. Alben weltweit durch das File-Sharing substituiert werden konnten, was einem Anteil von 0,7% des Gesamt-Alben-Absatzes entspricht. Sie ziehen daraus den Schluss, dass File-Sharer auch dann keine Tonträger kaufen würden, wenn es Musiktauschbörsen nicht gäbe.

 

Was sind nun die Gründe für den Rückgang im Tonträgerabsatz?

Nach Oberholzer-Gee und Strumpf müssen andere Ursachen für den Rückgang am Tonträgermarkt untersucht werden. Sie selbst machen das Absterben des Fachhandels und die Zunahme der Großvertriebsformen (Wal-Mart in den USA oder Saturn/Mediamarkt in Europa) für den Rückgang mit verantwortlich, weil dadurch quantitativ weniger Tonträger zum Verkauf angeboten werden und sich auch die Vielfalt des Angebots verringert hat. Aber auch in der zunehmenden Konkurrenz anderer Entertainment-Angebote (Film-DVDs und Video-Games) sehen die Autoren einen Grund für den Absatzeinbruch. Weitere Erklärungen bleiben sie aber schuldig.

 

Kritische Würdigung

Liebowitz, der sich mit seiner Kritik bekanntlich ja auf die ursprüngliche Version des Artikels aus dem Jahr 2004 bezogen hat, zweifelt grundsätzlich das Untersuchungsdesign an. Zum einen glaubt er nicht, dass sich die Fokussierung auf Albentitel auf die Entwicklung der gesamten Musikindustrie verallgemeinern lässt und zum anderen sieht er eine Simultanitätsproblematik, was soviel bedeutet, dass populäre Titel gleichzeitig sowohl auf Tonträger gekauft und herunter geladen werden und somit die Regressionsanalyse verfälschen. Der erste Kritikpunkt klingt aus dem Mund Liebowitz’ insofern seltsam, da er in seiner Studie ja selbst den Albenabsatz pro Kopf als Analyseeinheit zum Ansatz bringt. Man könnte ihn dafür kritisieren, dass er gerade damit eine undifferenzierte Sichtweise einnimmt, weil er x-beliebige Absatzzahlen mit x-beliebigen Downloadzahlen vergleicht. Oberholzer-Gee und Strumpf hingegen vergleichen nur Albentitel, die auf Tonträger verkauft und herunter geladen wurden. Das Problem der Simultanität haben Oberholzer-Gee und Strumpf in ihrem finalen Artikel mit vielen Robustheitstests in Griff bekommen. So haben sie die Dezemberverkaufszahlen herausgerechnet, weil das Weihnachtsgeschäft traditionell gut für den Tonträgerverkauf ist. Weiters wurden jene Titel unberücksichtigt gelassen, die nicht herunter geladen wurden. Dann haben sie nur die populären Albentitel allein betrachtet. Und schließlich haben sie auch die Vorliebe für Country Music und Latin Music in den USA heraus gerechnet. Trotz dieser zusätzlichen, statistischen Tests hat sich am Ergebnis, dass das Downloaden keinen signifikant-statistischen Einfluss auf den Tonträgerverkauf hat, nichts geändert. Die weitere Kritik von Liebowitz am Untersuchungsdesign betrifft nur mehr Details und bezieht sich vor allem auf den Zusammenhang zwischen der Ferienzeit in Deutschland und dem Download-Verhalten US-amerikanischer File-Sharer. Natürlich kann man die starke Ausrichtung des Schätzmodells auf deutsche File-Sharer kritisch sehen, aber auch wenn alle „Ferien“-Effekte in Deutschland aus der Simulation heraus gerechnet werden, ändert sich nichts am Resultat der Untersuchung. Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass Liebowitz keineswegs die Ergebnisse der Oberholzer-Gee/Strumpf-Studie widerlegt hat.

 

Ganz im Gegenteil, die ökonometrischen Tests beziehen sich auf ein hochwertiges Datenmaterial, zu dem man als Wissenschaftler ansonsten keinen Zugriff hat. Noch dazu sind die Ergebnisse repräsentativ und zwar für das File-Sharing insgesamt und für den Untersuchungszeitraum auch weltweit. Die Einschränkung auf den sehr begrenzten Untersuchungszeitraum ist aber ein Problem. Die Ergebnisse gelten eben nicht für alle Zeiten, sondern nur für September bis Dezember 2002. Über diesen Zeitabschnitt hinaus muss man sich mit Plausibilitätsvergleichen helfen, die wiederum sehr leicht anfechtbar sind. Die Studie müsste in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um die Ergebnisse auch auf einen längeren Zeitraum beziehen zu können.

Als eine weitere Schwäche der Studie kann ihre rein statistische Herangehensweise gesehen werden. Über die Motive der File-Sharer erfahren wir in ihr nichts und damit auch nicht, ob es Substitutions- oder Komplementärkäufen von Tonträgern/Bezahlmusik kommt. Was zusätzlich bedauert werden muss ist, dass die Autoren ihre Auswertung nicht nach Musikgenres vorgenommen haben, obwohl das aufgrund des Datenmaterials möglich gewesen wäre. Daraus hätte man wahrscheinlich sehr gut die Unterschiede in den einzelnen Marktsegmenten heraus arbeiten können. Und schließlich bieten Oberholzer-Gee und Strumpf keine wirklich fundierte Erklärung für den Rückgang des Tonträgerabsatzes. Die zentrale Aussage ist, dass das File-Sharing nicht daran schuld ist.

 

Diese Aussage sollte aber Ernst und zum Anlass für weitere Studien genommen werden, die auf einen Methoden-Mix beruhen, in dem auch die Motive der File-Sharer und Musikkäufer erhoben werden. Die im Teil 1 dieser Serie besprochene niederländische Studie liefert dafür bereits erste methodische Ansatzpunkte. Insgesamt kann über den Oberholzer-Gee/Strumpf-Beitrag gesagt werden, dass er methodisch wie auch inhaltlich nicht der Weisheit letzter Schluss ist, aber einen guten Anfang für weitere Forschungsbemühungen darstellt.

 

Im 4. Teil dieser Serie wird die Studie „Piracy on the High C’s: Music Downloading, Sales Displacement, and Social Welfare in a Sample of College Students“ von Rafael Rob und Joel Waldfogel, die 2006 publiziert wurde, besprochen, die zum Schluss kommt, dass jedes Album, das in einem File-Sharing-Netzwerk herunter geladen wurde, zu einem Kaufkraftrückgang für kostenpflichtige Musik von 20% führt, aber insgesamt ein beachtlicher Wohlfahrtsgewinn durch das File-Sharing entsteht.


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