07
Aug
09

10 Jahre Napster und was davon blieb

In einem Gespräch mit einem lieben Kollegen äußerte er sein Erstaunen darüber, dass seit dem Beginn des Napster-Hypes und somit des File-Sharings erst zehn Jahre vergangen sind, obwohl er den Eindruck hat, dass all das, was ich in der fünfteiligen Serien beschrieben habe (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5) sich in grauer Vorzeit ereignet hat. Ich teile diese Einschätzung und kann das damit verbundene Gefühl damit erklären, dass sich in der Zwischenzeit so viele Umwälzungen in der Musikindustrie ereignet haben, die man in ihrer raschen Abfolge gar nicht fassen kann. Umso überraschender kam daher eine Meldung in den Medien, wonach John Fanning, Shawns Onkel und 70%-Eigentümer von Napster Inc., sein Interesse bekundet hat, The Pirate Bay zu kaufen. Dieses Déjà-Vu-Erlebnis zeigt, wie relevant File-Sharing immer noch ist, dass ein gebrandtes Kind das Feuer immer noch nicht scheut. Welche Nachwirkungen Napster auch noch heute hat und wie der Napster-Fall aus heutiger Perspektive zu beurteilen ist, möchte ich daher in der Folge beschreiben.

Das Ende von Napster war, wie wir alle wissen, keineswegs das Ende des File-Sharings. Ganz im Gegenteil, Napster hatte den Weg für andere technisch ausgeklügeltere Systeme bereitet. Die Nachfolger hießen Gnutella, Kazaa, iMesh, Audiogalaxy, Aimster, The Pirate Bay usw. In diesen Systemen nahmen schließlich mehr User teil als zuvor bei Napster. Die Vertreter der Musikindustrie suchte ihr Heil in Klagen gegen das „File-Sharing-Übel“. Der Reihe nach wurden die Betreiber der Tauschbörsen, soweit man sie überhaupt identifizieren konnte, verklagt und in den meisten Fällen folgten die Gerichte den Argumenten der Kläger. 2003 ging dann die RIAA und in ihrem Gefolge die Musikindustrieverbände anderer Länder einen Schritt weiter und begannen im großen Stil individuelle File-Sharing-User zu verklagen. In zehntausenden Fällen wurden User außergerichtlich abgestraft (auch in Österreich), ohne dass dadurch die Nutzerzahlen in den einschlägigen Tauschnetzwerken nachhaltig zurückgingen. Die Klagswelle wirkt noch heute in den spektakulären Prozessen gegen Jammie Rasset-Thomas und zuletzt Joel Tenenbaum nach.

Doch all diese Erfolge bei Gericht sind letztendlich Phyrrus-Siege. Auf eine abgedrehte Tauschbörse folgt eine neue, die noch mehr technische Raffinessen aufweist und schwerer dingfest zu machen ist als die Vorgänger. Zwar gehen auch die File-Sharing-Nutzerzahlen nach einem medial Aufsehen erregenden Gerichtsprozess kurzfristig zurück, um danach auf ein noch höheres Niveau anzusteigen.

Die frühere RIAA-Geschäftsführerin Hilary Rosen hat in einem von Joseph Menn (S. 252) kolportierten Telefongespräch mit Napster-CEO Hank Barry zwar mit ganz anderer Absicht aber doch richtig festgestellt: „Your biggest problem is that instead of a business, you created am movement. And it’s impossible to convert it“. Diese Erkenntnis hätten die Vertreter der Musikindustrie auch auf sich beziehen sollen. Es macht nämlich keinen Sinn gegen eine soziale Bewegung mit den schärfsten juristischen Waffen vorzugehen, auch wenn man das Recht durchaus auf seiner Seite wähnt. Durch all die medial breit ausgeschlachteten Gerichtsverfahren erhielt das File-Sharing-Phänomen erst jene Publicity, die die Musikindustrie vermeiden wollte, allerdings mit dem unerwünschten Nebeneffekt als Spielverderber und Bösewicht in den Augen der Nutzer und der Öffentlichkeit dazustehen. Und es macht noch weniger Sinn gegen die eigenen potenziellen Musikkäufer gerichtlich vorzugehen, wenn diese durch eine neue Form der Musiknutzung das Gesetz verletzen. Ich vermute, dass der wirtschaftliche Schaden dadurch (Kaufvermeidung bzw. -verweigerung, negative Mundpropaganda etc.) wesentlich höher ist als die von einigen Studien vermeintlich „nachgewiesenen“ negativen Wirkungen des File-Sharing – sofern es solche überhaupt gibt.

Die Ankündigung der RIAA Ende 2008 (siehe Artikel im Wallstreet Journal) gibt aber Hoffnung, dass der Klagsspuk bald vorbei ist. Jedenfalls wird angekündigt, die Klagen gegen individuelle File-Sharer fallen zu lassen bzw. keine weiteren Klagen mehr vorzubereiten. Gleichzeitig soll die Zusammenarbeit mit den Internetservice Providern (ISP) verstärkt werden. Und es gibt auch schon erste Projekte, die in Richtung Content-Flaterate gehen. So bastelt der Musikindustriestratege Jim Griffin im Auftrag der Warner Music Group an einer Nonprofit-Organisation namens „Choruss“, die bei Universitäten und ISPs eine Art Musikflatrate einsammeln soll, um das Geld dann an die Copyright-Holder zu verteilen (siehe Artikel im Wired Magazine). Andererseits ist aber ein legales File-Sharing-Projekt, das der zweitgrößte britische Internetservice Provider Virgin Media seit Sommer 2008 betrieben hat, gescheitert, nachdem die Major-Label ihre Zusage einer Zusammenarbeit zurückgezogen haben (Heise.Online). Und auch um das mit großem Getöse auf der MIDEM in Cannes angekündigte Kulturflatrate-Modell auf der Isle-of-Man ist es mittlerweile still geworden (Heise.Online).

Dennoch scheint es nicht mehr viele attraktive Alternativen zur Musik(Kultur)flaterate mehr zu geben. Das Bezahlgeschäft mit Musik haben die etablierten Firmen vernachlässigt und das Feld iTunes und anderen branchenfremden Anbietern überlassen. Im boomenden Live-Geschäft fehlt den Musik-Majors nicht nur das Know-How, sondern sie müssen auch tatenlos zusehen, dass Konzertveranstalter wie LiveNation in ihr Geschäftsfeld vordringen. Die Umsätze mit Tonträgern und digitalen Musikangeboten schmelzen weiter ab, obwohl sehr viel Geld in Gerichtsprozesse gegen File-Sharing gesteckt wurde. Man kann also gespannt sein, ob und wann der Schwenk in Richtung Musik(Kulturflate)rate kommt.

Aus heutiger Sicht war Napster nämlich nicht die Ursache für die Umsatzeinbrüche, sondern es war das Symptom einer weit reichenden Umbruchsituation, die bestehende Business-Modelle zum Verschwinden bringt und neue Geschäftsinitiativen nötig macht (siehe dazu den Artikel „Die Rezession in der Musikindustrie“). Welche dann letztendlich nachhaltig Erfolg versprechend sind, lässt sich gegenwärtig noch nicht beurteilen, aber eines scheint bereits klar zu sein, die etablierten Player der Musikindustrie werden nicht davon profitieren, wenn sie sich nicht schleunigst den neuen Bedingungen anpassen und in diesem Zusammenhang auch ihren Widerstand gegen Musiktauschbörsen aufgeben.

 


1 Response to “10 Jahre Napster und was davon blieb”


  1. 10. August 2009 um 12:17 pm

    Mit Napster war die Businessidee geboren, eine Online-Musik-Community zu gründen, um Werbeeinkunft zu generieren. Dabei spielt der Content (in unserem Fall Musik) eine wichtige Rolle. Vor etwa 80 Jahren hat man in der USA heftig diskutiert, womit man die Radioprogramme finanzieren soll – die Vorschläge reichen von einer staatlichen Subvention bis zur Gebührenerhebung wurden eingereicht. Letztendlich wurde das Modell der Werbefinanzierung durchgesetzt, das heutzutage immer noch gilt.

    Unzählige Musikblogs sind online und bieten MP3s zum Downloaden an. Die erfolgreichere Blogs bieten Werbeschaltung an. In erster Linie natürlich funktioniert diese Musikblogs als Werbetool für neue Musik. Hype Machine (www.hypem.com) z.B., sammelt die besten Musikblogs ein und präsentiert sich als eine Suchmaschine für Musik. Über Hype Machine kann man täglich mehr als 150 neue MP3s downloaden und man kann die neuesten Blogeinträge direkt in der Hype Machine anhören. Es gibt eine sehr interessante Marktforschung (2009) über die Hype Machine User:
    http://blog.hypem.com/2009/07/hype-machine-2009-user-survey-results/ und
    http://hypem.com/#/demographics/

    46% geben an, dass sie für MP3s bezahlen und
    73% geben das Geld hauptsächlich für Konzerte aus

    Ich sehe eine großartige Möglichkeit für das Internet als Musikmedium, wenn die User für den Content nicht bezahlen müssen. Die Finanzierung für die Musikcommunities erfolgt über die Werbeeeinkunft.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


August 2009
M D M D F S S
« Jul   Sep »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  

Archive

Facebook

Twitter

Kategorien

Blog Stats

  • 307,484 hits

%d Bloggern gefällt das: