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Die ökonomischen Folgen der Musik-„Piraterie“

Vor kurzem hat eine von der „Business Action to Stop Counterfeiting and Piracy“ (BASCAP) bei der Marktforschungsfirma Frontier Economics Ltd., London in Auftrag gegebene Studie mit dem Titel „Estimating the Global Economic and Social Impacts of Counterfeiting and Piracy“ für Aufsehen gesorgt. Die von der Internationalen Handelskammer (International Chamber of Commerce) 2005 ins Leben gerufene Initiative (www.iccwbo.org/bascap) versucht anhand dieses Berichts den Umfang der weltweiten Produkt- und digitalen Piraterie zu bewerten. Für 2008 wird der Wert der Produkt- und digitalen Piraterie zwischen US$ 455 Mrd. bis US$ 650 Mrd. angegeben und soll bis 2015 auf US$ 1.220 Mrd. bis US$ 1.770 Mrd. steigen. Der Anteil der digitalen Piraterie von Musik, Filmen und Software wird für 2008 mit 6,6% bis 11,5% des Gesamtvolumens der weltweiten Piraterie angegeben, was in etwa US$ 30 Mrd. bis US$ 75 Mrd. entspricht. Bis 2015 wird zudem ein Anstieg auf US$ 80 Mrd. bis US$ 240 Mrd. erwarten.

Ich möchte nun in der Folge nicht auf den Gesamtbericht eingehen, sondern mich auf das Kapitel über die digitale Piraterie von Musik konzentrieren, in dem der Wert unlizenzierter Musik für 2008 mit US$ 17 Mrd. bis US$ 40 Mrd. angegeben wird.

 

Im Fall der digitalen Musikpiraterie werden als Basis die beiden Studien der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) aus den Jahren 2006 und 2008 heran gezogen. Darin wird geschätzt, dass 2005 weltweit 20 Mrd. Songs unauthorisiert aus Filesharing-Netzwerken herunter geladen wurden. 2008 hat sich die Zahl der unauthorisiert getauschten Musikfiles auf 40 Milliarden verdoppelt.

Abgesehen von der Tatsache, dass nicht in allen Ländern der Download von Musikfiles illegal ist, ist die verwendete Datenquelle alles andere als unabhängig. Nun wird aber im BASCAP-Bericht eine simple Rechnung angestellt. Wenn 2008 rund 40 Milliarden Musikfile weltweit unauthorisiert auf Filesharing-Netzwerke getauscht wurden, und wenn der durchschnittliche Preis für einen Musikdownload nach Angaben der Recording Industry Association of America (RIAA) bei rund US$ 1.- liegt, dann liegt der Wert der digitalen Musikpiraterie im Jahr 2008 bei US$ 40 Mrd. Und das wird noch als konservative Schätzung erachtet, weil „Piraterie“ über Mobiltelefonie und über „illegales“ Streaming gar nicht berücksichtigt wurde. Aber natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung. Es kann nämlich nicht jeder Download aus einem Filesharing-Netzwerk mit einem Wert von US$ 1 belegt werden. Das würde bedeuten, dass all diese Files bei Abwesenheit von Filesharing auch tatsächlich um US$ 1.- gekauft worden wären. Man braucht kein Experte für Musiknutzungsverhalten zu sein, um zu erkennen, dass diese Annahme vollkommen unplausibel ist. Vielmehr ist anzunehmen, dass ein Großteil der Files gar nicht erworben worden wäre, weil keine Zahlungsbereitschaft vorausgesetzt werden kann. Hingegen wird der mit dem Gratis-Download verbundene Sampling-Effekt des Kennenlernens neuer Musik und Musiker/innen, der sogar zu Kaufakten führen kann, von der Studie völlig ausgeblendet.

In weiterer Folge beziehen sich die Autor/innen des Berichts auf akademische Studien, die ihre „Berechnungen“ untermauern sollen. Dabei fällt auf, dass die Auswahl der Studien sehr selektiv ist und vor allem mit einer Ausnahme jene berücksichtigt, die besonders hohe negative Effekte des Filesharings auf den Musikverkauf ausmachen. Bezug genommen wird auf Liebowitz „File Sharing: Creative Destruction Or Just Plain Destruction?“ (2006), Zentner “File Sharing and International Sales of Copyrighted Music” (2005), Rob und Waldfogel “Piracy on the High C’s” (2006), Michel “The Impact of Digital File Sharing on the Music Industry” (2004) sowie auf Oberholzer-Gee und Strumpf “The Effect of File Sharing on Record Sales” (2007). Wie aufmerksame Leser/innen dieses Blogs wissen, gibt es noch zahlreiche weitere Studien zu den ökonomischen Wirkungen des Musik-Filesharings, wobei eine genaue Abwägung der gewählten Methodik und Datenauswertung vorzunehmen ist. Das ersparen sich aber die BASCAP-Studienautor/innen und suggerieren, dass vor allem die Zentner-Studie der Weisheit letzter Schluss wäre. Diese kommt nämlich zum Ergebnis, dass zwischen 1997 und 2002 das Musik-Filesharing für 24% des Umsatzrückganges im Musikverkauf verantwortlich ist. Obwohl sich diese Auswertung auf das Jahr 2002 bezieht, übertragen die Autor/innen den Wert von 24% Umsatzeinbuße auf das Jahr 2008 und errechnen einen Verlust für die Tonträgerindustrie von US$ 3,5 Milliarden. Zusätzlich wird auf die von Rob und Waldfogel errechnete Substitutionsrate von 20%, d.h. jeder fünfte bis sechste „illegale“ Download ersetzt einen legalen Kauf, Bezug genommen, ohne dazu zu sagen, dass in dieser Studie ein Wohlfahrtseffekt des Filesharings geschätzt wurde, der höher liegt als die Verluste der Musikindustrie. Wie auch immer, die Studienautor/innen errechnen aufgrund dieser Substitutionsrate einen jährlichen entgangenen Umsatz der Musikindustrie von US$ 8 Mrd. In weitere Folge werden nun die US$ 3,5 Mrd. mit der Substitutionsrate von 5:1 bzw. 6:1 multipliziert, was zu einem Wert unauthorisiert getauschter Musikfiles von US$ 17 Mrd. bis US$ 21 Mrd. führt. Dieser Wert wird allerdings als zu niedrig für das Jahr 2008 eingestuft, weil sich die genannten Studien auf die Jahre vor 2003 beziehen.

Aus verschiedenen Gründen sind nun diese Berechnungen vollkommen wertlos. Zum einen beziehen sie sich auf Studien, deren Methodik alles andere als zuverlässig ist. So setzt Zentner die Internetpenetration als Proxy-Variable für das Musik-Filesharing-Volumen an, obwohl zwischen diesen beiden Größen kein kausaler Zusammenhang besteht. Der daraus abgeleitete Anteil des Umsatzverlustes der Musikindustrie von 24-30% ist alles andere als empirisch gesichert. Die Studie von Rob und Waldfogel bezieht sich auf eine nicht repräsentative Befragung von US-College-Studierenden und darf nicht verallgemeinert werden. Daraus eine Substitutionsrate abzuleiten, die dem weltweiten Musikkonsum unterstellt wird, ist daher unzulässig. Michel hingegen hat seine Berechnungen auf ein Modell bezogen, das mit sehr realitätsfernen Annahmen operiert und sich zudem auf empirische Daten aus den Jahren 1998 bis 2001 beziehen und somit vollkommen veraltet sind. Das sind im übrigen auch die Ergebnisse von Oberholzer-Gee und Strumpf, deren Methodik aber am ehesten in der Lage ist, den Zusammenhang zwischen Musik-Filesharing und Musikverkäufen herzustellen. Die Studienautor/innen gehen aber gar nicht weiter auf die Erkenntnisse von Oberholzer-Gee/Strumpf ein und missinterpretieren zudem deren Aussagen in dem 2010 erschienenen Working-Paper „File Sharing and Copyright“, das Felix Oberholzer-Gee im Rahmen der ersten „Vienna Music Business Research Days“ im Juni 2010 präsentiert hat.

Die veralteten Daten sind das Hauptproblem in der Argumentation der Studienautor/innen. Sie lassen sich sogar zur Aussage hinreißen, dass aufgrund der veralteten empirischen Befunde der Wert der digitalen Musik-Piraterie noch wesentlich höher angesetzt werden müsste. Das ist natürlich ein Trugschluss, denn die Studienautor/innen berücksichtigen dabei das Aufkommen legaler Download- und Streaming-Angebote, die vor allem nach 2003 eine große Verbreitung fanden wie iTunes, YouTube, amazon.com uvm. in ihren Berechnungen überhaupt nicht. Dabei sind es vor allem diese Angebote, die durch die Möglichkeit Musik, entbündelt vom Album zu konsumieren, zum Umsatzrückgang in der Musikindustrie mehr Anteil haben als alles Musik-Filesharing zusammen genommen (siehe dazu „Die Rezession in der Musikindustrie“ und „Vom Alben- zum Singlemarkt – weitere empirische Belege“).

Berücksichtigt man alle diese Einwände, so sind die Ausführungen über die digitale Musikpiraterie im BASCAP-Bericht vollkommen substanzlos. Zudem werden Aussagen gemacht, die jeder Grundlage entbehren wie: „(…) the annual amount of retail music sales have fallen almost $15 billion dollars between 1999 and 2008.“ Was soll das heißen? Dass jährlich US$ 15 Mrd. in der weltweiten Musikindustrie zwischen 1999 und 2008. Bei einem Gesamtumsatzvolumen von US$ 38,7 Mrd. im Jahr 1999 müsste demnach die Musikindustrie umsatzmäßig bereits verschwunden sein. Aber auch wenn der Verlust, wie zu vermuten ist, sich auf den gesamten Zeitraum bezieht, so lässt sich dieser Wert nicht aus den IFPI-Daten herauslesen. Demgemäß betrug nämlich der weltweite Umsatzrückgang (retail value) bei Musikverkäufen zwischen 1999 und 2008 US$ 10,6 Mrd. Die Differenz von US$ 4,4 Mrd. müssen die Studienautor/innen erst einmal erklären. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen schlicht falschen und unpräzisen Zahlenangaben im Berichtsabschnitt zur Musikpiraterie.

Eigentlich lohnt es sich gar nicht, ein Wort über die Ausführungen im BASCAP-Bericht zur Musikpiraterie zu verlieren. Aber der Bericht wurde von der Internationalen Handelskammer in Auftrag gegeben und bekommt dadurch natürlich Gewicht. Deshalb muss auf die schlechte und methodisch unzureichende Machart des Berichtsabschnitts zur Musikpiraterie hingewiesen werden. Es ist schade, dass viel Geld für derartige Auftragsarbeiten bereitgestellt wird, die das Papier nicht wert sind, auf denen sie gedruckt sind. Und es verweist auf die dringende Notwendigkeit eines international abgestimmten Forschungsprojekts, in dem vorurteilslos und nicht tendenziös die wirtschaftlichen Auswirkungen der unauthorisierten Verbreitung von Musik auf die Musikindustrie untersucht werden.


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