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Die US-Musikindustrie vs. die FilesharerInnen – Teil 4: Cui bono?

Die Musikindustrie geht in ihrem Kampf gegen das Filesharing nicht nur gegen kommerziell orientierte Anbieter von Filesharing- und Filehosting-Software vor, sondern auch gegen individuelle FilesharerInnen, die sich privat und nur zum Spaß Musik aus Tauschbörsen beschafft und im Netz weiter gegeben haben. Allein in den USA hat der hiesige Musikindustrieverband – Recording Industry Association of America (RIAA) – mehr als 35.000 InternetnutzerInnen, die Filesharing betrieben haben, ausforschen lassen, um sie mit Schadenersatzklagen in Millionenhöhe zu bedrohen. Der Großteil dieser Fälle wurde auf außergerichtlichem Weg mit Abschlagszahlungen um die US $3.000 aus der Welt geschafft. Aber zwei Fälle, jene der alleinerziehenden Mutter von vier Kindern, Jammie Thomas-Rasset und jener des Physikstudenten Joel Tenenbaum, landeten vor Gericht und endeten mit Schuldsprüchen, die Schadenersatzzahlungen in der Höhe von US$ 222.000 für 24 geteilte Musikfiles (Thomas-Rasset) und US $675.000 für 30 Musik-MP3s (Tenenbaum) nach sich zogen.

In der Serie “Die US-Musikindustrie vs. die FilesharerInnen” wird die Klagswelle der RIAA gegen einzelne FilesharerInnen im Allgemeinen sowie die beiden gerichtsanhängigen Verfahren gegen Thomas-Rasset und Tenenbaum im Besonderen analysiert und die Strategie vor allem der Musikkonzerne, die Kontrolle über die Musikdistribution zurück zu erlangen, aufgezeigt.

Im vierten und letzten Teil der Serie wird der Frage nachgegangen, was die RIAA-Klagekampagne gebracht hat? Konnten die von der RIAA selbst gesteckten Ziele der Abschreckung und Aufklärung tatsächlich erreicht werden und wie viel hat die Kampagne gekostest? Anworten finden sich in weiterer Folge.

 

Die US-Musikindustrie vs. die FilesharerInnen – Teil 4: Cui bono?

Was haben nun die RIAA-Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen und die Prozesse gegen Thomas-Rasset sowie Tenenbaum gebracht? Die RIAA schreibt auf ihrer Homepage, dass die Kampagne dazu beigetragen hat, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung in den USA nun weiß, dass Filesharing eine illegale Praxis ist. Und hätte die RIAA die Kampagne nicht gestartet, so wäre die Zahl der Personen, die Filesharing betreiben, weiter stark angestiegen: „Prior to the lawsuits, only 35 percent of people knew file-sharing was illegal, but after the initiation of the end-user legal campaign, that number quickly rocketed to more than 70 percent.  In 2003 and 2004, we saw double digit growth in the numbers of people using peer-to-peer to download music illegally.  If awareness of the copyright laws and an appreciation of the consequences of getting caught for breaking the law had not had an effect, p2p growth rates would likely have continued unabated, and would have seriously undermined the potential for a legal digital marketplace.“[1] Die Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen wird von der RIAA als eine Maßnahme von vielen gegen „Internetpiraterie“ dargestellt: „Lawsuits were just one piece of our overall effort to discourage illegal downloading and encourage fans to turn to legal music alternatives. Yes, we enforce our rights against people who steal music. We also work hard to educate consumers about the law and about the many legal ways to get music online. Because we know the best way to deter piracy is to offer fans compelling legal alternatives, record companies are aggressively licensing their music to a great many services – from download and subscription models to Internet radio to legitimate P2P and more.“[2] Aber auch die RIAA gibt sich nicht der Illusion hin, dass Filesharing durch die Anti-Piraterie-Maßnahmen gänzlich zum Verschwinden gebracht, aber auf einem niedrigen Niveau stabilisiert werden kann: We’re realistic. As an industry, we have lived with street piracy for years. Similarly, there will always be a degree of piracy on the Internet. It’s not realistic to wipe it out entirely but instead to bring it to a level of manageable control so a legitimate marketplace can really flourish.“[3]

Die US-amerikanische Copyright-Gesetzgebung geht auch davon aus, dass der hohe Strafrahmen zur Abschreckung vom Filesharing dient. Es ist kein Zufall, dass während des Napster-Booms im Sommer 1999 der Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Improvement Act im US-Kongress diskutiert und dann im November 1999 verabschiedet worden war. Darin wurde der Schadenersatzrahmen, der ursprünglich von US$ 500 bis US$ 20.000 reichte, auf US$ 750 bis US $30.000 pro urheberrechtlich verletztem Werk angehoben.[4] In einem Hearing des zuständigen Ausschusses im US-Repräsentantenhaus wurde die Absicht, die hinter der Anhebung des statutarischen Schadenersatzrahmens stand, klar artikuliert. Howard Coble, der Vertreter des Bundesstaates North Carolina im Repräsentantenhaus, machte keinen Hehl daraus, dass die Anhebung abschreckende Wirkung auf die InternetnutzerInnen haben sollte: „Copyright piracy is flourishing in the world. With the advanced technologies available and the fact that many computer users are either ignorant of the copyright laws or simply believe that they will not be caught or punished, the piracy trend will continue. One way to combat this problem is to increase the statutory penalties for copyright infringement so that there will be an effective deterrent to this conduct.“[5] US-Präsident Bill Clinton unterstützte das Anliegen des Gesetzes ausdrücklich in seinem Kommentar anlässlich der Inkraftsetzung des Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Improvement Act 1999 mit den Worten: „This legislation will increase for the first time since January 1988 the statutory damages that a copyright holder may recover for certain copyright infringements. This increase in penalties would be an effective deterrent to would-be pirates of copyrighted works.“[6] Drei Tage zuvor hatte die RIAA die Klage gegen die Musiktauschbörse Napster eingebracht.

Es zeigt sich, dass die US-Legislative bis hinauf zum US-Präsidenten dem Anliegen der großen Rechtverwerter in den USA sehr positiv gegenüberstand und die Forderungen nach schärferen Mitteln der Rechtsdurchsetzung und der Abschreckung vor Urheberrechtsverletzungen mit legistischen Maßnahmen unterstützte. Die Frage ist aber, ob die erwünschte abschreckende Wirkung eingetreten ist?

Die vorliegenden empirischen Belege unterstützen diese Annahmen nicht. Die RIAA-Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen war in ihrer abschreckenden Wirkung jedenfalls begrenzt. So kommt eine Studie von Broido et al. (2004: 1), die den Internettraffic und dabei das Filesharing-Volumen im Vergleich von 2003 und 2004 untersucht hat, zum Schluss: „In general we observe that P2P activity has not diminished. On the contrary, P2P traffic represents a significant amount of Internet traffic and is likely to continue to grow in the future, RIAA behavior notwithstanding.“ Dabei wurde die Bitrate des P2P-Traffics für sechs Internetprotokolle – eDonkey2000, Fasttrack, BitTorrent, Gnutella, MP2P und DirectConnect – über einen Zeitraum von Mai 2003 (vor dem Start der RIAA-Kampagne am 8. September 2003) bis Januar 2004 erfasst und ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass zwar der P2P-Traffic über das Fasttrack-Protokoll – gegen deren Clients (z.B. KaZaA) die RIAA massiv vorgegangen ist, gesunken, aber das Filesharing-Volumen über BitTorrent-Seiten um das Doppelte angestiegen ist. Der P2P-Traffic über die Gnutella-, eDonkey- und WinMX-Protokolle ist zwischen 2003 und 2004 in etwa gleich geblieben (Broido et al. 2004: 6). Die RIAA-Kampagne hatte zwar gegen KaZaA-FilesharerInnen eine abschreckende Wirkung, aber das Filesharing-Volumen konnte nicht verringert werden. Die FilesharerInnen sind eben zu anderen P2P-Protokollen, vor allem BitTorrent, abgewandert.

Das bestätigt auch Eric Garland, Gründer der Firma BigChampagne, die sich auf die Marktforschung von Onlinemedien spezialisiert hat, in einem Interview mit Ars Technica: „‚We’ve seen real, dramatic growth in BitTorrent usage,‘ notes Garland. That has resulted in a greater average population of seeders and leechers per torrent. In May 2006, the average torrent had 817,588 people participating. 12 months later, that figure had jumped to 1,357,318 seeders and leechers: a 66 percent year-over-year growth rate.“[7] In einer Präsentation im Rahmen der Vienna Music Business Research Days im Juni 2010, lieferte Garland noch weitere empirische Belege, dass das Filesharing sich trotz der RIAA-Kampagne wachsender Beliebtheit in den USA erfreut. Hatten 2006 noch mehr als 50 Mio. InternetuserInnen Filesharingservices genutzt, so waren es 2009 schon über 60 Mio.[8] Das ist kein Indiz dafür, dass das massive Vorgehen gegen FilesharerInnen und die Prozesse gegen Thomas-Rasset und Tenenbaum im Jahr 2009 eine abschreckende Wirkung gehabt hätten. Schon zuvor ist die Zahl der sich gleichzeitig global online befindenden FilesharerInnen von 2003 bis 2006 stetig gestiegen. Während vor der RIAA-Kampagne im August 2003 rund 4 Mio. P2P-NutzerInnen gleichzeitig online waren, so waren es im April 2006 schon mehr als 10 Mio.[9] Wenn man davon ausgeht, dass der Anteil der US-amerikanischen FilesharerInnen rund 75% ausmacht,[10] zeigt sich, dass die RIAA-Kampagne ihre abschreckende Wirkung à la longue verfehlt hat und nur kurzfristig gewirkt hat, wie Studien des PEW Research Centers (Madden 2004a, 2004b) belegen. Demnach ist die Nutzung von KaZaA in den USA bereits nach der Ankündigung der RIAA im Sommer 2003, Klagen an FilesharerInnen zu versenden, merklich zurückgegangen. In diesem Zeitraum ist die Anzahl der Internet-NutzerInnen, die KaZaA auf ihrem Computer verwendeten um 5 Mio. geschrumpft. In der PEW-Befragung gaben 38 Prozent der NutzerInnen an, dass sie wegen der RIAA-Klagewelle weniger Musik herunterladen (Madden 2004b: 4).

 

Abbildung 1: Die Nutzung von KaZaA in den USA, Dezember 2002 bis Februar 2004

Abb. 1 Die  Nutzung von KaZaA in den USAQuelle: Madden (2004b: 2).

 

In der Studie wird aber schon darauf hingewiesen, dass sich die P2P-Nutzung auf andere kleinere Filesharing-Services verlagert hat. Vor allem BitTorrents, die damals noch sehr neu waren, konnten sich über regen Zulauf freuen.

 

Abbildung 2: Die Nutzung alternativer P2P-Clients in den USA, Dezember 2002 bis Februar 2004

Abb. 2 Traffic auf Filesharing-ProtokollenQuelle: Madden (2004b: 3).

 

Im Abstand der Zeit haben auch die ForscherInnen vom PEW Project erkennen können, dass die RIAA-Kampagne nur vorübergehend abschreckend wirkte, und bei einem Rückblick auf 10 Jahre NAPSTER (Madden 2009: 8) führte der PEW Senior Researcher, Mary Madden, aus: „At the same time, unauthorized file-sharing venues are still firmly rooted in the online music world. In a recent Pew Internet Project survey, 15% of online adults admitted to downloading or sharing files using peer-to-peer or BitTorrent.“

In einer ökonometrischen Studie zu diesem Thema konnten Nandi & Rochelandet (2008) zeigen, dass massive Formen der Rechtsdurchsetzung wie Klagen gegen individuelle FilesharerInnen ihre Wirkung verfehlen. Demnach gibt es keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Klagedrohungen und dem Filesharing-Verhalten. Die Autoren kommen daher zum Schluss: „[C]opyright enforcement (in particular, increased sanctions, legal suits against individual copiers) has no impact on contribution behaviour. This might explain the failure of current enforcement strategies“ Nandi & Rochelandet (2008: 31). Depoorter et al. (2011) gehen sogar noch weiter und belegen in zwei Studien, dass die massiven Strafandrohungen durch die RIAA nicht nur als „unfair“ und „unverhältnismäßig“ angesehen werden, sondern auch, dass die gesamte Kampagne kontraproduktiv für die Einstellung der Testpersonen gegenüber dem Urheberrecht und der Musikindustrie war. „[W]e claim that this deterrence-based approach will prove futile and even counterproductive to the goals of copyright holders. (…) When infringements are widespread, effective deterrence cannot be attained without raising enforcement to levels that undermine the support for the underlying rules. As a result, enforcement has the inadvertent effect of moving behavior in the opposite direction from that intended by the law. In the context of copyright law, enforcement has increased the gap between the social and legal perceptions of the law. Because file sharers, as a group, perceive copyright litigation as excessive, this inadvertently strengthens opposition to the legally protected interests of copyright law.“ (Depoorter et al. 2011: 1252).

Maffioletti & Ramello (2004) haben bereits am Höhepunkt der Klagewelle in den USA mit Hilfe von ökonometrischen Experimenten mit Studierenden gezeigt, dass die Klagen und die damit verbundenen Strafandrohungen sich dämpfend auf die Filesharing-Aktivitäten auswirkten. Das führte aber zu Kaufverzicht und nicht, wie von der Musikindustrie gewünscht zu mehr legalen Musikkäufen. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Zahlungsbereitschaft für CDs eindeutig niedriger als der Preis für eine Full-Price-CD ist, aber deutlich höher ist als die Grenzkosten für eine gebrannte CD. Maffioletti & Ramello (2004: 92) schlussfolgern daher: „All in all, this reasoning leads us to an unpredictable consequence: given the experimental wtp [willingness-to-pay] and the current pricing policy, the lowering of copyright infringement due to lawsuits will not have the expected consequence in raising consumption and thus firm profits. It will simply lower total consumption of recorded music, with likely negative effects on total welfare as profits will not increase and consumer surplus will decrease.“

Fassen wir also zusammen: Wenn die RIAA-Kampagne eine abschreckende Wirkung gehabt hat, dann war diese lediglich kurzfristig. KaZaA-Filesharingservice wurde deutlich weniger genutzt als noch vor der RIAA-Kampagne, aber die Internet-NutzerInnen sind zu anderen P2P-Internetprotokollen, die ihnen mehr Anonymität zusichern, gewechselt. Das ab 2004 einsetzende massive Wachstum von BitTorrents ist dafür nur ein Beleg, denn auch 1-Click-Hoster haben in der Folge an Popularität gewonnen. Zudem war der Kollateralschaden, den die RIAA-Kampagne verursacht hat, beträchtlich. Die Internet-NutzerInnen haben sich nicht von ihrem Tun abhalten lassen und die öffentliche Meinung gegenüber der Klagewelle war größtenteils negativ. Die empirischen Studien belegen zudem, dass die RIAA-Kampagne nicht dem Anliegen der RechteinhaberInnen genutzt, sondern geschadet hat. Das war wohl ein Mitgrund für die Entscheidung der RIAA 2008 die Kampagne einzustellen.

Ein weiterer Grund für die Beendigung der Kampagne könnte auch gewesen sein, dass die Kosten RIAA für die Klagewelle beträchtlich waren. Aus den öffentlich zugänglichen Meldungen der RIAA an die US-Finanzbörden[11] geht hervor, dass die Anwaltskosten 2004 mehr als US $15 Mio. ausmachten. Zusätzlich wurden in der Meldung für das Jahr 2004 noch weitere US $1,85 Mio. für Online Enforcement ausgegeben. Bei Gesamtausgaben der RIAA für 2004 von rund US $52,5 Mio. machten die Anwaltskosten und die Ausgaben für die Online-Rechtsdurchsetzung fast ein Drittel der Gesamtausgaben aus. In den Folgejahren sollten diese beiden Ausgabenpositionen noch weiter ansteigen,[12] um 2007 den Höchstwert von US $21,2 Mio. zu erreichen. 2008, dem Jahr, in dem die Klagewelle zu einem Ende kam, sanken die Anwaltskosten auf US $16,5 Mio. ab, um dann in den Folgejahren sich wieder auf einem niedrigen Niveau von rund US$ 1,0 Mio. (2011 und 2012) einzupendeln.

Natürlich muss davon ausgegangen werden, dass nicht sämtliche Anwaltskosten tatsächlich auch im Kampf gegen individuelle FilesharerInnen angefallen sind. Ein Vergleich zu den Jahren nach der Einstellung der Kampagne zeigt, dass der RIAA die Urheberrechtsfälle sicherlich um die US $15 Mio. pro Jahre gekostet haben. Da sind natürlich auch die Kosten für jene Verfahren enthalten, die die Musikindustrie gegen Filesharing-Services angestrengt hatte.[13] Ein beträchtlicher Teil der Kosten ist aber wohl auch bei der Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen angefallen. So erhielt die in Denver/Colorado ansässige Anwaltskanzlei Holme Roberts and Owen LLP, deren Anwälteteam den Fall gegen Joel Tenenbaum vor Gericht vertrat, 2008 Zahlungen in der Höhe von US $9,4 Mio., die 2009 auf US $4,3 Mio. zurückgingen, 2010 dann US $788.120 ausmachten und ein Jahr später auf US $354.00 sanken. Auch wenn nicht exakt nachvollzogen werden kann, wofür die Anwaltskanzleien die Millionenzahlungen erhalten haben, so kann doch davon ausgegangen werden, dass die RIAA-Kampagne für einen markanten Teil verantwortlich zeichnete.

Zusätzlich zu den Anwaltskosten musste die RIAA auch jene Unternehmen bezahlen, die die Internetanschlüsse, über die Filesharing betrieben wurde, ausforschte. In den Finanzamtsmeldungen der RIAA geht hervor, dass 2004 US $3,2 Mio. für „Investigative Operations“ ausgegeben wurden. 2005 bis 2007 lagen die Ausgaben in dieser Position bei um die US $3,5 Mio., um in den Folgejahren auf ein wesentlich niedrigeres Niveau von um die US $200.000 zu sinken. Die Ausgaben können jedenfalls fast zum Großteil der RIAA-Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen zugerechnet werden, weil die die große Anzahl der Fälle wohl auch einen entsprechend hohen Aufwand verursacht hat.

Der Jahresvergleich zeigt jedenfalls, dass die Anwaltskosten wie auch die Kosten für die Ausforschung von IP-Adressen 2004 bis 2007 vergleichsweise sehr hoch waren und ab 2008 drastisch sinken. Vergleichsweise bescheiden nehmen sich die Ausgaben für „Educational Programs“ aus, unter die wohl auch die Aufklärungskampagne zum Filesharing und Urheberrecht fallen. Unter diesem Titel wies die RIAA 2006 US $847.000 und für 2007 US $567.000 aus. Für die Folgejahre sind dann keine Ausgaben mehr unter dieser Rubrik angeführt.

 

Abbildung 3: Die Ausgaben der RIAA für Anwaltsleistungen und für die Ausforschung von IP-Adressen, 2004-2014

Abb. 3 Ausgaben der RIAA

Quelle: Diverse Meldungen der RIAA an die US-Finanzbehörden, 2004-2012.

 

Die RIAA meldete auch die Einnahmen, die sie aus ihren Anti-Piraterie-Maßnahmen lukrieren konnten an die Finanzbehörden weiter. Diese stehen allerdings mit einem Volumen von US $500.000 bis US $600.000 pro Jahr in keinem Verhältnis zu den ausgewiesenen Ausgaben. Das zeigt bereits, dass sich die Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen zumindest für die RIAA nicht ausgezahlt hat. Stellt man nur die Ausgaben für Ausforschung von IP-Adressen den Einnahmen aus den abgeschlossenen Filesharing-Fällen gegenüber, zeigt sich die Jahre 2004 bis 2007 ein massives Missverhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen. Lediglich zwischen 12,5 bis 17,5 Prozent der Ausforschungskosten konnten durch Strafzahlungen der FilesharerInnen gedeckt werden. Erst mit dem Ende der Kampagne glichen sich Ausgaben und Einnahmen in etwa aus.

 

Abbildung 4. Einnahmen der RIAA aus der Position „Revenue form anti-piracy recoveries“ und Vergleich zu Ausgaben für „Investigative Operations“, 2004-2012

Abb. 4 Einnahmen der RIAA

Quelle: Diverse Meldungen der RIAA an die US-Finanzbehörden, 2004-2012.

 

Zusammenfassend muss also konstatiert werden, dass die RIAA-Kampagne gegen individuelle FilesharerInnen die gesteckten Ziele der Aufklärung und vor allem der Abschreckung weit verfehlt hat und die gesamten Maßnahmen auch noch unverhältnismäßig hohe Kosten verursacht haben, die in keinem Verhältnis zu den daraus generierten Einnahmen stehen.

 

Siehe auch:

Teil 1: Die RIAA vs. John Doe

Teil 2: Der Fall Jammie Thomas-Rasset

Teil 3: Der Fall Joel Tenenbaum

 

Literaturangaben

Depoorter, Ben, Van Hiel, Alain & Vanneste, Sven, 2011, „Copyright Backlash“, Southern California Law Review, 84(1): 1251-1293.

Madden Mary, 2004a, The Impact of Recording Industry Suits Against Music File Swappers. PEW Internet Project and ComScore Media Metrics Data Memo, January 2004.

Madden Mary, 2004b, The State of Music Downloading and File Sharing Online. PEW Internet Project and ComScore Media Metrics Data Memo, April 2004.

Madden Mary, 2009, The State of Music Online: Ten Years After Napster. PEW Internet Report, June 2009.

Maffioletti, Anna & Ramello, Giovanni B., 2004, „Should We Put Them in Jail? Copyright Infringement, Penalties and Consumer Behaviour: Insights from Experimental Data“, Review of Economic Research on Copyright Issues, 1(2): 81-95.

Nandi, Tushar K. & Rochelandet Fabrice, 2008, The Incentives for Contributing Digital Contents over P2P Networks: An Empirical Investigation. Review of Economic Research on Copyright Issues, 5(2): 19-35.

 

Quellenverzeichnis

[1] Siehe dazu http://www.riaa.com/faq.php (letzter Zugriff am 12.02.2015).

[2] Ibid.

[3] Ibid.

[4] § 2 des Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Improvement Act of 1999, Pub. L. No.

106-160, 113 Stat. 1774 (1999), https://www.govtrack.us/congress/bills/106/hr3456/text (letzter Zugriff am 17.02.2015).

[5] Redebeitrag von Howard Coble zum Copyright Damages Improvement Act of 1999 in Congressional Record Vol. 145, No. 111, H6798 (August 2, 1999), http://www.gpo.gov/fdsys/pkg/CREC-1999-08-02/pdf/CREC-1999-08-02-pt1-PgH6798.pdf (letzter Zugriff am 17.02.2015).

[6] Statement on Signing the Digital Theft Deterrence and Copyright Damages Improvement Act of 1999 von US-Präsident William J. Clinton am 9. Dezember 1999, http://www.gpo.gov/fdsys/pkg/PPP-1999-book2/pdf/PPP-1999-book2-doc-pg2247.pdf (letzter Zugriff am 17.02.2015).

[7] Siehe dazu Eric Bangeman in ArsTechnica vom 6. Juli 2007: „P2P traffic shifts away from music, towards movies“ (http://arstechnica.com/tech-policy/2007/07/p2p-traffic-shifts-away-from-music-towards-movies/, letzter Zugriff am 13.02.2015).

[8] Siehe dazu Eric Garlands Präsentation „From Napster to Now. File Sharing Trends“ im Rahmen der 1. Vienna Music Business Research Days vom 9.-10. Juni 2010 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (https://musikwirtschaftsforschung.files.wordpress.com/2010/06/eric_garland_vienna_music_business_research_end-revised.pdf, letzter Zugriff am 13.02.2015).

[9] Ibid.

[10] Siehe dazu aviransPlace.com vom 21. Juli 2007: „P2P Volume Climbs, Near 9 Million Users“ (http://www.aviransplace.com/2005/07/12/p2p-volume-climbs-near-9-million-users/, letzter Zugriff am 13.02.2015).

[11] Formular No. 990 „Return of Organization Exempt from Income Tax under section 501(c), 527, or 4947(a)(1) of the Internal Revenue Code“ für die Jahre 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011 und 2012.

[12] Ab 2006 wurden keine Angaben mehr zu Ausgaben für „Online Enforcement“ in den Meldungen an die Finanzbehörden gemacht. Es kann daher vermutet werden, dass diese Position zu den „Legal fees“ hinzu gerechnet wurde.

[13] Die in Washington D.C. ansässige Anwaltskanzlei Jenner & Block LLC hat die Musikindustrie im KaZaA-Fall bis hin zur Supreme Court-Entscheidung vertreten. Für 2008 sind Zahlungen der RIAA an Jenner & Block von US $7,1 Mio. belegt. 2009 waren es US $2,5 Mio. und 2010 US $727.000.

 

 


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