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Die Musikwirtschaftsforschung 2015 – ein Jahresrückblick

Liebe Leserinnen und Leser des Blogs zur Musikwirtschaftsforschung,

wie schon im Vorjahr stand das Musikwirtschaftsjahr 2015 ganz im Zeichen des Musikstreamings. Im Juni stellte Apple Inc. das lang erwartete hauseigene Musikstreaming-Portal Apple Music der Öffentlichkeit vor, das keine Freemium-Komponente besitzt, stattdessen aber mit Beats 1 eine Online-Radiostation betreibt und mit Artist Connect einen direkten Draht zwischen den Stars und ihren Fans herstellt. Taylor Swift war dennoch nicht ‚amused‘ und drohte Apple Music zu boykottieren, wenn keine Tantiemen während der Gratis-Probeperiode an die RechteinhaberInnen ausgeschüttet werden würde, worauf Apple iTunes Vizepräsident, Eddie Cue, postwendend zurück ruderte und Tantiemenzahlungen auch für die Probephase in Aussicht stellte. Jedenfalls zeigt dieser Konflikt, dass die Diskussion über die Auszahlungen der Streamingservices an die RechteinhaberInnen auch 2016 prolongiert werden wird. Eine Analyse im Blog gab es dazu bereits: Musikstreaming 2014 – das Problem der Einnahmenverteilung. Und in einem anderen Blogbeitrag wird gezeigt, dass nicht einmal Superstars vom Musikstreaming profitieren: Musikstreaming 2014 – das Musikstreamingeinkommen der Superstars. Die eigentlichen Profiteure des Musikstreaming-Boom sind in erster Linie die Major-Labels, die ihren großen Kataloge erfolgreich vermarkten können: Wer profitiert von Spotify & Co.?

Mit großem Pomp war im März das Premium-Streamingservice Tidal von Jay-Z und weiteren 16 Superstars als Shareholder aus der Taufe gehoben worden, nachdem die schwedische Holdinggesellschaft Aspiro, die unter anderem auch das Streamingportal WiMP betreibt, aufgekauft worden war. Ob die Musikfans langfristig bereit sein werden, US $19,99 pro Monat für Streaming mit hoher Audioqualität auszugeben, bleibt abzuwarten, der Erfolg bei den Abo-Zahlen war bislang eher bescheiden.

Und im November wurden erste Details von YouTube Red bekannt, das von Konzernmutter Google den MitarbeiterInnen vorgestellt wurde. Es löst Music Key ab, das es nicht über die Betaversion hinaus geschafft und nun Spotify & Co. den Kampf ansagen soll. Ob das gelingt, wir das Jahr 2016 zeigen.

Auffällig ist, dass alle neuen Services ohne Freemium-Komponente auskommen, was Spekulationen über das Ende von Gratis-Musikstreaming befeuert. Den Labels und Musikverlagen wäre das nur recht. Lautstark haben deren Spitzenvertreter 2015 die Einstellung der Gratisdienste gefordert. Dass diese Forderung allerdings undifferenziert ist, weil es Märkte gibt, die erst über Freemium-Angebote erschlossen werden müssen, belegt der Blogbeitrag Musikstreaming 2014 – eine internationale Marktanalyse.

2015 war aber nicht nur vom Streamingboom gekennzeichnet, sondern zeigte erste Anzeichen einer Marktbereinigung. So hat der deutsche Streaming-Pionier Simfy seine Pforten geschlossen und das US-amerikanische Service rdio musste Konkurs anmelden. Da passt es ins Bild, dass YouTube seit seines Bestehens immer noch keine Gewinne abwirft: YouTube – 10 Jahre Verlustgeschäft – ein Schicksal, das es mit den On-Demand-Streamingservices teilt.

Musikstreaming-Services sind jedenfalls kein Objekt der Begierde mehr für Investoren, wie die Podiumsdiskussion „Financing Music in the Digital Age“ der 6. Vienna Music Business Research Days (29. September bis 1. Oktober 2015) gezeigt haben. Die internationale Konferenz an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien fand ein weiteres Mal in Kooperation mit dem Waves Vienna Festival & Conference statt und hat sich auch in einer Präsentation und einer Podiumsdiskussion mit der finanziellen Relevanz von Streaming für Opern- und Konzerthäuser sowie in einer Keynote mit Crowdfunding beschäftigt. Ergänzt wurden die Vorträge und Diskussionen eingeladener Gäste durch Präsentationen von MusikwirtschaftsforscherInnen aus Australien, Brasilien, Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Spanien und Ungarn am Conference Track Day. Der Young Scholars‘ Workshop war ebenfalls international besetzt und Abner Pérez von der Universidad de las Americas Quito, Ecuador wurde mit dem Best Paper Award ausgezeichnet. Sein Beitrag wird im International Journal of Music Business Research erscheinen.

 

2015 wurde der vierte Band des IJMBR mit zwei Ausgaben im April und Oktober publiziert.

Volume 4, no 2, October 2015

Editorial by Peter Tschmuck, pp. 4-6

Beate Flath: Life is live: Experiencing music in the digital age, pp. 7-26

José María Álvarez Monzoncillo & Juan Calvi: Music consumption in Spain: From analogue to digital in the shaping of music, pp. 27-48

Beatrice Jetto: The evolution of music blogs: From a fan’s passion to a promotional outlet, pp. 49-72

 

Volume 4, no 1, April 2015 – special issue on the German Music Economy

Editorial by Martin Lücke & Carsten Winter, pp. 4-8

Helmut Scherer & Carsten Winter: Success factors for music-based crowdfunding as a new means of financing music projects, pp. 9-25

Ronny Gey, Frank Schumacher, Stephan Klingner & Bettina Schasse de Araujo: Buried by administration: How the music industry loses its creativity. An empirical study of German music labels and publishers, pp. 26-54

David-Emil Wickström, Martin Lücke & Anita Jóri: The higher education of musicians and music industry workers in Germany, pp. 55-88

 

Im nächsten Abschnitt sind jene wissenschaftlichen Abschlussarbeiten aufgelistet, die 2015 dem Blog dankenswerter Weise von den AutorInnen für den Download zur Verfügung gestellt wurden:

Grünewald, Lorenz, 2013, Non-monetäre Wertschöpfung in Musiknetzwerken. Eine qualitative Untersuchung der Tauschbeziehungen Musikschaffender. Masterthesis, Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Szevitits Amanda, 2015, Public Relations remastered. Wie moderne PR im Bereich der Musik aussehen muss, damit sie den Möglichkeiten von Social Media gerecht wird. Master Thesis, Music Management Program at the Danube University Krems. 

 

Folgenden Studien, Forschungsberichte, wissenschaftliche Artikel und Working Paper zur Musikwirtschafts- und -industrieforschung wurden 2015 veröffentlicht:

Aguiar Luis, Waldfogel Joel, 2015, Streaming Reaches Flood Stage: Does Spotify Stimulate or Depress Music Sales?, NBER Working Paper No. W21653

Bacache Maya, Marc Bourreau, François Moreau, 2015, Cheating and 360-Degree Contracts in the Recorded Music Industry, Université Telecom ParisTech Working Paper, February 2015.

Blacc Aloe, Irina D. Manta and David S. Olson, 2015, A Sustainable Music Industry for the 21st Century, Hofstra Univ. Legal Studies Research Paper No. 2015-18.

Boyer Marcel, 2015, The Value of Copyrights in Recorded Music: Terrestrial Radio and Beyond, C.D. Howe Institute Commentary No. 419, February 18, 2015.

Handke Christian, Balazs Bodo, Joan-Josep Vallbé, 2015, Going means trouble and staying makes it double: the value of licensing recorded music online, Journal of Cultural Economics Open Access, 22 May 2015.

Hiller Scott, Jason Walter, 2015, No Longer Durable? The Rise of Streaming Music and Implications for the Bundled Album, Working Paper Fairfield University – Department of Economics.

Mauch Matthias, Robert M. MacCallum , Mark Levy and Armand M. Leroi, 2015, The Evolution of Popular Music. USA 1960–2010, Royal Society Open Science, 2: 150081, April 2015.

Rethink Music, 2015, Fair Music. Transparency and Payment Flows in the Music Industry. Report of Rethink Music and Berklee Institute for Creative Entrepreneurship.

Richardson, James H., 2015, The Spotify Paradox: How the Creation of a Compulsory License Scheme for Streaming On-Demand Music Services Can Save the Music Industry, UCLA School of Law Working Paper.

Trefzger Timm, Matthias Rose , Christian Baccarella and Kai-Ingo Voigt, 2015, Streaming Killed the Download Star! How the Business Model of Streaming Services Revolutionizes Music Distribution, Journal of Organizational Advancement, Strategic and Institutional Studies, Vol. VII, No. 1, 2015.

US Copyright Office, Copyright and the Music Market Place. A Report of the Register of Copyrights, February 2015.

 

Bücher zur Musikwirtschaft und Musikindustrie aus dem Jahr 2015:

Gordon, Robert, 2015, Respect Yourself: Stax Records and the Soul Explosion. New York etc.: Bloomsbury.

Miller, Franz, 2015, Die mp3-Story: Eine deutsche Erfolgsgeschichte. München. Carl Hanser Verlag.

Mulligan, Mark, 2015, Awakening. The Music Industry in the Digital Age. MIDiA Research.

Ripgen Johannes, 2015, Organisches Artist Development. Ein ganzheitliches Modell zur identitätsorientierten Künstlerentwicklung. Band 2 der Schriftenreihe “Musik und Wirtschaft” der Popakademie Baden-Württemberg, Baden-Baden: Nomos.

Seabrook, John, 2015, The Song Machine. Inside the Hit Factory. New York: W. W. Norton & Company.

Westbrooks, Logan H., 2015, The Anatomy of the Music Industry: How the Game Was & How the Game Has Changed. Los Angeles: Ascent Book Publishing.

Witt, Stephen, 2015, How Music Got Free: The End of an Industry, the Turn of the Century, and the Patient Zero of Piracy. Viking.

 

2015 wurde der Blog 52.451 Mal von 28.965 Interessierten besucht, was einem Tageschnitt von 144 Besuchen entspricht. Vielen Dank an alle Leserinnen und Leser. Die meisten BesucherInnen kamen aus Deutschland, gefolgt von Österreich und der Schweiz. Es gab aber auch zahlreiche Zugriffe aus den USA, Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Spanien, Italien, Luxemburg und weiteren 80 Ländern dieser Welt – darunter Myanmar, Libyen, Laos, Kuba, Nepal, Costa Rica, Mexiko, Peru, Aruba, Pakistan, Hong Kong, Kolumbien, Sri Lanka, Indien, Thailand, , Argentinien, Brasilien, China und Südkorea.

 

Die Top-10 meist besuchten Blogbeiträge 2015 waren:

  1. Wer profitiert von Spotify & Co.? mit 8.296 Besuchen
  2. Der Kampf der Musikindustrie gegen Filesharing & Co. – Teil 7: Usenet mit 1.945 Besuchen
  3. Die Rezession in der Musikindustrie – eine Ursachenanalyse mit 1.125 Besuchen
  4. Musikstreaming 2014 – das Musikstreamingeinkommen der Superstars mit 1.064 Besuchen
  5. Woodstock: Mythos und historische Fakten. Eine Spurensuche von Sabine Nikolay mit 994 Besuchen
  6. Is Streaming the Next Big Thing? – das Geschäftsmodell der Musikstreamingdienste mit 753 Besuchen
  7. Musikstreaming 2014 – eine internationale Marktanalyse mit 750 Besuchen
  8. Musikstreaming 2014 – das Problem der Einnahmenverteilung mit 589 Besuchen
  9. Is Streaming the Next Big Thing? – Was die KonsumentInnen wollen mit 522 Besuchen
  10. 40 Jahre Woodstock – Wirtschaftsdebakel und Mythos mit 488 Besuchen

 

Unterm Strich haben, seit der Blog im März 2009 online gegangen ist, insgesamt 275.276 Zugriffe stattgefunden. 2015 haben mehr als 275.000 LeserInnen den Blog besucht. Ich hoffe daher, dass auch 2016 weiterhin viel Interesse am Blog und den neuen Beiträgen bestehen wird. Gründe für einen Besuch gibt es jedenfalls zur Genüge. Vom 27.-29. September 2016 finden die 7. Vienna Music Business Research Days zum Thema „Self-Management in the Music Business“ (Conference Call und Call-for-Papers für den Young Scholars’ Workshop) wieder an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und wieder in Kooperation mit dem Waves Vienna Festival & Conference statt. Der fünfte Band des International Journal of Music Business Research wird in einer April- und Oktober-Ausgabe erscheinen und natürlich wird es wieder viele neue Blogbeiträge, Buchrezensionen, Veranstaltungshinweise und einiges mehr geben.

Ich hoffe daher, Euch alle wieder 2016 am Blog begrüßen zu dürfen und sende meine besten Neujahrswünsche,

PETER

 


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