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Der österreichische Musikarbeitsmarkt in der COVID-19-Pandemie

Eine Studie zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den österreichischen Musikarbeitsmarkt zeigt, dass die im heimischen Musikbetrieb Tätigen große Einkommensverluste durch coronabedingte Maßnahmen und Reisebeschränkungen erlitten haben. 86 % der Befragten gaben an, dass sie Einbußen durch behördliche Restriktionen und dadurch bedingte Absagen von Musikveranstaltungen hatten. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Verluste noch wesentlich höher ausgefallen sind, weil viele Projekte durch die Lockdowns erst gar nicht realisiert werden konnten und damit keine konkreten Verluste verbunden waren. Das erklärt auch, warum nur 31 % der Befragten angaben, dass sie zwischen dem 15. März 2020 und dem 14. März 2021 mehr als € 10.000 an Einkommenseinbußen hatten.

 

Der österreichische Musikarbeitsmarkt in der COVID-19-Pandemie

Unterschiedliche Gründe für Einkommensverluste

Aufgrund des fragmentierten Musikarbeitsmarkts, der von Multiple-Job-Holding und prekären Arbeitsverhältnissen geprägt ist, speisen sich die Verluste aus unterschiedlichsten Quellen. Die häufigsten und auch höchsten Verluste sind für die Betroffenen auf Absagen von Auftritten im In- und Ausland zurückzuführen. Bei der Möglichkeit der Mehrfachnennung gaben 91 % an, dass Absagen von Auftritten im Inland Verluste verursacht haben, gefolgt von Auftrittsabsagen im Ausland, was von 59 % als Grund für Einbußen genannt wurde. Fast die Hälfte der Betroffenen von Konzertabsagen im In- und Ausland beklagten dabei Verluste von mehr als € 10.000.

Die Auswertung nach Verlustkategorien zeigt, dass die Ursachen für die Einbußen sehr unterschiedlich sind und mit der Höhe der Verluste auch vielfältiger werden. So sind in der Kategorie Verlust über € 20.000 nicht nur die Konzertabsagen im In- und Ausland (blau) von Bedeutung, sondern auch die Kombination von Auftrittsabsagen, Tantiemenentgang und Auftragsverlusten (grün).

Schwierige Lage für freischaffende MusikerInnen

Das lässt den Schluss zu, dass vor allem jene Musikschaffenden hohe Einkommensverluste hatten, die vor der Krise vor allem freischaffend bzw. selbständig tätig und sehr gut etabliert waren. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Gruppe der Freischaffenden besonders hart von den behördlichen Maßnahmen getroffen wurde. Fast die Hälfte der Befragten war vor der Pandemie ausschließlich freischaffend tätig. Davon haben 93 % angegeben, Einkommensverluste erlitten zu haben. Der Anteil jener, die besonders viel verloren haben, ist überdurchschnittlich hoch. Fast die Hälfte der Freischaffenden haben Einbußen von mehr als € 10.000 aus ihrer musikalischen Tätigkeit zu verkraften gehabt. Interessant ist auch, dass eine Kombination von freiem Musikschaffen und einer Anstellung im Musikbereich keinen Schutz vor Einkommensverlusten darstellt. 95 % von dieser Gruppe beklagte Einbußen, wobei fast 40 % ebenfalls Verluste von mehr als € 10.000 hatten. Aber selbst jene, die angegeben haben, im Musikbetrieb ausschließlich angestellt zu sein, wurden von Verlusten nicht verschont, weil viele dieser Anstellungen auf Projektbasis erfolgten.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Auffällig ist ein Unterschied zwischen den Geschlechtern.[1] Es zeigt sich, dass Männer in absoluten Werten höhere Einkommenseinbußen hatten als Frauen. Während 43 % der männlichen Befragten mehr als € 10.000 an Verlusten angaben, lag dieser Anteil bei den Frauen bei 28 %. Das bedeutet allerdings nicht, dass Frauen weniger hart von der Krise betroffen wären. Ganz im Gegenteil: Frauen haben bereits vor der Krise weniger als ihre männlichen Kollegen verdient, was auch niedrigere Einkommensverluste sehr schmerzlich macht. Die Zahlen zeigen nur, dass die finanzielle Fallhöhe bei den Männern größer war als bei den Frauen. Eine vertiefende Analyse zeigt, dass in der Gruppe der künstlerisch-ausübenden Musiker ein wesentlich höherer Anteil (28 %) von einer der beiden höchsten Einkommenskategorien in eine der beiden niedrigsten Kategorien gerutscht ist als bei den Musikerinnen (17 %).

Evaluierung der COVID-19-Hilfsmaßnahmen

In der Studie wurde auch die Zufriedenheit der Befragten mit den COVID-19-Hilfsmaßnahmen erhoben. Dabei zeigt sich, dass deutlich mehr als die Hälfte der Befragten keinen Antrag auf finanzielle Unterstützung gestellt hat, weil keine Anspruchsberechtigung vorlag oder kein passendes Hilfsprogramm vorhanden war. Das deutet darauf hin, dass es trotz aller Bemühungen für die im österreichischen Musikbetrieb Tätigen immer noch Förderlücken gibt.

Von jenen, die eine oder mehrere Unterstützungen beantragten, haben 64 % diese auch erhalten. Weitere 23 % haben die beantragten Unterstützungen teilweise erhalten und 14 % gingen leer aus. Am häufigsten wurde beim WKO-Härtefallfonds ein Antrag gestellt (57 %), wobei die Gewährungsrate mit 85 % vergleichsweise hoch war. Noch höher – bei 87 % – lag dieser Anteil bei der Überbrückungsfinanzierung für selbständige KünstlerInnen, die von 37 % der Befragten beantragt wurde.

Die Zufriedenheit mit der Unterstützungshöhe variiert über die Hilfsprogramme hinweg. Sie ist bei der Stundung laufender Fixkosten und bei den ÖH-Hilfen für Studierende am geringsten, gefolgt vom Fixkostenzuschuss, dem Härtefallfonds und dem Lockdown-Umsatzersatz.

Schlussfolgerungen

Die aktuelle COVID-19-Pandemie hat die wirtschaftliche und soziale Prekarität, mit der viele MusikerInnen in Österreich – vor allem freischaffende – zu kämpfen haben, sichtbar bemacht. Noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Musikbetrieb in Österreich und weiten Teilen der Welt still, was den darin Tätigen massive Einkommensverluste bescherte.

Die Studie zeigt aber nicht nur die massiven negativen Folgen der Corona-Krise für den Musikbetrieb in Österreich auf, sondern hat auch die Dringlichkeit erhöht, besser über die Strukturen und Prozesse am Musikarbeitsmarkt Bescheid zu wissen. Eine bessere Kenntnis über den österreichischen Musikarbeitsmarkt – eigentlich handelt es sich um verschiedene Sub-Arbeitsmärkte – vermehrt nicht nur faktenbasiertes Wissen zu wichtigen Zusammenhängen, sondern ermöglicht auch die Entwicklung zielgerichteter kultur- und sozialpolitischer Maßnahmen und (Förder-)Instrumentarien. Wie die Studie zeigen konnte, sind diese nicht immer treffsicher. Durch bedarfsgerechte Maßnahmen könnte die wirtschaftliche und soziale Lage vieler Musikschaffender in Österreich verbessert werden – nicht nur in der Corona-Krise, sondern darüber hinaus auch mittel- und langfristig.

Informationen zur Studie

Die Online-Befragung zur Wirtschaftlichen Lage am österreichischen Musikarbeitsmarkt während der Corona-Krise, an der insgesamt 1.777 in Österreich tätige Musikschaffende teilgenommen haben, wurde auf Eigeninitiative des Instituts für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der mdw-Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in Kooperation mit dem Institut für Retailing & Data Science der Wirtschaftsuniversität Wien vom 18. Februar bis 25. März 2021 durchgeführt und anschließend ausgewertet. Als Kooperationspartner haben das Projekt das Music Austria (MICA), der Österreichische Musikrat (ÖMR), die IG Freie Musikschaffende, die stimm-IG, die Musikergilde, die gewerkschaftlichen Vertretung für Musikschaffende, die ÖHs der österreichischen Musikuniversitäten und die musikbezogenen Verwertungsgesellschaften unterstützt.

Die quantitative Online-Befragung umfasste die Themenbereiche Demografie, Ausbildung, Einkommen & Beschäftigung, COVID-19-Unterstützungsmaßnahmen und Musikarbeitsmarkt (Zufriedenheit und Perspektive). Der Fragebogen enthielt vor allem gestützte Fragen mit Single-Choice-Auswahl, bei manchen Fragen war eine Mehrfachnennung möglich. Vor allem im letzten Teil der Befragung wurden auch offene Fragen gestellt, etwa inwiefern sich die Berufsperspektive aufgrund der Corona-Krise geändert hat.


[1] In der Studie wurden auch Personen erfasst, die sich als divers bezeichnet haben, allerdings ist die Samplegröße für eine weitere statistische Auswertung zu klein.


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