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Jul
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Das Musikbusiness in der Blockchain

Als Ende Oktober 2015 im Economist der Artikel „The Trust Machine. The Promise of the Blockchain“ erschienen ist, wurde eine interessierte Öffentlichkeit abseits der Bitcoin-Community auf das disruptive Potenzial der Technologie, die hinter der Kryptowährung steckt, aufmerksam. Folgeartikel erschienen in Mainstream-Medien und auch Anwendungsmöglichkeiten im Musikbusiness wurden offenbar, wie ein Beitrag in der Musikwoche vom 29. April belegt. In der Zwischenzeit ist auch schon ein erstes Buch „Blockchain Revolution“ (2016) von Don & Alex Tapscott erschienen, die im Kapitel 9 sehr ausführlich zum (revolutionären) Potenzial der Blockchain im Musikbusiness eingehen. In einem Musikwirtschafts-Jour-fixe am 5. Juni 2016 hat dann Shermin Voshmgir, die Gründerin des Blockchain-Hubs in Berlin, in einem Vortrag „Wie Blockchain & Smart Contracts die Musikbranche revolutionieren können“ (siehe pdf-Präsentation) Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie aufgezeigt. In weiterer Folge versuche ich in diesem Beitrag ganz grundsätzlich zu erklären, was die Blockchain ist und welche Möglichkeiten sie für das Musikbusiness bietet.

 

Das Musikbusiness in der Blockchain

Was ist die Blockchain?

Ausgangspunkt ist die Blockchain-Technologie, die der Bitcoin-Kryptowährung zugrunde liegt. Wenn Person A von der Person B irgendein Produkt oder eine Dienstleistung über ihre virtuelle Geldbörse (wallet) mit einer Bitcoin bezahlt, dann muss sich Person B sicher sein dürfen, dass Person A die Bitcoin nicht schon einmal zur Zahlung verwendet hat. Dieses „double-spend“-Problem wird nun bei der Bitcoin so gelöst, dass in einem Peer-to-Peer-Netzwerk (P2P) die Netzwerk-UserInnen, die Bitcoin-Knotenpunkte betreiben – „Miner“ genannt –, laufende Transkationen sammeln, sie mit Hilfe von Verschlüsselungsverfahren zu Blöcken zusammenfassen und mit einem Zeitstempel versehen. Dieser Prozess wird in etwa alle 10 Minuten wiederholt, wobei sich jeder Block auf den vorangehenden Block beziehen muss. So entsteht eine Kette von Blöcken, die sogenannte Blockchain. Aufgrund der Zeitstempel und der Verkettung der Transaktionsblöcke ist sichergestellt, dass die Inhalte in der Blockchain nicht manipuliert werden können. Zudem ist die Blockchain öffentlich im P2P-Netzwerk sichtbar, womit jede Transaktion von jeder NetzteilnehmerIn nachvollzogen, aber aufgrund der Verschlüsselung nicht geknackt werden kann und die Anonymität der NutzerInnen gewahrt bleibt. Die Verschlüsselung basiert auf Basis des „Proof-of-Work“-Mechanismus. Tapscott & Tapscott (2016: 31) beschreiben diesen Mechanismus wie folgt: „Because we can’t rely on the identity of the miners to select who creates the next block, we instead create a puzzle that is hard to solve (i.e., it takes a lot of work), but easy to verify (i.e., everyone else can check the answer very quickly). Participants agree that whoever solves the problem first gets to create the next block. Miners have to expend resources (computing hardware and electricity) to solve the puzzle by finding the right hash, a kind of unique fingerprint for a text or a data file. For each block they find, miners receive bitcoin as a reward.“ D.h. die Blockchain-Technologie ist deshalb so bombensicher, weil es bereits ein riesiger Aufwand ist, die krytografische Lösung für einen Transaktionsblock zu finden. Es ist aber unmöglich, die gesamt Blockchain zu knacken bzw. zu manipulieren, wenn man sich vor Augen führt, dass in etwa 500.000 Billionen Hashes pro Sekunde abgewickelt werden (ibid).

Der Mechanismus ist auch deshalb so sicher, weil es keine zentrale Clearing-Stelle gibt, die mit Spam, Malware und Hackerangriffen attackiert werden könnte. In dem Zusammenhang wird die Blockchain auch als ein auf dem Netzwerk verteiltes Verzeichnis aller Transaktionen, die jemals getätigt wurden – als „distributed ledger“ – verstanden. Im Grunde genommen kann jede Transaktion aufgrund der Zeitstempel bis zur allerersten Transaktion aufgrund der Verkettung nachvollzogen werden. IT-ExpertInnen sehen daher die Bitcoin als fälschungssichere und transparente Zahlungsmodalität an (Kuppinger 2016: 42).

 

Warum ist die Blockchain-Technologie für das Musikbusiness relevant?

Neben der Bitcoin wurden mit Zeit alternative Kryptowährungen entwickelt. Bitcoin hat nämlich den Nachteil, dass ein Datenblock nicht mehr als 60 Kilobyte haben darf, damit er in einer durchschnittlichen Zeit von 10 Minuten im P2P-Netzwerk verifiziert werden kann. (Silver 2016: 15). Die Bitcoin-Entwickler wollen das  ursprüngliche Protokoll nicht verändern, weil sonst die Rechenleistung normaler Computer von Miner zur Verifizierung nicht mehr ausreicht und – aus Sicht der Bitcoin-Vorreiter – die Gefahr besteht, dass Großunternehmen sowie staatliche Institutionen mit entsprechend großer Rechnerkapazitäten die Kontrolle über die Entwicklung der Blockchain-Protokolle übernehmen könnten (ibid: 17).

Wenn aber größere Datenmengen verifiziert werden sollen, braucht es andere technische Lösungen. Eine davon ist Ethereum; eine Kryptowährung, die 2013 erstmals beschrieben wurde. Ethereum verwendet das Interplanetary Filing System (IFPS) als Basisprotokoll, womit (theoretisch) fast unbegrenzte Datenmengen gespeichert, verschlüsselt und über ein Netzwerk verteilt werden können (ibid).

Ethereum bietet nun nicht nur die Möglichkeit, Transaktionen mittels der Ether-Krytowährung abzuwickeln, sondern diese mit Smart Contracts (intelligenten Verträgen) zu verknüpfen. Ein Smart Contract zeichnet sich dadurch aus, dass zusätzlich zur Zahlungsverifizierung eine Wenn-Dann-Bestimmung im Code eingebaut ist. Wenn also der Betrag X nachprüfbar an die Geldbörse Y geflossen ist, wird automatisch die Handlung Z (z.B. die Versendung einer gekauften Ware) ausgelöst (Mey 2016a: 50). Diese Art von Verträgen hat den Vorteil, dass sie ohne aufwändiges Verifikationsverfahren, z.B. durch Notare, Behörden oder Rechtsanwälte auskommen. Die Verträge wickeln sich sozusagen automatisch selbst ab.

 

Imogen Heaps „Tiny Human“-Experiment auf ujomusic.com

Da Krypotwährungen Mikrozahlungen bis zu 8 Dezimalstellen ermöglichen, könnte Musik in digitaler Form direkt ohne Intermediäre verkauft werden. Dabei kann die Verteilung der Einnahmen zwischen allen Beteiligten vertraglich bestimmt werden. Die Plattform ujomusic.com hat bereits einen Prototypen entwickelt, der die Funktionalität dieses neuen Geschäftsmodell ausloten soll. Die britische Singer/Songwriterin Imogen Heap hat dazu am 2. Oktober 2015 öffentlichkeitswirksam im Rahmen der Guardian Live Programme Series in den Londoner Sonos Studios ihren Song „Tiny Human“ mit vordefinierten Revenue-Splits auf die Ethereum-Blockchain gestellt. Das Musikstück kann nun online erworben oder lizenziert werden, wobei die Zahlungen – gemäß des vordefinierten Splits – direkt an die beteiligten KünstlerInnen gehen. Damit werden die Transaktionskosten, die üblicher Weise im digitalen Musikbusiness anfallen, deutlich verringert.

 

Im konkreten Fall von „Tiny Human“, wurden die Splits für einen Download im Gegenwert von US $0,60 sowie für einen Stream von US $0,006 folgendermaßen definiert:

Komponistin & Interpretin Imogen Heap 91,25%
Violine 1 Stephanie Appelhans 1,25%
Violine 2 Diego Romano 1,25%
Viola Yasin Gündisch 1,25%
Cello Hoang Nguyen 1,25%
Bass-Posaune Simon Minshall 1,25%
Waldhorn David Horwich 1,25%
Mastering Simon Heyworth 1,25%

Quelle: https://alpha.ujomusic.com/#/imogen_heap/tiny_human/tiny_human

 

Es wurde aber auch die Einkommensverteilung für die Verwendung der Audiodateien zum Remixen festgelegt. Bei nicht-kommerzielle Nutzung fallen US $0,45 an, bei kommerzieller Nutzung sind hingegen US $1,500 zu bezahlen. Wenn auf Basis des ursprünglichen Werks ein neues entsteht, dann stehen der RemixerIn 50 Prozent der Einnahmen zu, der Rest wird nach der definierten Basisverteilung ausbezahlt.

 

 

Komponistin & Interpretin Imogen Heap 70,625%
Violine 1 Stephanie Appelhans 0,729%
Violine 2 Diego Romano 0,729%
Viola Yasin Gündisch 0,729%
Cello Hoang Nguyen 0,729%
Bass-Posaune Simon Minshall 0,729%
Waldhorn David Horwich 0,729%
Mastering Simon Heyworth 0,729%
Simon Heyworth 25%

Quelle: https://alpha.ujomusic.com/#/imogen_heap/tiny_human/tiny_human

 

 

Für „Tiny Human“ können auch Synchronisationsrechte erworben werden, die zu 100 Prozent an Imogen Heap fließen. Die Höhe des Sync-Entgelts hängt vom Typ und der Größe des Unternehmens/Organisation sowie der Art der Verwendung (Medium und Frequenz der Nutzung) ab, und muss separat verhandelt werden.

 

Unabhängig von der Nutzungsart verbleiben alle Rechte am Song bei Imogen Heap. Das Beispiel zeigt, dass der Verkauf von Musik über eine Blockchain-Anwendung wie Ujo nicht nur die Zahlung an die Musikschaffenden beschleunigt und die Transaktionskosten niedrig hält, sondern dass auch Transparenz in die Zahlungsflüsse kommt. Hierbei dürfen aber Zweifel angemeldet werden, ob diese Transparenz vonseiten der KünstlerInnen auch gewünscht ist. Intermediäre wie Musikverlage, Labels, Verwertungsgesellschaften, Sync-Rights-Agenturen etc. legen auf diese Art vollständiger Transparenz, so darf vermutet werden, wenig wert.

 

Weitere Blockchain-basierte Musik-Start-ups

Ujomusic wie auch andere Start-ups in diesem Bereich zielen auf den Aufbau monetarisierbarer Musikdatenbanken ab. So können über PeerTracks ähnlich wie bei Ujomusic Songs heruntergeladen und gestreamt werden. PeerTracks basiert auf dem MUSE P2P-Netzwerk. MUSE „(…) serves as a global database for copyrights, a means of payment for all music related transactions as well as a tool to simplify licensing of musical works. It provides artists with transparent accounting, automatically split up royalty payments and the capability to create their Notes so they can get discovered and engage their fan bases. Fans can interact, participate and even benefit from the success of their favorite artists.“[1] Die Krytowährung von PeerTracks wird als „Note“ bezeichnet. Die „Notes“ sollen zu einer Art „Artist Coins“ werdeb, wodurch eine Art Anlagemarkt für KünstlerInnen entstehen soll. „Being limited in number, Notes can rise and fall in value depending on that artist’s popularity on PeerTracks. The more an artist is streamed, the more music he sells and the more he engages his Note holders, the more each one of his Notes can be worth. Not to be confused with equity – the fan does not own stake in a song, album, project, business or copyrights. Notes should be seen like fan club 2.0 memberships. The artist that created the Notes decides what he offers to his Note holders just as he decides what to offer to his fan club members – only in this case the memberships are quantifiable and tradable.“ [2]

 

Einen Ansatz der Superdistribution von Musik über die Blockchain hat das australische Unternehmen Bittunes entwickelt. Bittunes basiert auf der Bitcoin-Blockchain und bietet MusikerInnen an, ihre Musik über eine P2P-Plattform zu verkaufen. Die Käufer – „music mover“ genannt – erwerben einzelne Musiktracks für 50 Cents, wovon eine Hälfte an die MusikerInnen geht und die andere Hälfte an bis zu 5 Vorverkäufer. Musiktitel, die es in Top-100-Charts schaffen, kosten US $1, wovon jeweils 40 Prozent an die KünstlerInnen und die Uploader ausbezahlt werden und 20 Prozent bei Bittunes verbleiben (Mey 2016b: 13).

 

Abbildung 1: Die Funktionsweise von Bittunes

Abbildung 3 - Funktionweise von Bittunes

Quelle: http://www.bittunes.org/general-explanation/ (Zugriff am 22.07.2016).

 

Ein weiteres Einsatzgebiet der Blockchain ist der Aufbau von Musikrechteverwaltungs-Datenbanken. Nachdem Ansätze wie die Global Repertoire Database und das International Music Registry an Partikularinteressen der Akteure der Musikindustrie gescheitert sind, wird nun mithilfe von Blockchain-Anwendungen ein neuer Anlauf in diese Richtung hin unternommen.

 

Das israelische Unternehmen Revelator bietet eine Rechtemanagement-Plattform an, auf die KünstlerInnen, ManagerInnen und Labels ihre Musiktitel, Musikvideos und Fotos samt Metadaten hochladen können. Revelator stellt dann die Inhalte, wie ein Digital Content Aggregator in Online-Musikstores zum Downloaden bzw. Streamen ein. Revelator unterstützt nun die Verbreitung der Musik mit einem automatisierten Set an Marketingtools. Die Rechtinhaber können in der Folge beobachten, wann und wo, ihre Inhalte genutzt wurden und können in Echtzeit die Einkommensströme nachverfolgen. Eine Reporting- und Datenanalyse-Tool ermöglichen die Aufbereitung der gewonnen Daten. Das ist aber noch nicht alles, denn diese Services bieten im Grunde genommen alle digitalen Musikvertriebe an. Die Besonderheit von Revelator ist, dass es sich im August 2015 mit Colu zusammengeschlossen hat. Colu ist eine Blockchain-Anwendung, die auf dem Bitcoin-Protokoll beruht, um den Austausch von digitalen Inhalten sicherer und zu geringeren Transaktionskosten zu gestalten. Revelator-Gründer Bruno Guez verspricht sich von der Zusammenarbeit mit Colu die Lösung folgender Probleme im digitalen Musikbusiness:

„1.) The long history of lack of trust between parties due to lack of visibility and transparency

2.) Speed, security and efficiency of one-to-one transactions, including distributed content, transfers or assignment of full or partial ownership of IP per territory, per licensor, and per product, and mass payments and micro-payments to all marketplace participants at fractional costs

3.) Creation of new business model possibilities with engagement marketing, distributed crowdfunding, fan co-ownership

4.) Global registry of rights information and distribution of assets with complete tracking, transparency and trust.“[3]

 

Der Gründer von PledgeMusic, Benji Rogers, möchte mit der DotBlockchain einen radikalen Schritt weiter machen. Rogers schlägt ein neues Musikformat „.bc“ vor, in dem alle wichtigen Metadaten eingeschrieben sind. Die Metadaten sollten auf alle Fälle folgende Informationen (minimal viable dataset … MVD) beinhalten: (1) vollständige Rechtinhaber-Informationen; (2) ISRC-, ISWC- und ISNI-Codes[4]; (3) Verlagsinformationen; (4) Informationen zu den mechanischen Rechten; (5) InterpretInnen-Informationen; (6) globale Lizensierungsregeln; (7) Umfang der Nutzungsrechte; (8) Lyrics und Foto-Credits; (9) Zahlungsinformationen; (10) Kontaktinformationen (Silver 2016: 36). Wenn alle diese Metadaten vorliegen und in einen bc-Codec eingeschrieben sind, dann können die Musikdateien über bestehende digitale Musikanbieter verbreitet werden. Die vordefinierten Regeln wirken dann wie eine Digital Rights Management-System und erlauben über eine Blockchain-Anwendung die direkte Zahlung an die Rechteinhaber. Ziel ist es, eine umfassende Rechtedatenbank zu generieren, über die im One-Stop-Verfahren Musik verwertet werden kann.

 

Abbildung 2: Die Funktionsweise der dotblockchain

Abbildung 4 - Funktionsweise der dotblockchain

Quelle: Rogers, Benji, 2016, How the Blockchain and VR Can Change the Music Industry (Part 1)

 

Zwar zeigen sich vor allem die VertreterInnen der Verwertungsgesellschaften und Musikverlage skeptisch gegenüber der neuen Technologie (Silver 2016: 43-49), dennoch sollte das Potenzial der Blockchain für eine globale über ein Netzwerk verteilte Rechtedatenbank nicht unterschätzt werden. Während nämlich die bisherigen Ansätze daran scheiterten, dass die mächtigen Player der Musikindustrie nicht bereit waren, Kontrolle abzugeben und somit an Einfluss zu verlieren, bietet die Blockchain die Möglichkeit genau diese Kontrolle über die Rechte wiederzuerlangen. Silver (2016: 51) äußert sich diesbezüglich vorsichtig optimistisch: „[P]erhaps there is a chance that the music industry too eventually recognises the long term value of achieving a truly distributed global repertoire database which might actually make more money for more people, more equitable, than it cost to build.“

 

Problemfelder der Blockchain

Das soll aber nicht dahin hinweg täuschen, dass die Blockchain-Technologie immer noch in der Kinderschuhen steckt und die Anwendungen abseits der Bitcoin noch in der Testphase sind. Es lässt sich daher gegenwärtig noch nicht seriös einschätzen, ob und in welcher Form die Blockchain das Musikbusiness verändern oder gar revolutionieren wird. Es gibt Einwände, die bei aller Euphorie über die Blockchain, Ernst genommen werden sollten. Die Herausforderungen betreffen zum einen die Blockchain-Technologie direkt und zum anderen die Umsetzungsschwierigkeiten im Musikbusiness.

 

1. Probleme der Blockchain-Technologie

Tapscott & Tapscott (2016: 253-277) widmen diesen Problemen ein ganzes Kapitel. Folgende zehn Einwände werden dabei vorgebracht:

  • Die Technologie ist noch nicht reif für eine massentauglich Anwendung, weil die Rechnerkapazitäten für Blockchain-Anwendungen noch nicht ausreichend vorhanden sind. Das Verifikationsverfahren für eine Bitcoin-Zahlung braucht im Durchschnitt j10 Minuten. Sollten nun größere Datenmengen verifiziert werden müssen, dann dehnt sich die Rechenzeit entsprechend aus. Aber 10 Minuten sind jetzt schon zu lange für bestimmte Anwendungen. Zudem wird kritisiert, dass die Bitcoin-Entwickler die maximale Anzahl von Bitcoins mit 21 Millionen Stück limitiert haben, um eine inflationäre Geldvermehrung zu vermeiden. Diese maximale Zahl soll im Jahr 2140 erreicht werden. Allerdings können Bitcoins bis auf 8 Kommastellen geteilt werden, was Zahlungen auch dann möglich macht, wenn die letzte Bitcoin geprägt wurde.
  • Der Energieverbrauch der Blockchain ist ökologisch nicht nachhaltig. Das Proof-of-Work-Verfahren verbraucht sehr viel Rechenleistung und somit auch Energie. Um Bitcoin-Transkationen im Wert von US $3 Mrd. abzuwickeln, muss Energie im Wert von US $100 Mrd. pro Jahr aufgewendet werden. Dieses Verhältnis ist auch ökonomisch betrachtet ineffizient. Allerdings wird derzeit über Online-Finanztransaktionen noch mehr Energie verschwendet. Es wird zudem an energiesparenden Verifikationsverfahren gearbeitet, die z.B. dem Ethereum-System zugrunde liegen.
  • Staatliche Interventionen können die Verbreitung der Blockchain-Technologie behindern oder sogar unterbinden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Gesetzgeber und Gerichte instrumentalisiert wurden, um Innovationen wie das P2P-Filesharing zurückzudrängen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch die Blockchain-Technologie als Gefahr angesehen wird und juristisch gegen Anwendungen, die darauf beruhen, vorgegangen wird.
  • Die Blockchain kann zudem von autoritären Regimen für ihre Zwecke missbraucht werden. Wenn es nämlich gelingt, mehr als 50 Prozent der Rechenleistung für den Verifikationsprozess zu poolen, dann kann über einen solchen 51-Prozent-Angriff die Kontrolle über die Blockchain gewonnen werden. Dann kann eine zentrale Stelle entscheiden, welche Transaktionen durchgeführt werden dürfen und welche nicht. Das würde die demokratische Grundlage des dezentralen Datenverzeichnisses aushebeln. Es sollte jedenfalls zur Sorge Anlass geben, dass zwei von den drei großen Mining-Pools (d.s. vernetzte Großrechner-Netzwerke) in China arbeiten und schon jetzt einen merklichen Anteil an globaler Rechnerkapazität ausmachen.
  • Die Incentives zur Schaffung neuer Bitcoins sinkt mit der Verlängerung der Blockchain. Wer gegenwärtig die Software auf einen Windows betriebenen PC herunterladen möchte, muss sich drei Tage gedulden bis der Download abschlossen ist. Der Mining-Prozess verbraucht ca. 200 MB an Speicherleistung und 10 Prozent der CPU-Leistung. In einer 137-Stunden-Session können dann 152,8 Mikro-Bitcoins generiert werden. Das entspricht derzeit einem Gegenwert von 31/2 US Cents – nicht gerade eine Motivation, ein Bitcoin-Miner zu werden. Die braucht es aber, um das Verifikationsverfahren am Laufen zu halten.
  • Die Blockchain kann schnell zum Job-Killer werden, wenn viele der derzeitigen Clearance-Aufgaben, so auch im Musikbusiness z.B. in Musikverlagen, Plattenfirmen und Verwertungsgesellschaften wegfallen. Der Widerstand der entsprechenden Organisationen ist vorprogrammiert.
  • Wenn die Größe der zu verifizierenden Blocks, wie z.B. bei Smart Contracts, zu groß wird, kann das die Rechnerleistung durchschnittlicher Mining-PCs schnell überfordern. Dann würden Rechnerkapazitäten kommerzieller Anbieter oder staatlicher Einrichtungen nötig werden, wodurch wieder die Gefahr der Aneignung er Blockchain-Technologie durch mächtige Konzerne oder durch Behörden gegeben ist.
  • Probleme wie die automatisierte Vertragserfüllung, die unbeteiligte Dritte schädigen könnte oder das Hacken von smarten Anwendungen durch Kriminelle sind noch ungelöst. Auch gibt es noch keinen rechtlichen Rahmen für Netzwerkunternehmen, die auf der Blockchain-Technologie beruhen.
  • Die Blockchain könnte das bereits bestehende Problem des Schutzes der Privatsphäre durch die erhöhte Transparenz der Transaktionen weiter erhöhen. Nichts schützt uns vor der Datensammelwut durch Konzerne und Geheimdienste und die Blockchain eröffnet nun weitere Datensammelmöglichkeiten.
  • Kriminelle werden die Blockchain für ihre dunklen Geschäfte nutzen und es wird weiterhin Fälle wie jene der Silk Road geben, über die im Darknet Drogen, verbotene Arzneimittel und Waffen verkauft wurden. Wenn sich die Blockchain-Technologie weiter verbreitet, werden diese kriminellen Machenschaften noch zunehmen.

 

2. Umsetzungsschwierigkeiten im Musikbusiness

Zu diesen allgemeinen Problemen, die mit der Blockchain-Technologie zusammenhängen, gibt es spezifische Probleme, die im Musikbusiness der erfolgreichen Anwendung entgegenstehen.

  • Alle Anwendungen wie ujomusic, bittunes, peertracks oder dotblockchain brauchen, um nachhaltig erfolgreich zu sein, eine kritische Masse an NutzerInnen, sowohl auf der Anbieter- als auch auf der KonsumentInnen-Seite. Wie die Vergangenheit zeigt, setzen sich nur wenige innovative Anwendungen durch, weil entweder rechtliche Hindernisse auftauchen oder schlicht und ergreifend die Nachfrage danach fehlt (O’Dair et al. 2016: 19-20). Erst wenn ein Schnellball-Effekt der Nutzung entsteht, wie das bei iTunes und später auch bei Spotify der Fall war, kann sich eine Anwendung nachhaltig etablieren.
  • Die gegenwärtigen Strukturen in der Musikindustrie, die auf Kontrolle und Zentralisierung der Entscheidungen setzen, stehen dem dezentralen System eines verteilten Musikregisters entgegen. Wenn das Ziel darin besteht, eine umfassende globale Musikdatenbank aufzubauen, dann braucht es dazu die drei Majors mit ihren Plattenfirmen und Musikverlagen sowie die Verwertungsgesellschaften. Die Transparenz, die die Blockchain in die Transaktionen bringen wird, könnte sehr abschreckend wirken. Es muss also davor ausgegangen werden, dass eine globale auf der Blockchain basierende Musikdatenbank genauso scheitern wird, wie die Global Repertoire Database.
  • Auch wenn sich die Blockchain-Technologie durchsetzen wird, ist nicht gesagt, dass sich dann eine demokratische und dezentrale Struktur ohne Intermediäre etablieren wird. Silver (2016: 11-12) weist zurecht darauf hin, dass Blockchain-Anwendungen nicht nur für jedermann offen – also öffentlich – sein müssen, sondern auch privat sein können. In diesen genehmigungspflichtigen Netzwerken ist die Identität der TeilnehmerInnen bekannt und es können Aufnahmekriterien für die Teilnahme an der Blockchain definiert werden. Es sind also durchaus Blockchain-Anwendungen denkbar, die von den relevanten Playern im Musikbusiness zentral betrieben und kontrolliert werden. Der Bankensektor hat das bereits vorexerziert. Ein Konsortium bestehend aus Deutscher Bank, UBS, Bank of America und Unicredit arbeitet bereits an einer privaten Blockchain-Lösung zur schnelleren Validierung von Finanztranskationen (Mey 2016a).
  • Vor zur großer Transparenz der Transaktionen im Musikbusiness schrecken womöglich nicht nur die Konzerne und Verwertungsgesellschaften zurück, sondern auch die Musikschaffenden. Es sind nicht alle KünstlerInnen so offenherzig im Umgang mit ihren Daten wie Imogen Heap. Es bleibt also abzuwarten, ob die mit der Blockchain zusammenhängende Datentransparenz nicht zum Hemmschuh für die Verbreitung von Blockchain-Anwendungen im Musikbusiness führt.

 

Zusammenfassung

  • Die Blockchain ist eine innovative Technologie, die das Potenzial hat, bestehende Wertschöpfungsnetzwerke zu revolutionieren. Die dezentrale Datenstruktur und das auf kryptografische Verfahren beruhende Verifikationssystem erlaubt es, Transparenz in Geschäftsabläufe und Transaktionen zu bringen, wobei die Anonymität der Geschäftspartner gewahrt bleibt. Smart Contracts erlauben die sekundenschnelle Abwicklung von Transaktionen, die nicht mehr nachträglich manipuliert werden können. Intermediäre werden dadurch unnötig, was die Transaktionskosten minimieren hilft.
  • Einige Start-ups im Musikbereich zeigen erste Anwendungsfelder auf. In erster Linie geht es um den Aufbau von Musikdatenbanken, die eine transparente Verwertung von Musik ermöglichen. Der Unterschied zu bestehenden Services ist, dass die Musikverkäufe nicht umständlich abgerechnet werden müssen, sondern dass der Zahlungsvorgang direkt über eine Kryptowährung auf Basis intelligenter Verträge erfolgt. Darüber hinaus kann die oft eingeforderte globale Musikdatenbank für eine einfache Rechteverwertung umgesetzt werden, wenn die relevanten Akteure des Musikbusiness dies auch wollen.
  • Sowohl das Desinteresse an bzw. die Abwehrhaltung gegenüber der Blockchain-Technologie oder aber an der Aneignung der Technologie durch Konzerne könnte die Euphorie an der Blockchain im Musikbusiness bald verfliegen lassen. Es sind zudem bei Weitem noch nicht alle technischen Hürden einer massentauglichen Anwendung der Blockchain überwunden. Es braucht noch viel Entwicklungsarbeit und eine weitere Zunahme der Rechnerleistung, damit die Blockchain in unserem (Musik)-Alltag ankommt. Eines ist aber sicher: Die Zukunft ist in der Gegenwart angekommen.

 

Quellen

Kuppinger, Martin, 2016, „Ausgezahlt. Chancen und Risiken für Blockchains“, iX – Magazin für professionelle Informationstechnik, Nr. 6: 42-45.

Mey, Stefan, 2016a, „Gut vereinbart. Smart Contracts und Blockchain“, iX – Magazin für professionelle Informationstechnik, Nr. 6: 50-53.

Mey, Stefan, 2016b, „Die Blockchain in der Musikindustrie“, Musikwoche Nr. 18 vom 29. April 2016: 10-14.

O’Dair Marcus, Zuleika Beaven, David Nelson, Richard Osborne, Paul Pacifico, 2016, Music On The Blockchain, Report Nr. 1 des Blockchain for Creative Industries Research Clusters der Middlesex University.

Rogers, Benji, 2016, How the Blockchain and VR Can Change the Music Industry (Part 1)

Rogers, Benji, 2016, How the Blockchain and VR Can Change the Music Industry (Part 2)

Silver, Jeremy, 2016, Blockchain or the Chaingang? Challenges, opportunities and hype: the music industry and blockchain technologies, CREATe Working Paper 2016/05.

Tapscott Dan & Alex Tapscott, 2016, Blockchain Revolution. How the Technology Behind Bitcoin Is Changing Money, Business, and the World. New York: Portfolio.

The Economist, „The Trust Machine. The Promise of the Blockchain“, 31. Oktober 2015 (Zugriff am 19.07.2016).

Voshmgir, Shermin, „Wie Blockchain & Smart Contracts die Musikbranche revolutionieren können“, Vortrag im Rahmen des Musikwirtschafts-Jour-fixes am 5. Juni 2016.

 

Endnote

[1] See http://peertracks.com/faq.php

[2] See http://peertracks.com/faq.php

[3] Billboard.biz, „Blockchain Platform Colu Partners With Revelator in Push to Fix Music’s Data“, 18. August 2015 (Zugriff am 22.07.2016).

[4] ISRC = International Standard Recording Code; ISWC = International Standard Musical Work Code; ISNI = International Standard Name Identifier.

 

 


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