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Nachbetrachtung der 9. Vienna Music Business Research Days, 12.-14. September 2018

Die 9. Vienna Music Business Research Days zum Thema „Music Life Is Live“ konnten wieder zahlreiche MusikwirtschaftsforscherInnen und -praktikerInnen an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien versammeln, um sich dieses Mal über die politische Ökonomie von Musikfestivals und dem internationalen Konzert- und Touringbusiness auszutauschen.

Zur Eröffnung des dritten Konferenztages begrüßte Frau Rektorin Ulrike Sych die internationalen Konferenzgäste und das Publikum.

 

 

EINLADUNGSKONFERENZTAG AM 14. SEPTEMBER

 

Den Vormittag eröffnete Beate Flath, Juniorprofessorin an der Universität Paderborn, mit einem Vortrag zur ökonomischen Relevanz von Musikfestivals in ländlichen Regionen und Kleinstädten. Sie zeigte dabei auf, welch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Festivals für die lokale Ökonomie darstellen. So generieren Festivals in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan und in den USA mit Pro-Kopf-Ausgaben von EUR 36 deutlich mehr Umsatz als z.B. Stadionkonzerte, bei denen lediglich EUR 17 pro Kopf in den genannten Ländern ausgegeben werden. Trotz dieser positiven ökonomischen Wirkung von Musikfestivals dürfen aber die negativen Effekte nicht verschwiegen werden. Die letzten Jahre haben einen Boom an Festivals gebracht, die alle um zugkräftige KünstlerInnen, zahlungskräftiges Publikum und vor allem um mediale Aufmerksamkeit auf einem begrenzten Markt buhlen. Darüber hinaus erzeugen Festivals auch negative externe Effekte wie z.B. laute Musik, die von AnrainerInnen des Festivalgeländes als massive Einschränkung ihrer Lebensqualität empfunden wird oder es gibt negative Auswirkungen auf die Ökologie und auf die meist begrenzte Infrastruktur, wie Beate Flath anhand von drei Fallstudien aus Deutschland belegt. Sie schloss ihren Vortrag mit Fragen, die zum Nachdenken anregen sollten:

  • Wie bedeutet künstlerische Freiheit vor dem Hintergrund negativer Effekte wie z.B. hinterlassende Müllberge, zeitraubende Verkehrsstaus, übervolle Supermärkte, Parkplätze und Unterkünfte, Belästigung jeglicher Art bei den Anwohnern, die jedes Musikfestival so mit sich bringen?
  • Besteht nur dann die Erlaubnis Lärm zu machen – und zwar im doppelten Sinn des Wortes -, wenn das Bruttosozialprodukt positiv beeinflusst wird?

Videostream und Präsentation

 

In einer Kurzpräsentation zeigte Professor Carsten Winter von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover den Nutzen den Showcase-Festivals wie z.B. das in den letzten Jahren stark gewachsene Reeperbahn-Festival in Hamburg, für KünstlerInnen, Fans und die Business Community generieren.

Videostream

 

 

 

 

Beate Flath moderierte im Anschluss daran eine Podiumsdiskussion zum Thema „The Political Economics of Music Festivals“ mit Alex Ballreich (LiveKomm, Hamburg), Martin Cloonan (Universität Turku), Detlef Schwarte (Reeperbahn Festival Hamburg), Peter Smidt (Eurosonic Noorderslag Festival, Groningen) und Carsten Winter (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover).

Videostream

 

Erik Hitters, Professor für Soziologie an der Erasmus Universität Rotterdam, schloss in seinem Vortrag zur „Live Music Ecologies and Value Creation for Musicians, Industries and Cities“ an die Podiumsdiskussion an und präsentierte dabei erste Ergebnisse des breit angelegten Poplive-Projekts zur niederländischen Live-Musikwirtschaft. In diesem Projekt wird die Frage aufgeworfen, wie die Live-Musikszene Werte in Form von MusikerInnen-Karrieren, für Musikveranstaltungsstätten und Festivals sowie für lokale (urbane) Communities generiert? Dabei verwies Erik Hitters auf einen boomenden Festivalbetrieb in den Niederlanden, der zu Recht als „Festivalisierung“ verstanden werden kann. So stieg die Zahl der Festivals in den Niederlanden von 2012 auf 2016 von 708 auf 934. Im selben Zeitraum ist auch die Zahl der FestivalbesucherInnen um 32 Prozent gewachsen, was auf einen sich wandelnden Musikkonsumstil schließen lässt – Stichwort Eventisierung. Die niederländischen Musikfestivals steuern aber nicht nur ökonomische Werte bei, sondern generieren auch soziale und kulturelle Werte, die im Projekt über den Ecology-Ansatz erfasst werden. Dabei werden im Projekt soziale Netzwerke zwischen den Akteuren, Institutionen und Intermediären des Live-Musikbetriebs sichtbar gemacht und in Abhängigkeit zu ihrer Umwelt rekonstruiert, woraus dann die soziale und kulturelle Wertgenerierung abgeleitet wird. Finale Ergebnisse stehen noch aus, weil das Projekt erst 2021 abgeschlossen sein wird.

Videostream und Präsentation

 

Die Nachmittagsvorträge kreisten dann alle um das internationale Konzert- und Touringbusiness. Zuerst lieferte der Berliner Konzertagent Berthold Seliger in seiner Keynote „Empire Business or Cultural Diversity. About the Reality of the Concert Business“ eine kritische Reflexion des gegenwärtigen Konzertbusiness. Er rollte dabei die Geschichte der nunmehr marktbeherrschenden Konzertveranstaltungskonzerne Live Nation  und CTS Eventim auf, die seit Mitte der 1990er Jahre sehr aggressiv kleinere Anbieter vom Markt verdrängten oder diese aufkauften, was sich seiner Einschätzung nach sehr negativ auf die kultureller Vielfalt im Live-Musikmarkt ausgewirkt hat.

Videostream und Präsentation

 

Im Anschluss daran war der ehemalige Chefökonom der Obama-Administration, Professor Alan Krueger per Livevideo-Schaltung von der Universität Princeton zugeschaltet. In seiner Keynote „The Economics of the International Live Music Business“ analysierte Alan Krueger die Entwicklung des Live-Musikmarktes in den letzten Jahren und zeigte dabei auf, dass das Live zur wichtigsten Einnahmenquelle für die MusikerInnen geworden ist. So bezogen die Top-35-KünstlerInnen, die 2016 auf Konzerttournee waren, im Durchschnitt 77,5 Prozent ihres Einkommens aus dem Live-Geschäft. In einer soeben erschienen Studie, in der 1.227 US-amerikanische MusikerInnen von der Music Industry Research Association (MIRA) befragt wurden, zeigte sich, dass im Durchschnitt US-MusikerInnen 41,6 Prozent ihres musikbezogenen Einkommens aus Live-Auftritten im nicht-religiösen Kontext beziehen. Weitere 15,9 Prozent der Einnahmen stammen aus religiösen Musikdarbietungen (Messgestaltung, Kirchenchor uä.) und nur 3,6 Prozent des Einkommens stammt von dem Verkauf von Musikaufnahmen (Tonträger und Downloads) und weitere 1,5 Prozent aus dem Musikstreaming. Insgesamt werden also im Durchschnitt 57,5 Prozent aller Einnahmen im Live-Musikbereich erzielt. Dementsprechend hoch ist auch das Medianeinkommen in diesen Sektoren: US $5.428 für nicht-religiöse Musikdarbietungen und sogar US $8.000 für Musikperformances im religiösen Kontext. Mithilfe einer Verteilungsanalyse über Lorenzkurven zeigte Alan Krueger dann noch auf, dass sich das Superstarprinzip auch im Live-Geschäft durchgesetzt und sich in den letzten Jahren sogar noch verstärkt hat. Vereinigten 1987 die Top-1-Prozent der MusikerInnen noch 40 Prozent aller weltweiten Konzerteinnahmen auf sich, so waren es 2017 bereits 60 Prozent der gesamten Live-Einnahmen, die die Top-1-Prozent verdienten.

Videostream und Präsentation

 

In der folgenden Podiumsdiskussion, die von Berthold Seliger geleitet wurde, erläuterten Jake Beaumont-Nesbitt (International Music Managers Forum, London, UK), Ernst L. Hartz (E. L. Hartz Promotion Bonn, Deutschland) Harry Jenner (Frequency Festival, Österreich) und Peter Jenner (Sincere Management, London, UK), wie sich das internationale Konzert- und Touringbusiness seit Erfindung der Popmusikfestival-Formats 1967 in Monterey gewandelt hat und wie sich aus einem über Jahrzehnte stark fragmentierten und regionalisierten Livemusik-Markt, in dem Musik noch die Hauptrolle spielte, ein hoch-konzentriertes Oligopol entwickeln konnte, in dem einige wenige Konzerne die Spielregeln vorgeben und letztendlich nur den Shareholder-Value erhöhen wollen.

Videostream

 

Nach der Podiumsdiskussion wurden dem ehemaligen Manager von Pink Floyd, Peter Jenner (Sincere Management, London, UK), der ursprünglich Volkswirtschaftslehre an der London School of Economics gelehrt hatte, bevor er ins Musikbusiness eingestiegen war und der immer noch ein zahlreichen Universitäten Musikmanagement unterrichtet, als Ehrenmitglied in die International Music Business Research Association (IMBRA) aufgenommen.

 

 

 

 

 

 

YOUNG SCHOLARS‘ WORKSHOP AM 12. SEPTEMBER 2018

 

Die 9. Vienna Music Business Research Days wurden traditionell mit der Verleihung des ersten Preises für das beste Paper im Young Scholars‘ Workshop beendet. Die diesjährige Preisträgerin Silvia Donker von der Rijksuniversiteit Groningen in den Niederlanden wurde für ihren Artikel zu „Networking Data. A Multimethod Examination of Network Perspective for Artist Management“ von einer internationalen Jury prämiert und es besteht die Möglichkeit, dass der Beitrag International Journal of Music Business Research (IJMBR) nach einem weiteren Begutachtungsprozess veröffentlich werden wird.

 

Im Young Scholars‘ Workshop hatten Studierende auf Master- und PhD-Ebene aus Deutschland, den Niederlanden, Spanien und der Tschechischen Republik dieses Jahr wieder die Gelegenheit, ihre Forschungsergebnisse renommierten MusikwirtschaftsforscherInnen zur präsentieren und am 12. September zur Diskussion zu stellen.

 

KONFERENZTAG AM 13. SEPTEMBER

Am darauffolgenden 13. September präsentierten dann WissenschafterInnen aus Belgien, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, Spanien und aus den USA aktuelle Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Bereichen des Musikbetriebs.

 

Alle KonferenzteilnehmerInnen, die aktiv einen Beitrag geleistet haben, in alphabetischer Reihenfolge:

Cuadrado-García, Manuel, Juan D. Montoro-Pons & Pablo Gonzalez-Casal (Universität Valencia und Universidad Politécnica de Valencia, Spanien): Determinants of Music Genres Preference by the Youth: An Exploratory Research

Darias de las Heras, Victoriano (Universidad Internacional de La Rioja, Spanien): Content ID as a Solution to Address the Value Gap

Elen, Maarten, Philippe Haldermans & Jonas Kiesekoms (PXL Music-Research, Hasselt, Belgien): Building a Data Driven System to Predict Concert Ticket Sales

Kolokytha, Olga (Universität Wien, Österreich): Graduated Response and the Criminalisation of Consumers, Or How the Creative Industries May Be Infringing Your Rights

Elmar D. Konrad (Fachhochschule Mainz, Deutschland): The Impact of Entrepreneurial Networking on Success in Music Business

Montoro-Pons, Juan D. & Manuel Cuadrado-García (Universität Valencia, Spanien), Brand Equity and Spillover Effects of Music Festivals

Mulder, Martyn & Erik Hitters (Erasmus Universität Rotterdam, Niederlande): The Effects of Festivalisation on Value Creation in the Dutch Live Music Industry

Schreiber, David (Belmont University, Nashville, USA) & Alison Rieple (University of Westminster, London, UK): Aggrandising in the Music Industry: Establishing Legitimacy and Improving Credibility through Identity Construction

 

Medienresonanz

MICA News vom 29. August 2018: „Vienna Music Business Research Days 2018“

Austrian Music Export vom 31. August 2018: „Vienna Music Business Research Days 2018“

Salzburger Nachrichten vom 12. September 2018: „Was bleibt, wenn die Massen wieder abgezogen sind?“

MDW News vom 12. September 2018: „9th Vienna Music Business Research Days 2018. Music Life Is Live“

Hypebot vom 4. Oktober 2018: „9th Vienna Music Business Research Days: A Retrospective“

 

 

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