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Der Kampf der Musikindustrie gegen Filesharing & Co. – Teil 6: Mininova

Ziemlich genau vor 15 Jahren hat die erste Musiktauschbörse, Napster, zu ihrem Höhenflug angesetzt und die VertreterInnen der phonografischen Industrie in Angst und Schrecken versetzt (Geschichte von Napster Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5). In dieser sommerlichen Blog-Serie möchte ich allerdings die Geschichte des Kampfes der Musik- und Filmindustrie gegen Filesharing, Filehosting und das Usenet in der Nachfolge von Napster in ausführlichen Beiträgen nachzeichnen. Dabei wird sichtbar, welche Strategie die Industrieverbände dabei eingeschlagen und welchen Erfolg sie dabei hatten. Es wird aber auch gezeigt, wie sich die Rechtsprechung in den USA und in Europa über die Zeit hinweg geändert hat und welche zusätzlichen legistischen Maßnahmen dagegen getroffen wurden. Insgesamt entsteht ein Bild eines “Wettrüstens” zwischen Unterhaltungsindustrien und Softwareanbietern, die die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Mediendateien ermöglichen.

Im sechsten Teil der Serie wird der Fall Mininova, ein niederländischer BitTorrent-Indexierungdienst, der zeitweise mehr NutzerInnen als The Pirate Bay hatte, genauer unter die Lupe genommen.

 

Der The Pirate Bay-Fall war sicherlich der spektakulärste in Europa, aber es gab noch weitere BitTorrent-Seiten, die ins Visier der europäischen Anti-Piraterie-Vereinigungen gerieten. Im Oktober 2007 wurde in einer gemeinsamen Polizeiaktion in Großbritannien und in den Niederlanden auf Betreiben der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI), der British Phonographic Industry (BPI) und dem niederländischen Verein BREIN (Bescherming Rechten Entertainment Industrie Nederland) die BitTorrent-Seite http://www.oink.cd geschlossen, über die mehr als 80 Musikalben vor dem offiziellen Release-Termin veröffentlicht wurden.[1]

Die BREIN, der unter anderem die niederländische Verwertungsgesellschaft BUMA/STEMRA und Motion Pictures Association (MPA) der Niederlande angehören, reichte zudem im Mai 2008 Klage gegen die in Utrecht ansässige BitTorrent-Seite Mininova ein.[2] Mininova wurde im Januar 2005 von fünf niederländischen Studenten nach dem Vorbild der kurz davor vom Netz genommenen Suprnova-Seite ins Leben gerufen. Aus der studentischen Spaßaktion erwuchs in kürzester Zeit eine Filesharing-Plattform, die zeitweise mehr Zulauf erhielt als The Pirate Bay.[3] 2006 war „mininova“ der neunt häufigste Suchbegriff bei Google.[4]

In einem Interview gegenüber der ORF-Futurezone im März 2009[5] skizzierten mininova-Mitbegründer Gründer Erik Dubbelboer und der Geschäftsführer von Mininova B.V., Niek van der Maas, das Geschäftsmodell der BitTorrent-Seite. Im Unterschied zu The Pirate Bay würde mininova keine eigenen Tracker anbieten, sondern lediglich zu diesen verlinken. Zum Zeitpunkt des Interviews wurden dabei 8 Millionen Suchanfragen täglich registriert. Finanzieren würde sich das Unternehmen über Werbung, wobei in den Medien Einnahmen von US $1 Million jährlich kolportiert wurden.[6]

Anfang Juni 2009 begann der Prozess gegen Mininova B.V. vor einem Utrechter Gericht. Für die BREIN war klar, dass Mininova B.V. ein Geschäftsmodell betreibe, dass unter Nutzung unautorisierter Mediendateien beruhe. Die BitTorrent-Seite müsse daher Sorge tragen, dass kein Zugang zu urheberrechtlich geschütztem Material über die Seite möglich wäre. Die Rechtsvertreterin von Mininova B.V. hielten dem entgegen, dass bei konkreten gemeldeten Urheberrechtsverletzungen die entsprechenden Torrents gelöscht werden würden. Eine präventive automatische und noch dazu 100prozentige Filterung wäre aber nicht machbar.[7] Das Gericht schloss sich aber in seinem Urteil am 26. August 2009 nicht der beklagten Seite an, sondern entschied im Sinne der BREIN. Mininova wurde verpflichtet innerhalb von drei Monaten alle Torrent-Files, die zu unautorisierten Mediendateien führten, zu entfernen. Bei Zuwiderhandlung wurde eine Strafe von EUR 1.000 pro Torrent-File bis zu einer maximalen Höhe von EUR 5 Millionen angedroht.[8]

Im November 2009 gab Mininova bekannt, dass eine 100prozentige Filterung nicht umsetzbar ist und begann, um der Strafzahlung zu entgehen, Millionen von Torrent-Files zu löschen. Das führte ein paar Tage später dazu, dass der Traffic von ursprünglich 5 Millionen Visits pro Tag auf 1,8 Millionen abstürzte und statt 10 Millionen Suchanfragen pro Tag auf lediglich 3 Millionen zurückging.[9] Mininova legte zwar noch Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil ein, gab aber im Dezember 2010 bekannt, dass man mit der BREIN einen außergerichtlichen Vergleich geschlossen hätte und nur mehr urheberrechtlich geklärte Torrent-Files hosten würde. Mininova konnte damit als BitTorrent-Seite weiter bestehen und www.mininova.org wird gegenwärtig um den Platz 30.000 herum von www.alexa.com gerankt.

 

Siehe auch:

Teil 1: KaZaA und Grokster

Teil 2: LimeWire

Teil 3: Finreactor, Suprnova und Elite Torrent

Teil 4: TorrentSpy und isoHunt

Teil 5: The Pirate Bay

 

Fußnoten

[1] Siehe dazu The Daily Telegraph vom 23. Oktober 2007: „Illegal music sharing website closed down“, http://web.archive.org/web/20071024234849/http://www.telegraph.co.uk/connected/main.jhtml?xml=/connected/2007/10/23/ecrdownload123.xml (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).

[2] Siehe dazu The Register.com vom 19. Mai 2008: „BitTorrent Tracker mininova Faces Legal Action“, http://www.theregister.co.uk/2008/05/19/mininova_faces_legal_action/ (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).

[3] Ibid.

[4] Siehe dazu http://torrentfreak.com/mininova-the-9th-most-googled-word-in-2006/ (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).

[5] Der Beitrag „Mininova: Filesharing wird es immer geben“ war ursprünglich unter http://futurezone.orf.at/stories/1503166/ zu finden. Eine pdf-Version kann unter http://seliqui.at/blog/eu-usa–data-retention–mininova?file=tl_files/blog/pdf/Mininova_%20_Filesharing%20wird%20es%20immer%20geben.pdf nachgelesen werden.

[6] Siehe dazu ArsTechnica vom 12. März 2009: „Torrent Search Engine Mininova Earning“, http://arstechnica.com/tech-policy/2009/03/torrent-search-engine-mininova-earning-1-million-a-year/ (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).

[7] Einen Überblick über den Prozessverlauf bietet http://www.gulli.com/news/1496-mininova-vs-brein-prozess-ueber-content-filterung-2009-06-03 (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).

[8] Der Urteilsspruch des Utrechter Gerichts (Aktenzahl 250077 / HA ZA 08-1124) im Originalwortlaut lässt sich unter http://uitspraken.rechtspraak.nl/inziendocument?id=ECLI:NL:RBUTR:2009:BJ6008 (letzter Zugriff am 30. Juli 2014) nachlesen.

[9] Siehe dazu http://torrentfreak.com/mininova-traffic-plummets-after-going-legal-091205/ (letzter Zugriff am 30. Juli 2014).


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