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Mai
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Rezension: Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin

Die Musikwirtschaftsforschung ist der nicht ganz unbescheidene Versuch, eine neue wissenschaftliche Disziplin an der Schnittstelle der Sozial-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften zu entwickeln, um die Produktion, Verbreitung und Rezeption von Musik als Kulturgut besser verstehen zu können. Die Musikwirtschaftsforschung versteht sich dabei nicht als Substitut für schon bestehende wissenschaftliche Disziplinen wie die Kunst- und Kulturökonomie oder die Musikwissenschaft, sondern als wertvolle Ergänzung schon bestehender Disziplinen.

 

Die Beiträge in diesem Sammelband spiegeln daher die Bemühungen wider, die Musikwirtschaftsforschung als Inter-Disziplin zu etablieren und sowohl wissenschaftstheoretisch zu fundieren als auch methodisch zu verorten. In diesem Sinn gliedert sich der Sammelband in zwei große Abschnitte. Im ersten Teil stellen die AutorInnen Überlegungen zur methodologischen Grundlage der neuen Disziplin an; im zweiten Abschnitt werden dann methodische Fragen erörtert, die für die Musikwirtschaft relevant sein können.

 

Peter Tschmuck, Beate Flath & Martin Lücke (Hrsg.), 2018, Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin, Wiesbaden: Springer VS, 175 Seiten, Preis: 27,21 € für Softcover (ISBN 978-3-658-19398-0) und 19,99 € für eBook (ISBN 978-3-658-19399-7).

 

 

 

 

 

Rezension: Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin

Der den Band einleitende Beitrag „Musikwirtschaftsforschung als Musik(wirtschafts)kulturforschung: Annäherungen an eine neue Disziplin“ von Beate Flath geht von der Annahme eines Durchdringens von Musik- und Wirtschaftskulturen aus, wobei der Gegenstandsbereich der Musikwirtschaftsforschung eben dieses dynamische Gefüge und der darin eingebetteten moderierenden Elemente darstellt. Als theoretischer Ausgangspunkt dient die Annahme, dass Wirtschaft als Kultur betrachtet werden kann, was anhand von zwei Beispielen, die Wertbildungsprozesse, -strukturen und -mechanismen mit Hilfe der Produktivkrafttheorie der Medien betrachtet, belegt wird.

Beitrag „Eine Methodologie für die kulturelle Musikwirtschaftsforschung“, die von den Cultural Studies abgeleitet wird. Ausgangspunkt ist eine Praxistheorie, bei der in erster Linie nicht die AkteurInnen und Strukturen der Musikwirtschaft, sondern soziale Praktiken im Fokus stehen, die eben diese Strukturen hervorbringen. Als methodologische Basis kann dabei die Multi-Sited-Ethnography dienen, um den Kreislaufprozess kultureller Bedeutung, Objekten und Identitäten dynamisch zu erfassen und die Praxisebene (Zeit-Dimension) mit der Strukturebene (Kultur-Produktion) zu verbinden.

Im folgenden Beitrag – „Die Musikwirtschaftsforschung im Kontext der Kulturbetriebslehre“ – leitet Peter Tschmuck die neue Disziplin aus der bereits etablierten Kulturbetriebslehre ab. Demnach wird Musik als Kulturgut verstanden, das in sozialen Prozessen entsteht. Diese sind in organisatorischen und institutionellen Settings eingebettet und werden von diesen geprägt. Klang wird dabei wertmäßig aufgeladen und in das Kulturgut Musik transformiert. Genau diese Transformationsprozesse untersucht nun die Musikwirtschaftsforschung auf einer Mikro- und Makroebene, um die Entstehung, Verbreitung und Rezeption von Musik besser zu verstehen.

Glaucia Peres da Siva beschließt den methodologischen Teil des Buch mit der Frage „Musikwirtschaftsforschung: nur ein Feld der angewandte Ökonomie?“, um zum Schluss zu kommen, dass die Grundannahmen der Mainstream-Ökonomie nicht für die Fundierung der neuen Disziplin tauglich sind, weil damit nicht die gesamte Komplexität des sozialen Feldes Musik erfasst werden kann. Es bedarf daher des interdisziplinären Zugangs der Musikwirtschaftsforschung, um die Defizite einer rein ökonomisch ausgerichteten Musikindustrieforschung auszugleichen.

Im Text von Christine Bauer – „Der Beitrag der Informatik zur Musikwirtschaftsforschung“ –wird der Erkenntnisgegenstand der neuen Disziplin aus Sicht der Informatik dargelegt und das Methodeninstrumentarium beschrieben, das dafür verfügbar ist. Die Informatik hat in der Musikwirtschaftsforschung nicht nur eine deskriptive, sondern auch auch eine normative Aufgabe; sie kann einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion und Evaluierung von Artefakten in der realen Welt der Musikwirtschaft leisten, was anhand von konkreten Beispielen demonstriert wird wie im Fall von Musikempfehlungssystemen, beim Kompetenzaufbau im Einsatz von Technologie sowie beim Monitoring und Reporting digitaler Musiknutzung.

Das von Christian Handke verfasste Kapitel – „Musikwirtschaftsforschung und das Internet“ –zeigt, wie schnell und umfangreich die wissenschaftliche Literatur zur Musikwirtschaftsforschung in den letzten Jahren gewachsen ist. Das liegt auch daran, dass heute auf wesentlich mehr Daten zurückgegriffen werden kann als in den voran gegangenen Jahrzehnten. Anhand einer statistischen Auswertung zeigt der Autor, welche Themen besonders intensiv beforscht wurden wie z.B. Fragen des Urheberrechtsschutzes und möglicher Alternativen, die Entwicklung des digitalen Musikvertriebs, die Nutzung digitaler Daten musikindustrielle Verwerter und die neue partizipative Rolle von Endnutzern im Wertschöpfungsnetzwerk der Musikindustrie (Stichwort nutzergenerierte Inhalte und nutzergetriebene Innovation).

Eine musiksoziologische Perspektive bringt Michael Huber in seinem Beitrag „Musikwirtschaft als Forschungsgegenstand der (Musik-)Soziologe“ in den Sammelband ein. In der Musiksoziologie richtet sich der Fokus auf gesellschaftliche Grund- und Rahmenbedingungen der Strukturen, Prozesse und Praktiken in der Musikwirtschaft und interpretiert musikwirtschaftliche Phänomene als Ergebnis sozialen Handelns, das zu Wertschöpfung führt. In der Forschung wird die Frage gestellt, worin die formalen und informellen Regeln des Handels im musikwirtschaftlichen Kontext liegen, wobei soziale Ungleichheit, sozialer Wandel aber auch Beharrungstendenzen Auswirkungen auf die musikalische Praxis haben.

Martin Lücke argumentiert im letzten Beitrag des Bandes – Die perspektivische Rolle der (Inter-)Disziplin. Musikwirtschaftsforschung für das Fach Musikwissenschaft“ –, dass die Musikwissenschaft innerhalb der Musikwirtschaftsforschung methodisch und personell noch wenig vertreten ist. Dabei wäre es wichtig, musikwissenschaftliche Fragestellungen und Themen auch aus einer wirtschaftlichen Perspektive aus zu betrachten. Dieses Defizit ist allerdings auf das fast gänzliche Fehlen musikwirtschaftlicher Lehrinhalte in der musikwissenschaftlichen Ausbildung wie auch in der Popularmusikforschung zurückzuführen.

Diese Kurzbeschreibung der Beiträge des Sammelbandes „Musikwirtschaftsforschung“ zeigt, wie unterschiedlich die Herangehensweise an die neue Wissenschaftsdiziplin ist, es kristallisieren sich aber auch schon gemeinsame methodologische und methodische Ansätze heraus, die die Musikwirtschaftsforschung fundieren könnten. Es ist somit den LeserInnen überlassen, sich ein Bild des eben im Entstehen begriffenen Faches zu machen und ggf. eine  Beitrag zur Weiterentwicklung z.B. im International Journal of Music Business Research oder auf einer der musikwirtschaftlichen Konferenzen und Veranstaltungen zu machen.

 

Peter Tschmuck, Beate Flath & Martin Lücke (Hrsg.), 2018, Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin, Wiesbaden: Springer VS, 175 Seiten, Preis: 27,21 € für Softcover (ISBN 978-3-658-19398-0) und 19,99 € für eBook (ISBN 978-3-658-19399-7).

 

 

 

 

 

 

 

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2 Responses to “Rezension: Musikwirtschaftsforschung. Die Grundlagen einer neuen Disziplin”


  1. 9. Mai 2018 um 10:58 am

    Hallo, das klingt nach einem sehr spannenden Band, den ich mir defintiv einmal genauer anschauen möchte. Aber mir ist nicht klar, wo ich die angekündigte Rezension finde? Der gepostete Text scheint mir eine normale Zusammenfassung zu sein, und ich finde keinen externen Link oder ähnliches — oder übersehe ich da etwas?
    MfG, Georg Fischer


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