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Okt
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Rezension: Musikhören im Zeitalter Web 2.0 von Michael Huber

Das jüngst erschienene Buch von Michael Huber „Musikhören im Zeitalter Web 2.0“ beginnt mit einem bemerkenswerten Satz: „Die neuen Möglichkeiten der Informationsübermittlung durch Internet und Mobiltelefonie haben keinen Einfluss auf die musikalische Praxis.“ (S. 1) Aber bevor die LeserIn vehement Einspruch erheben möchte, kommt der Nachsatz „einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die in Österreich gar nicht so klein ist.“ (ibid.). Damit ist ein soziologisches Faktum beschrieben, dass über die Jahrzehnte weg ziemlich konstant ist und als Daumenregel besagt, dass zwar alle Menschen in irgendeiner Form Musik hören, aber nur die Hälfte davon aktiv Musik rezipiert. Die andere Hälfte lässt sich passiv von Musik berieseln und wird auch dann seine Hörgewohnheiten nicht ändern, wenn sich die technologischen Voraussetzungen für das Musikhören ändern.

Aber damit sind wir eigentlich schon im letzten aber zentralen Kapitel des Buches, in dem Michael Huber, Assoz. Prof. am Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) jene beiden Großstudien zum Musikhören in Österreich präsentiert, die eine Pionierarbeit zum Verständnis der Musikrezeption in Österreich darstellen. Bevor ich aber einige Studienergebnisse herausgreifen werde, möchte ich in weiterer Folge auf die ersten drei Kapitel des Buches eingehen, das mehr ist als nur die Präsentation von empirisch erhobenen Daten zum Musikhören.

 

Michael Huber, 2017, Musikhören im Zeitalter Web 2.0. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Wiesbaden, Springer VS, ISBN 978-3-658-19199-3, EUR 25,69 (Softcover)

 

 

 

 

 

 

 

Rezension „Musikhören im Zeitalter Web 2.0“ von Michael Huber

Nach einer Einleitung, in der die Grundlagen zu diesem Buch sowie die Kapitelgliederung vorgestellt werden, befasst sich das zweite Kapitel mit der sozialen Ungleichheit des Musikhörens. Huber nimmt dabei auf die bahnbrechende Theorie Bourdieus der sozialen Distinktion zwischen gesellschaftlichen Ober-, Mittel- und Unterschichten Bezug, die sich vor allem in der Musikrezeption äußert. Mit Hilfe des Habitus-Begriffs wird aufgezeigt, dass es so etwas wie einen „legitimen“ Musikgeschmack der Oberschicht gibt, dem sich die Mittelschicht anzunähern versucht und der ganz verschieden zu jenem der Unterschicht ist. Vor allem äußert sich die Distinktion in den Kapitalsorten und insbesondere im kulturellen Kapital, das Menschen gebildet haben, sei es nun das objektivierte kulturelle Kapital (Besitz an Kulturgütern und der Umgang mit ihnen), das institutionalisierte kulturelle Kapitel (formale Bildung) und das inkorporierte kulturelle Kapital, das aus der Sozialisation innerhalb einer sozialen Schicht stammt. Der Autor bleibt aber nicht bei Bourdieu stehen, sondern rezipiert auch Post-Bourdieusche Literatur wie z.B. den Allesfresser-Ansatz (Omnivores-These) von Richard Peterson, wonach in den USA die Popmusikakzeptanz der Kulturoberschicht höher ist als in Europa und eine Tendenz zum undifferenzierten Musikkonsum festzustellen ist – in der Früh wird über das Radio Country Musik gehört, am Nachmittag eine Heavy Metal-CD eingelegt und am Abend geht man in die Oper. Aber auch Petersons These relativiert der Autor und zeigt anhand weiterer Ansätze, dass die soziale Distinktion nicht zwangsläufig über Musikstile laufen muss, sondern sich auch über die Art und Weise, wie Musik rezipiert wird. In dem Zusammenhang thematisiert Michael Huber auch das Konzept der Erlebnisgesellschaft von Schulze wie auch das Szenenmodell von Hitzler.

Nach diesem theoretischen Teil liefert das dritte Kapitel eine breite Analyse – aufbauend auf dem Mediamorphosen-Modell von Blaukopf und Smudits –, wie sich die Rahmenbedingungen des Musikhörens im digitalen Zeitalter verändert haben. Dabei wird erklärt, dass unter Web 2.0 die Metapher von Gerd Leonhard – music like water – zu verstehen ist, wonach die Verknappung des Musikangebots durch Gatekeeper durch ein unüberschaubares Überangebot von Musik im digitalen Raum abgelöst wurde. Mit vielen empirischen Belegen zeigt der Autor, dass sich Musikrezeption im Zeitalter von Web 2.0 vom passiven Konsum zur aktiven Interaktion – Stichwort Prosumption – gewandelt hat und der Besitz von Musik vom Zugang zur Musik jederzeit und von überall aus abgelöst wurde. Das erklärt die Popularität des Musikstreamings bei gleichzeitigem Umsatzrückgang von Musikdownloads. Dennoch zeigt Michael Huber auch Gegentendenzen wie die Renaissance von Vinyl-Schallplatten, die gestiegene Beliebtheit von Musik-Live-Events und die Retrowelle, die sich zum Teil auch gegenseitig bedingen.

Ans Eingemachte geht es dann aber im vierten Kapitel des Buches. Michael Huber hat 2010 wie auch 2015 repräsentative Studien zum Musikrezeptionsverhalten der österreichischen Bevölkerung durchgeführt, die ein nüchternes Bild der Hörgewohnheiten abseits gebräuchlicher Klischees von Musik-Aficionados zeichnet. So hören knapp mehr als 20% der österreichischen Bevölkerung täglich aufmerksam Musik, aber mehr als 80% täglich bzw. mehrmals wöchentlich nebenbei Musik. Dafür läuft die Klotze täglich bzw. mehrmals pro Woche bei fast 90% der ÖsterreicherInnen. Eine tiefer gehende statistische Analyse zeigt drei Musiknutzungstypen und zwar die Stimmungs-HörerInnen, die Musik als Hintergrundberieselung schätzen, die Gesellschafts-HöherInnen, die Musik beim geselligen Zusammensein nutzen und die Entspannungs-HörerInnen, die Musik mitunter auch ganz bewusst zum Entspannen hören wollen. Letztere ist wenig überraschend die kleinste Gruppe von MusikhörerInnen. Von der Mediennutzung her können zudem Internet-HörerInnen (Smartphone, Computer, MP3-Player), Tonträger-HörerInnen und Rundfunk-HörerInnen (vor allem Radio) unterschieden werden, wobei hier wiederum altersgruppen-spezifische Unterschiede ins Auge fallen: Die jüngeren Befragten nutzen vor allem das Internet, wohingegen ältere Befragte vor allem Radio hören und ab und zu auch noch eine CD einlegen. Aber auch bei der Internet-Nutzung, die zwischen 2010 und 2015 stark gestiegen ist, gibt es Unterschiede: Die größere Gruppe nutzt das Internet, um Musik online zu erwerben, wohingegen die kleinere aber auch jüngere und Internet-affinere Gruppe Musik sich online über Musik austauschen, sie bewerten und Musik kommentieren möchte. Der Musikkauf ist weniger relevant, das Streaming dahingegen aber sehr.

Michael Huber hat auch gefragt, welche Musik in Österreich beliebt ist. Interessanterweise führen bei Musikveranstaltungen Musicals (43% haben in den letzten 12 Monaten ein Musical besucht) knapp vor Blasmusikkonzerten. Erst dann kommen Rock- und Popkonzerte sowie Konzerte klassischer Musik. Das Schlusslicht bilden Konzerte moderner Kunstmusik, die maximal von 20% der ÖsterreicherInnen im abgelaufenen Jahr zumindest einmal besucht wurden. Als Lieblingsmusik wurde dennoch am häufigsten Rock vor Pop und Schlager genannt, was auf ein österreichisches Spezifikum hinweist. Denn gerade Schlager, Klassik und Volksmusik sind hierzulande sehr beliebt, was sich nicht zuletzt in den Verkaufscharts niederschlägt. So wird z.B. Schlagermusik von knapp mehr als 40% aller Befragten mindestens mehrmals die Woche gehört. Hingegen werden HipHop und Techno/House von weniger als 5% der Befragten als Lieblingsmusik genannt.

Das Buch bietet noch viele weitere spannende Erkenntnisse zum Musikrezeptionsverhalten der österreichischen Bevölkerung, wenn nach Alter, Geschlecht und Schulbildung differenziert wird, aber ich möchte noch auf die auffälligsten Unterschiede zwischen den Befragungen von 2010 und 2015 eingehen. Der Vergleich zeigt deutlich, dass der Anteil derjenigen, die mindestens 10 Euro pro Monat für Tonträger ausgeben von 32% im Jahr 2010 auf 18% im Jahr 2015 gesunken ist. Gleichzeitig ist die Ausgabenneigung bezüglich Konzerte fast gleich geblieben sowie wie auch bei Download-Musikkäufen. Und für Streaming gaben 2015 lediglich 5% der Befragten mindestens 10 Euro pro Monat aus. Bei der Mediennutzung ist eine auffallende Stabilität im Fünfjahresvergleich zu beobachten, bis auf eine Ausnahme: Die Nutzung des Mobiltelefons zum Musikhören ist von 25% (2010) auf 55% (2015) der Bevölkerung gestiegen. Aber es zeigt sich eine starke Verschiebung bei der Internetnutzung für Musikzwecke. 2010 hat für mehr als die Hälfte der Befragten das Internet keine Rolle in der Musiknutzung gespielt, 2015 waren es nur mehr 37%. Musikhören übers Internet (vor allem via Streamingangebote) ist von 28% auf 62% gestiegen. Aber auch der Gratisdownload – wohl in den meisten Fällen von nicht-lizenzierten Quellen – ist von 9% auf über 40% gestiegen, womit die Piraterie trotz florierendem Streamingbusiness keineswegs zurück gegangen ist. Und es wurde 2015 von 30% der Befragten ein Musikdownload gekauft; 2010 waren es lediglich 12%.

Das Buch liefert noch viele weitere spannende Ergebnisse, die dann in einer Typologisierung der MusiknutzerInnen in Österreich mündet. Huber unterscheidet Musikbegeisterte, die 8% der Gesamtbevölkerung ausmachen und auffällig oft Musikveranstaltungen besuchen, wobei Blas- und Volksmusik am beliebtesten sind. Sie geben aber auch überdurchschnittlich mehr für Tonträger aus und hören Musik dementsprechend am liebsten auf CD oder Schallplatte. Die zweit-kleinste Gruppe – 11% der Bevölkerung – ist jene der Online-KäuferInnen, die kaum Musikveranstaltungen besuchen, aber vergleichsweise viel Geld für Musikdownloads und Musikstreaming ausgeben. Die Musik wird dann über MP3-Player, Smartphones, Tablets und Computer gehört. Die Interaktiven machen 17% der Bevölkerung aus. Sie gehen relativ oft in die Disco und besuchen gern auch Rock- und Popkonzerte, geben aber sonst eher weniger für Musik aus. Sie nutzen zwar das Internet zum Musikhören, bevorzugen aber Gratisangebote. Für diese Gruppe ist Musik Teil der sozialen Interaktion, die auch die Musikpräferenzen stark beeinflusst. Die Traditionellen bilden 24% der Bevölkerung. Sie besuchen sehr oft Blas- oder Volksmusikkonzerte, aber auch Klassik- sowie Chorkonzerte bzw. Musicals. Sonst geben sie kaum Geld für Musik in Form von CDs, Downloads und Streamingangebote aus und nutzen zum Musikhören vor allem das Radio. Das Internet spielt bei der Musiknutzung eine untergeordnete Rolle. Die größte Gruppe der MusiknutzerInnen in Österreich sind aber mit 42% die Passiven. Für sie hat Musik wenig Relevanz im Alltag, sie geben für Musik so gut wie kein Geld aus und hören Musik vor allem über das Radio oder Fernsehen. Und es ist gerade diese Gruppe, die ein äußerst stabiles Musikrezeptionsverhalten auch über die Zeit hinweg aufweist.

Im abschließenden Kapitel 5 zieht Michael Huber die Schlussfolgerungen aus seinen Forschungen. Musik spielt durchaus eine wichtige Rolle im Leben der ÖsterreicherInnen, wobei 75% auch Geld für Musik ausgeben. Dabei hat die Darbietungsmusik (Konzerte uä.) gegenüber der Übertragungsmusik (Radio & TV, Tonträger, Download, Streaming) an Bedeutung gewonnen. Dafür hat sich die Musiknutzung stark dank Mobiltelefone und tragbare Musikplayer mobilisiert. Musik wird heute quasi überall und zu jeder Zeit gehört. Die Digitalisierung hat zudem auch die Omnivores-Musiknutzung befördert. Mittlerweile können 17% der österreichischen Bevölkerung als musikalische Allesfresser bezeichnet werden, was aber nicht heißt, dass Musik weiterhin – vor allem in den älteren Alterskohorten – als Distinktionskriterium dient. Allerdings wird diese Gruppe, die vor allem Klassik aber auch Schlager- und Volksmusik hört, immer kleiner und gerade die hochsubventionierten Klassiktempel müssen sich begründete Sorgen um ihr immer älter werdendes Publikum machen.

Für Michael Huber ist insgesamt der Befund klar: „Die österreichische Bevölkerung zeigt sich hinsichtlich des Musikhörens im Zeitalter Web 2.0 gespalten. Unterschiedliche Einstellungen und Verhaltensmuster zur Musik gab es auch zuvor. Mit der digitalen Mediamorphose wurden diese Differenzen jedoch verstärkt, zeigt sich das Land in seiner musikalischen Praxis geteilt, in jung/alt, urban/rural, bildungsnah/bildungsfern und online/offline.“ (S. 217). Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, bis auf die Feststellung, dass auf diese Fragmentierung der Gesellschaft die Musikpädagogik und die Kulturpolitik erst einmal Antworten finden müssen.

 

Michael Huber, 2017, Musikhören im Zeitalter Web 2.0. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Wiesbaden, Springer VS, ISBN 978-3-658-19199-3, EUR 25,69 (Softcover)

 

 

 

 

 

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