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Die 10. Vienna Music Business Research Days im Rückblick

Vom 11.-13. September 2019 blickten die 10. Vienna Music Business Research Days in ihrem Jubiläumsjahr mit dem Thema „Future of the Music Business“ in die Kristallkugel. MusikwirtschaftsforscherInnen und Musikindustrie-RepräsentantInnen aus aller Welt wagten den  Blick in die Zukunft des Musikbusiness und diskutierten an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien die neuen Herausforderungen, die die Musikurheberrechtsgesetzgebung zu bewältigen hat und was nach dem Musikstreaming der nächste Trend sein wird.

Den Auftakt am 11. September machte traditionell der Young Scholars Workshop, in dem Master- und PhD-Studierende, die Möglichkeit haben, ihre Forschungsprojekte im Kreis renommierter MusikwirtschaftsforscherInnen vorzustellen und zu diskutieren. Gleich zwei wissenschaftliche Paper wurden von einer internationale Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet: „THE NEW MAGIC PEOPLE: An Ethnographic Study of East London’s Cultural Workers at Shoreditch House“ von Sam Edrisi von der Westminster University in London und „Creativity, Constraints, and Copyright – Hired Music Guns and the Case of Soundalikes“ von Konstantin Hondros von der Universität Duisburg-Essen. Beide Paper werden im International Journal of Music Business Research (IJMBR) publiziert werden.

Am folgenden Konferenztag präsentierten WissenschafterInnen aus Australien, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Rumänien, Spanien, Südafrika, den USA und dem Vereinigten Königreich ihre aktuellen Forschungsergebnisse der interessierten Öffentlichkeit. Thematisiert wurden Genderaspekte im Klassikmusikbetrieb, das Live-Musikbusiness in den Niederlanden, Selbstmanagement und Entrepreneurship von MusikerInnen, die Nachfrage nach Musik im Zeitalter des Musikstreamings, Musik-Branding, Musikarbeitsmärkte und Fragen der Musikausbildung, was die inhaltliche und methodische Vielfalt der Musikwirtschaftsforschung widerspiegelt (siehe Programm).

Der dritte Konferenztag am 13. September stand ganz im Zeichen des Hauptthemas „Future of the Music Business“. Die einleitende Keynote „The Music Business & Technology – How Their Past and Present will Dictate Their Future“ hielt Cliff Fluet von der Londoner Rechtsanwaltskanzlei Lewis Silkin LLP. In weiterer Folge diskutierte er unter der Leitung von Sally Gross (University of Westminster, London) mit Ros Lynch (Intellectual Property Office, London), und dem Blockchain-Start-up-Unternehmer Steve Stewart (vezt, Los Angeles) wie sich das Urheberrecht angesichts neuer technologischer Entwicklungen wie die Blockchain und künstliche Intelligenz weiterentwickeln muss.

Den Vormittag beschloss die Keynote des früheren operativen Geschäftsführers der Sony/BMG, Michael Smellie, der selbstkritisch die sieben Todsünden der Musikindustrie im Zuge der Digitalisierung des Musikbusiness aufarbeitete.

Nach der Mittagspause diskutierte Paul O’Hagan von der University of Ulster mit dem Musikmanager Peter Jenner das Konzept von Label-Serviceverträgen, dessen Erfinder Peter Jenner ist als er für Billy Bragg mit dem Indie-Label Cooking Vinyl einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat. Mittlerweile nutzen immer mehr Stars wie z.B. Taylor Swift dieses neuartige Vertragskonstrukt, das ihnen wesentlich mehr Rechte gegenüber dem Label einräumt, und somit ein Zukunftsmodell für das digitale Musikbusiness darstellen könnte. Peter Jenner stand auch im Mittelpunkt der Präsentation des Projekts „Music 2025“ durch Dennis Collopy (University of Hertfordshire, UK), das der Musikmanager mitkonzipiert hat.

In der folgenden Keynote „What Are the Key Drivers of Growth in Music Streaming? – Past, Present and Future“ versuchte der Musikindustrie-Analytiker Chris Carey einen Blick in die Zukunft nach Musikstreaming zu werfen, in dem er die bisherige Entwicklung in die Musikstreamingökonomie nachzeichnete und Zukunftsszenarios entwickelte. Damit war auch schon das Thema für die Podiumsdiskussion zu „Future of the Music Business – What’s Next after Music Streaming?“ aufbereitet. Unter der Leitung von Dennis Collopy (University of Hertfordshire) diskutieren Rebecca Brook (Musikindustrie-Beraterin, London), Chris Carey (Media Insight Consulting, London), Phil Graham (University of the Sunshine Coast, Australien) und Michael Smellie (Start-up-Investor, Australien) wie sich das Musikbusiness in Zukunft weiterentwickeln wird.

Die Konferenz wurde am Abend des 11. September noch durch zwei Buchpräsentationen abgerundet. Daniel Nordgård von Universität Agder in Kristiansand/Norwegen stellte dabei den ersten Band der Springer-Buchreihe „Music Business Research“ mit dem Titel The Music Business and Digital Impacts. Innovations and Disruptions in the Music Industries vor. Ihm folgte Phil Graham von der University of the Sunshine Coast/Australien, der den zweiten Reihenband Music, Management, Marketing, and Law. Interviews Across the Music Business Value Chain der Öffentlichkeit präsentierte. Im Anschluss daran diskutierten die beiden Autoren mit der Wiener Start-up-Unternehmerin Nermina Mumic und dem Musikmanager Peter Jenner, die Herausforderungen von „Big Data in the Music Business“.

 

 

10. Vienna Music Business Research Days 2019

„Future of the Music Business“

 

YOUNG SCHOLARS‘ WORKSHOP AM 11. SEPTEMBER (Programm als pdf)

 

BUCHPRÄSENTATION UND PODIUMSDISKUSSION 

„BIG DATA AND THE DIGITAL MUSIC BUSINESS“ AM 11. SEPTEMBER

 

Daniel Nordgård von Universität Agder in Kristiansand/Norwegen stellte sein Buch „The Music Business and Digital Impacts. Innovations and Disruptions in the Music Industries“ vor. Das Buch bietet einen der seltenen Einblicke in die kontroversiellen und komplexen Diskurse der verschiedenen Akteure in der Musikindustrie während der digitalen Transformation. Das vom Autor ausgewertete empirische Material stammt von Mitschnitten der informellen Kristiansand Roundtable Talks, in deren Rahmen Musikindustrie-VertreterInnen abseits der Öffentlichkeit offen über die Herausforderungen der Digitalisierung diskutieren und sich mitunter auch in die Haare geraten. Daniel Nordgård hat diese Gespräche über viele Jahre hinweg begleitet und die Aufnahmen davon wissenschaftlich ausgewertet. Die Ergebnisse können in diesem Buch nachgelesen werden und erlauben eine differenzierte und nuancierte Bewertung der Entscheidungen, die im Laufe der digitalen Revolution in der Musikindustrie getroffen wurden.

Phil Graham von der University of the Sunshine Coast/Australien hat danach den von ihm verfassten zweiten Band mit dem Titel „Music, Management, Marketing, and Law. Interviews Across the Music Business Value Chain“ präsentiert. Der Band versammelt zahlreiche Interviews des Autors mit lang gedienten Musikindustrie-InsiderInnen, die den Wandel der Musikwirtschaft im digitalen Zeitalter hautnah erlebt haben. Phil Graham fasst darin die Erfahrungen und Einsichten von Personen zusammen, die die Entwicklung der Musikindustrie in den entscheidenden Jahren nach dem Millenium mit ihren Entscheidungen maßgeblich beeinflusst haben. Das Buch ist somit ein Oral History-Projekt, in dem ästhetische, künstlerische, technologische, ökonomische, legistische und strategische Aspekte der digitalen Transformation dargestellt werden und für eine zukünftige Generation von MusikwirtschaftsforscherInnen eine wertvolle empirische Datenbasis darstellt.

Nach den Kurzpräsentationen der beiden Bände diskutierten die Autoren mit dem Musikmanager Peter Jenner (Sincere Music, London) und der Gründerin und Geschäftsführerin der in Wien ansässigen Datenanalyse-Firma Legitary, Nermina Mumic, zum Thema „Big Data in the Digital Music Business“. (Foto: Magdaléna Tschmuck)

 

 

 

CONFERENCE TRACK DAY AM 12. SEPTEMBER (Programm als pdf)

Bender, Matthias & Jutta Emes, Bauhaus-Universität Weimar, Deutschland: „Customer-based artist brand equity. How streaming leads to new forms of marketing that drive brand equity for artists“

Cobeanu, Silviu, University of Leeds, UK: „Challenges in music business education: The role of problem-based learning (PBL)“

de Rooij, Pieter & Lynette Verduijn Lunel, Breda University of Applied Sciences, Niederlande: „Adoption of CRM in a nonprofit industry: The case of Dutch pop music venues“. Präsentation

Desai, Bhavini & Eleonora Cattaneo, Regent’s University London, UK: „The impact of technology and social media marketing on the changes in relationship between labels and artists within the music industry“

Duffner, L. Roman & Benjamin Schiemer, Johannes Kepler-Universität Linz, Österreich: „Becoming and ageing as a band: An organizational form between family, project and firm“

Graham, Phil, University of the Sunshine Coast, Australien: „Implications of the digital economy for independent musical labour or: global „craft“ economies“

McKenzie, Jordi, Paul Crosby & Liam Lenten, Macquarie University Sydney, Australien: „It takes two, baby! Does collaboration between artists increase the demand for music?“

Montoro-Pons, Juan D. & Manuel Cuadrado-García, University of València, Spanien: „Live music consumption, information search and the local impact of music festivals“

Morrow, Guy & Jennifer Beckett, Melbourne University, Australien: The impact of ARIA charts, New Zealand charts and regional Spotify charts on consumer purchasing behaviour in the Australian live music industry

Mulder, Martijn & Erik Hitters, Erasmus Universität Rotterdam, Niederlande: Risk and trust in the live music industry

Murphy, Shane Terry, Torrens University, Brisbane, Australien: „Music marketing in the digital age – An autoethnographic examination of key opportunities and challenges facing independent artists releasing music in the digital age“

Nordgård, Daniel & Roderick Udo, University of Agder, Norwegen & HU Business School Utrecht, Niederlande: „Entrepreneurial decision making in the European music sector“

Toscher, Ben, Norwegian University of Science and Technology Trondheim, Norwegen: „The skills gap in higher music education“

Weary, Hal & Jennifer Brodmann, California State University Dominguez Hills, USA: „Music entrepreneurship and access to capital: An exploratory study“

Wesley-Smith, Bianca, Clorinda Panebianco & Sonali Das, University of Pretoria, Südafrika: „Can we hear gender? Exploring the auditory identification of gender in violin performance“

Winter, Carsten, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Deutschland: „Surveillance and/or participation in the future of music business? The future of music of ordinary people between commercial digital music platforms and digitally open-networked music-culture-ecologies“

 

 

INVITED CONFERENCE DAY ZU

„FUTURE OF THE MUSIC BUSINESS?“ AM 13. SEPTEMBER

 

Am letzten Konferenztag begrüßte der Vizerektor für Internationalisierung und Kunst der mdw, Prof. Johannes Meissl, die internationalen Gäste aus Wissenschaft und Musikwirtschaftspraxis und verwies auf die hohe Relevanz der Konferenzthematik für die mdw-Studierenden. (Foto: Stephan Polzer)

Videostream

 

 

 

Die einleitende Vormittags-Keynote wurde vom Londoner Urheberrechtsanwalt, Cliff Fluet, mit Titel „The Music Business & Technology – How Their Past and Present will Dictate Their Future“ gehalten. Im ersten Teil seiner Präsentation zeigte Fluet die historische enge Verbindung zwischen Musikschaffenden und Technologie auf. Und dieses enge Verhältnis musste immer schon durch legistische Maßnahmen gestaltet werden. Schon die Erfindung der Druckerpresse, die Markteinführung von Phonografen und Tonträgern durch Thomas A. Edison im späten 19. Jahrhundert und die Etablierung des Rundfunks in den 1920er Jahren haben neue Formen des Musikschaffens und der Musiknutzung ermöglicht, die immer auch rechtliche Konsequenzen nach sich zogen. Diese wurden vonseiten der Musikindustrie oft dazu benutzt, Innovationen zu be- und verhindern, was sich im Nachhinein stets als Schaden für die Musikindustrie selbst herausgestellt hat. Innovationen stellen vielmehr eine Chance dar, die das Urheberrecht nicht verkomplizieren, sondern stimulieren.

Technologie braucht immer auch Software bzw. Inhalte, die von der Musikindustrie geliefert werden können. Daraus ergibt sich für Fluet ein Content-Technologie-Paradigma, das die Musikindustrie prägt. Netflix hat das verstanden und ein entsprechendes Service im Filmbereich angeboten. Tech-Firmen wie Amazon, Apple, Google und Spotify versuchen nun Ähnliches in der Musikindustrie umzusetzen, indem die Streamingtechnologie mit Inhalten verknüpft wird.

Das führt Fluet im letzten Teil seines Vortrags dazu, noch einen Blick in die Zukunft der Musikindustrie zu werfen, die stark von technologischen Entwicklungen geprägt sein wird. In Zukunft wird die Industrie wesentlich dezentralisierter arbeiten, demokratischer sein und dynamischer werden. Dazu präsentierte Fluet einige Fallbeispiele, die seiner Meinung nach diese Entwicklungen repräsentieren, z.B. das Blockchain-Portal Bitfury, der chinesische Messenger-Dienst WeChat, der Musikvertrieb AWAL oder das Musikpromotionsportal Fuga, nicht zu vergessen auch die Sprachassistenzsysteme von Apple, Google und Amazon. Zusammenfassend sieht Fluet neue dynamische Formen des Musikvertriebs, die mit Social-Media-Anwendungen verknüpft sind, am Vormarsch. Inhalte werden dabei wesentlich stärker mit Technologie kontextualisiert werden und es werden sich neue Geschäftsmodelle bei der Monetarisierung von Metadaten und Musiklizenzen ergeben. Artificial Intelligence, Blockchain und 3D-Druck sind Innovationen, auf die sich die Musikindustrie einlassen sollte. Fluet schließt mit der Feststellung, dass es für ihn keinen Value Gap zwischen Technologie und Musik gibt, sondern einen Understanding-Gap, d.h. fehlendes gegenseitiges Verständnis zwischen der Tech- und Musikindustrie. Nicht die rückwärtsgewandte Regulierung und der Klagsweg sind vernünftige Strategien, sondern innovative Musiklizenzierung, denn „technology and music and copyright are inextricably linked“. (Foto: Stephan Polzer)

Videostream

 

In der darauffolgende Podiumsdiskussion über „The Future of Music Copyright“ unter der Leitung von Sally Gross (University of Westminster, London) diskutierte Cliff Fluet mit Ros Lynch (Intellectual Property Office, London), und dem Blockchain-Start-up-Unternehmer Steve Stewart (vezt, Los Angeles). Ros Lynch vom britischen Urheberrechts- und Patentamt griff Fluets Aussage, dass es nur einen „Gap of Understanding“ gäbe auf, um darauf hinzuweisen, dass es sehr wohl einen „Value Gap“ gäbe, der auch mit dem berühmten Artikel 17 (vormals 13) der neuen EU-Copyrightrichtlinie versucht wurde zu schließen. Allerdings ist die Urheberrechtsgesetzgebung nicht in der Lage die Probleme der Musikindustrie zu lösen. Diese können nur zwischen den RepräsentantInnen der Tech-Firmen und der Content-Industrie am Verhandlungstisch angegangen werden. Die eigentliche legistische Herausforderung sei nicht das Urheberrecht, sondern wie mit den im digitalen Raum anfallenden Daten umgegangen wird. Dem stimmte Cliff Fluet zu, verwies aber auch auf die Probleme, die sich aus unterschiedlichen Interessenlagen ergeben und so z.B. zum Scheitern der Global Repertoire Database beigetragen haben. Steve Stewart vom Blockchain Start-up vezt ergänzte, dass schlechte und fehlende Metadaten ein großes Problem darstellen und die Verwertungsgesellschaften dabei nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen sind, was zu einer Diskussion über die Notwendigkeit von Verwertungsgesellschaften führte. Stewart sah vor allem die langsame Auszahlungen von Tantiemen und unkorrekte Metadaten als Hauptprobleme an, die durch neue Technologien wie Blockchain gelöst werden könnten. Das würde, warf die Moderatorin ein, letztendlich wieder nur den Superstars helfen, die ohnehin jetzt schon überproportional von der Verteilung profitieren würden. Die Verteilungsfrage wurde in der Folge als wesentlicher Aspekt der Musikindustrie diskutiert. Cliff Fluet meinte dazu, dass es wiederum technologische Lösungen wären, die ermöglichen würde, tief hängende Früchte und auf der Straße liegendes Geld einzusammeln, um mehr zum Verteilen zu haben. Sally Gross insistierte aber darauf, dass Musik ein öffentliches Gut ist und es nicht allein den Unternehmen überlassen sein dürfte, über die Verteilung der Mittel zu entscheiden, sondern auch die Öffentlichkeit ein Recht hätte, am Verhandlungstisch zu sitzen. Es ist auch eine Frage von Marktmacht, wie mit Daten und Geld in der Industrie umgegangen wird. Die Zukunft der Musikindustrie ist also nicht nur einer Frage der technologischen Entwicklung, sondern auch sozio-ökonomischer Zusammenhänge und kultureller Faktoren, die in der Diskussion viel zu wenig beachtet werden. (Foto: Stephan Polzer)

Videostream

 

In der folgenden Keynote warf der frühere operative Geschäftsführer des Musik-Majors Sony/BMG und australische Start-up-Investor, Michael Smellie, noch einmal einen Blick in die Vergangenheit, um durchaus auch selbstkritisch die Fehler zu beleuchten, die die Musikindustrie begangen hat. Es waren aber nicht die biblischen Todsünden – Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier –, die der Musikindustrie anzulasten sind, sondern Technologiegläubigkeit, intellektueller Narzissmus, Ignoranz gegenüber KonsumentInnen, Größenwahn, Globalisierungswahn, ökonomische Gleichgültigkeit und Ungeduld. In der Folge ging Michael Smellie ausführlich in seinem Vortrag auf diese sieben Sündenfälle genauer ein.

Technologiegläubigkeit: Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung, sind EntscheidungsträgerInnen in der Musikindustrie sehr technologiegläubig. So wurden nach der erfolgreichen Markteinführung der CD, die er als Entscheidungsträger bei der zur Philips gehörigen PolyGram selbst noch miterlebt hat, mit viel Kapitaleinsatz neue digitale Tonträgerformate wie die DCC, DAT, Minidisk oder SACD auf den Markt geworfen, die technologisch der CD überlegen waren, aber die MusikkonsumentInnen nicht ansprachen. Viel Geld wurde damit in den Sand gesetzt. Ähnliches geschah dann mit Napster, das zwar von der Bertelsmann AG als Chance für den digitalen Musikvertrieb begriffen wurde, nicht aber von den Plattenfirmen. Das Ergebnis war der Konkurs zu Napster und eine vertane Chance bereits früher im digitalen Musikmarkt Fuß zu fassen.

Intellektueller Narzissmus oder der Wunsch Dinge zu verkomplizieren: Der digitale Musikmarkt wurde von Apple-Gründer Steve Jobs mit dem iTunes-Shop geschaffen, den sich Michael Smellie persönlich von Jobs hat vorführen lassen. Die Begeisterung war groß (siehe Technologiegläubigkeit), aber das simple Preismodell Apples von US $0,99 für einen Track und US $9,99 für ein Album wurde nicht verstanden, was – neben dem Digital Rights Management – letztendlich auch das Scheitern der Eigenangebote der Majors wie Pressplay erklärt.

Ignoranz gegenüber KonsumentInnen: Durch das Überlassen des digitalen Downloadmarktes an Apple/iTunes hat die Musikindustrie nicht nur die Kontrolle über die Musikdistribution verloren, sondern auch wertvolles Wissen über ihre KonsumentInnen. Lange Zeit wurden digitale Nutzungsdaten als nebensächlich und Belastung empfunden, was auf eine gewisse Ignoranz gegenüber den eigenen KundInnen verweist. Dazu kommt die fehlende Expertise, mit großen Datenmengen umzugehen und diese zielgerichtet auszuwerten. Der direkte Kontakt zu den KonsumentInnen war in der analogen Welt nicht nötig und wurde dem Tonträgereinzelhandel überlassen. Das ist im digitalen Musikbusiness nicht mehr möglich und es musste sich mit viel Geld diese Expertise dazu gekauft werden.

Größenwahn: Die oberste Prämisse der Musikindustrie hat immer gelautet „size matters“. Jedes Major-Unternehmen strebt danach das größte zu sein und die größte Marktmacht gegenüber Intermediären ausüben zu können und die Durchschnittskosten zu senken. Das funktioniert ganz gut in wachsenden Märkten wird aber zum Boomerang in einer Rezession, wenn Kapazitäten und Fixkosten abgebaut werden müssen. Die gesamte Übernahme- und Fusionswelle in den 1980er und 1990er Jahre hat sehr viel Geld gekostet und nur wenig Synergieeffekte gebracht. Als dann die Umsätze nach 2000 einbrachen, musste viele der Investments abgeschrieben werden. Zwar gilt das Gesetz der Economies-of-Scale auch im digitalen Zeitalter, aber heutzutage sind auch Nischenmärkte relevant und Größe ist nicht unbedingt eine Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg, wie zahlreiche Indie-Labels beweisen.

Globalisierungswahn: Hand-in-Hand mit dem Größenwahn ging der Globalisierungswahn. Das Ziel der Majors war stets mit einem Produkt, d.h. Hit die gesamte Welt zu versorgen. Das hat im Zeitalter der Superstars bis zu einem gewissen Grad auch funktioniert, vor allem wenn Kontrolle über die globalen Promotionskanäle ausgeübt werden konnte. Die Digitalisierung hat völlig neue Voraussetzungen geschaffen, in denen das lokale Repertoire und Marktbesonderheiten zu beachten sind. Heute geht es nicht mehr darum, den einen großen Hit weltweit durchzusetzen, sondern die unterschiedlichen Märkte mit maßgeschneiderter Musik zu versorgen.

Ökonomische Gleichgültigkeit: Die Geschichte zeigt, dass die Verantwortlichen in der Musikindustrie wenig Sensibilität für das ökonomische Umfeld haben. Krisen werden nicht rechtzeitig erkannt, Blasen nicht als solche gesehen, was zu völlig falschen strategischen Entscheidungen geführt hat, wie z.B. Akquisitionen und Fusionen zur Unzeit. Oft verstellt auch der Blick auf den eigenen musikalischen Content die ökonomische Realität und die Folgen der Nichtbeachtung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten sind meist massiv.

Ungeduld oder ‚zeig mir den einfachsten Weg‘: Es sind oft die KünstlerInnen bzw. ihr Management, die es nicht erwarten können, den Durchbruch zu schaffen. Es fehlt an Geduld und nachhaltiger Aufbauarbeit, um zum Erfolg zu gelangen, der sich ohnehin nur in Ausnahmefällen einstellt. Es gibt den einfachen Weg zum Erfolg nicht und er ist stets mit harter Arbeit verbunden. Das müssen die MusikerInnen lernen und soll auch von den Labels nicht suggeriert werden.

Zum Abschluss gibt Michael Smellie noch einige Tipps aus seiner langjährigen Berufserfahrung im Musikbusiness, wie diese Fehler vermieden werden können: Besinne Dich Deiner Kernkompetenz des KünstlerInnen-Aufbaus und versuche keine Tech-Firma zu sein; verzichte auf komplizierte Strategien, sondern „keep it simple“; betrachte Deine KonsumentInnen als wertvollstes Assets und lerne möglichst viel über sie; achte auch auf Marktnischen und strebe nicht nur nach Größe und schließlich: Übe Dich in Geduld! (Foto: Stephan Polzer)

Videostream & Vortrag

 

 

Nach der Mittagspause diskutierte Paul O’Hagan von der University of Ulster mit dem Musikmanager Peter Jenner das Konzept von Label-Serviceverträgen, dessen Erfinder Peter Jenner ist als er für Billy Bragg mit dem Indie-Label Cooking Vinyl einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat. Mittlerweile nutzen immer mehr Stars wie z.B. Taylor Swift dieses neuartige Vertragskonstrukt, das ihnen wesentlich mehr Rechte gegenüber dem Label einräumt, und somit ein Zukunftsmodell für das digitale Musikbusiness darstellen könnte. (Foto: Magdaléna Tschmuck)

Videostream

 

 

Im Anschluss daran stellte Dennis Collopy von der University of Hertfordshire die Ergebnisse des Projekts „Music 2025“ vor, dass er 2014 gemeinsam mit Peter Jenner bei den Vienna Music Business Research Days erstmals der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Unter dem Titel „Is Music Data Fit for 21st Century?“ fasste Dennis Collopy die Projektergebnisse zusammen. Insgesamt wurden 50 semi-strukturierte Interviews mit VertreterInnen der Musikwirtschaft und Tech-Firmen durchgeführt, um zu erheben, welche Anforderungen in der digitalen Musikwirtschaft zu erfüllen sind. Wichtig war dabei die Feststellung, dass das phonografische Business und das Musikverlagswesen als zwei getrennte Hemisphären angesehen werden, bei denen klar zwischen Reproduktion und Aufführung unterschieden werden muss. Das führt dazu, dass beide Sektoren zu wenig miteinander kooperieren und in Parallelwelten arbeiten. Dabei spielt die Qualität der Metadaten eine wesentliche Rolle. Allerdings sind Codifier wie der International Standard Recording Code (ISRC) und der International Standard Writing Code (ISWR) veraltet, weil sie noch im analogen Zeitalter zu ganz anderen Zwecken entwickelt worden waren. Neue Initiativen wie der International Standard Name Identifier (ISNI) müssen für den digitalen Musikvertrieb forciert werden. Die Daten-Infrastruktur müsste vereinfacht und auf eine neue technologische Basis gestellt werden. Derzeit existieren zu viele Insellösungen nebeneinander, die verknüpft werden müssten. Entscheidend wäre eine industrieweite Zusammenarbeit, um die anstehenden Probleme zu lösen. Die fehlende Kooperationsbereitschaft unter den Industrieakteuren fördere hingegen die Fragmentierung der Datenlagen, was wiederum zu höheren Kosten der Informationsbeschaffung führt. Die Lösung wären mehr Standardisierung wie z.B. durch die DDEX-Initiative und eine Aufklärungskampagne bei den KünstlerInnen, wie wichtig korrekte Metadaten für ihre Einkommensgenerierung sind. Besonders wichtig aber wäre eine engere Zusammenarbeit zwischen der phonografischen Industrie und dem Musikverlagswesen, um unnötige Parallelaktionen und getrennte Datensilos zu vermeiden. (Foto: Stephan Polzer)

Videostream & Präsentation

 

 

Der Datenanalytiker Chris Carey (Media Insight Consulting, London) steuerte die letzte Keynote der Konferenz bei, indem er über die Frage „What Are the Key Drivers of Growth in Music Streaming? – Past, Present and Future“ referierte. (Foto: Stephan Polzer)

 

 

 

 

 

Damit war die Ausgangslage für die abschließende Podiumsdiskussion zu „Future of the Music Business. What’s Next after Music Streaming?“ beschrieben. Unter der Leitung von Dennis Collopy diskutierten Rebecca Brook (Musikindustrie-Beraterin, London), Chris Carey (Media Insight Consulting, London), Phil Graham (University of the Sunshine Coast, Australien) und Michael Smellie (Start-up-Investor, Australien). Für Rebecca Brook ist das Zeitalter des Musikbesitzes vorbei und der Zugang zur Musik vor allem in Form von Musikstreaming bestimmend. Ein Comeback des Musikbesitz-Modells sieht die Technologie-Expertin trotz Vinyl-Booms nicht. Für Chris Carey ist es eine Frage, welches Öko-System an Musiknutzung sich durchsetzen wird, in dem Musikbesitz, Zugang zur Musik und auch Live-Musik sich gegenseitig ergänzen. Phil Graham verweist darauf, dass das Live-Musikbusiness in jenem Ausmaß Umsatz dazu gewonnen wie die phonografische Industrie verloren hat. Letztendlich war es eine Umverteilung von Einnahmen auch für die Musikschaffenden, die letztendlich mit Musik ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Dabei spielen Musikstreaming-Einnahmen nur eine untergeordnete Rolle. Die Post-Streamingwelt wird sich durch eine direkten Einkommensstrom von den NutzerInnen zu den KünstlerInnen auszeichnen. Michael Smellie ergänzt, dass es vor allem Apple war, das eine völlig neue Value Proposition gemacht hat und mit seiner Preissetzung den digitalen Musikmarkt zu dominieren begann. Und auch heutzutage versucht Apple mit der Loss-Strategie nicht-kostendeckender Preis Konkurrenten aus dem Markt zu drängen. Es herrschte Einigkeit am Podium, dass die strikte Trennung zwischen phonografische Industrie, Musikverlagswesen und Live-Business in einer Post-Streamingindustrie nicht mehr aufrecht zu erhalten sein wird und neue Vertragsformen zwischen den Musikschaffenden und diversen Intermediären das Bild prägen werden. (Foto: Magdaléna Tschmuck)

Videostream

 

Damit war der Blick in die Kristallkugel beendet und es wurden zum Abschluss der 10. Vienna Music Business Research Days noch die Gewinner des Young Scholars‘ Workshop gekürt: Sam Edrisi (Westminster University und King’s College London) für „THE NEW MAGIC PEOPLE: An Ethnographic Study of East London’s Cultural Workers at Shoreditch House“ und Konstantin Hondros (Universität Duisburg-Essen) für „Creativity, Constraints, and Copyright – Hired Music Guns and the Case of Soundalikes“. Beide Paper werden im International Journal of Music Business Research (IJMBR) publiziert werden. (Fotos: Stephan Polzer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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