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Die Auswirkungen digitaler ‚Piraterie‘ auf die phonografische Industrie – eine neue Studie

Am 11. Juni 2012 wurde vom Medienboard Berlin-Brandenburg eine beim Berliner Marketing- und Medienforschungsinstitut ‚House of Research‘ in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien“ präsentiert, die gemäß Subtitel die „(…) Effekte von Urheberrechtsverletzungen auf die Film-, Musik- und Games-Wirtschaft in Deutschland und der Region Berlin-Brandenburg“ untersucht hat. Dabei wird laut Pressemitteilung vom 11.06.2012 der wirtschaftliche Schaden für die Musikindustrie in Deutschland allein im Jahr 2010 mit EUR 524 Mio. beziffert, wovon EUR 26 Mio. auf die Region Berlin-Brandenburg entfallen. Diese durchaus hohen Werte lassen aufhorchen und es lohnt sich, die Studie genauer zu untersuchen und deren Methodik und Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung zu evaluieren.

 

Das Untersuchungsdesign und Ergebnisse

Ich werde mich in weiterer Folge nur auf jene Teile der Studie beziehen, die sich mit der Schadenserhebung in der Musikindustrie bzw. Musikwirtschaft befassen. Die Untersuchung basiert in erster Linie auf einer „(…) Sekundäranalyse der vorhandenen Literatur (…)“ (S. 4), die den quantitativen Umfang von Urheberrechtsverletzungen auf die Absatz- und Umsatzentwicklung zu eruieren versucht. Ergänzend wurden ExpertInneninterviews geführt, die allerdings nur in Form von Zitaten in den Text einfließen. Eine methodische Auswertung der Interviews im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse ist nicht erkennbar.

Die Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung folgt für die Musikindustrie in drei Schritten. Im ersten Schritt wird die ‚Pirateriemenge‘ auf drei Ebenen – Musikdownload, CD/DVD-Brennen und Festplattentausch – ermittelt. Diese Menge wird dann mit einer aus der Literatur abgeleiteten Substitutionsrate multipliziert, um so den Absatzverlust (in Stk.) zu ermitteln. Auf Basis von Durchschnittspreisen werden dann der gesamte Umsatzverlust für Deutschland sowie für die Region Berlin-Brandenburg und der Umsatzverlust für deutsche Musikprodukte berechnet. In Zahlen (siehe Tabelle 3, S. 22) bedeutet dies:

‚Pirateriemenge‘ über alle Ebenen hinweg: 2.315 Mio.

durchschnittliche Substitutionsrate: 26%

Absatzverlust (in Stk.): EUR 613 Mio., was bei Durchschnittspreisen pro Track von EUR 0,85 einen Umsatzverlust von EUR 524 Mio. für 2010 in Deutschland ergibt.

Für die Region Berlin-Brandenburg wird ein Schaden von EUR 26,2 Mio. errechnet.

Bei einem Marktanteil von 48,8% deutscher Musikprodukte ergibt sich zudem ein Schaden für dieses Segment von EUR 256 Mio.

Das sind die zentralen Ergebnisse für die Musikindustrie vorweg. In der Folge soll nun der Weg, wie es zu diesen Zahlen kommt, nachgezeichnet und kritisch reflektiert werden. Im ersten Schritt wird die wirtschaftliche Entwicklung der Musikwirtschaft/Musikindustrie seit 1999 nachgezeichnet. Dabei fällt bereits auf, dass die Begriffe ‚Musikwirtschaft‘ und ‚Musikindustrie‘ nicht voneinander definitorisch abgegrenzt werden. So werden der Musikwirtschaft „(…) sämtliche Wirtschaftszweige, die an der Herstellung eines Musikartikels bis zum Verkauf an den Endverbraucher mitgewirkt haben“ zugerechnet. Diese Definition greift allerdings zu kurz, weil dabei der Live-Musiksektor und vor allem der gesamte Bereich der Musikaus- und -weiterbildung, der unter dem Gesichtspunkt der Wertschöpfung eine wesentliche Größe ist, nicht berücksichtigt werden. Aus der weiteren Lektüre geht dann hervor, dass sich die Studie lediglich auf Tonträger und digitale Musikprodukte bezieht. Somit handelt es sich auch nicht um eine Betrachtung der Musikindustrie, weil hierbei auch der Live-Musiksektor, der Verlagsbereich, die Verwertungsgesellschaften etc. berücksichtigt werden müssten, sondern um die Betrachtung der phonografischen Industrie.

Die Autoren betrachten dann auch nur die Verkäufe von Tonträgern und digitalen Produkten (inkl. die Verwertung von Leistungsschutzrechten), so wie sie vom Bundesverband Musikindustrie e.V. jährlich publiziert werden. Dabei wird in Abbildung 6 (S. 10) die tatsächliche Entwicklung der Musikverkäufe (physisch und digital) dem theoretischen Umsatzwachstum nach der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf Basis des Jahres 1999 gegenüber gestellt. Daraus wird abgeleitet, dass zwischen 1999 und 2010 der „(…) Umsatzverlust nach den zwölf betrachteten Jahren sogar -1,447 Mrd. Euro oder -46 Prozent“ beträgt. Diese Darstellung muss allerdings als suggestiv bezeichnet werden, weil es keinen empirisch-kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des BIPs und der Umsatzentwicklung in der phonografischen Industrie gibt.

In ähnlicher Weise wird bei der Abschätzung der Beschäftigungsentwicklung vorgegangen. Ausgangspunkt ist das Jahr 1999, in dem 13.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im Bereich Herstellung, Vervielfältigung und Vermarktung von Musik statistisch erfasst wurden. Im Jahr 2010 wurden nur mehr 8.099 Beschäftigte gezählt. Dem wird nun in Abbildung 7 (S. 11) eine „gesamtmarktkonforme“ Entwicklung von 13.636 für das Jahr 2010 gegenüber gestellt, womit ein Verlust von 5.537 Beschäftigten suggeriert wird. Wie die Autoren zu den Zahlen der „gesamtmarktkonformen Entwicklung“ kommen, wird nicht näher erläutert. Es wird lediglich geschlussfolgert, dass der Umsatzrückgang am Tonträgermarkt im etwa selben Ausmaß erfolgt ist. Allerdings stehen die Entwicklung der Tonträgerumsätze und der Anzahl unselbständig Beschäftigter in keiner nachvollziehbaren kausalen Beziehung. Auch der Bezug zum BIP-Wachstum wäre in diesem Zusammenhang völlig willkürlich. Zwar weisen die Autoren darauf hin, dass in ihrer Darstellung die selbständig Tätigen nicht berücksichtigt werden, ziehen aber ohne empirische Prüfung den Schluss, dass es auch bei den Selbständigen Beschäftigungsverluste gegeben hat. Dazu können die Studienautoren aber keine Belege liefern. Genauso gut wäre es möglich, dass die Zahl der selbständig Tätigen in der Musikindustrie zugenommen hat. Da die Autoren den beschäftigungsintensiven Live-Musiksektor ausblenden, finden mögliche, positive Beschäftigungseffekte gar keine Berücksichtigung. Plausibel ist lediglich der Hinweis, dass im Bereich der selbständig Beschäftigten prekäre Beschäftigungsverhältnisse zugenommen haben.

Zusammenfassend kann zum Abschnitt „4.1 Wirtschaftliche Entwicklung“ gesagt werden, dass wichtige Begriffe wie ‚Musikwirtschaft‘, ‚Musikindustrie‘, ‚Tonträgerindustrie‘ nicht klar definiert und abgegrenzt werden, was zu unklaren Aussagen führt. Zudem werden Darstellungen von Umsatz- und Beschäftigtenverluste in Abb. 6 und 7 präsentiert, die nur als suggestiv und substanzlos bezeichnet werden müssen.

Im Kapitel 4.2 wird im nächsten Schritt der ‚Piraterieumfang‘ erhoben. Dabei werden drei Ebenen betrachtet: (1) das Brennen von CDs/DVDs, (2) der Download von Musikfiles aus unautorisierten Quellen und (3) der Festplattentausch. Als Datengrundlage für das CD/DVD-Brennen wird die so genannte ‚Brenner-Studie 2010‘ der Marktforschungsgesellschaft GfK, die regelmäßig für den Bundesverband Musikindustrie e.V. durchgeführt wird, herangezogen (S. 13). Demnach wurden 2010 in Deutschland 228 Mio. Stück CD-R Äquivalente von Endverbrauchern hergestellt. Der größte Teil der damit kopierten Musikdateien stammt allerdings von gekauften Orginal-CDs und -DVDs und ist somit als legal zu betrachten. Es verbleiben geschätzte 87 Mio. CD-R-Einheiten, die höchstwahrscheinlich widerrechtlich verbreitet wurden. Die Autoren setzen nun eine CD-R-Einheit mit 13 Musiktitel gleich und kommen so auf 1.126 Mrd. (sic!) Musiktracks. Hier sind wohl 1.126 Mio. oder 1,126 Mrd. Musiktracks gemeint. Diese Zahl wird jedenfalls zur Schadensbemessung später herangezogen.

Bei der Zahl illegaler Musikdownloads aus dem Internet berufen sich die Autoren auf die Statistik des Bundesverband Musikindustrie e.V. Demnach wurden 2010 185 Mio. Singletracks sowie 598 Mio. Albumtracks (Anzahl der herunter geladenen Alben multipliziert mit 13 Titel pro Album) illegal herunter geladen. Auffällig ist dabei im Zeitvergleich, dass seit dem Höchstwert von 2002 (662 Mio. Singletracks), die Zahl der illegalen Einzeltrack-Downloads um mehr als 70 Prozent massiv zurückgegangen ist, wohingegen der illegale Albendownload um fast das 3fache angestiegen ist. Das ein Indiz dafür, dass die zivilrechtlich Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet, wie sie in vielen Ländern immer noch betrieben wird, wenig bis gar keine Früchte trägt – dies sehen auch die Studienautoren so (S. 13).

Auch das Streamripping, d.h. das Mitschneiden von Musikstreams mit spezieller Software, wird ebenfalls berücksichtigt. Es handelt sich dabei um 115 Mio. Einzel- und 26 Mio. Albentracks, die nach Angaben des Bundesverband Musikindustrie e.V. erzeugt wurden, wobei die Autoren davon ausgehen, dass es sich in den meisten Fällen um private Mitschnitte aus legalem Webradio und von YouTube-Videos handelt. Empirische Belege werden dazu aber keine geliefert.

Schließlich wird noch der Festplattentausch thematisiert. Sehr grob wird geschätzt, dass von 11 Mio. Personen, die sich in der GfK-Befragung zu einer solchen Praxis bekannt haben, ca. 150 Stück pro Person und Jahr getauscht werden. Wie die Autoren auf die Zahl 150 kommen wird nicht weiter erläutert. Wie die Autoren dann auf 406 Mio. via Festplattenübertragung getauschte Musikfiles kommen, lässt sich aus dem Text ebenfalls nicht nachvollziehen.

Die Autoren ziehen am Ende dieses Kapitels den Schluss, dass 2,315 Mio. (sic!) – es sind wohl 2.315 Mio. oder 2,315 Mrd. – Musiktracks über das Brennen von CDs/DVDs, dem illegalen Download und durch den Festplattentausch illegal bezogen wurden. Diese Zahlen dienen dann als Berechnungsgrundlage für den Schaden, dem der phonografischen Industrie in Deutschland erwächst. An dieser Stelle sei schon angemerkt, dass das in Kap. 4.5 errechnete Schadensausmaß sich auf diese Gesamt-Tracksumme beziehen wird. Eine simple Addition der Werte ist aber durch nichts gerechtfertigt, da es mit Sicherheit zu Doppel- und sogar Dreifachzählungen kommt. So ist es sehr plausibel, dass illegal aus dem Netz herunter geladene Musikdateien später dann auf CD/DVD bzw. im Festplattentausch übertragen werden. Es kann also nicht von einer Substitution eines Kaufes eines Musiktracks ausgegangen werden. Zudem sind die Zahlen für den Festplattentausch so gut wie gar nicht empirisch gesichert und sollten daher gar nicht zum Ansatz kommen. Leider lassen sich aufgrund der fehlenden empirischen Belege keine Einschätzungen vornehmen, wie viele Tracks doppelt bzw. mehrfach erfasst wurden. Der Wert von 2.315 Mio. Tracks ist jedenfalls viel zu hoch gegriffen.

Im dritten Subkapitel (4.3) werden dann die „Effekte digitaler Piraterie auf die ökonomische Entwicklung“ untersucht. Schon der Titel dieses Kapitels ist suggestiv, weil lediglich die Wirkungen auf den physischen und digitalen Musikverkauf betrachtet werden, und keine Spill-over-Effekte auf andere musikwirtschaftliche Sektoren bzw. darüber hinaus und auch nicht die Wirkung auf die Gesamtwohlfahrt bemessen wird. Es werden zudem bei Weitem nicht alle verfügbaren Studien berücksichtigt (siehe Blog-Serie „Wie böse ist das Musik-Filesharing?“), sondern nur ein paar ausgewählte. Dabei versuchen die Autoren zwei Thesen, die gegen einen negativen Zusammenhang zwischen Filesharing und physischen und digitalen Musikkäufen sprechen, zu widerlegen: (1) die Sampling-These und (2) die Single-Markt-These. Auf den Netzwerkeffekt, der beim Filesharing ebenfalls im positiven Sinn auftreten kann, wird gar nicht erst eingegangen. Um den Sampling-Effekt zu widerlegen wird die Studie von Blackburn aus dem Jahr 2004 bemüht. Diese besagt, wie im Blog bereits besprochen, dass Filesharing für weniger bekannte und junge KünstlerInnen einen insgesamt positiven Effekt auf die Verkäufe ihrer Musikprodukte hat, wohingegen bei Stars der umgekehrte Effekt zu beobachten ist. Der Gesamteffekt für die US-amerikanische phonografische Industrie ist aber negativ. Dieser Schlussfolgerung widerspricht allerdings eine aktuelle Studie von Hammond (2012), in der die Wirkung von Pre-Releases von Alben in Filesharing-Netzwerken auf reguläre Albenverkäufe untersucht wird. Hammond kommt, wie im Blog auch ausführlich dargestellt, zum Schluss, dass die gut etablierten Acts von Alben-Leaks profitieren und weniger bekannte einen Nachteil haben. Insgesamt sieht Hammond in dieser Hinsicht einen leicht positiven Effekt des Filesharings auf Musikkäufe und widerlegt explizit auch Blackburn. Da Hammond im Gegensatz zu Blackburn keine bipolare Instrumentvariable wie die Ankündigung der ‚Recording Industry Association of America‘ (RIAA), individuelle FilesharerInnen juristisch verfolgen zu wollen, gewählt hat, sondern die Verfügbarkeit von Alben in Filesharing-Netzwerken, sind seine Ergebnisse statistisch besser abgesichert. Zudem zeigt sich bei Hammond deutlich, dass es sehr wohl einen Sampling-Effekt vor allem bei Fans gut etablierter MusikerInnen gibt. Diese Erkenntnis steht somit im Widerspruch zur Behauptung der Studienautoren, dass die Sampling-Hypothese von ihnen widerlegt worden wäre. Die „Widerlegung“ erfolgt auch keineswegs auf empirischer Basis, sondern lediglich auf Basis von Interpretationen von für andere Zwecke erhobene Sekundärdaten. Es wird davon ausgegangen, „(…) dass sich die Musikaffinität in der Kaufaffinität von Musik widerspiegelt“. (S. 15). Da die Altersgruppen mit der höchsten Musikaffinität – die 10-19jährigen, die 20-29jährigen und die 30-39jährigen – zwischen 1999 und 2008 um 30 Prozent, 56 Prozent und 53 Prozent für weniger Umsatz sorgen, wird ein schwacher Sampling-Effekt – es wird ja weiterhin Musik von diesen Altergruppen käuflich erworben – identifiziert, der „(…) jedoch den negativen Effekt illegaler Downloads auf die Musik-Umsätze bei Weitem nicht kompensieren (…)“ (S. 16) kann. Untermauert wird die Aussage durch die Tabelle 1, in der dargestellt wird, wie viele Personen in Deutschland 2010 aus dem Netz legal und illegal Musik herunter geladen haben. Das waren 2010 insgesamt 12,1 Mio., wovon 9,0 Mio. ausschließlich legale Quelle zum Download nutzten, 3,1 Mio. legale und illegale Quellen und schließlich 1,5 Mio. ausschließlich illegale Quellen. Abgesehen davon dass 9,0 Mio. + 3,1 Mio. + 1,5 Mio. nicht 12,1 Mio., sondern 13,6 Mio. ergibt (was sicherlich kein Rundfehler ist, wie die Autoren behaupten), wird aufgrund der durchschnittlichen Ausgaben für Musik pro KäuferIn – EUR 57 für NutzerInnen legaler Quellen, EUR 35 für NutzerInnen legaler und illegaler Quellen sowie EUR 18 für NutzerInnen ausschließlich illegaler Quellen – behauptet, die Sampling-These wäre widerlegt. Die Daten belegen nur, dass Personen, die sich ausschließlich aus illegalen Quellen Musik besorgen, geringere Pro-Kopf-Ausgaben für Musik haben. Ob diese Personen nun IntensivnutzerInnen von Musik und Sampling betrieben oder nicht, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ableiten. Die Sampling-These besagt lediglich, dass MusiknutzerInnen Filesharing auch dazu benutzen, um neue Musik und MusikerInnen kennenzulernen, um diese, wenn sie gefällt, käuflich zu erwerben. Sie kaufen also Musik, die sie ohne Filesharing niemals hätten kennengelernt und gekauft hätten.

Genauso verkürzt wird die Single-Markt-Hypothese, die ich in meinem Artikel „Die Rezession in der Musikindustrie – eine Ursachenanalyse“ vertrete, von den Autoren dargestellt und vermeintlich widerlegt. Die Single-Markt-Hypothese besteht aber nicht, wie Autoren behaupten, darin, dass es einen simplen Substitutionseffekt zwischen Single-Absatz und Alben-Absatz gäbe, sondern dass sich der Tonträgermarkt spätestens in den 1970er Jahren von einem Single- in einen Albenmarkt mit entsprechend hohen Gewinnmargen verwandelt hat. Bereits Ende der 1970er Jahre kam es zu einem ersten markanten Umsatzrückgang in vielen nationalen Tonträgermärkten, der durch die Markteinführung der CD Anfang der 1980er Jahre mehr als wettgemacht werden konnten. Die CD ermöglichte vor allem ab den frühen 1990er Jahren ungeahnte Umsatzzuwächse, die ein bestehendes Innovationsdefizit vor allem der Majors überdeckten. Die digitale Revolution, die die phonografische Industrie mit voller Wucht Ende der 1990er traf, ermöglichte das Entbündeln der Alben. Dass die Single-Verkäufe vor allem ab 2003 stark zunehmen, hat wohl mit dem Markteintritt von Apple und seinem Musikdownloadstore iTunes zu tun. Ab diesem Zeitpunkt werden die Singleverkäufe mengenmäßig immer dominanter. Dass der physische Albenabsatz bereits Jahre zuvor zurückgeht, hat wohl mit dem zu Ende gehenden Lebenszyklus einer Technologie und mit der fehlenden technologischen und musikalisch-inhaltlichen Innovationskraft vieler Unternehmen der sich damals noch als Tonträgerindustrie verstehenden Branche zu tun. Ich habe an keiner Stelle meines Artikels die „gleichzeitige Kehrtwende von Alben- und Singlekäufen“ (S. 18) behauptet, sondern versucht, das komplexe Wechselspiel zwischen sich veränderndem Musikkonsumverhalten und technologischem Wandel sichtbar zu machen. Zudem lässt sich in der Analyse einzelner nationaler, phonografischer Märkte zeigen, dass die Absatz- und Umsatzeinbrüche nicht sofort mit dem Auftreten von CD-Brennern und später dann von Napster eingetreten sind, sondern durchaus auch Jahre später, als Filesharing eine lang geübte Praxis war. Ich möchte zwar nicht behaupten, das Umwandlung des phonografischen Industrie von einem Alben- zu einem Singlemarkt die einzige Ursache für die Umsatzrückgänge ist, aber ich bleibe dabei, dass die Single-Markt-These mehr Erklärungsgehalt bietet als die von den Autoren vertretene Filesharing-These. Jedenfalls sehe ich die Single-Markt-These durch die oberflächlichen Schlussfolgerungen der Studienautoren keineswegs als widerlegt an. Ganz im Gegenteil wird diese These durch eine empirisch gut fundierte Studie von Elberse (2009) von der Harvard Business School gestützt. Und es bedarf aber weiterer, empirischer Studien, auf deren Basis die Hypothese getestet werden kann. Diese Studie leistet dies aber nicht.

Zusammenfassend kann zu diesem Subkapitel gesagt werden, dass es den Autoren nicht gelingt, die Sampling- als auch die Single-Markt-These zu widerlegen und sie vernachlässigen zudem den ebenso relevanten Netzwerkeffekt, den Filesharing haben kann.

Bevor die Studienautoren das Schadensausmaß für die phonografische Industrie in Deutschland berechnen, stellen sie im Kap. 4.4 Überlegungen an, in welcher Höhe die Substitutionsrate angesetzt werden muss. Sie ziehen dabei keineswegs alle verfügbaren Studien, die den Zusammenhang zwischen Filesharing und Musikkäufen zu berechnen versuchen, zu Rate, sondern treffen eine sehr selektive Auswahl von fünf Studien, die ihnen offenbar ins Konzept passen. Davon werden drei Studien als nicht repräsentativ ausgesondert, womit lediglich zwei Studien – ohne diese kritisch zu reflektieren – als Referenzen herangezogen werden. Vor allem die im Jahr 2006 von Alejandro Zentner veröffentlichte Untersuchung hat es den Studienautoren angetan. Diese Studie wurde von mir im Blog bereits kritisch besprochen und aufgrund ihrer vielen Unzulänglichkeiten muss sie stark relativiert werden. Besonders schwer wiegt aber, dass sich Zentner auf Daten der Jahre 2002/03 und vor allem auf das Auftreten von der Musiktauschbörse Napster bezieht. Sofern der von ihm errechnete Substitutionseffekt von 30 Prozent überhaupt in Rechnung gestellt werden kann, so ist es kühn zu behaupten, dass in einem gänzlich anderen Marktumfeld – im Jahr 2010 – immer noch die gleichen Bedingungen bezüglich Substitutionsverhalten gelten sollen wie zehn Jahre davor. Man bedenke, dass sich Zentners Datenset auf eine Zeit ohne funktionierende Download- geschweige denn Streamingservices bezieht und nicht einmal iTunes verfügbar war. Zudem ist zu berücksichtigen, dass Zentner als Instrument-Variable die Internetpenetration (nicht einmal den Breitbandzugang) zum Ansatz bringt. Dieses methodische Vorgehen wurde von Peitz & Waelbroeck (2004) wie auch von Oberholzer-Gee & Strumpf (2009) mE zurecht als unzulässig disqualifiziert. Zentners Studie ist also nicht nur hoffnungslos veraltet, sondern auch methodisch alles andere als zuverlässig. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum die Studienautoren gerade daraus den Substitutionseffekt von 30 Prozent übernehmen.

Diese 30 Prozent werden nun im Kap. 4.5 zur Berechnung des Schadensausmaßes für die phonografische Industrie in Deutschland zum Ansatz gebracht. Für den Festplattentausch wird ohne jegliche Begründung und empirische Basis ein Substitutionseffekt von 10 Prozent angenommen. Die verschiedenen Ebenen (CD/DVD-Brennen, illegaler Download und Festplattentausch) werden trotz Doppel- und Mehrfachzählungen simplifizierend zu 2.315 illegal erworbenen Musiktracks aufaddiert und mit der durchschnittlichen Substitutionsrate von 26 Prozent multipliziert. Der daraus sich ergebende Absatzverlust von 613 Mio. Tracks wird mit einem Durchschnittspreis von EUR 0,85 pro Track multipliziert. Das ergibt einen Umsatzverlust für die phonografische Industrie in Deutschland von EUR 524 Mio. Und schließlich wird dann noch der Marktanteil deutscher Produkte mit 48,8 Prozent zum Ansatz gebracht, um zu einem Umsatzverlust für deutsche Musikprodukte von EUR 256 Mio. im Jahr 2010 zu kommen. Hier wird offensichtlich davon ausgegangen, dass die Substitutionsrate für deutsche Musikprodukte die gleiche ist wie für internationales Repertoire, was wenig plausibel erscheint. So darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das deutsche Repertoire sehr stark von Schlager und volkstümlicher Musik geprägt ist, die von einer Altergruppe (über 50jährige) rezipiert wird, die auch nach Ansicht der Studienautoren weniger Internet affin ist und daher auch weniger Filesharing betreibt.

Um dann noch den Umsatzverlust für die phonografische Industrie von Berlin-Brandenburg zu berechnen, wird einfach der Anteil der Wirtschaftsleistung dieser Region an der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung von 5 Prozent als Umrechnungsfaktor herangezogen. Dies ist aber vollkommen unplausibel, da nicht davon ausgegangen werden darf, dass die Wirtschaftsleistung der phonografischen Industrie dieser Region ebenso 5 Prozent der Wirtschaftsleistung der phonografischen Industrie in Deutschland ausmacht.

 

Abschließende Beurteilung

Die Studie „Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien“ liefert keine empirisch gesicherten und somit brauchbaren Ergebnisse, die den Zusammenhang von Musik-Filesharing und physischen sowie digitalen Musikverkäufen erklären könnten. Es wurde keine Primärerhebung zu dieser Fragestellung durchgeführt, sondern nur selektiv Ergebnisse aus bereits vorliegenden Arbeiten in die Betrachtung einbezogen. Zum Teil (Abb. 6 und 7) fällt die Darstellung suggestiv aus und es werden vorliegende Statistiken und Studien verkürzt und oberflächlich interpretiert. Hypothesen, die gegen einen negativen Zusammenhang von Filesharing und regulären Musikverkäufen sprechen, werden ohne empirische Prüfung auf Basis fragwürdiger Interpretationen und Schlussfolgerungen verworfen. Es wird zudem eine selektive und tendenziöse Auswahl an Studien getroffen, deren Ergebnis offenbar den Intentionen der Auftraggeber entgegen kommen. Eine kritische Reflexion dieser ausgewählten Studien findet bestenfalls fragmentarisch statt.

Insgesamt muss konstatiert werden, dass die Berechnung des wirtschaftlichen Schadens der phonografischen Industrie in Deutschland (EUR 524 Mio.) und in der Region Berlin-Brandenburg (EUR 26,2 Mio.), jeglicher Grundlage entbehrt und alles andere als eine verlässliche Zahlenbasis bietet. Darüber hinaus wird die Studie nicht einmal ihrem Titel, wonach die Effekte von Urheberrechtsverletzungen auf die Musikwirtschaft in Deutschland erfasst werden sollten, in keinster Weise gerecht, da die Betrachtung auf die phonografische Industrie beschränkt bleibt und keinerlei Versuch unternommen wird, Spill-over-Effekte auf andere Sektoren der Musikindustrie (z.B. Live-Musiksektor) und andere Wirtschaftssektoren zu erfassen. Auch die Wirkungen des Musik-Filesharings auf die soziale Wohlfahrt bleiben, trotz bereits vorliegender empirischer Erkenntnisse, unberücksichtigt. In diesem Sinn leistet die vorliegende Studie keinen brauchbaren Erklärungsbeitrag, welche wirtschaftlichen Auswirkungen Musik-Filesharing auf die phonografische Industrie im Speziellen und die Musikindustrie in Deutschland im Allgemeinen hat.

 

Literaturhinweise

Blackburn, David, 2004, On-line Piracy and Recorded Music Sales. Working Paper an der Harvard University.

Elberse, Anita, 2009, Bye, Bye Bundles: The Unbundling of Music in Digital Channels. Working-Paper an der Harvard Business School.

GfK, 2011, Brenner-Studie 2010. Erstellt im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie e.V.

Hammond, Robert G., 2012, Profit Leak? Pre-Release File Sharing and the Music Industry. Working paper, North Carolina State University, May 2012.

Martens, Dirk, Jan Herfert und Tobias Karbe, 2012, Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien. Untersuchung der Effekte von Urheberrechtsverletzungen auf die Film-, Musik- und Games-Wirtschaft in Deutschland und Region Berlin-Brandenburg. Bericht einer Untersuchung des Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH mit Unterstützung des G.A.M.E Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V.

Oberholzer-Gee, Felix und Koleman Strumpf, 2009, File-Sharing and Copyright. Working Paper 09-132. Harvard Business School.

Peitz, Martin und Patrick Waelbroeck, 2004, „The Effect of Internet Piracy on Music Sales: Cross-Section Evidence.“ Review of Economic Research on Copyright Issues, Vol. 1, No. 2: S. 71-79.

Tschmuck, Peter, 2009a, Die Rezession in der Musikindustrie. Post vom 25. Juni 2009 im Blog zur Musikwirtschaftsforschung.

Tschmuck, Peter, 2009b, Wie böse ist das Filesharing – Teil 18. Post vom 25. Mai 2009 im Blog zur Musikwirtschaftsforschung.

Zentner, Alejandro, 2006, Measuring the Effect of File Sharing on Music Purchases. Journal of Law and Economics XLIX (April 2006), S. 63-90.

 


10 Responses to “Die Auswirkungen digitaler ‚Piraterie‘ auf die phonografische Industrie – eine neue Studie”


  1. 27. November 2012 um 5:09 pm

    Gegendarstellung

    Die Originalstudie steht hier als Download bereit.
    Wir, das Team von House of Research, sehen uns nun, knapp ein halbes Jahr nach den Angriffen durch Herrn Tschmuck, doch in der Pflicht, Stellung zu beziehen. Tschmucks Kritik erschien in einer, unserer Ansicht nach unangemessenen Form, ist nicht immer sachlich und zu großen Teilen falsch und soll daher nicht ohne Erwiderung bleiben: zunächst, und nur am Rande, zur Form: Es ist völlig legitim, Meinungen und Analysen zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen über den eigenen Blog oder Foren zu verbreiten. Von einem Kollegen des gleichen Forschungsgebietes, der für sich beansprucht, nach den allgemeinen Leitlinien der Wissenschaftlichkeit zu agieren, hätten wir uns allerdings einen sachgemäßeren Umgang gewünscht. So wäre der Fairness halber ein kurzer Hinweis auf seine Stellungnahmen im Blog angebracht gewesen, um eine zeitnahe Gegendarstellung unsererseits zu ermöglichen.

    Schwerer wiegen jedoch die Vorwürfe, in der Studie würde selektiv und verkürzt gearbeitet. Um den Zusammenhang zwischen illegalen Downloads und Musikverkäufen zu ermitteln, würden nur die Studien herangezogen, die uns „ins Konzept passen“ würden. Dem muss aufs Schärfste widersprochen werden. In der Studie werden Arbeiten mit den unterschiedlichsten Positionen und verschiedensten Ergebnissen vorgestellt, besprochen und kritisch reflektiert. Im Literaturverzeichnis finden sich über 25 Arbeiten allein zum Thema Effekte der Musikpiraterie, die von den Studienautoren ausgewertet wurden. In der Studie selbst wird ein repräsentativer Querschnitt dieser Studien vorgestellt und diskutiert. Nach Einschätzung der Tauglichkeit der verwendeten Methoden in den verschiedenen Untersuchungen baut die Studie schließlich auf eine kleine Auswahl plausibler Forschungsergebnisse.

    Interessant ist aber vor allem der Vergleich mit den Artikeln von Herrn Tschmuck selbst. Gerade seine vielen Rezensionen zu diesem Thema veröffentlichter Studien offenbaren Herrn Tschmucks eindeutige Haltung gegenüber denen, die einen negativen wirtschaftlichen Effekt von Musik-Piraterie konstatieren. In den acht ausführlichen Rezensionen der letzten zwei Jahre werden vorwiegend die Studien gut bewertet, die keinen oder eher einen positiven Effekt des Filesharings auf die Musikwirtschaft konstatieren. Studien dagegen, die negative Effekte ausmachen, werden von Tschmuck grundsätzlich sehr hart angegangen.

    Wir weisen hier nochmals ausdrücklich darauf hin, dass die Studie zwar im Auftrag des Medienboard Berlin-Brandenburg erstellt wurde und somit natürlich politisch verwendet wird. House of Research arbeitet jedoch unabhängig und unter Wahrung hoher wissenschaftlicher Standards. Alle verwendeten Zahlen und Fakten wurden mit Quellen belegt und können nachgeprüft werden. Alle Berechnungswege wurden erläutert, alle Ergebnisse sind nachvollziehbar. Wir würden es begrüßen, wenn diese Maßstäbe auch für jene Blogs gelten würden, die sich dem wissenschaftlichen Diskurs entziehen und sich der bewussten Meinungsmache zu verschrieben haben scheinen.

    Im Folgenden sollen die wichtigsten Vorwürfe Tschmucks entkräftet werden.

    • Zum Einwand, die Autoren irren in Bezug auf die Sampling-Hypothese:
    Mit keinem Wort widersprechen die Autoren, wie es Herr Tschmuck behauptet, dem Sampling-Effekt. Ganz im Gegenteil, der Sampling-Effekt wird sogar eingeräumt: „Ein Sampling-Effekt, bei dem ein illegaler Download einen legalen Kauf nach sich zieht, tritt zwar teilweise in Erscheinung, kann jedoch den negativen Effekt illegaler Downloads auf die Musik-Umsätze bei Weitem nicht kompensieren“ (HoR 2012: Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien.S.16). Die Behauptung der Autoren lautet also, dass die positiven Effekte des Filesharings nicht genügen, um den Substitutionseffekt ökonomisch auszugleichen oder gar zu übertreffen. Für diese Behauptung führen die Autoren Argumente an. Dieses methodische Vorgehen scheint Herrn Tschmuck allerdings zu irritieren: „Die ‚Widerlegung‘ erfolgt auch keineswegs auf empirischer Basis, sondern lediglich auf Basis von Interpretationen von für andere Zwecke erhobene Sekundärdaten“ (Tschmuck). Hier muss vehement widersprochen werden. Die „Relativierung“, wie es richtig heißen muss, erfolgt selbstverständlich auf empirischer Basis. Um zu zeigen, dass Personengruppen, die sehr viel herunterladen, sehr viel weniger Geld für Musik ausgeben, als zehn Jahre zuvor, werden Daten ausgewertet, die von der Gesellschaft für Konsumforschung erhoben wurden. Dabei zeigt sich, dass die Ausgaben für Tonträger in der Altersgruppe der 20 bis 29-jährigen seit 1999 am stärksten abgenommen haben. In der gleichen Altersgruppe sind heute die meisten legalen wie auch illegalen Downloads zu beobachten:

    Abbildung1 ansehen

    Die Empirie liefert hier also ein sehr deutliches Indiz dafür, dass eine hohe Downloadaktivität keineswegs zu einer höheren Kaufaktivität führt, wie es die Sampling-Hypothese unterstellt. Nun wird deutlich, woher der scheinbare Zusammenhang zwischen erhöhter Downloadaktivität und Kaufaktivität tatsächlich herrührt, nämlich von einer verstärkten Musikaffinität in bestimmten Altersgruppen, die sowohl zu mehr Downloads, als auch zu überdurchschnittlichen Käufen führt und nicht von einem kausalen Zusammenhang zwischen Kaufen und Herunterladen. Die Zahlen belegen also, dass vor allem die 20 bis 29-Jährigen Musikkäufe seit zehn Jahren vermehrt durch Downloads ersetzen, wie es die Substitutions-These beschreibt.

    • Zum Einwand, es würde nicht die Musikwirtschaft untersucht, sondern nur die phonographische Industrie, da zur Musikwirtschaft auch der Live-Musiksektor, der Verlagsbereich, die Verwertungsgesellschaften etc. gehörten:
    Im physischen oder digitalen Produkt, das in Form einer CD oder eines Downloads an den Endverbraucher verkauft wird, sind die Umsätze der Verlage und der Verwertungsgesellschaften zum größten Teil bereits enthalten. Der Endverbraucher sorgt allein für sämtliche Umsätze der Musikwirtschaft. Der Live-Sektor wurde, wie richtig angemerkt, nicht untersucht. Ebenso wenig die Verwertung von Musik im Radio oder im Fernsehen. Dies aus dem Grund, dass Livekonzerte, Musik im Radio oder im Fernsehen nicht oder nicht in nachvollziehbarer Weise vom Filesharing betroffen sind, da Musikdownloads einen Konzertbesuch oder das Hören von Musik in anderen Massenmedien nicht ersetzen können. Richtig ist wohl, dass der nominelle Umsatzverlust, wie er in Abb. 6 der Studie festgestellt wird, weniger drastisch ausgefallen wäre, wenn man mehr Sektoren einbezogen hätte (HoR 2012: Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien.S.10;Abb:6). Allerdings hat auch der Live-Sektor zwischen 2007 und 2011 mit einem Umsatzverlust (-2%) zu kämpfen, der noch sehr viel drastischer ausgefallen wäre, hätten die Kartenpreise für Musikveranstaltungen nicht um fast zehn Prozent zugelegt (GfK – Konsumstudie des Veranstaltungsmarktes 2011). An dem Schaden, der sich aus der Pirateriemenge, den Durchschnittspreisen und der Substitutionsrate ergibt, ändert sich durch die Arbeitsdefinition von Musikwirtschaft allerdings nichts.

    • Zum Einwand, es sei nicht legitim, von sinkenden Umsatzzahlen auf rückläufige Beschäftigung zu schließen:
    Umsatz und Beschäftigung stehen in einer annährend linearen Beziehung zueinander. Während die Umsätze der Plattenindustrie zwischen 1999 und 2010 um 43 Prozent abgenommen haben, ist die Beschäftigung um 38 Prozent zurückgegangen (vgl.:BVMI 2011:Musikindustrie in Zahlen:S.12;IFPI:recording industry in numbers 2011:S.46). Auch die Wachstumsreihen der gesamtdeutschen Umsätze und der gesamtdeutschen Erwerbstätigenzahlen bewegen sich fast parallel zueinander:

    Abbildung2 ansehen

    • Zum Einwand, die Autoren würden den beschäftigungsreichen Live-Sektor ausblenden:
    Die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter im Live-Segment hat zwischen 2000 und 2008 um 19 % abgenommen (Umsatzsteuerstatistik 2000 bis 2008 des Statistischen Bundesamtes). Wie bereits ausgeführt, gehörte der Live-Sektor aber ohnehin nicht zum Forschungsgegenstand, weil er nicht direkt von Piraterie betroffen ist. Am berechneten Schaden durch Piraterie ändert die Beschäftigung im Live-Sektor nichts.

    • Zum Einwand, durch das Summieren von Downloads, gebrannter CDs und per Festplattentausch kopierter Musiktitel, würden Doppel- und sogar Dreifachzählungen vorgenommen:
    Stimmt so ebenfalls nicht: Egal, von welcher Quelle eine illegale Kopie erfolgt, sie substituiert einen legalen Kauf zu einem bestimmten Prozentsatz (Substitutionsrate). Bsp.: ein Track wird illegal heruntergeladen und ersetzt einen legalen Kauf zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Anschließend wird der Track per Festplattentausch an Dritte weitergegeben und ersetzt dort ein weiteres Mal einen legalen Kauf zu einem bestimmten Prozentsatz. Wird der Track dann auf CD gebrannt und an Dritte weitergegeben, ersetzt er wiederum einen legalen Kauf mit einer entsprechenden Wahrscheinlichkeit. Die Addition der verschiedenen Beschaffungsformen ist also gerechtfertigt, soweit die nachfolgenden Kopien durch Dritte oder für Dritte erfolgen. Soweit das Kopieren allerdings nur für den Eigenbedarf erfolgt, kommt es bei der Addition zu Mehrfachzählungen, da das Brennen für den Eigenbedarf nach einem bereits erfolgten Download einen Kauf höchstwahrscheinlich kein weiteres Mal verhindert (das Kopieren für Angehörige des engsten Kreises verhindert zwar legale Käufe ist aber unter gewissen Voraussetzungen nicht illegal, soweit die Kopien vom Original abstammen). Im Gegenzug wurden aber all jene Fälle nicht mitgezählt, in denen Personen legal erworbene Musik brennen und an Dritte außerhalb des engsten Freundeskreises weitergeben und zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit Käufe substituieren. In der Bilanz wurde die Pirateriemenge also eher unter- als überschätzt.

    • Zum Einwand, die Autoren würden die per Festplattentausch übertragenen Zahlen zum Ansatz bringen, obwohl diese nicht gut genug gesichert seien:
    Die per Festplattentausch weitergegebene Musik wird eindeutig und an mehreren Stellen als Schätzung ausgegeben und klar und ersichtlich von den gesicherten Zahlen getrennt. In der Schadensberechnung wird ein Zwischenergebnis ohne die Zahl des Festplattentausches ausgegeben. Der Leser kann den Festplattentausch ohne Mühe berücksichtigen oder unberücksichtigt lassen.

    • Zum Einwand, Spill-over-Effekte und die Wirkung der Piraterie auf die Gesamtwohlfahrt würden ausgeblendet:
    Die Wirkung auf die Gesamtwohlfahrt ist nicht Forschungsgegenstand. Dennoch wird in der Studie angemerkt, dass hier nachteilhafte externe Effekte bereits sichtbar werden. Der Preisverfall infolge der Digitalisierung und in Folge der Piraterie führt langfristig zu einer mangelhaften Finanzierung der Künstler, was im weiteren Verlauf zum Abnehmen der künstlerischen Vielfalt führt. Wenn Tschmuck von „Wirkung auf die Gesamtwohlfahrt“ spricht, so meint er wohl die positiven externen Effekte, also eine billige bis kostenlose Nutzung von Musik für den Verbraucher. Langfristig geht diese Rechnung aber natürlich nicht auf. Wenn sich Künstler nicht mehr finanzieren können, gehören auch die Nutzer der Musik zu den Leidtragenden.

    • Zum Einwand, das deutsche Repertoire sei sehr stark von Schlager und volkstümlicher Musik geprägt. Diese Musik würde vorwiegend von einer Altersgruppe (über 50jährige) rezipiert, die weniger internetaffin ist und daher auch weniger Filesharing betreibt.
    Der Anteil der Schlagermusik am deutschen Repertoire darf nicht überschätzt werden. Der Umsatzanteil deutscher Schlagermusik am gesamten Plattenhandel beträgt 2010 lediglich 4,8 Prozent (BVMI 2010:Musikindustrie in Zahlen:S.50). Zudem wird gerade die Musikrichtung des modernen Deutschrock besonders von Altersgruppen (20-29-jährige) rezipiert, die eine besonders hohe Download-Aktivität an den Tag legt.

    • Zum Einwand, der berlinbrandenburgische Umsatzschaden berechne sich, indem der Anteil der gesamten Wirtschaftsleistung in dieser Region an der gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung als Umrechnungsfaktor herangezogen würde:
    Das ist vollkommen falsch: Der Anteil der Musikwirtschaft in Berlin-Brandenburg an der Wirtschaftsleistung der Musikwirtschaft in Deutschland beträgt 5%. Es wurde nicht von der Gesamtwirtschaft ausgegangen, weder in Deutschland noch in Berlin-Brandenburg. Dies wurde auch eindeutig und unmissverständlich unter der Grafik erläutert: „Der Marktanteil Berlin-Brandenburgs am deutschen Markt ergibt sich aus dem Verhältnis der Umsätze in Berlin-Brandenburg zu den Umsätzen in Deutschland in den Wirtschaftszweigen Vervielfältigung von bespielten Tonträgern, Tonstudios und Herstellung von Hörfunkbeiträgen sowie selbstständige Komponisten und Musikbearbeiter der amtlichen Statistik“ (HoR 2012: Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien.S.22).

    Jan Herfert und Dirk Martens, Autoren der zitierten Studie

    • 2 Peter Tschmuck
      28. November 2012 um 8:57 pm

      Zwei der Autoren der Studie „Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien“, die das Marktforschungsinstitut House of Research im Auftrag des Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH mit Unterstützung des G.A.M.E. Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V. erstellten, haben eine ausführliche Gegendarstellung auf meinen Blog-Beitrag mit dem Titel „Die Auswirkungen digitaler ‚Piraterie‘ auf die phonografische Industrie – eine neue Studie“ gepostet, auf die ich gern replizieren möchte, da mir eine unsachliche und falsche Argumentation sowie Meinungsmache vorgeworfen wird.

      Mein Kritikpunkt Sampling-Effekt und Single-Markt-Hypothese: Textpassagen in der Studie wie „Zwar kaufen diese Gruppen auch immer noch verhältnismäßig viel Musik, was die Illusion eines Sampling-Effektes erzeugt, doch sind diese Käufe bei den 20- bis 29-Jährigen seit 1999, also seit Beginn des digitalen Musikbezugs, im großen Stil um 56 Prozent zurückgegangen“ (S. 15). Oder: „Die Sampling-Effekt-These sieht einen positiven kausalen Zusammenhang zwischen Downloadhäufigkeit und Musikkäufen. Tatsächlich besteht ein negativer Zusammenhang, der von einer dahinterliegenden Musikaffinität der Jugendlichen überdeckt wird“ (S. 16) suggerieren sehr wohl, dass die Autoren den Sampling-Effekt „widerlegen“ und nicht nur „relativieren“ wollen, auch wenn an anderer Stelle (S. 16) eingeräumt wird: „Ein Sampling-Effekt, bei dem ein illegaler Download einen legalen Kauf nach sich zieht, tritt zwar teilweise in Erscheinung, kann jedoch den negativen Effekt illegaler Downloads auf die Musik-Umsätze bei Weitem nicht kompensieren.“ Insofern ist die Klarstellung in der Entgegnung der beiden Studienautoren wichtig, dass sie sehr wohl einen Sampling-Effekt anerkennen. Somit reduziert sich die Frage darauf, ob der Sampling-Effekt den Substitutions-Effekt aufwiegen kann oder nicht. Um diese Frage zu beantworten, führen die Autoren aber keine Primärstudie durch, sondern behelfen sich mit der Interpretation von GfK-Studien zum Nutzungsverhalten von Musik. Daraus lesen sie ab, dass der Umsatzrückgang bei der Altergruppe der 20-29jährigen zwischen 1999 und 2010 56% betragen hat. Aber Achtung: 1999 waren die jetzt 20-29jährigen rund 10-19 Jahre alt. Diese Altergruppe sorgte damals aber für einen Umsatz von EUR 303 Mio. 2010 waren es dann EUR 287 Mio. Das entspricht einem Umsatzrückgang von 4,6%. Diese Alterskohorte gibt also gar nicht einmal soviel weniger für Musik aus wie noch vor zehn Jahren. Auch wenn zu bedenken ist, dass Teenager natürlich über ein geringeres Einkommen verfügen als Twens. Stärker ist hingegen der Rückgang bei den 30-39jährigen, die 1999 eben die Gruppe der 20-29jährigen bildete und wohl auch aufgrund geänderter Lebensumstände (Familiengründung, Berufsbelastung, andersartiges Konsumverhalten) weniger Geld für Musikprodukte ausgibt. Konkret kann also nur die Aussage getroffen werden, dass die heute 20-29jährigen deutlich weniger Geld für Musikprodukte ausgeben wie die 20-29jährigen im Jahr 1999. Und hier kommt sehr wohl auch die Single-Markt-These zum Tragen. Das Musikkonsumverhalten hat sich aufgrund der Digitalisierung im genannten Zeitraum von einem Alben- zu einem Single-Markt entwickelt. So wurden 1999 nachweislich noch wesentlich mehr Alben als heute verkauft, womit natürlich die phonografische Industrie höhere Umsätze generieren konnte. Dem gegenüber führt das Filesharing im Extremfall zu einer Substitutionsrate von maximal 30% (Zentner 2006). Viele weitere Studien kommen noch zu wesentlich geringeren Raten. Dass diese Studien methodisch durchaus anfechtbar sind, soll hier nur noch einmal kurz erwähnt werden, weil ich dazu schon ausführlich im Blog Stellung genommen habe. Auffallend ist, dass jene Studien, die die Filesharing-Aktivität direkt messen, zu keinen statistisch signifikanten Zusammenhängen zwischen Filesharing und Umsatzentwicklung in der phonografischen Industrie kommen. Das sollte zu denken geben. Insgesamt gibt es weiterhin keine gesicherte empirische Basis, die einen negativen Einfluss von Filesharing auf die Umsätze der phonografischen Industrie eindeutig nachweist. Ich möchte an dieser Stelle auch klar deutlich dem Vorwurf der Parteilichkeit und der angeblichen Meinungsmache entgegen treten. Ich habe in der Evaluierung der Filesharing-Studien stets den gleichen Maßstab an die Studien angelegt und bin dabei zum Schluss gekommen, dass die unterschiedlichen, ja sogar divergierenden Ergebnisse, auf unterschiedliche Methoden zurückgeführt werden müssen. Dass ausgerechnet jene Studien, die einen stark negativen Effekt feststellen, methodisch unzureichend sind, darf wohl nicht mir, sondern muss wohl den jeweiligen Autoren angekreidet werden (siehe dazu auch die fundierte Literaturdiskussion von Oberholzer-Gee und Strumpf (2009), die zu ähnlichen Ergebnissen wie ich kommen).

      Mein Kritikpunkt Schadensberechnung: Die von Studienautoren gewählte Methode zur Errechnung der „Pirateriemenge“ von 2,3 Mrd. Tracks muss weiterhin kritisch betrachtet werden. In der Entgegnung schreiben die Autoren: „Egal, von welcher Quelle eine illegale Kopie erfolgt, sie substituiert einen legalen Kauf zu einem bestimmten Prozentsatz (Substitutionsrate). Bsp.: ein Track wird illegal heruntergeladen und ersetzt einen legalen Kauf zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Anschließend wird der Track per Festplattentausch an Dritte weitergegeben und ersetzt dort ein weiteres Mal einen legalen Kauf zu einem bestimmten Prozentsatz. Wird der Track dann auf CD gebrannt und an Dritte weitergegeben, ersetzt er wiederum einen legalen Kauf mit einer entsprechenden Wahrscheinlichkeit. Die Addition der verschiedenen Beschaffungsformen ist also gerechtfertigt, soweit die nachfolgenden Kopien durch Dritte oder für Dritte erfolgen.“ Die Addition ist keinesfalls gerechtfertigt, weil die hier dargestellte Kausalität nicht zwingend ist. Auch wenn ein über Filesharing erworbener Track bis einem gewissen Grad durchaus einen Kaufakt ersetzen mag (über die Substitutionsrate lässt sich, wie gezeigt, trefflich streiten; die 26% sind jedenfalls viel zu hoch gegriffen), so ist das bei Festplattentausch keineswegs mehr zwingend. Hierbei werden nämlich riesige Datenmengen übertragen, ohne dass genau auf die Inhalte geachtet wird. Ob dabei überhaupt die Überlegung, sich einen Musikkauf zu „ersparen“ eine Rolle spielt, müsste erst einmal mittels qualitativer Befragung erhoben werden. Ähnliches gilt für das Brennen von CDs. Zum einen kann dies für eigene private Zwecke (z.B. Nutzung im Auto-CD-Player) erfolgen und zum anderen müsste auch hier die Motivlage des „Beschenkten“ genauer untersucht werden. Ich halte also meine Kritik an der Berechnung der Schadenshöhe aufrecht, die ich für maßlos übertrieben halte.

      Mein Kritikpunkt Marktabgrenzung: Die Autoren schreiben auf S. 15: „Die Musikwirtschaft umfasst zunächst sämtliche Wirtschaftszweige, die an der Herstellung eines Musikartikels bis zum Verkauf an den Endverbraucher mitgewirkt haben. Das Produkt für den Endverbraucher kann sowohl die Form von Tonträgern (CD, DVD, Vinyl, MC) als auch von rein digitalen Produkten (kostenpflichtiger bzw. werbefinanzierter Stream oder Download) annehmen.“ Das ist keine Definition der Musikwirtschaft, sondern der phonografischen Industrie, die in der Tat schwer unter den Umsatzeinbrüchen im letzten Jahrzehnt zu leiden hatte. Und gerade deswegen ist es wichtig auch andere Sektoren der Musikwirtschaft – insbesondere den Live-Musikmarkt – in der Betrachtung zu berücksichtigen, weil es sehr wohl „Spill-over-Effekte“ von Filesharing auf den Live-Musikmarkt gibt, wie z.B. Mortimer, Nosko, Sorensen (2010) in ihrer NBER-Studie „Supply Responses to Digital Distribution: Recorded Music and Live Performances“ bereits im Abstract aufzeigen: „We find that file-sharing reduces album sales but increases live performance revenues for small artists, perhaps through increased awareness. The impact on live performance revenues for large, well-known artists is negligible.“ Die Entgegnung der Studienautoren, „dass Livekonzerte, Musik im Radio oder im Fernsehen nicht oder nicht in nachvollziehbarer Weise vom Filesharing betroffen sind, da Musikdownloads einen Konzertbesuch oder das Hören von Musik in anderen Massenmedien nicht ersetzen können“ geht am Kern der Argumentation vorbei. Es gibt sehr wohl messbare Wechselwirkungen zwischen Filesharing und dem Live-Musiksektor, die für letzteren durchaus aus positiv eingeschätzt werden, nicht zuletzt von Oberholzer-Gee und Strumpf (2009: 2): „File sharing also influences the markets for concerts, electronics and communications infrastructure. For example, the technology increased concert prices, enticing artists to tour more often and, ultimately, raising their overall income.“ Die Einbeziehung des Live-Musikmarktes ist also bei der Beurteilung der Gesamteffekte der Filesharings auf die Musikwirtschaft mehr als geboten. Das Argument der Studienautoren, dass die Umsätze der Verlage und Verwertungsgesellschaften zum größten Teil bereits in den Verkauferlösen von CDs und Downloads enthalten sein sollten, ist nur schwer nachzuvollziehen. Zwar gehen beispielsweise in die Kalkulation der Herstellkosten einer CD zwischen 5-10% Lizenzzahlungen für die Erteilung der Nutzungsrechte ein, die dann an Verlage und Verwertungsgesellschaften fließen, aber diese machen nur einen Bruchteil der Erlöse der Verlage und Verwertungsgesellschaften aus. Insgesamt ist eine Schadensbemessung für die Musikwirtschaft ohne Berücksichtigung anderer Sektoren abseits der phonografischen Industrie zur kurz greifend. Ich sehe somit auch keinen Grund die Kritik an der Vorgehensweise der Autoren die physischen und digitalen Musikverkäufe auf Basis des BIP-Wachstums zwischen 1999 und 2012 fortzuschreiben, zurückzunehmen. Es gibt keinen ersichtlichen kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung des BIPs und der Umsätze der phonografischen Industrie. Ein Umsatzverlust von „1,447 Mrd. Euro oder -46%“ ist somit völlig unplausibel.

      Mein Kritikpunkt Wirkungen auf die Gesamtwohlfahrt: Natürlich muss auch die Wirkung auf die Gesamtwohlfahrt durch positive externe Effekte Berücksichtigung finden, wie z.B. in der niederländischen Studie von Huygens et al. (2010), weil damit aufgezeigt werden kann, dass ein neues Nutzerverhalten nicht nur ökonomische Nachteile, sondern auch Vorteile bringt. Die vereinfachte Formel, dass die Künstler sich aufgrund des Filesharings langfristig nicht mehr finanzieren können, greift allerdings zu kurz. Es ist der digitale Paradigmenwechsel weg vom physischen Produkt hin zur digitalen Dienstleistung, die es den Künstlern erschwert, aus dem direkten Verkauf von Musikprodukten ein Einkommen zu erzielen. So lassen sich mit dem lizenzierten Verkauf von Downloads und schon gar nicht über das Musikstreamen relevante Einkommen generieren. Vielmehr sind die MusikerInnen heute auf den Live-Markt angewiesen und können versuchen auch neuartige Einkommensquellen anzuzapfen (man denke nur an Crowdfunding). Leicht haben es die meisten der Musikschaffenden aber nicht, das ist evident, aber die Marktzutrittsschranken sind wesentlich niedriger geworden und erhöhen zumindest die Chance, wirtschaftlich zu reüssieren.

      Mein Kritikpunkt Berechnung des Schadens für die Berlin-Brandenburgische Musikindustrie: Hierbei habe ich tatsächlich die Angaben in Tabelle 4 (S. 22) falsch interpretiert. Es wurde tatsächlich der Anteil der „in den Wirtschaftszweigen Vervielfältigung von bespielten Tonträgern, Tonstudios und Herstellung von Hörfunkbeiträgen sowie selbstständige Komponisten und Musikbearbeiter“ erzielten Umsätze als Umrechnungsfaktor heran gezogen. Es ändert aber nicht daran, dass die voran gegangenen Schadensberechnungen unplausibel sind und somit der ausgewiesen Schaden für die Region von EUR 26,2 Mio. als unverhältnismäßig hoch angesehen werden muss.
      Abgesehen von der genannten Missinterpretation beim Umrechnungsfaktor des Schadens für Berlin-Brandenburg, sehe ich darüber hinaus keinen einzigen meiner Kritikpunkte durch die Erwiderung der Studienautoren widerlegt. Ich weise zudem den Vorwurf, mich des wissenschaftlichen Diskurses entziehen zu wollen, aufs schärfste zurück. Ich habe die Erwiderung der Studienautoren im Blog nicht nur frei geschalten, sondern mache mir die Mühe darauf ausführlich zu replizieren. Und nicht zuletzt die freie Zugänglichkeit meiner Analysen zur Musikwirtschaft und Musikindustrie im Blog, die in jedem Fall die Erwiderung, Kritik, Widerlegung und Relativierung ermöglicht, sind ein schlagender Beweis dafür, dass ich mich dem wissenschaftlichen Diskurs stelle. Zu diesem Diskurs gehört aber auch, Kritik zu äußern und diese, wenn sie berechtigt ist, und sie nicht in Bausch und Bogen vom Tisch wischen zu wollen, weil sie als unangenehm empfunden wird. Dies sollten sich auch die Autoren der genannten Studie zu Herzen nehmen.
      PETER TSCHMUCK

      Quellenangaben:
      Holland Mortimer, Julie, Nosko, Chris und Sorensen, Alan, 2010, Supply Responses to Digital Distribution: Recorded Music and Live Performances. NBER Working Paper.
      Oberholzer-Gee, Felix und Strumpf, Koleman, 2009, File-Sharing and Copyright. Working Paper 09-132, Harvard Business School.
      Zentner, Alejandro, 2006, Measuring the Effect of File-Sharing on Music Purchases. Journal of Law and Economics, 49: 63-90.

  2. 15. Juli 2012 um 7:04 am

    Alle Achtung !
    Hab mich hier nur angemeldet um dieser für mich sehr interessanten, umfangreichen, hervorrangend aufgebauten, sehr gut formulierten, detailierten, nachvollziehbaren und letztendlich schlüssigen Analyse meinen vollen Respekt zu zollen.
    So viel Mühe wie sich der Herr Tschmuck hiermit gemacht hat einmal Stück für Stück die Unlogik der Methodik die in diesen Studien steckt aufzudecken und somit den hieraus fälschlich schlußgefolgerten Zahlen, Ergebnissen und Erkenntnissen aber wirklich jegliche Substanz an Wahrheit und Glaubwürdigkeit zu entziehen muß schließlich mal gewürdigt werden.🙂

    Auch fand ich hier beim lesen meine eigenen Gedanken die ich mir schon vor einiger Zeit mal zu einigen Details gemacht hatte zu 100% wieder und bekam auf eine noch offene Frage auch eine Antwort. Denn das deutsche Musikprodukte insbesondere die Schlager und Volksmusikbranche deren ü50 Zielgruppe eher wenig bis gar nicht zu illegalen downloads neigt von diesen Umsatzverlusten gar nicht so betroffen sein kann hatte ich mir schon gedacht. In welchem Maße diese sich jedoch trotzdem in Studien über Umsatzschäden seitens der Musikindustrie niederschlagen war mir bis heute unklar..:)

    Allein diese Berechnungen ! gebrannte cd s oder übernommene Festplatten hier heran zu ziehen find ich schon völlig abwägig..und diese Rechnung bei illegalen Downloads ? Davon auszugehen hätte man die Möglichkeit des illegalen nicht sich jeden Track auch gekauft zu haben ?! Mich würde mal interessieren nach der 0 vor dem Koma wieviel nullen noch hinter dem kommen die den Prozentsatz an illegalen Downloads ausmachen die tatsächlich zu einer Kaufentscheidung geführt hätten ? Aus meiner Sicht führt ja erst dieser Umstand ja zu einem Umsatzverlust ! ! ! Gibt es hierüber Studien ???

    Meiner Meinung nach dient diese einseitigen Studien nur der Lobbyistentätigkeit der Musikbranche in unserer Hauptstadt. Doch letztendlich sind auch nur noch diese daher gerechneten Zahlen Millionen/Milliarden die ihren Einfluß in den politischen Köpfe nehmen doch woher und wie sie zu Stande kommen wird nicht mehr hinterfragt.Genauso wie viele andere Wahrheiten, Ansichten, Meinungen die einem finanziellen oder poltischem Interesse wiedersprechen wird auch diese Thematik von einer öffentlichen Diskussion die auch andere Meinungen zulässt von unseren Medien ausgeschlossen.

    Gruß und Danke

  3. 4 Fred Ahlers
    13. Juli 2012 um 9:29 am

    Was mir bei allen Untersuchungen auch zu kurz kommt, ist die Tatsache, das Musikkonsum aus dem gleichen Topf bezahlt wird, der auch für Händys, SMS, mobiles telefonieren und Klingeltöne verwendet wird, Kosten, die es vor Jahren noch nicht gab.

  4. 15. Juni 2012 um 10:19 pm

    Danke für diese Analyse! Bin über Netzpolitik.org drauf aufmerksam geworden und war erfreut, dass sich jemand so detailliert mit der Studie auseinandergesetzt hat. Ich hatte die bereits am Montag via Pressemitteilung erhalten, kurz überflogen und mich zunächst darüber gefreut, dass der G.A.M.E einmal Forschungen in dem Bereich anstößt. Aktuell werden Vertriebsentscheidungen massiv auf Spekulationen aufgebaut und reiben sich so sehr stark an den ehrlichen Konsumenten, denen Spyware (EA – Origin) oder dauerhafte Internetverbindungen (Diablo 3 – Blizzard) zugemutet werden.
    Zunächst habe ich mich dann aber gewundert, warum überhaupt eine Metastudie in Auftrag gegeben wurde, da meines Wissens die Grundlagenforschung im Bereich der Computerspiele gänzlich fehlt. Eine Metastudie hätte da auf kein repräsentatives Material zurückgreifen können, folglich konnte sie keine Ergebnisse liefern. Schon beim ersten Überfliegen fiel mir die recht willkürliche Verargumentierung der Substitutionsrate auf und ich musste mich fragen, warum der G.A.M.E. sowas dann auch noch – offenbar ohne Prüfung – publiziert, anstatt gleich das Geld im Primärerhebungen zu investieren.
    Ich bin selber Game Developer und fühle mich da von unserem eigenen Branchenverband verschaukelt. „Copyright Math“ hat schon andere Unterhaltungsindustrien in die Unglaubwürdigkeit getrieben und entsprechende Boykottaktionen ausgelöst. Der Branchenverband repräsentiert uns Entwickler schlecht, wenn er mit solchen Studien an die Öffentlichkeit geht.

    • 7 Peter Tschmuck
      17. Juni 2012 um 11:54 am

      Lieber Sebastian,
      Vielen Dank für diese Rückmeldung. Da ich mich im Games- und Filmbereich nicht berufen fühle, die Daten, Methoden und Ergebnisse der Studie zu überprüfen und zu kommentieren, wäre es wünschenswert, wenn auch für diese Teile der Studie eine kompetente Evaluierung vorgenommen werden würde. Bei dieser gesellschaftspolitisch so wichtigen Frage ist eine sachliche und wissenschaftlich gut fundierte Reflexion sehr wichtig.


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