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Dez
18

Die Musikwirtschaftsforschung 2018 – ein Jahresrückblick

Liebe Leserinnen und Leser des Blogs zur Musikwirtschaftsforschung,

Das Highlight aus musikwirtschaftlicher Perspektive war 2018 sicherlich der Börsengang von Spotify am 3. April, der von der Investoren anfänglich euphorisch begrüßt wurde. Spotify übertraf mit einem Börsenkurs von US $166 und einer Marktkapitalisierung von US $26,5 Mrd. alle Erwartungen.[1] In weiterer Folge kletterte der Aktienkurs des schwedischen Musikstreamingdienstes bis Ende Juli auf einen historischen Höchstwert von US $196 pro Aktie, was einer Marktkapitalisierung von US $35,3 Mrd. entsprach. In der Zwischenzeit ist allerdings der Kurs der Spotify-Aktien um mehr als 40 Prozent eingebrochen und derzeit ist das Unternehmen an der Börse „nur“ noch US $20,6 Mrd. wert.[2] Dieser Wertverlust kann allerdings nur teilweise auf das allgemein schlechte Börsenumfeld sinkender Kurse zurückgeführt werden. So hat der Standard & Poors-Aktienindex im selben Zeitraum lediglich 11,7 Prozent an Wert verloren. Es scheint, dass die Investoren Zweifel am Spotifys Geschäftsmodell haben. Trotz eines Anstiegs der Zahl der Premium-Abos auf 83 Mio. und der monatlich aktiven NutzerInnen auf 109 Mio. am Ende des 3. Geschäftsquartals, weist der Streamingdienst einen steigenden Jahresverlust aus.[3] Die Musik-Majors (ausgenommen die Universal Music Group) sowie die Indie-Label-Lizenzagentur MERLIN haben jedenfalls schon knapp nach dem Börsengang ihre Unternehmensanteile an Spotify mit Gewinn verkauft. Es sind also vor allem die Major Companies sowie die großen Indie-Labels, die vom Boom am Musikstreamingmarkt profitieren, der 2017 weltweit um 41,1 Prozent auf US $6,6 Mrd. angewachsen ist.[4] Ausführliche Analysen der wirtschaftlichen Performance der Universal Music Group und der Warner Music Group zeigen jedenfalls steigende Umsätze und Gewinne, die in erster Linie auf das Musikstreaming zurückzuführen sind.

Abseits von Spotify und dem Musikstreamingboom, möchte ich noch an folgende relevanten Musikbusiness-Themen des Jahres 2018 erinnern:

  • Vivendis Pläne, zumindest 50 Prozent der Universal Music Group an Liberty Media (Eigentümerin der Sirius XM Radio Inc.) zu verkaufen, die 2018 einen Kontrollanteil am US-Musikstreamingdienst Pandora erworben hat,
  • die Ankündigung der chinesischen Tencent Holdings, ihr Tochterunternehmen Tencent Music Entertainment Group an die New York Stock Exchange zu bringen,
  • die In-Kraft-Setzung des US Music Modernization Acts
  • und der andauernde Kampf zu Artikel 13 der noch nicht beschlossenen EU Copyright Directive.

 

 

Die 9. Vienna Music Business Research Days vom 12.-14. September 2018 standen diese Jahr unter dem Titel „Music Life is Live“ ganz im Zeichen der wachsenden wirtschaftlichen Relevanz der Live-Musiksektors. Beate Flath, Juniorprofessorin an der Universität Paderborn, zeigte in ihrem Vortrag die ökonomische Relevanz von Musikfestivals in ländlichen Regionen und Kleinstädten in Deutschland auf und moderierte anschließend unter dem Titel eine Podiumsdiskussion zum Thema „The Political Economics of Music Festivals“ mit Alex Ballreich (LiveKomm, Hamburg), Martin Cloonan (Universität Turku), Detlef Schwarte (Reeperbahn Festival Hamburg), Peter Smidt (Eurosonic Noorderslag Festival, Groningen) und Carsten Winter (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover).

Erik Hitters, Professor für Soziologie an der Erasmus Universität Rotterdam, schloss in seinem Vortrag zur „Live Music Ecologies and Value Creation for Musicians, Industries and Cities“ an die Podiumsdiskussion an und präsentierte dabei erste Ergebnisse des breit angelegten Poplive-Projekts zur niederländischen Live-Musikwirtschaft.

Die Nachmittagsvorträge kreisten dann alle um das internationale Konzert- und Touringbusiness. Zuerst lieferte der Berliner Konzertagent Berthold Seliger in seiner Keynote „Empire Business or Cultural Diversity. About the Reality of the Concert Business“ eine kritische Reflexion des gegenwärtigen Konzertbusiness. Im Anschluss daran war der ehemalige Chefökonom der Obama-Administration, Professor Alan Krueger per Livevideo-Schaltung von der Universität Princeton zugeschaltet. In seiner Keynote „The Economics of the International Live Music Business“ analysierte Alan Krueger die Entwicklung des Live-Musikmarktes in den letzten Jahren und zeigte dabei auf, dass das Live zur wichtigsten Einnahmenquelle für die MusikerInnen geworden ist. In der folgenden Podiumsdiskussion erläuterten Jake Beaumont-Nesbitt (International Music Managers Forum, London, UK), Ernst L. Hartz (E. L. Hartz Promotion Bonn, Deutschland) Harry Jenner (Frequency Festival, Österreich) und Peter Jenner (Sincere Management, London, UK), wie sich das internationale Konzert- und Touringbusiness seit Erfindung der Popmusikfestival-Formats 1967 in Monterey gewandelt hat und wie sich aus einem über Jahrzehnte stark fragmentierten und regionalisierten Livemusik-Markt, in dem Musik noch die Hauptrolle spielte, ein hoch-konzentriertes Oligopol entwickeln konnte, in dem einige wenige Konzerne die Spielregeln vorgeben und letztendlich nur den Shareholder-Value erhöhen wollen.

Am Tag zuvor präsentierten MusikwirtschaftsforscherInnen aus Belgien, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden Spanien und den USA ihre aktuellen Forschungsergebnisse der interessierten Öffentlichkeit. Der thematische Bogen reichte dabei von Branding-Effekten für Musikfestivals über die Festivalisierung des niederländischen Live-Musiksektors bis hin zu der Ökonomik von Musikfestivals, Musikpiraterie, regulatorischen Aspekten im Musikbusiness bis zur Datenanalyse für Ticketingunternehmen.

Zum Abschluss der Konferenz wurde der Best-Paper Award an Silvia Donker von der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden für ihren Artikel zu „Networking Data. A Multimethod Examination of Network Perspective for Artist Management“ von einer internationalen Jury verliehen. Der Young Scholars‘ Workshop eröffnete die Konferenz am 12. September mit Beiträgen von JungwissenschafterInnen aus Deutschland, den Niederlanden, Spanien und der Tschechischen Republik.

Der Beitrag wird in einer Folgeausgabe des International Journal of Music Business Research (IJMBR) publiziert werden, von dem 2018 wieder zwei Ausgaben zu unterschiedlichen Themen der Musikwirtschaftsforschung erschienen sind.

Ausgabe 7, Nr. 2, Oktober 2018

Editorial by Peter Tschmuck, S. 4-5

Marie Connolly & Alan B. Krueger: The secondary market for concert tickets: theory and evidence, S. 6-51

Sarita M. Stewart: The development of the artist-fan engagement model, S. 52-82

Wolfgang Senges: Blockchain in the music business: preventing the threat of disruption, S. 83-106

Ausgabe 7, Nr. 1, April 2018

Editorial by Dennis Collopy, S. 4-5

Rasmus Rex Pedersen: Exploring bounty and spread: key changes in the Danish music streaming economy, S. 6-25

Opal Gough: Blockchain: A new opportunity for record labels, S. 26-44

Abner Pérez Marín: Compulsory licensing in Ecuador’s music industry: a daring strategy within the new intellectual property law in order to regulate music piracy, S. 45-71

Buchbesprechung von Daniel Nordgård: Digital Music Distribution: The sociology of online music streams von Hendrik Storstein Spilker, S. 72-74

 

Das IJMBR wird seit 2016 von der International Music Business Research Association (IMBRA), die in Wien gegründet wurde, herausgegeben. 2018 wurde die dritte IMBRA-Vollversammlung im Rahmen der 9. Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung abgehalten. Dabei wurde beschlossen, die internationale Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Vereinigungen wie die MIRA, ACEI, AIMAC und IASPM zu verstärken. Die IMBRA gibt auch die Buchreihe zur Musikwirtschaftsforschung bei Springer International heraus, in der 2018 der erste Band von Daniel Nordgård „The Music Business and Digital Impacts. Innovations and Disruptions in the Music Industries“ bereits erschienen ist. Interessierte sind herzlich eingeladen über die IMBRA-Homepage einen Mitgliedsantrag stellen: http://imbra.eu/

Eine deutschsprachige Buchreihe zur Musikwirtschaftsforschung wurde 2018 bereits mit dem Springer VS Verlag gestartet und am Jahresbeginn erschien bereits der erste Band mit dem programmatischen Titel „Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin“ (Hg. Peter Tschmuck, Beate Flath und Martin Lücke), in dem in acht Beiträgen die methodologischen und methodischen Grundlagen der Musikwirtschaftsforschung dargestellt und diskutiert werden. Noch im selben Jahr erschien der zweite Band mit dem Titel „Die Produktivität von Musikkulturen“, herausgegeben von Holger Schwetter, Hendrik Neubauer & Dennis Mathei.

Die vierte Vollversammlung der IMBRA wird im Rahmen der 10. Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung zum Thema „Future of the Music Business“ abgehalten. Die Call-for-Papers sowohl für den Young Scholars‘ Workshop am 11. September 2018 als auch für den Conference Track Day am 12. September 2018 werden demnächst veröffentlich werden.

 

Folgende Studien, Forschungsberichte, wissenschaftliche Artikel und Working Paper zur Musikwirtschafts- und -industrieforschung wurden 2018 veröffentlicht:

De Beukelaer, Christiaan. & Andrew J. Eisenberg, „Mobilising African music: how mobile telecommunications and technology firms are transforming African music sectors“, Journal of African Cultural Studies, https://doi.org/10.1080/13696815.2018.1546569.

Dunbar, Craig G., Stephen R. Foerster & Ken Mark, „Spotify’s Direct-Listing IPO“, Ivey Publishing, Ivey Business School Foundation (11. April 2018).

Gamble, Jordan R., How User-centric Innovation is Affecting Stakeholder Marketing Strategies: Exploratory Findings from the Music Industry, working paper.

Gómez-Vega, Mafalda & Luis César Herrero-Prieto, “ Measuring emotion through quality: evaluating the musical repertoires of Spanish symphony orchestras“, Journal of Cultural Economics, https://doi.org/10.1007/s10824-018-9337-1.

International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), Global Music Report 2018, short version, London: IFPI.

International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), Music Consumer Insight Report, London: IFPI.

IPSOS, Targeting millennials using music streaming apps, London: IPSOS.

Parc, Jimmyn, „Between Technological Advancement and Protectionism: The Bumpy Evolution from MP3 Players to Smartphones in Korea“, Kritika Kultura 32 (2018): S.6-31.

Peng, Fei, Lili Kang, Sajid Anwar & Xue Li, „Star power and box office revenues: evidence from China“, Journal of Cultural Economics, https://doi.org/10.1007/s10824-018-9338-0.

Takara, Yuki, „Do cultural differences affect the trade of cultural goods? A study in trade of music“, Journal of Cultural Economics, 42(3), S. 393-417.

UK Music, Measuring Music 2018 Report. London: UK for Music.

 

Bücher zur Musikwirtschaft und Musikindustrie aus dem Jahr 2018:

Allan, Paul, Artist Management for the Music Business, 4th edition, New York: Routledge.

Brabec, Jeff & Todd Brabec, Music Money and Success: The Insider’s Guide to Making Money in the Music Business, 8th edition, New York: Schirmer Trade Books.

Gesellschaft für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung (ed.), Big Data und Musik. Jahrbuch für Musikwirtschafts- und Musikkulturforschung, Wiesbaden: Springer VS.

Lieb, Kristin J., Gender, Branding, and the Modern Music Industry, 2nd edition, New York: Routledge.

Moser, Rolf, Andreas Scheuermann & Florian Drücke (eds.), Handbuch der Musikwirtschaft, 7 edition, München: C.H. Beck.

Nordgård, Daniel, The Music Business and Digital Impacts. Innovations and Disruptions in the Music Industries, Heidelberg etc.: Springer.

Schwetter, Holger, Hendrik Neubauer & Dennis Mathei (eds.), Die Produktivität von Musikkulturen, Wiesbaden: Springer VS.

Tschmuck, Peter, Beate Flath und Martin Lücke (eds.), Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin, Wiesbaden: Springer VS.

 

2018 wurde der Blog 35.208 Mal von 21.291 Interessierten besucht, was einem Tageschnitt von rund 100 Besuchen entspricht. Vielen Dank an alle Leserinnen und Leser. Die meisten BesucherInnen kamen aus Deutschland, gefolgt von Österreich, den USA und der Schweiz. Es gab aber auch zahlreiche Zugriffe aus Hong Kong, Großbritannien, Frankreich, Italien und den Niederlanden sowie aus vielen anderen Ländern dieser Welt.

 

Die Top-10 meist besuchten Blogbeiträge 2018 waren:

  1. Das Schicksal der CD – eine internationale CD-Marktanalyse mit 4.355 Besuchen
  2. Die Musikstreaming-Ökonomie – ein Einblick mit 1.168 Besuchen
  3. Woodstock: Mythos und historische Fakten. Eine Spurensuche von Sabine Nikolay mit 762 Besuchen
  4. Wer profitiert von Spotify & Co.? mit 538 Besuchen
  5. Das Musikbusiness in der Blockchain mit 517 Besuchen
  6. 40 Jahre Woodstock – Wirtschaftsdebakel und Mythos mit 484 Besuchen
  7. Die Ökonomie des Musikstreamings: Spotify mit 433 Besuchen
  8. Spotify geht an die Börse – eine ökonomische Hintergrundanalyse mit 357 Besuchen
  9. Die Rezession in der Musikindustrie – eine Ursachenanalyse mit 309 Besuchen
  10. Musik-Majors in der Streaming-Ökonomie: Universal Music Group mit 284 Besuchen

 

Unterm Strich haben, seit der Blog im März 2009 online gegangen ist, insgesamt 380.000 Zugriffe stattgefunden. Ich hoffe, dass zum 10-jährigen Bestehen des Blogs im Jahre 2019 weiterhin viel Interesse an den neuen Beiträgen bestehen wird. Gründe für einen Besuch gibt es jedenfalls zur Genüge. Vom 11.-13. September 2019 finden die 10. Vienna Music Business Research Days zum Thema „The Future of Music Business“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien statt. Der achte Band des International Journal of Music Business Research wird in einer April- und Oktober-Ausgabe erscheinen und natürlich wird es wieder viele neue Blogbeiträge, Buchrezensionen, Veranstaltungshinweise und einiges mehr geben.

Beste Neujahrswünsche für 2019 sendet,

PETER

 

Endnoten

[1] Music Business Worldwide, „Spotify valued at $30bn as it begins trading on New York Stock Exchange“, 3. April 2018 (Zugriff: 29.12.2018).

[2] Siehe https://www.marketwatch.com/investing/stock/spot (Zugriff: 29.12.2018).

[3] Forbes, „Spotify’s Q3 Results Confirm What We Already Know About The Streaming Service’s Future“, 1. November 2018 (Zugriff: 29.12.2018).

[4] IFPI, „Global Music Report 2018“, S. 6 (Zugriff: 29.12.2018).

 

 

 

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