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40 Jahre Woodstock – Wirtschaftsdebakel und Mythos

Am 15. August 2009 jährt sich zum 40. Mal der Beginn jenes dreitägigen Musikfestivals, das wie kein anderes zum Mythos geworden ist: Woodstock. Das ist angesichts des organisatorischen Chaos und der wetterbedingten katastrophalen Zustände erstaunlich. Noch dazu sind sich die Kommentatoren weitgehend einig, dass Woodstock weder in musikhistorischer noch in musikwirtschaftlicher Hinsicht keineswegs als herausragend zu bezeichnen ist. Von den 32 am Festival auftretenden Acts war Woodstock gerade einmal für drei das Sprungbrett zu einer internationalen Karriere. Der Großteil aber hatte schon davor lukrative Plattenverträge in der Tasche und genoss mehr oder weniger Starruhm. Das ist auch wenig überraschend, denn Woodstock war von den Organisatoren als gewinnbringende Veranstaltung geplant worden. Dazu brauchte man zugkräftige Acts, die eine entsprechend hohe Gage forderten: Die reichte von US$ 2.500 (2009: US$ 14.700) für The Grateful Dead bis zur Höchstgage von US$ 18.000 (2009: US$ 105.800) für die Jimi Hendrix Experience (Schäfer 2009: 25). Dementsprechend hohe Kartenpreise sollten daher auch für einen Gewinn sorgen: US$ 7 für einen Tag, US$ 13 für zwei Tage und US$ 18 für alle drei Tage (Schäfer 2009: 8). 2009 wären das US$ 41,10 für einen Tag, US$ 76,40 für zwei Tage und US$ 105,80 für alle drei Tage. Worin liegt also das Geheimnis, dass eine dermaßen kommerzielle Angelegenheit zum Höhepunkt der Hippie-Bewegung werden konnte und 40 Jahre danach immer noch für Gesprächsstoff sorgt?

Die weiteren Ausführungen orientieren sich an „Woodstock ’69“ (2009) von Frank Schäfer und „Young Men With Unlimited Capital“ von John Roberts, Joel Rosenman und Robert Pilpel (1974; dt. Übersetzung unter dem Titel „Making Woodstock“, 2009).

Die Vorgeschichte und das vorprogrammierte Chaos

Beginnen wir unsere Spurensuche im Februar 1969. Es war am 6. Februar 1969, als die beiden Hippies Mike Lang und Artie Kornfeld die Betreiber des gerade erst gegründeten Media Sound Tonstudios, Joel Rosenman und John Roberts, in deren gemeinsamen Appartement in Manhattan aufsuchten, um sie davon zu überzeugen, in Woodstock, einem kleinen Ort rund 100 Meilen nördlich von New York City, ein Tonstudio einzurichten. Woodstock war bewusst gewählt, denn dorthin hatte sich der rekonvaleszente Bob Dylan nach seinem schweren Motorrad-Unfall (1966) zurückgezogen. Ihm waren noch einige andere Stars jener Zeit (The Band, Blood Sweat & Tears, Jimi Hendrix, Janis Joplin und ihre Kozmic Blues Band) gefolgt und das Duo Lang-Kornfeld versprachen sich ein gutes Geschäft davon, die Tonstudioinfrastruktur quasi frei Haus zu liefern.

Zur Eröffnung des Studios sollte ein Konzert gegeben werden, damit die eingeladenen Medienvertreter das Projekt promoten könnten. Zwar wollten Roberts und Rosenman nicht noch ein Tonstudio gründen, aber sie schlugen Lang und Kornfeld vor, das Konzert auf ein zweitägiges Musik- und Kunstfestival auszudehnen. Den daraus fließenden Gewinn könnten Lang und Kornfeld dann zur Finanzierung des Tonstudios zu verwenden. Als Budget wurden gleich einmal großzügig US$ 250.000 veranschlagt – Auftrittshonorare für die Musiker, für Organisation und die Bühneninfrastruktur. Bei zu erwartenden 100.000 Besuchern an beiden Tagen sollte bei durchschnittlichen Ticketpreisen von US$ 5 ein Reingewinn zwischen US$ 250-300.000 erzielbar sein. Das wäre dann genug Startkapital für das geplante Tonstudio in Woodstock.

Um keine wertvolle Zeit zu verlieren und noch mehr Gewinn zu lukrieren, wurde das Festival gleich um einen Tag verlängert und für den 15. bis 17. August desselben Jahres anberaumt. Man rechnete nun mit insgesamt 200.000 Besuchern. Nun galt es nur noch die Musiker zu engagieren, das passende Festivalgelände zu finden und dort die nötige Infrastruktur zu errichten. Zu diesem Zweck wurde die Firma Woodstock Ventures begründet, an der alle vier Protagonisten zu je 25% beteiligt waren. Kornfeld sollte die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, Lang für den Bühnenaufbau und die Tontechnik sorgen sowie die Künstler engagieren und Roberts und Rosenman sich um die Finanzen und das organisatorische Rundherum kümmern.

Soweit so unspektakulär und die vier Verantwortlichen für die nun umzusetzende „Woodstock Music & Art Fair“ hatten auch einige Erfahrung im Musikgeschäft. Michael Lang hatte 1966 in Florida ein Fachgeschäft für Hippie-Bedarf eröffnet, wo unter der Theke auch mit illegalen Drogen gehandelt wurde. Bald schon war sein Shop Szenetreff und er begann eine Untergrundzeitschrift zu verlegen und lokale Konzerte zu veranstalten. Am 18./19. Mai 1968 erlangte er überregionale Bekanntheit als Veranstalter des Miami Pop Festivals, das mit einer beachtlichen Anzahl von Stars aufwarten konnte – Steppenwolf, Mothers of Invention, Blue Cheer, Arthur Brown, Chuck Berry und Jimi Hendrix – und das immerhin an beiden Tagen 100.000 Besucher anlocken konnte. Allerdings war das Festival ein finanzieller Reinfall und Lang wurde daraufhin Manager der Rockband The Train. Für diese versuchte er einen Plattendeal an Land zu ziehen und traf so auf Artie Kornfeld, der A&R-Manager bei Capitol Records, der US-Tochter der britischen EMI, war und die Gruppe unter Vertrag nahm. Da The Train bei Konzerten mehr Schaden verursachten als sie Gage einbrachten, suchten Lang und Kornfeld ein neues Betätigungsfeld und verfielen auf die Idee vom Tonstudio in Woodstock. Die zu diesem Zweck im Februar 1969 konsultierten New Yorker Tonstudio-Betreiber, John Roberts und Joel Rosenman, waren alles andere als Hippies und stammten aus der New Yorker Oberschicht. Roberts Vater war der Gründer eines expandierenden Pharma-Konzerns und Rosenmans Vater unterhielt eine florierende Zahntechnik-Ordination auf Long Island für die Reichen und Schönen der Stadt. Roberts hatte an der Annenberg School of Communication in Philadelphia seinen Abschluss gemacht und bezog sein Einkommen aus den Zinsen, den ein Familienfonds abwarf. Rosenman hatte ein Jus-Studium absolviert und arbeitete hauptberuflich in einer Anwaltskanzlei und war „nebenberuflich“ Gitarrist in einen Rockband. Roberts und Rosenman wollten mit der Gründung des besagten Tonstudios aus dem vorgezeichneten, nicht sehr aufregend erscheinenden Lebensweg ausbrechen. Als dann Lang und Kornfeld in die Wohnung geschneit kamen, muss das für Roberts und Rosenman ein Hauch von jenem Abenteuer gewesen sein, das sie gesucht hatten. 

Und es wurde auch ein Abenteuer, aber anders als es sich die vier ursprünglich gedacht hatten. Die ersten Probleme ergaben sich bereits bei der Suche nach einem geeigneten Festivalgelände. Ein passendes Grundstück, auf dem 30.000 Besucher untergebracht werden konnte, wurde von einem Hot-Dog-Fabrikanten in Saugertiers unweit von Woodstock angeboten. Allerdings bekam dieser aufgrund von Anrainerprotesten kalte Füße und man musste sich nach einem neuen Veranstaltungsort umsehen. In Wallkill wurde man fündig. Ein alter Industriepark, der über einen Strom- und Wasseranschluss sowie eine gute Verkehrsanbindung verfügte, schien ideal für eine große Konzertveranstaltung zu sein. Der Vertrag mit dem Grundeigentümer war auch schon unterschrieben und der Gemeinderat hatte auch schon grünes Licht gegeben, als sich eine Bürgerinitiative gegen das Projekt bildete und eine Bürgerversammlung erzwang, in der dann die Veranstaltung in Wallkill zu Grabe getragen wurde. Woodstock Ventures verfügte Mitte Juli 1969 – also ein Monat vor Festivalbeginn – über keinen geeigneten Veranstaltungsort. Max Yasgur, ein Milchgroßbauer im Örtchen White Lake, Town of Bethel im Sullivan County half aus der Verlegenheit. Er stellte für eine Pacht von US$ 57.000 (2009: US$ 335.000) sein in einer Talsenke gelegenes Land zur Verfügung. Das Areal war ideal, glich es doch einer Art Amphitheater mit guter Akustik für eine Freiluftveranstaltung, hatte eine gute Verkehrsanbindung und war wesentlich idyllischer als der aufgelassene Industriepark bei Wallkill. Zwar gab es hier auch Widerstand der Bewohner gegen das „Hippie-Festival“, aber der Gemeinderat stimmte letztendlich doch zu. Der demokratische Bürgermeister von Bethel sollte bei der nächsten Wahl sein Amt an einen Republikaner verlieren, der mit dem Wahlkampslogan „No more Woodstock“ leichtes Spiel hat.

Es konnten also die hektischen Bauarbeiten beginnen. In einem Monat musste die gesamte Infrastruktur errichtet, ein Sicherheitskonzept erarbeitet und an die vielen Besucher, die schon Vorverkauftickets erworben hatten, kommuniziert werden, dass sich der Veranstaltungsort geändert hat. Auch die Musiker mussten für den neuen Veranstaltungsort gewonnen werden, was mühsame und kostspielige Vertragsnachverhandlungen nach sich zog.

Es gelangt aber dennoch eine erkleckliche Anzahl namhafter Künstler zu buchen. Es fehlten nur wenige große Namen wie The Beatles und The Rolling Stones, die einfach zu teuer waren, oder die Doors, weil der paranoide Jim Morrison sich fürchtete von der Menge gelyncht zu werden. Led Zeppelin Manager Peter Grant entschied sich trotz Interesses der Musiker und des Plattenlabels Warner gegen eine Teilnahme, weil die Band nicht ein Act unter vielen anderen sein sollte und er der für den Sommer 1969 geplanten Tournee Priorität einräumte. Jethro Tull, The Byrds, Mind Garage, The Moody Blues und Spirit hielten das Woodstock-Festival einfach für nicht bedeutend genug und Joni Mitchell wäre gern aufgetreten, aber ihr Manager sagte ihren Auftritt wegen der Einladung zur Dick Cavett Show ab. Und Bob Dylan weigerte sich auch sein Comeback in der unmittelbaren Nachbarschaft zu geben. Angeblich hatte er zu diesem Zeitpunkt schon eine vertragliche Verpflichtung mit dem Isle-of-Wight-Festival eingegangen. Ein Spezialfall waren Iron Butterfly, die teilnehmen wollte, aber am New Yorker LaGuardia Flughafen festsaßen, weil ihnen nicht, wie versprochen, ein Hubschrauber geschickt wurde, der sie zum Veranstaltungsort und gleich nach ihrem Auftritt wieder zurück bringen sollte.

Die Zahl der auftretenden Stars war aber trotzdem beeindruckend: Creedance Clearwater Revival, Jefferson Airplane, The Grateful Dead, The Who, Janis Joplin, Crosby, Stills, Nash & Young, Blood, Sweat & Tears, Sly & the Family Stone, Joan Baez oder Jimi Hendrix. Der profane Grund dafür war, dass die Gagen ungewöhnlich großzügig bemessen waren.

Gagentabelle

Rosenman und Roberts (2009: 275) bezifferte fünf Jahre später die Gesamtausgaben für Gagen aller 32 Acts mit US$ 250.000 (2009: US$ 1,47 Mio.). Kostentreiber dabei waren nicht nur die Nachverhandlungen, die wegen der Verlegung der Festivallocation nötig geworden waren, sondern auch die 50%ige Aufzahlung auf die Gage, weil die Organisatoren zu spät realisiert hatten, dass die Film-Rechte für den Dokumentarfilm von Michael Wadleigh noch abgegolten werden mussten.

Die kurze Vorbereitungszeit brachte viele organisatorische Probleme mit sich, die sich negativ auf die Ertrags- wie Aufwandssituation niederschlugen. Durch die Fehleinschätzung der Besucherzahlen waren viel zu wenig Sanitäranlagen – auf geschätzte 225 Personen kam 1 mobiles WC – , Lebensmittel und Wassertanks bestellt worden. Die Catering unerfahrene Firma „Food-for-Love“ arbeitet noch dazu völlig unprofessionell und ineffizient.

Es waren zudem viel zu wenige Sicherheits- und Ordnerkräfte im Einsatz, weil der Polizeichef von New York seinen Beamten untersagt hatte, sich privat ein Zubrot beim Festival zu verdienen. Trotz des Verbots kamen doch viele New Yorker Polizisten inkognito und in Zivil, aber bei Weitem nicht so viele wie vereinbart und benötigt wurden. In die Bresche sprangen dafür die 80 Mitglieder der Hippie-Kommune Hog Farm unter mit ihrem charismatischen Führer Hugh Romney (alias Wavy Gravy). Sie halfen nicht nur beim Bühnenaufbau, sondern kochten auch kostenlos für die Festivalbesucher auf und konnten beschwichtigend auf die Festivalgäste einwirken, vor allem, wenn sie gerade auf einem Drogentrip waren. Gerade in dieser Hinsicht konnten die Hog Farmer auch die heillos überforderte Sanitätstruppe unterstützen. Die Hog Farmer waren 10 Tage vor Festivalbeginn kurzer Hand aus New Mexiko mit einer gecharterten Boing 727 eingeflogen worden, was sich nicht unerheblich auf die Organisationskosten auswirkte.

Bereits zwei Wochen vor Festivalbeginn kamen schon die ersten Besucher auf das Gelände, wo sie sich in Zelten und Wohnwägen häuslich niederließen. Das war zu einem Zeitpunkt als noch kein Zaun bzw. Zugangskontrollen errichtet waren. Und der Besucherzustrom riss nicht mehr ab und wurde von Tag zu Tag stärker. Zwei Tage vor dem Start des Konzertreigens waren schon 100.000 Menschen vor Ort und campierten neben den Zufahrtsstraßen, die wegen der fehlenden Polizeikräfte bis zum Highway 17 beim Verwaltungssitz des Sullivan County, Monticello, zugestaut waren. Es wird geschätzt, dass rund 1 Mio. Menschen versucht haben, das Konzert zu besuchen, wovon aber die Hälfte nie am Festivalgelände ankam, was wiederum Regressforderungen nach sich zog. Am Samstagmittag musste die Festivalleitung kapitulieren, nachdem an vielen Stellen die Zäune niedergetrampelt wurden und keine Möglichkeit mehr bestand die Tickets zu kontrollieren. Von der Hauptbühne verkündete Stage-Manager John Morris unter lautem Beifall der Besucher: „It’s a free concert from now on“ (Schäfer 2009: 39). Die „großzügige“ Geste verursachte aber gewaltige Einbußen bei den Einnahmen aus dem Kartenverkauf.

Angesichts der verwaisten Tickethäuschen veranstaltete der Manager von Jefferson Airplane einen Aufstand mit den Managern anderen Acts, weil sie fürchteten, dass die Festival-Leitung ihren Gagenverpflichtungen nicht nachkommen konnte. Um zu vermeiden, dass die Künstler nicht auftraten, musste der lokale Bankdirektor aus dem Wochenende geholt werden, um mit dem Hubschrauber beglaubigte Barschecks heranzuschaffen.

Durch die Berichte in den Wochenendblättern über das organisatorische Chaos, die Drogenexzesse und den Mega-Verkehrsstau aufgeschreckt, erwog der Gouverneur des Bundesstaates New York, Bethel zum Katastrophengebiet zu erklären und durch die Nationalgarde räumen zu lassen. Es kostete den Verantwortlichen viel Überzeugungsarbeit ihn von diesem Vorhaben abzubringen und das Gebiet zwar als „desaster area“ auszuweisen, aber mit dem Ziel, die dringend benötigte Unterstützung vonseiten des US-Militärs anfordern zu können. So konnten von der nahen Militärakademie in Westpoint zusätzlich Helikopter vom gleichen Typ, wie sie in Vietnam im Einsatz waren, für Krankentransporte zur Verfügung gestellt werden.

Musiker, Journalisten und andere VIPs mussten wegen des Verkehrchaos ohnehin schon per Hubschrauber eingeflogen werden, die kurzfristig zu horrenden Preisen angemietet worden waren. Der Nachschub an Lebensmitteln und Frischwasser war aber durch die Staus zum Erliegen gekommen. Die Betreiber der Hot-Dog-Buden reagierten ganz marktwirtschaftlich mit unverschämt hohen Preisen, was wiederum die Besucher empörte. Am Sonntagmorgen waren auch die letzten Hot-Dog- und Hamburgerbestände vertilgt und es gab nur mehr die Haferbrei- und Müslirationen der Hog Farm und zwei weiterer Hippie-Kommunen, die Freiküchen eingerichtet hatten. Legendär geworden ist der sonntägliche Morgengruß des obersten Hog Farmers Wavy Gravy: „Good morning. What we have in mind is breakfast in bed for 400.000“.

Wetterkapriolen

All diese organisatorischen Unzulänglichkeiten hätten schon ausgereicht, dass die Veranstaltung ein Reinfall wird. Zusätzlich spielte aber auch das Wetter verrückt. Am Freitag Nachmittag war es noch so heiß, dass von Hubschraubern aus Wasser über die Zuschauermenge gegossen wurde, aber schon nach Einbruch der Dunkelheit, während des Auftritts des indischen Sitar-Großmeisters Ravi Shankar, brach ein gewaltiges Gewitter los und es begann in Strömen zu regnen. Shankar und sein Begleitmusiker mussten sogar ihre Instrumente wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nachstimmen. Es fiel in kurzer Zeit so viel Regen, dass der Baldachin über der Bühne einzustürzen drohte. Die nach Shankar programmierte schottische Folk-Formation The Incredible String Band setzte sogar ein Verschiebung auf den nächsten Konzerttag durch, weil sie fürchteten, dass ihre Performance auf akustischen Instrumenten wegen des Regelgeprassels nicht mehr hörbar war. Die statt ihnen auftretende Melanie Safka nutzte nicht nur die sich ergebende Chance und spielte sich mit „Beautiful People“ in die Herzen des Publikums, sondern hatte mit dem Woodstock-Tribute „Lay Down. Candles in the Rain“ einen Top-10-Hit in den US-Charts. Bis zum letzten Auftritt des Abends, jenem von Joan Baez, regnete es immer noch verwandelte das Festivalgelände in ein Sumpfgebiet. Zudem hatte der Starkregen die Leitungen der Bühnenelektrik freigelegt. Durch das ständige Drüberlaufen tausender Besucher wurden die Kabel allmählich abgescheuert und es bestand die Gefahr, dass Leute reihenweise durch Stromschläge getötet werden könnten. Um eine Massenpanik zu vermeiden, wurde auf der Bühne weiter gespielt und gleichzeitig ein neue, gesicherte Stromversorgung aufgebaut. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden und das Konzert musste nicht unterbrochen werden.

Die katastrophalen, hygienischen Bedingungen nach der Regennacht waren übrigens ein Mitgrund, warum das Festivalgelände zu einem Katastrophengebiet erklärt und das Militär um Hilfe gebeten wurde.

Die schlimmsten Wetterkapriolen standen den Festivalbesuchern aber noch bevor. Am Sonntagnachmittag, nach dem Auftritt von Joe Cocker, brach ein Tornado über das Festivalgelände herein, der auch im Woodstock-Film in seiner ganzen Dramatik dokumentiert ist. Bei den Organisatoren brach Panik aus, vor allem weil viele Zuschauer auf die Lautsprechertürme geklettert waren. Diese drohten nun im heraufziehenden Sturm zusammenzubrechen, was eine Tragödie zur Folge gehabt hätte. Bühnensprecher Chip Monk beschwor, wie auch im Woodstock-Film zu sehen ist, die Leute von den Türmen herunter zu kommen und möglichst weit von diesen fern zu bleiben. Ein Unglück blieb aber aus und es musste lediglich das Konzert für Stunden unterbrochen werden, damit die Tonanlage nicht Schaden nahm. Die Besucher aber wurden von den nach dem Sturm einsetzenden sintflutartigen Regenschauern, die das ohnehin schon aufgeweichte Gelände in ein schlammiges Flussdelta verwandelten, hinweg gespült. Es entstanden zu diesem Zeitpunkt jene immer wieder mit Woodstock assoziierten Filmaufnahmen, in denen sich die Besucher im Schlamm wälzen und knietief darin versinken.

Nicht zuletzt der Regen sorgte dafür, dass bereits am Sonntagnachmittag der Exodus vom Festivalgelände einsetzte. Das zwang die Konzertveranstalter dazu, eine ganze Brigade von Abschleppfahrzeugen zum Einsatz zu bringen, um die Straße von parkenden bzw. liegen gebliebenen und vom Dauerregen defekten Autos frei zu bekommen.

Da das Konzert am Sonntagnachmittag wegen des Tornados für Stunden unterbrochen werden musste, dauerte das Festival bis zum Montagvormittag an. Der letzte und als abschließender Höhepunkt des Konzerts geplante Auftritt war jener von Jimi Hendrix. Bei seiner Performance waren nur mehr 25-40.000 Besucher anwesend. Hendrix selbst bemerkte von der Bühne aus die Abwanderungsbewegung und quittierte das mit der Bemerkung: „You can leave if you want to. We’re just jammin’, that’s all.“ Als Hendix seine zur Legende gewordene Interpretation der US-amerikanischen Hymne „The Star Spangled Banner“ anstimmte, war der Großteil der Festivalbesucher bereits nach Haus unterwegs und froh dem Inferno glücklich entronnen zu sein.

Bühnen-Pannen und Finanzdesaster

Dabei hatte das Festival schon am ersten Tag mit Pannen begonnen. Die Hauptbühne war am Freitagnachmittag immer noch nicht fertig gestellt, obwohl schon längst Sweetwater das Konzert hätten eröffnen sollen. Als dann um 17.00 die Bühne endlich freigegeben werden konnte, waren aber die Mitglieder von Sweetwater wegen des Verkehrsstaus noch nicht eingetroffen und so musste der New Yorker Folk-Poet Ritchie Havens ohne seinen ebenfalls im Stau steckenden Conga-Begleiter auf die Bühne. Nach seinem Auftritt waren Sweetwater immer noch nicht da. Und so wurde der bereits im Backstage-Bereich sich aufhaltende Country Joe McDonald, der eigentlich erst am Samstag den Auftritt mit seiner Band The Fish haben sollte, gebeten, einen Solo-Auftritt zu bestreiten. Die Gitarre musste er sich zu diesem Zweck von Jerry Garcia von The Grateful Dead leihen. Nachdem Country Joe keine Zugaben mehr einfielen, wurde das gar nicht gebuchte und zufällig anwesende Ex-Lovin’-Spoonful-Mitglieder, John Sebastian, überredet ebenfalls sein Solo-Debüt zu geben. Erst danach schwebten Sweetwater per Helikopter ein, und damit sie nicht gleich direkt ohne Vorbereitung auf die Bühne mussten, gab man dem im gleichen Flug mitgereisten indischen Guru Swami Satchadinanda die Möglichkeit, sich von der Bühne aus an die Besucher zu wenden und die Menge zu segnen.

Es sollten noch viele weitere Pannen Festivalverlauf folgen, die aber aus Platzgründen hier gar nicht besprochen werden können. Dokumentiert ist das im wohl einzigen Aktivposten in wirtschaftlicher Hinsicht – im Film von Michael Wadleigh und Bob Maurice. Nach Angabe von den beiden wirtschaftlich Verantwortlichen, John Roberts und Joel Rosenman, hat man aber sogar bei den stümperhaften Verhandlungen viel Geld „verschenkt“. 5 Tage vor Konzertbeginn war nämlich noch nicht klar, ob der Film überhaupt zustande kommen konnte, weil sich alle Filmverleihfirmen geweigert hatten, die geschätzten Produktionskosten von US$ 100.000 vorzuschießen. Auch Roberts und Rosenman wollten diesen Vorschuss nicht gewähren, weil sie nicht im Traum daran dachten, dass ein Dokumentarfilm ein Kassenschlager werden könnte. Sie verzichteten damit auf eine 100%ige Gewinnbeteiligung. Es gelang schließlich Artie Kornfeld doch noch Warner Bros. als Verleiher zu gewinnen und so blieb es beim Aufteilungsschlüssel: 50% Woodstock Ventures, wovon 30% den Produzenten/Regisseuren zustanden und 50% für die Verleihfirma. Der Film spielte abzüglich der Produktionskosten in den ersten 5 Jahren US$ 17 Mio. ein, auf die die Veranstalter zum großen Teil leichtsinniger Weise verzichtet hatten. Dennoch waren es vor allem die Lizenzeinnahmen aus dem Film wie auch aus dem Film-Soundtrack und dem Woodstock-Live-Album, die mithalfen, den aufgehäuften Schuldenberg nach vielen Jahren wieder abzutragen.

Die Abrechnung fiel bereits am Montagmorgen, als Jimi Hendrix noch auf der Bühne stand, desaströs aus. Insgesamt hatten sich nicht von Einnahmen gedeckte Forderungen gegenüber Woodstock Ventures Inc. von US$ 1,6 Mio. (2009: US$ 9,4 Mio.) angehäuft. Die Bank erwog den Konkurs über das Unternehmen zu eröffnen, wodurch viele Musiker um ihre Gagen und die Lieferanten um den Großteil ihrer Forderungen gebracht worden wären. Um diese Schmach von ihrem Sohn abzuwenden, sprangen die vermögenden Eltern von John Roberts mit einem Blitzkredit ein, der allerdings von ihm und Rosenman über Jahre hinweg abgestottert werden musste. 1974, als die beiden mit Robert Pilpel den ausgesprochen unterhaltsamen Erlebnisbericht über ihr Woodstock-Abenteuer in Buchform unter dem Titel „Young Men With Unlimited Capital. The Inside Story of the Legendary Woodstock Festival by the Two Who Paid For It” (2009 in deutscher Übersetzung unter dem Titel “Making Woodstock” erneut bei orange press veröffentlicht) herausbrachten, belief sich das Minus immer noch auf US$ 100.000 (2009: US$ 588.000).  

Einnahmen aus Ticketverkauf: US$ 1.800.000
Einnahmen aus Rechtverwertung (Film, Schallplatten, Lizenzen etc.) US$ 1.500.000
Summe US$ 3.300.000
   
Ausgaben für das Festival (davon Musikergagen US$ 200.000) US$ 2.800.000
Nach-Festival-Ausgaben (Prozesse, Abfindungen, Zinsbelastung etc.) US$    600.000
Summe US$ 3.400.000
   
Differenz US$  -100.000

Es gibt zwar Stimmen, wonach die Geschichte über die finanzielle Malaise der Festivalveranstalter aufgebauscht wurde, um den Woodstock-Mythos zu nähren. Als „Beweis“ wird dabei der große Box-Office-Erfolg des Films ins Treffen geführt. Die Veranstalter hätten noch während des Festivals die Rechte gewinnbringend an Warner Bros. verkauft und den auftretenden Künstler großzügig die Filmrechte – gegen 50% mehr Gage – abgekauft. Dagegen sprechen die Angaben von Roberts und Rosenman, die diese unkonventionelle Vorgehensweise als Verzweiflungsakt in ihrem Buch darstellen. Aber auch abgesehen davon, ist es nicht sehr plausibel, dass von Vorneherein ein Dokumentarfilm als Kassenschlager im Budget des Festivals kalkuliert war. Und rechnet man die Ertragsminderungen – verringerte Einnahmen durch die Freigabe des Festivals und Abtretung der Erlösbeteiligung am Lebensmittelverkauf – und die Aufwandssteigerungen – höhere Gagenzahlungen, Charterung einer Boing 727, Anmietung von Hubschraubern, Einsatz einer ganzen Abschleppflotte, drei Wochen lang dauernde Aufräumarbeiten, Regresszahlungen an Kartenbesitzer, die nicht auf das Festivalgelände vordringen konnten und hohe Entschädigungszahlungen für Anrainer sowie damit verbundene Prozess- und Anwaltskosten und schließlich noch die Zinsbelastung zusammen, dann ist die Geschichte vom Finanzdesaster durchaus glaubwürdig.

Interessant ist in dem Zusammenhang noch, wie die Bank überhaupt so leichtsinnig sein konnte, den beiden Mid-Zwanzigern einen Kreditrahmen in der Höhe von US$ 800.000 (2009: US$ 4,7 Mio.) einzuräumen. Die Erklärung ist aber profan: Dem Millionärssöhnchen John Roberts stand ein Familienfonds zur Verfügung, von dessen Zinsen er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Er kam aber auf die glorreiche Idee, den Fonds als Kreditsicherung für das Woodstock-Projekt zu verwenden und konnte auf diese Weise US$ 800.000 von der Bank borgen. Weitere US$ 500.000 wurden in Form von Schecks gezogen, von der die Bank nichts wusste, und die erst nach dem Festival eingelöst werden sollten.

Die musikwirtschaftliche Relevanz von Woodstock

Woodstock war also für deren Betreiber ein wirtschaftliches Desaster, aber auch in seiner Bedeutung für die Musikindustrie war es nicht unbedingt ein Meilenstein. So gut wie alle auftretenden Künstler hatten bereits einen Plattenvertrag und nicht wenige bei einem Major-Label. Viele der Acts hatten auch schon Charterfolge aufzuweisen, bevor sie für Woodstock engagiert wurden und hatten den Karriereschub durch einen Auftritt beim diesem Festival gar nicht nötig.

Act in der (vermutlichen) Reihenfolge des Auftritts

Bedeutung von Woodstock für den Act

Albenveröffentlichungen vor Woodstock/Label

Freitag, 15. August    
Ritchie Havens Etablierter Folk-Musiker, der den Woodstock-Auftritt nutzte, um seine Bekanntheit zu steigern. 4 Alben für Verve
Country Joe McDonald Hatte mit The Fish schon große Erfolge; Woodstock war für seine  Solo-Karriere förderlich. 1 Solo-Album für Fidelity
John Sebastian Ex-Musiker von Lovin’ Spoonful, der in Woodstock seine Solo-Karriere startete. Warner-Reprise
Sweetwater Konnten von ihrem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 1 Album für Warner-Reprise
Bert Sommer Konnte von seinem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 1 Album für Rev Ola-Capitol und 1 Album für Eleuthera
Tim Hardin Konnte von seinem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 3 Alben für Verve
Ravi Shankar War der im Westen berühmteste indische Musiker; hatte Woodstock für seine Karriere nicht nötig. 14 Alben für diverse Label, davon 1 Album für Columbia
Melanie Safka Ihr Auftritt verschaffte ihr eine gewisse Popularität, die 1970 in Charterfolgen mündete. 2 Singles für Columbia und 1 Album für Buddha-Capitol
Arlo Guthrie Er war schon vor Woodstock ein Star mit einigen Charterfolgen. 3 Alben für Warner Bros.
Joan Baez War die musikalische Ikone der Menschenrechtsbewegung und hatte Woodstock nicht nötig. 11 Alben für Vanguard
Samstag, 16. August    
The Quill Konnten von ihrem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 1 Album für Atlantic
Keef Hartley Band Konnten von ihrem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 2 Alben für Deram
Santana Woodstock war der Karrierestart für die Band. 1 Album für Columbia
The Incredible String Band Konnten von ihrem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 3 Alben für Elektra
Canned Heat Die Band hatte schon ihren Durchbruch geschafft, aber Woodstock war ein wichtiger Meilenstein in ihrer Entwicklung. 4 Alben für Liberty
Mountain Konnten von ihrem Auftritt in Woodstock nicht profitieren. 1 Album für Warner Bros.
The Grateful Dead Profitierten nicht von Woodstock und hatten das Festival nicht nötig. 2 Alben für Warner Bros.
Creedance Clearwater  Revival Profitierten nicht von Woodstock und hatten das Festival nicht nötig. 4 Alben für Fantasy
Janis Joplin Profitierte nicht von Woodstock und hatte das Festival nicht nötig. 1 Album für Columbia
Sly & the Family Stone Wurden in Woodstock bejubelt; hatten aber das Festival nicht nötig. 4 Alben für Epic
The Who Waren bereits große Stars mit vielen Charterfolgen. Machten PR für ihre Rockoper „Tommy“. 5 Alben für die britische Decca
Jefferson Airplane War der musikalische Inbegriff der Hippie-Bewegung. Hatten viele Charterfolge und ihr Auftritt hatte darauf keinen Einfluss. 2 Alben für RCA
Sonntag, 17. August    
Joe Cocker Hatte zwar eine Hit-Single in Großbritannien; dennoch war Woodstock vor allem für die USA ein wichtiger Karriereschub.  1 Album für A&M
Country Joe and The Fish Profitierten nicht von Woodstock und hatten das Festival nicht nötig. 3 Alben für Vanguard
Ten Years After Hatten bereits Charterfolge in Großbritannien; profitierten aber in den USA sehr von ihrem Auftritt. 3 Alben für die britische Decca
The Band Genossen als Begleitband von Bob Dylan große Bekanntheit. Nutzten ihren Auftritt, um ihr Debüt-Album zu bewerben. 1 Album für Capitol
Johnny Winter War bereits eine Blues-Größe mit Charterfolgen. Hatte Woodstock nicht nötig. 1 Album für Columbia
Blood, Sweat & Tears Hatten 1968/69 zahlreiche Chartplatzierungen und sogar Top-Positionen. Hatten Woodstock nicht nötig. 2 Alben für Columbia
Crosby, Stills, Nash &      Young Woodstock war der Beginn einer Tournee und ihr erst zweiter gemeinsamer Auftritt, der für die weitere Entwicklung sehr förderlich war. 1 Album für Atlantic
Paul Butterfield Bluesband Hatte das Blues-Revival eingeleitet und war sehr bekannt. Konnten aber von Woodstock nicht profitieren. 5 Alben für Elektra
Sha-Na-Na Woodstock war ihr Durchbruch und leitete das Fifty-Revival ein. keine Veröffentlichung
Jimi Hendrix War bereits ein großer Star mit vielen Charterfolgen. Wurde mit seiner Interpretation von „The Star Spangled Banner“ zum Inbegriff des Woodstock-Festivals. 3 Alben für MCA

Die Auswertung für alle 32 auftretenden Acts ergibt, dass bis auf eine Ausnahme (Sha-Na-Na) alle bereits einen Plattenvertrag in der Tasche hatten. Mehr als die Hälfte – 17 Acts – waren sogar bei einem der Major-Labels oder einem ihrer Sublabel unter Vertrag. Aber auch die anderen Musiker/Bands waren von namhaften Indie-Labels wie Elektra, Atlantic, Verve, Vanguard, Fantasy, Liberty betreut. Richtiggehend entdeckt, wurden überhaupt nur die Musikclowns von Sha-Na-Na. Für weitere sechs Acts – Santana, Joe Cocker, Melanie, Crosby, Stills, Nash & Young, Ten Years After und mit Einschränkungen Canned Heat – war das Woodstock-Festival zumindest ein wichtiger Karriereschub. Für John Sebastian und Country Joe McDonald, die ja bereits über einen großen Bekanntheitsgrad verfügten, war das Festival zumindest ein guter Start in ihre Solo-Karriere. Für acht Acts – Sweetwater, Bert Sommer, Tim Hardin, The Quill, Keef Hartley Band, The Incredible String Band, Mountain, Paul Butterfield Blues Band –  hatte Woodstock aber keine positiven, nachhaltigen Wirkungen und sie gerieten mehr oder weniger in Vergessenheit. Die meisten der auftretenden Künstler waren aber bereits so bekannt, dass sie Woodstock für ihre weitere Karriere eigentlich gar nicht nötig hatten. Immerhin nutzten The Who und The Band ihre Festivalauftritte, um ihre soeben erst veröffentlichten Alben zu promoten. Aber auch die anderen Acts konnten mit Woodstock zumindest den Verkauf ihrer Schallplatten weiter ankurbeln. Insgesamt ist durchaus der Schluss zulässig, dass das Woodstock-Festival weder für die musikindustrielle Verwertung noch für die stilistische Weiterentwicklung der Pop-Musik von herausragender Bedeutung war. Vergleicht man in dieser Hinsicht Woodstock mit dem zwei Jahre zuvor stattgefundenen Monterey Pop Festival, so war letzteres für die Musikindustrie das bei Weitem wichtigere Festival. Viele in Monterey auftretenden Künstler wurden von den anwesenden A&R-Managern buchstäblich von der Bühne weg für die Label unter Vertrag genommen. Für Janis Joplin, The Grateful Dead, Jefferson Airplane, Country Joe and The Fish, Quicksilver Messenger Service und The Steve Miller Band war Monterey überhaupt der Karrierestart. Jimi Hendrix und The Who erlangten über dieses Festival erst einen entsprechenden Bekanntheitsgrad in den USA. Und schließlich leitete Monterey den Summer of Love der Flower-Power-Bewegung ein. Dennoch wird Woodstock und nicht Monterey zu allen runden Jahrestagen weltweit in den Medien abgefeiert.

Der Woodstock-Mythos

Das führt zur abschließenden Frage, warum Woodstock, das letztendlich der Höhe- aber auch Endpunkt der Hippie-Bewegung war, zu einem solchen Mythos wurde? Die wirtschaftliche und musikhistorische Bedeutung waren, wie ich versucht habe zu zeigen, nicht ausschlaggebend. Aber was war es dann? Hier ein paar Erklärungen:

  • Der Generationenkonflikt und die Anti-Establishment-Haltung: Woodstock war vor allem eine Versammlung Jugendlicher, die gegen die spießigen Eltern und die konservative Gesellschaft rebellierten. Hier in Woodstock durften sie tun und lassen, was sie wollten. Unter freiem Himmel schlafen, Sex haben, Drogen konsumieren, ihre Musik hören, sich amüsieren, ohne jemand dafür Rechnung abzulegen. Dazu kam dann noch eine kleine Gruppe von Aussteigern, die die konventionelle Lebensart ablehnten und in Woodstock jenen Ort gefunden hatten, an dem sich die Gegenkultur zumindest für drei Tage traf.
  • Die Anti-Vietnam- und Anti-Kriegsbewegung: Zwar war Woodstock von den Organisatoren ausdrücklich als nicht-politische Veranstaltung angekündigt worden und der Versuch von politischer Agitation wurde gleich im Keim erstickt, aber viele Acts hatten unzweideutige Anti-Vietnam-Nummern (stellvertretend für viele: Country Joe and The Fish mit „I-Feel-Like-I’m-Fixin’-To-Die Rag“ und Ritchie Havens mit „Freedom“) in ihrem Repertoire, die bei Publikum besonderen Anklang fanden.
  • Das organisatorische Chaos: Es war sicher nicht beabsichtigt, aber es gab dem Ganzen das Flair des Improvisierten, Unvollkommenen, Unwiederholbaren und Nicht-Kommerziellen. Wäre das Festival perfekt organisiert gewesen, dann wäre der Eindruck eines reibungslosen Wirtschaftsbetriebs entstanden, der nicht in die Idealvorstellungen der Love & Peace-Generation passte.
  • Die Wetterkapriolen: Zuerst heiß und drückend, dann regnerisch und schließlich sogar noch ein Tornado, der die Veranstalter zwang, das Konzert für Stunden zu unterbrechen. Wer all das vor allem aber das Schlammbad ertragen musste, der war gewissermaßen „geadelt“ worden. Außergewöhnliche Umstände tragen stets dazu bei, dass Ereignisse mythologisiert werden. Man kann dann später sagen, dabei gewesen zu sein. So entsteht das, was man „Veteranentum“ und in diesem speziellen Fall die „Woodstock Nation“ nennt.

Alle diese Faktoren haben sicherlich einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die bereits während des Festivals einsetzende Mythologisierung ausgeübt, aber es waren die Medien, die bewusst oder unbewusst den Woodstock-Mythos zumindest verstärkt haben und ihn immer wieder neu konstruieren. Auch die mediale Dramaturgie spielte dabei eine wichtige Rolle. Die ersten Medienmeldungen waren allesamt negativ und ganz im Stil der Katastrophenberichterstattung gehalten – Hippies als Bürgerschrecks, Drogenmissbrauch, organisatorisches Chaos, unendlich langer Verkehrsstau, Wetterkapriolen etc. Aber während in der Montagsausgabe der New York Times sich der Kommentator auf Seite 1 noch über das „Woodstock-Desaster“ ausließ, war hinten im Feuilleton-Teil bereits von einem außergewöhnlichen Festival die Rede, dass trotz der widrigen Umstände nicht in einer Katastrophe endete.

Man darf in dem Zusammenhang nicht vergessen, dass ähnlich gelagerte Veranstaltungen in diesem Jahr nicht so harmonisch abliefen. So wurde das Los Angeles Free Festival am 20. April 1969 nach einem Aufruhr, bei dem 177 Besucher verhaftet wurden, von der Polizei gewaltsam abgebrochen. Am 17. Mai 1969 wurden die 27.000 Besucher des Adlergrove Beach Rock Festivals von einer Biker-Gang drangsaliert, die dann von berittener Polizei vertrieben werden musste. Beim Newport Festival kam es am letzten Tag (22. Juni 1969) zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Festivalbesuchern. 300 Personen wurden zum Teil schwer verletzt und 75 festgenommen. Beim Denver Pop Festival eine Woche später kam es erneut zu einem Prügeleinsatz der Polizei. Und das am 6. Dezember 1969 von den Rolling Stones federführend mitorganisierte Altamonte Free Concert wurde zum Debakel, als die zu Ordnern bestellten Hell’s Angels begannen, die Besucher prügelnd von der Bühne fernzuhalten und schließlich den afro-amerikanischen Jugendlichen Meredith Hunter mit fünf Messerstichen töteten.

In Woodstock sind auch drei Menschen ums Leben gekommen. Es starb ein Besucher an einer Drogen-Überdosis, ein weiterer an einem Blinddarmdurchbruch und einer wurde im Schlaf von einem Traktor überrollt. Dennoch blieben diese Zwischenfälle eine Randnotiz in der medialen Berichterstattung. Die positiven Aspekte überwogen bereits kurz nach dem Festival bei Weitem und alle negativen Aspekte wie das Organisationschaos oder die Wetterkapriolen wurden entweder positiv umgedeutet oder wie die vielen medizinischen Notfälle wegen Drogenmissbrauchs einfach ausgeblendet.

Als dann auch noch der Woodstock-Film von Michael Wadleigh 1970 in die Kinos kommt, wurde für den bereits im Gang befindlichen Mythologisierungprozess die entsprechenden Bilder geliefert. Erst jetzt konnten sich länder- und generationsübergreifend Film-Besucher mit Woodstock identifizieren, ohne dabei gewesen zu sein. Es wurde damit zu einem virtuellen Ort der ersehnten Erlösung und zu einer Idealvorstellung, die heute noch abgerufen werden kann.

Da der Mythos eine konkrete Ausdrucksform angenommen hat, ist es wenig überraschend, dass sich viele Protagonisten von damals aber auch Nachgeborene darauf mit ihren Erlebnisberichten und geschichtlichen Darstellungen beziehen und mit immer mehr Schichten von Anekdoten, persönlich gefärbten Einschätzungen und quasi-objektiven „Fakten“ den Woodstock-Mythos am Leben erhalten. Woodstock ist schon längst ein selbst-referentieller Metadiskurs geworden, zu dem dieser Blog-Beitrag im Grunde nichts anderes als einen kleinen und unbedeutenden Beitrag leistet.

Quellenangaben

Evans Mike und Paul Kingsbury, 2009, The Woodstock Chronicles. New York: Sterling Publishers.

Evans Mike und Paul Kingsbury, 2009, Woodstock-Chronik. München: Collection Rolf Heine (dt Übersetzung von „The Woodstock Chronicles“).

Lang, Michael, 2009, The Road to Woodstock. From the Man Behind the Legendary Festival. New York: Ecco Press.

Makower, Joel, Michael Lang, und Joel Rosenbaum, 2009, Woodstock: The Oral History. New York: State University of New York Press.

Rosenman, Joel, John Roberts und Robert Pilpel, 1974, Young Men With Unlimited Capital. The Inside Story of the Legendary Woodstock Festival by the Two Who Paid For It. New York: Harcourt Brace Jovanovich.

Rosenman, Joel, John Roberts und Robert Pilpel, 2009, Making Woodstock. Das legendäre Festival und seine Geschichte (erzählt von denen, die es bezahlt haben). Freiburg: orange press. (Übersetzung von Joel Rosenman, John Roberts, Robert Pilpel, 1974, Young Men With Unlimited Capital.)

Schäfer, Frank 2009, Woodstock `69. Die Legende. St. Pölten und Salzburg: Residenz Verlag.

Wikipedia – Woodstock 1969: http://en.wikipedia.org/wiki/Woodstock_Festival

Woodstock Memories: Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen am Woodstock-Festival 1969 in der New York Times.

www.woodstock.com


7 Responses to “40 Jahre Woodstock – Wirtschaftsdebakel und Mythos”


  1. 1 Jimi Hendrix
    17. August 2009 um 9:33 nachmittags

    Lieber Peter,
    gut recherchierter Artikel pünktlich zum Jubiläum. Woodstock ist einfach Legende, auch wenn es z.B. mit Monterey m.E. künstlerisch interessantere Festivals gab. Zwei kleine persönliche Bemerkungen möchte ich anbringen: Besser als Freedom ist Drug Store Truck Driving Man (gegen den damaligen Gouverneur von Kalifornien gerichtet – wer wars?) als Beispiel für politisches Statement zu werten. Und die “Albumkarriere” von Ten Years After (als damals stolzer Besitzer von 3 Studioalben und dem recht guten Live-Album) darf nicht überbewertet werden. Die Band war ein guter Live-Act der es nie schaffte, diese Qualität ins Studio rüberzubringen.

    • 2 Peter Tschmuck
      17. August 2009 um 11:18 nachmittags

      Lieber Jimi!
      Um Deine Quizfrage zu beantworten: Es war ein mittelmäßiger Schauspieler, der 1967 völlig überraschend die Gouverneurwahlen in Kalifornien gewonnen hat und der dann später auch noch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geworden ist: Ronald Reagan. Habe ich jetzt etwas gewonnen?
      Und “Ten Years After” waren ebenso wie die “Grateful Dead” besser als Live-Act als im Studio – man höre und schaue sich nur ihre und vor allem Alvin Lees Performance bei “I’m Going Home (by Helicopter)” im Woodstock-Film an – aber sie hatten durchaus Verkaufserfolge zu verzeichnen. Mehr wollte ich damit gar nicht sagen.


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