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Apr
09

Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 8

Der Beitrag von Alejandro Zentner erschien bereits 2004 als Working Paper an der University of Chicago, bevor er unter dem Titel „Measuring the Effect of File Sharing on Music Purchases” 2006 im Journal of Law and Economics publiziert wurde.  Darin stellt der Autor die These auf, dass P2P File-Sharing die Wahrscheinlichkeit Musik zu kaufen um rund 30% verringert und der Umsatz mit Musikprodukten 2002 um 7,8% höher gewesen wäre. Die Aussagen beruhen auf einer Auswertung einer Befragung, die im Jahr 2001 unter 15.000 europäischen Konsumenten durchgeführt wurde. Wie diese Untersuchung genau zu bewerten ist, kann hier genauer nachgelesen werden.

 

Datenbasis und Untersuchungsdesign

2001 hat das Marktforschungsunternehmen Taylor Nelson Sofrés im Auftrag von Forrester Research eine Online-Konsumentenbefragung durchgeführt, die für 13 europäische Länder ein repräsentatives Sample erhoben hat. Abgefragt wurde das Kaufverhalten von Entertainment-Produkten wie Videofilme, Bücher, Software, Konzertkarten, Unterhaltungselektronik und auch Tonträgerkäufe und die Nutzung von File-Sharing-Netzwerken. Letztere wurden nur für 7 Länder – Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Spanien, Schweden und Großbritannien – erhoben, wodurch ein Sample von 15.228 Beobachtungen zustande kam. Gefragt wurde, wer im abgelaufenen Monat (September 2001) Musik auf Tonträger gekauft bzw. wer sich unentgeltlich Musik über P2P File-Sharing-Netzwerke besorgt hatte. 39,3% der Befragten hat Musik im Vormonat käuflich erworben und 9,0% lud sich diese über File-Sharing-System herunter. Aufgrund dieser Angaben muss draus geschlossen werden, dass das ausgewertete Sample nicht mehr repräsentativ für die genannten 7 Länder ist, was natürlich die Aussagekraft wesentlich einschränkt, der Autor aber an keiner Stelle erwähnt.

 

Untersuchungsergebnisse

Interessant ist nun, dass der Anteil der Personen, die Musik gekauft haben unter den File-Sharern höher ist (55,7%) als unter den Nicht-File-Sharern (37,7%). Auch wenn nur der Personenkreis, der über einen Internetanschluss verfügt, betrachtet wird, ist der Anteil der Musikkäufer unter den File-Sharern höher (55,7%) als unter den Nicht-File-Sharern (45,0%). Damit bestätigt Zentner spätere Untersuchungsergebnisse, die zum Schluss kommen, dass File-Sharer nicht unbedingt weniger Musik käuflich erwerben.

Die Regressionsanalyse, mit der das Nachfragemodell getestet wurde, bestätigt diese erste Beobachtung, dass Personen, die mehr File-Sharing betreiben, auch mehr Musik kaufen. Zentner verwirft nun aber dieses Ergebnis mit dem Argument, dass die Musikaffinität, die im Datenmaterial nicht abgebildet ist, keine exogene, sondern eine endogene Variable ist, und bei File-Sharern stärker ausgeprägt ist als bei Nicht-File-Sharern, was er dann auch mit einem statistischen Exogenitätstest belegen kann. Er sucht daher nach einer anderen, exogenen Variablen, die er in der Art des Internetzugangs (Modem, ISDN oder DSL) gefunden zu haben glaubt und die im Datenmaterial auch verfügbar ist. Eine Regressionsanalyse, die nun Musikkäufe, File-Sharing und Internetzugang in Verbindung setzt, zeigt nun statistisch signifikant, „(…)that downloading MP3 files online reduces the probability of buying music during the month prior to the survey by 30 percent” Und weil kostenlos herunter geladene Musik-Files auch Nicht-File-Sharer weiter gegeben werden, müssen, nach Ansicht des Autors, die 30% als Untergrenze herangezogen werden. In der Realität müsste seines Erachtens die Wahrscheinlichkeit, Musik nicht zu kaufen, viel höher sein. Und so kommt Zentner zum Schluss: „In summary, if music downloading reduces the probability of buying by 30 percent, if 15 percent of the population downloads music, if downloaders are twice as likely to buy music than nondownloaders, and if—conditional on buying—downloaders and nondownloaders buy the same quantity of units, then sales in 2002 would have been 7.8 percent higher.”

 

Kritische Würdigung

Bei der Lektüre von Zentners Artikel bekommt man den Eindruck, dass der Autor seinen eigenen Ergebnissen nicht traut oder anders gesagt, die Ergebnisse nicht die eigenen Vorurteile bestätigen. Wenn nämlich die Umsätze mit Tonträgern zurückgehen, dann muss das File-Sharing daran schuld sein. Das dem nicht unbedingt so sein muss, legt die Regressionsanalyse nahe, die File-Sharing und Musikkäufe in Beziehung setzt. Zentner ignoriert allerdings dieses Ergebnis und beruft sich auf die Endogenität der Musikaffinität – ein Argument, das übrigens auch Liebowitz in seinem Artikel gegen die Studie von Oberholzer-Gee und Strumpf ins Treffen führt. Ich frage mich nur, warum das so ein Problem sein soll? Musikliebhaber haben nun einmal eine höhere Musikaffinität, sonst wären sie wohl auch keine Musikliebhaber. Deshalb besorgen sie sich mehr Musik über File-Sharing, kaufen aber auch mehr Tonträger bzw. Bezahlmusik im Internet. Warum sollte man also diesen Effekt herausrechnen wollen? Um zu zeigen, dass sie böse Musikpiraten sind? Ich halte das Argument der Endogenität der Musikaffinität bzw. des Musikgeschmacks für ein vorgeschobenes, das technisch-ökonometrisch sicher anders gelöst werden kann also durch Korrelation von Größen, die nur wenig miteinander zu tun haben, wie die Art des Internetzugangs und das Kaufverhalten bei Tonträgern. Auch hier könnte man argumentieren, dass die Art des Internetzugangs endogen ist. Musikpiraten legen sich einen schnellen Internetzugang zu, um ihrem illegalen Treiben besser nachkommen zu können. Mich würde interessierten, wie diese Frage ökonometrisch behandelt werden muss?

Im Vergleich sind die anderen Kritikpunkt vergleichsweise harmlos. So ist zwar die breit angelegte Konsumentenbefragung für die genannten europäischen Länder repräsentativ, nicht aber das Sub-Sample der Musikkonsumenten, ein Faktum, das Zentner in seinem Artikel verschweigt. Und schließlich muss noch darauf hingewiesen werden, dass sich die Daten einzig und allein auf den September 2001 beziehen. Zentner verallgemeinert aber seine Aussagen auf das ganze Jahr 2002 (sic!) und andere Autoren, die sich auf ihn beziehen, sogar über dieses Jahr hinaus, was natürlich vollkommen unzulässig ist. Summa summarum muss gesagt werden, dass Zentner eine große Chance vergeben hat, den Ursachen nach dem Umsatzrückgang bei Tonträgern auf die Spur zu kommen. Stattdessen hat er die Vorurteile der Vertreter der Musikindustrie, die offensichtlich auch seine sind, mit einer unzulässigen Methode zu bestätigen versucht.

 

Quellenangabe

Zentner, Alejandro, 2006, Measuring the Effect of File Sharing on Music Purchases. Journal of Law and Economics XLIX (April 2006), S. 63-90.

 

Nächstes Mal werde ich dann das Working Paper von Tatsuo Tanaka besprechen, in dem er für Japan keinen Zusammenhang zwischen File-Sharing und rückläufigen CD-Verkäufen herstellen kann.


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