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Apr
09

Wie böse ist das File-Sharing? – Teil 7

Dieses Mal werden gleich drei Artikel genauer betrachtet, die sich alle mit dem Phänomen des Musik-Sampeln, d.h. dem „Probehören“ von Musik-Files, die via Tauschbörsen gewonnen wurden, beschäftigen. Im Gegensatz zum bereits im zweiten Teil der Serie besprochenen Artikel von Liebowitz kommen alle drei Studien zum Schluss, dass Sampling sehr wohl Absatz steigernd für Tonträger bzw. käuflich zu erwerbende Musik wirkt und bei Weitem den Substitutionseffekt ausgleicht.

So zeigen Peitz und Waelbroeck (2006) modellhaft, dass auch die Label über den Sampling-Effekt mit einem Gewinnzuwachs rechnen können, wenn die angebotene Vielfalt der Musiktitel hoch ist.

Bounie, Bourreau und Waelbroeck (2005) untermauern diese Erkenntnisse auch empirisch mit einer Studie über das Musikkonsumverhalten von Studentinnen und Studentin, indem sie aufzeigen, dass es zwei Typen von File-Sharer gibt: „Explorer“ und „Piraten“, wobei erstere wesentlich mehr Einfluss auf den Musikmarkt haben als letztere.

Und schließlich kombinieren Gopal, Bhattacharjee und Sanders (2006) ein von ihnen erstelltes Anreizmodell für Musik-Sampling mit einer Befragung, die zum Schluss kommt, dass Sampling, wenn es mit geringen Kosten verbunden ist, nicht nur zu einem Wohlfahrtszuwachs führt, sondern auch den Superstar-Effekt abschwächt.

Wie die Studien im einzelnen aufgebaut sind und wie die Autoren zu ihren Schlussfolgerungen kommen, kann im Detail hier nachgelesen werden.

 

Peitz und Waelbroeck, 2006, Why the music industry may gain from free downloading

Peitz und Waelbroeck haben bereits 2004 ein Working-Paper mit dem gleichen Titel verfasst, das oft und oft auch falsch als Beleg, dass File-Sharing der Musikindustrie schade, zitiert wurde. In der Endversion, die im International Journal of Industrial Organization 2006 erschienen ist, stellen sie zwar klar, dass nach ihrem Modell das File-Sharing durchaus auch den Urhebern und Musikdistributeuren schaden kann, dass aber Tauschbörsen auch einen positiven Sampling-Effekt aufweisen, der die Nachteile auf Produzentenseite bei Weitem aufwiegt.

 

Methodik: Zweistufiges Entscheidungsmodell mit heterogenen Präferenzen

Statt empirischer Erhebung konstruieren Peitz und Waelbroeck, ähnlich wie Liebowitz ein mikroökonomisches Modell, dass im Gegensatz zum Liebowitzschen aber den Musikkonsum wesentlich differenzierte modelliert.

Ausgangspunkt ist ein einfaches Mehrprodukt-Monopol, in dem die Produkte in einem so genannten Salop-Kreis angeordnet sind, d.h. die Distanz, die Produktunterschiede widerspiegeln soll zwischen den einzelnen, ist zwischen den Produkten gleich groß. Als Gewinnmaximierer wird ein solcher Monopolist nun den gleichen Preis über alle Produkte hinweg verlangen. Wenn nun die Grenzkosten der Produktion, in unserem Fall die zusätzlichen Kosten für jede gepresste CD, gegen Null tendieren, so entspricht der Gewinn dem Erlös.

Ohne File-Sharing hätten die Konsumenten so gut wie keine Informationen über die Musik, die auf CD verfügbar ist, weil Musik erst im Konsum selbst in seiner Qualität eingeschätzt werden kann (Musik als Erfahrungsgut). Wenn nun der Download über File-Sharing möglich ist, so kann der Entscheidungsprozess als zweistufig modelliert werden:

Stufe 1: Download JA oder NEIN, und wenn JA, dann kann im Nachhinein die Qualität beurteilt werden.

Stufe 2: CD-Kauf JA oder NEIN aufgrund der Qualitätsbeurteilung in Stufe 1.

 

In diesem Modell wird nun eine Präferenzordnung eingeführt, die die Heterogenität des Musikgeschmacks der Konsumenten abbilden soll.

 

Zentrale Erkenntnis: Musiklabel profitieren vom Musikdownload

Aus diesem zweistufigen Entscheidungsmodell mit heterogenen Musikpräferenzen kann nun abgeleitet werden, die Musil-Label einen höheren Umsatz = Gewinn generieren können, wenn es eine Download-Möglichkeit über File-Sharing-Netzwerke gibt, weil dann der Sampling-Effekt wirksam werden kann. Die Voraussetzung dafür allerdings ist eine entsprechend hohe Heterogenität der Musikpräferenzen. Wenn diese das Maximum erreichen, d.h. jeder/jede hat andere Präferenzen, dann wird der Umsatz der Mehrprodukt-Monopolisten bei Download-Möglichkeit maximiert. Beim anderen Extrem – homogene Präferenzen – wird aus dem Gewinn ein Verlust, wenn File-Sharing möglich ist. Das führt die Autoren zu Schlussfolgerung: „(…) consumers find a better match to their tastes and willing to pay more.“ Das Ergenis ändert sich auch dann nicht, wenn der Preis nicht als exogene, sondern als endogene Variable modelliert wird. „Again, for sufficient product diversity the firm makes higher profit with the possibility of downloading than without.“

Peitz und Waelbroeck versuchen also modellhaft nachzuweisen, dass die Label nicht notwendiger Weise einen Verlust durch File-Sharing erleiden müssen. Sie müssen allerdings für eine entsprechende Vielfalt an Musikproduktionen sorgen und das Sampling über File-Sharing zumindest zulassen.

 

Kritische Würdigung

Wesentlich differenzierter als Liebowitz modellieren Peitz und Waelbroeck den Sampling-Effekt. Vor allem die Aussage, dass eine entsprechende Produktvielfalt die Voraussetzung dafür ist, dass das Sampling die Gesamtwohlfahrt und damit auch die Erträge der Label erhöhen kann, ist eine Erkenntnis, die durchaus hervorgehoben werden sollte.

Allerdings müssen die Modellannahmen kritisch hinterfragt werden. Die Marktstruktur der Musikindustrie sollte nicht als Mehr-Produkt-Monopol, sondern als monopolitische Konkurrenz modelliert werden. Dann ist aber nicht die Gewinn- bzw. Erlösmaximierung das Ziel der Label, sondern die Maximierung der Marktanteile. Zudem räumen die Autoren selbst ein, dass sie die Marktasymmetrie, wie sie auf einem Markt für ein Erfahrungsgut vorliegt, nicht im Modell berücksichtigt ist. Da ber Marktasymmetrie vorliegt, und zwar insbesondere zwischen und Musikkonsumenten, kann daraus geschlossen werden, dass der Sampling-Effekt eine noch größere Rolle spielen muss als von den Autoren angenommen.

Unrealistisch ist auch, dass die Produktalternativen in gleicher Differenz zueinander am Salop-Kreis angeordnet sind. Da die Konsumenten nicht vollkommen uninformiert sind, sondern über diverse Medien (Radio, TV und Printmedien) vorab Informationen über einen Musiker oder ein Album beziehen könnten, verringert sich die Unsicherheit bezüglich der Musik. Das reduziert aber wiederum die Wirkung des Samplings. Letztendlich müssen die Schlussfolgerungen aus dem Modell relativiert werden.

 

 

Bounie et al., 2005, „Pirates or Explorers?“

Bounie, Bourreau und Walbroeck haben zwischen dem 26.5. und 3.6.2004 mittels anonymisierter Onlinebefragung an zwei französischen Écoles Superieurs von insgesamt 589 Studierenden den Musikkonsum erfasst (Rücklaufquote 30%). Davon bildeten 352 Personen, die alle relevanten Fragen beantwortet haben, das zur ökonometrischen Auswertung herangezogene Sample. Abgefragt wurden: demographische Variable (Schultyp, Geschlecht und Alter), die Qualität des Internetzugangs, die Art des Musikkonsums, MP3-Nutzung und die Meinung zum Downloading.

 

Nutzerprofile

Die erste Auswertung ergab, dass 89% aller Befragten männlich und 90% Studierende waren. Jeweils 5% waren wissenschaftliche Mitarbeiter und administratives Personal. Weiters waren 85% der Befragten in einem Bakkalaureats- oder Masterstudium inskribiert und 5% waren Doktoranten.

Von allen Befragten gab 93% an, über einen Breitband-Internetzugang zu verfügen. 90% von diesen war zumindest 5 Stunden pro Tag bzw. 30 Stunden pro Woche online. 82% hörten zumindest einmal und 53% sogar mehr als 10 Stunden pro Woche Musik, woraus die Autoren einen „strong taste for music“ identifizieren. Weiters kann aus der Befragung abgeleitet werden, dass 44% regelmäßig CD-Geschäfte und 36% Konzerte besuchen. 33% spielten ein Instrument. Die Musikaffinität ist also bei einer großen Gruppe von Studierenden sehr hoch.

 

Bezüglich des Musikkonsums haben die Befragten folgenden Angaben gemacht:

         Mehr als 35% kauft mehr als 5 CDs oder mehr pro Jahr. Der Durchschnitt liegt bei 5,5 CDs pro Jahr (in Frankreich werden im Durchschnitt 2,6 CDs pro Kopf und Jahr gekauft).

         16% kauften aber gar keine CD mehr.

         Durchschnittlich verfügten die Befragten über eine CD-Sammlung von 80 Stück. 31% besitzen aber sogar mehr als 100 CDs.

         88% hat sich MP3s unentgeltlich besorgt, davon 70% über P2P-File-Sharing-Netzwerke. 74% werden zudem vom internen Netzwerken (Intranet) und 58% von physischen Datenträgern (CD, USB-Sticks etc.) gerippt bzw. herunter geladen.

         Die File-Sharer bevorzugen zu 68% das Intranet als Download-Quelle, und erst dann kommen der Austausch über physische Datenträger (56%) und das P2P-File-Sharing (48%). Daraus schließen die Autoren, dass der Musik-Download über persönliche Beziehungen gegenüber dem anonymen P2P File-Sharing bevorzugt wird.

         Mehr als die Hälfte der Befragten besitzen mehr als 500 Musik-MP3s und nur 10% gaben ab, gar keine zu besitzen.

         73%, die MP3-Files in irgendeiner Form besitzen bewahren von diesen knapp mehr als Hälfte über längre Zeit auf.

 

Der letzte Punkt ist nun für die Autoren das Unterscheidungsmerkmal zwischen „Explorers“ und „Piraten“. Letztere sind nämlich solche, die eine MP3-Musik-Bibliothek aufbauen wollen, ohne dafür zu zahlen. „Explorer“ hingegen sind solche MP3-Nutzer, die downloaden, um neue Musik, neue Künstler oder Genres kennen zu lernen und deshalb auch einen Großteil der Musik-Files wieder löschen, weil sie sich letztendlich dann doch einen Tonträger kaufen (Sampling-Hypothese).

 

Sampling als bestimmte Form der Musiknutzung

Von denjenigen Befragten, die die Autoren als „Musik-Sampler“ ausgemacht haben, behaupteten 93%, dass sie über die unentgeltlich erworbenen MP3s neue Musiker kennen gelernt haben. 70% gab zudem an, dass sie aufgrund der frei herunter geladenen Musik-Files sich eine CD gekauft hätten, was sie ohne Downloadmöglichkeit nicht getan hätten. Bounie et al. schließen daraus, dass der „Sampling-Effekt“ beim Downloaden ziemlich stark ausgeprägt sein muss. Da wird auch dadurch gestützt, dass 49,1% der Befragten angaben, ihr CD-Kaufverhalten trotz Download-Möglichkeiten nicht verändert zu haben. 30,4% gaben an, weniger CDs zu kaufen und 20,5% kauften sogar mehr CDs wegen des kostenlosen File-Sharings.

 

Die „Explorer“ von Musik zeichnen sich dadurch aus, dass sie viel Musik herunter laden aber auch käuflich erwerben. Hingegen kaufen die „Piraten“ so gut wie keine CDs mehr, weil sie diese durch den Musik-Download ersetzen (Substitutionseffekt). Insgesamt zeigt sich, dass die „Explorer“ mehr als doppelt so viele Musik-Files“ kostenfrei herunter laden als die „Piraten“.

 

Und damit kommen wir auch schon zur ökonometrischen Analyse der Daten. Die Autoren weisen nämlich statistisch signifikant nach, dass Personen, die eine hohe Musikaffinität haben (sehr oft und regelmäßig pro Woche Musik hören), eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, eine CD zu kaufen, nachdem sie einen kostenfreien Download getätigt haben. Wer den Download bevorzugt über ein internes Netzwerk macht, weißt sogar eine noch höhere Wahrscheinlichkeit auf, eine CD nach dem File-Sharing zu kaufen. Signifikant ist aber auch, dass mehr als die Hälfte der „Piraten“ weniger CDs kaufen, nachdem sie Musik frei herunter geladen haben. Zudem tendieren Fans von HipHop/Rap-Musik dazu eher den CD-Kauf einzuschränken als im Vergleich der Pop-/Rock-Musik-Fans. Ob nun die HipHop-/Rap-Fans nun tendenziell „Piraten“ sind und Pop-/Rock-Fans „Explorer“ lassen die Autoren aber offen.

 

Schlussfolgerungen

Nach Bounie et al. gibt es zwei signifikant unterscheidbare Nutzer von File-Sharing. Die „Sampler“, die neue Musik kennen lernen wollen, um sich dann eine CD zu kaufen, wenn ihnen die Musik gefallen hat und die „Piraten“, die sich kostenlos eine digitale Musik-Bibliothek aufbauen wollen. Die „Explorer“ zeichnen sich im Vergleich zu den „Piraten“ durch eine größere Musikaffinität aus und besitzen im Durchschnitt nicht nur mehr CDs, sondern auch mehr MP3-Musik-Files. Aus diesem Grund sollen neue Geschäftsmodelle in der Musikindustrie zwischen diesen beiden Typen klar unterscheiden und die entsprechende Produkte/Leistungen anzubieten. Angesichts der Tatsache, dass Musik vor allem über interne Netzwerke kostenlos herunter geladen wird, kommen die Autoren noch zuletzt zum Schluss, „(…) that shutting down anonymous P2P networks on the internet would not completely eliminate unauthorized exchanges of copyrighted music files.“

 

Kritische Würdigung

Die Autoren versuchen nicht nur Sampling zu modellieren, sondern auch empirisch zu testen. Allerdings ist die Befragung nicht repräsentativ und Studierende, die, wie schon an anderer Stelle ausgeführt, sind aufgrund ihrer hohen Musikaffinität nicht als Untersuchungsobjekt verallgemeinerbar. Wie wäre es sonst zu erklären, dass die Umsätze für käuflich zu erwerbende Musik insgesamt stark zurück gegangen sind, obwohl Sampling ja, nach Angaben der Autoren zu mehr CD-Käufen führen müsste. Oder gibt es in der allgemeinen Bevölkerung mehr „Piraten“ als „Explorer“?

 

 

Gopal et al., 2006, Do Artists Benefit from Online Music Sharing?

Die Autoren, die bereits 2004 ein Working Paper mit dem gleichen Titel ins Netz gestellt haben, entwickeln ein mikroökonomisches Modell, in dem die Anreizstrukturen für Produzenten und Konsumenten bezüglich Musik dargestellt werden und konfrontieren dieses mit verschiedenen Marktszenarien, um die ökonomischen Wirkungen des Samplings auf den Tonträgerabsatz studieren zu können. Sie ziehen aus ihrer Studie drei Schlussfolgerungen: (1) Der Anreiz für Konsumenten zum Sampeln und Musik käuflich zu erwerben, hängt sehr stark von der Bewertung eines Musikstücks ab; (2) die Produzenten können effektiv Piraterie bekämpfen und ihre Erträge steigern; (3) das Sampeln reduziert den Superstar-Effekt und zwar proportional zu den Sampling-Kosten.

 

Ein Anreizmodell des File-Sharing unter Unsicherheit

Die File-Sharing-Technologie leistet einen Beitrag die Informationskosten bei einem Erfahrungsgut wie Musik und die damit verbundene Unsicherheit zu reduzieren. Das Sampeln von Musik über Tauschbörsen ist aber mit Kosten verbunden (Such- und Downloadkosten wie auch Kosten des illegalen Musikkonsums). Nach dem Download eines Songs hat der Musikkonsument drei Möglichkeiten: (1) eine kostenpflichtige Variante des Songs zu erwerben; (2) die illegal erworbene Kopie zu behalten; (3) den herunter geladenen Song wieder zu löschen. Welche Entscheidung er nun trifft, hängt nun stark vom Wert, der dem Song zugewiesen wird, ab. Diese Entscheidung muss aber unter Unsicherheit getroffen werden, weil die Musik meist unbekannt ist, die gesampelt wird. Allerdings kann die Unsicherheit reduziert werden, wenn man nach Musik eines Superstars sampelt, da man hier bereits über Erfahrungswerte früherer Musiktitel verfügt.

 

Vorhersagen, die aus dem Modell abgeleitet werden

Aus diesen Elementen leiten nun die Autoren ihr Anreizmodell des File-Sharing ab, und kommen zu folgenden Vorhersagen:

         Der Anteil der Musik-Sampler unter den Konsumenten verhält sich verkehrt proportional zu den Sampling-Kosten. D.h. je niedriger die Such- und Downloadkosten sowie die Kosten des illegalen Musikkonsums desto höher die Sampling-Rate und desto wahrscheinlicher ist eine nachfolgender Kauf des Musiktitels.

         Der Anteil der Konsumenten, die nachträglich Musik käuflich erwerben, verhält sich verkehrt proportional zum Preis der Kaufmusik. D.h. je teurer der kostenpflichtige Download oder die CD desto geringer die Chance, dass er/sie gekauft wird.

         Der Anteil der Musik-Sampler, die nachträglich nicht kaufen, ist verkehrt proportional zum wahrgenommenen Wert, der dem Musikstück zugemessen wird.

         File-Sharing hat einen positiven Einfluss auf den Ertrag aus Kaufmusik, wenn die Musik als sehr wertvoll eingeschätzt wird. Je wertvoller die Musik eingeschätzt wird desto höher ist auch die Gesamtwohlfahrt, die das File-Sharing erzeugt.

         Wenn die Sampling-Kosten sehr hoch sind, dann werden Musiktitel von einem Superstar gegenüber einem weithin unbekannten Musiker vorgezogen. Tendieren hingegen die Samplingkosten (aufgrund von File-Sharing) gegen Null, so verhält es sich umgekehrt.

 

Um die Prognosen auch empirisch testen zu können, haben die Autoren im zweiten Teil ihres Artikels eine empirische Studie in Form einer Befragung durchgeführt. Ein Fragebogen, der einem Pre-Test unterworfen wurde, wurde 200 College-Studentinnen und Studenten an der University of Connecticut vorgelegt. Erfragt wurden demographische Informationen, die Erfahrungen mit Onlinemusik, und die Präferenzstrukturen bezüglich Onlinemusik. Zur Präferenzermittlung wurden gekoppelte Statements wie z.B. „download and sample, delete from computer, buy CD“ oder „Do not download, do not buy CD“ in insgesamt 6 Varianten vorgelegt. Diese Statements wurden zudem mit verschiedenen Preisinformationen für CDs (US$ 5 vs. US$ 15) in Beziehung gesetzt. Die Sampling-Kosten wurden dann über die Geschwindigkeit der Internetverbindung gemessen. Daraus ergaben sich ein Szenario, das mit hohen Sampling-Kosten verbunden war und ein solches mit niedrigen Kosten. Um nun auch noch den Unsicherheitsfaktor in die empirische Erhebung einfließen zu lassen, wurden die Befragten gebeten ihre Lieblingsmusik (bekannte Musik) und Musik von vertrauten Musikern oder Musik von bevorzugten Genres, die man noch nicht gehört hat oder die man von Freunden empfohlen bekommen hat (unbekannte Musik).

 

Mittels Regressionsanalyse konnte nun gezeigt werden, dass Einkommen keinen oder zumindest keinen signifikanten Effekt auf den Musikkonsum hat. Weibliche Befragte weisen eine negative Korrelation zur Piraterie auf aber eine positive Korrelation zur Entscheidung „sampeln und kaufen“ auf. Die Höhe des Preises steht in einem inversen Verhältnis zum Musiksampeln- und kaufen. Weiters wirken sich hohe Sampling-Kosten signifikant negativ auf die Bereitschaft, Musik von einem unbekannten Künstler zu kaufen, aus. Aber die Kosten beeinflussen auch negativ die Sample-Kauf-Entscheidung. Und schließlich ist die Entscheidung zu „sampeln und zu kaufen“ postiv korreliert mit dem wahrgenommenen Wert für ein Musikstück.

Welche Rolle nun der Superstar-Effekt im Entscheidungsmodell spielt, haben die Autoren über eine Auswertung der Billboard-Top-200-Alben, eruiert. Dabei wurden erhoben: (a) frühere Reputation des Musikers (Zeitdauer in den Charts); (b) Platzierung in der Woche, in der ein Album erstmals veröffentlicht wurde; (c) höchste erreichte Chartplatzierung; (d) Chart-Hit gemessen an der 4-Jahres-Reputation; (e) Anzahl jener Musiker, die nur einmal im Jahr in die Charts kamen; (f) Anzahl der Alben, die es nur einmal im Jahr in die Charts geschafft haben; (g) Anzahl der Internetuser, die im jeweiligen Zeitabschnitt online waren als Maß für den Informationsumfang, der über Musiker zur Verfügung stand.

In der statistischen Auswertung wurden nun Zeitabschnitte miteinander verglichen, in denen File-Sharing möglich oder eben nicht möglich war. Diese ergab nun, dass über im letzten Jahrzehnt die Zahl der nur einmal jährlich in den Charts vertretenen Musiker und auch Alben statistisch signifikant mit der Zahl der Internetuser zusammenhängt. Daraus schließen Gopal et al., „(…) that with lowering of information sampling costs, consumers become aware of more new albums that they like, leading to more artists and albums being ranked on the charts“. Gleichzeitig können sie aber auch zeigen, dass der Einfluss von Reputation, den man Superstars zuschreiben kann, mit der Zeit sinkt. Mit anderen Worten, je höher die Vielfalt desto mehr Musiker schaffen es in die Charts. Das impliziert, „(…) that as sampling becomes less expensive , the superstar effect is eroded overall, and more users purchase music items based on their actual, not perceived, valuations“.

 

Kritische Würdigung

Auch Gopal et al. haben eine nicht-repräsentative Befragung unter College-Studierenden mit all ihren Einschränkungen durchgeführt, um den Sampling-Effekt auch empirisch abzutesten. Besonders interessant sind dabei die Aussagen, dass durch das Sampling de Superstareffekt über die letzte Dekade abgenommen hat. Leider ist der empirische Beleg dafür nicht sehr aussagekräftig. Es wird nämlich die Zahl der Internetuser in direkte Relation zum Superstar-Effekt gesetzt, was meines Erachtens nicht zulässig ist. Warum soll die Wirkung der Superstars abnehmen nur weil es mehr Benutzer des Internets gibt? Korrekterweise müsste man eine Studie durchführen, wie hoch der Anteil der Musiksampler ist, um diese Werte dann mit dem Superstareffekt zu korrelieren. Insgesamt sind überhaupt die Statements, die in der Befragung vorgelegt wurden, sehr stark aufs Modell bezogen und sehr restriktiv. Sie lassen kaum Alternativen vor und es entsteht der Eindruck, dass die Befragung so konstruiert wurde, dass Modell kompatible Ergebnisse erzielt werden können. Unterm Strich liefert sie auch keinerlei quantitative Aussagen zum Sampling- oder zum Substitutionseffekt, was auch Erwähnung finden sollte.

Dennoch kann der Versuch ein Modell für das Sampling zu erstellen, um es dann auch empirisch zu testen durchaus als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden.

 

Quellenangabe

Peitz, Martin und Waelbroeck, Patrick, 2006, Why the music industry may gain from free downloading – The role of sampling. International Journal of Industrial Organization, Vol. 24 (2006), S. 907-913.

Bounie, David, Bourreau, Marc und Waelbrock, Patrick, 2005, Pirates or Explorers? Analysis of Music Consumption in French Graduate Schools. Telecom Paris Economics Working Paper No. EC-05-01, Juni 2005.

Gopal, Ram D., Bhattacharjee, Sudip und Sanders, Lawrence G., 2006, Do Artists Benefit from Online Music Sharing? The Journal of Business, Vol. 79, Nr. 3, S. 1503-1533.

 

Im nächsten Beitrag wird die Studie „Measuring the Effect of Online Music Piracy on Music Sales“ von Alejandro Zentner besprochen, die oft zitiert wird, um zu zeigen, wie sehr das File-Sharing nicht nur in den USA, sondern auch in Europa der Musikindustrie schadet.


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