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Der Wurst-Faktor – die wirtschaftliche Relevanz des Eurovision Song Contest-Siegs

Nachdem Thomas Neuwirths Altra Ega Conchita Wurst  den Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne (wie er noch 1966 hieß) nach 48 Jahren wieder für und nach Österreich gebracht hat, kommt man wohl nicht umhin, sich mit der wirtschaftlichen Seite des Wettsingens auseinander zu setzen. Dabei gilt es verschiedene Ebenen der wirtschaftlichen Relevanz des Eurovision Song Contests (ESC) zu unterscheiden:

(1)   Welche wirtschaftlichen Folgewirkungen gibt es für die SiegerIn?

(2)   Was bedeutet es aus wirtschaftlicher Sicht, einen ESC abzuhalten?

(3)   Welche Wertschöpfungspotenziale sind mit dem ESC verbunden?

Ich werde in der Folge versuchen, diese drei Fragen zu beantworten, sofern Daten dafür verfügbar sind.

 

Der Wurst-Faktor – die wirtschaftliche Relevanz des Eurovision Song Contest-Siegs

 

Die Monetarisierung des Eurovision Song Contest-Siegs aus KünstlerInnen-Sicht

Die Zahlen sind beeindruckend: Seit der Ausstrahlung des Finales vor nicht einmal 2 Tagen wurde auf YouTube das offizielle Video von „Rise Like A Phoenix“ 3,68 Millionen Mal aufgerufen. Der Auftritt von Conchita Wurst im Semi-Finale steht am Vormittag des 12. Mai bei 5,73 Mio. Klicks und das offizielle Vorstellungsvideo, das seit einem Monat auf YouTube verfügbar ist, bei 9,02 Mio. – Tendenz weiter stark steigend. Bedenkt man, dass an die 180 Mio. ZuseherInnen weltweit den Eurovision Song Contest verfolgt haben, dann kann durchaus von einem globalen Erfolg für die Sängerin gesprochen werden. Auf Twitter verfolgen derzeit 75,400 die Tweets der neu gekrönten „Queen of Europe“ und die Likes auf Conchitas Facebook-Seite stehen bei rund 465.000.

Es ist zu vermuten, dass sich so viel mediale Aufmerksamkeit auch in monetären Größen niederschlagen sollte. Und in der Tat, in den österreichischen iTunes-Charts liegt „Rise Like A Phoenix“ bereits an der Spitze. Am 5. Platz liegt die Version des offiziellen ESC-Samplers und auch die drei anderen verfügbaren Songs „That’s What I Am“ (Platz 22), „Unbreakable“ (Rang 27) und „I’ll be There“ vom „Grosse Chance“-Sampler (Platz 100) sind den iTunes-Top-100 vertreten. In den iTunes-Charts anderer Länder findet sich „Rise Like A Phoenix“ ebenfalls weit vorne: Finnland (Platz 1); Griechenland (Platz 2 vor dem griechischen Beitrag „Rise Up“); Dänemark (Platz 2 hinter dem niederländischen „Calm After the Storm“ und dem eigenen Beitrag „Cliché Love Song“), Schweden (Platz 2 hinter „Calm After the Storm“ aber noch vor dem eigenen Beitrag „Undo“); Niederlande (Platz 4 ebenfalls hinter drei Download-Varianten der zweitplatzierten Lokalmatadoren); Deutschland (Platz 5 hinter „Calm After the Storm“ auf Platz 3); Norwegen (Platz 5 wiederum hinter dem niederländischen und dem schwedischen Beitrag). In osteuropäischen Ländern wie in Polen (Platz 46) und Russland (Platz 49) hält sich das Kaufinteresse für „Rise Like A Phoenix“ ebenso in Grenzen wie in Italien (Platz 23), Frankreich (Platz 15) und Großbritannien (Platz 16). Und in den USA liegt der Eurovision Song Contest immer noch unter der Wahrnehmungsschwelle, sofern man die hiesigen iTunes-Charts zu Rate zieht, in denen kein einziger der aktuellen ESC-Songs in den Top-100 vertreten sind.

 

Abbildung 1 - iTunes ChartsAbbildung 1: Das Ranking von „Rise Like a Phoenix“ in ausgewählten iTunes-Chart (Stand: 12. Mai 2014, 12:00)

 

„Rise Like A Phoenix“ hat es (vorerst) noch nicht in die Big Champaign Ultimate Chart geschafft, in der nicht nur Musikverkäufe, sondern auch Streaming, Radio-Airplay, Konzertkartenverkäufe und Social Media-Daten einfließen. Welche Relevanz der Song in den Streamingportalen haben wird, lässt sich noch nicht ganz einschätzen. In den Deezer-Charts lag „Rise Like A Phoenix“ am Sonntag spätabends (11. Mai) noch auf Rang 98 ist aber bis Montag-Mittag (12. Mai) auf Rang 12 hochgeklettert. Für Spotify liegen aber die Charts für die Kalenderwoche 19 noch nicht vor.

In die regulären Verkaufscharts für die deutschsprachigen Länder (Deutschland-Österreich-Schweiz) konnte der ESC-Siegersong in der Kalenderwoche 19 noch nicht vordringen. Lediglich in den österreichischen Airplay-Top-50 scheint er auf Rang 39 auf. Es steht aber zu erwarten, dass sich die Verkäufe erst diese Woche und danach erst so richtig niederschlagen werden.

Da die genauen Verkaufszahlen i.d.R. nicht öffentlich bekannt sind, kann schwer eingeschätzt werden, wie viel der Song insgesamt einspielen wird. Noch weniger kann gesagt werden, wie viel bei der Künstlerin letztendlich ankommt, da die Verträge zum einen mit Universal Dänemark (für den ESC-Sampler) und ORF Enterprise (für die Single-Version) nicht bekannt sind. Ähnlich verhält es sich mit den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften, die uns nur in der Gesamtsumme bekannt sind.

Es ist trotz ESC-Sieg nicht zu vermuten, dass über die Musikverkäufe für Frau Wurst die großen Einnahmen zu erzielen sind, auch wenn in allernächster Zeit ein Album nachgeschoben werden sollte. Mehr ist dabei schon von Werbekooperationen und von Branding zu erwarten und eine Tournee würde wohl auch entsprechend hohe Einnahmen einbringen. Es wird aber noch abzuwarten sein, ob Conchita Wurst, die getrost als ein Produkt von Casting-Shows angesehen werden darf, sich nachhaltig im Musikbetrieb etablieren kann. Es ist nämlich nur ganz wenigen KünstlerInnen, die den ESC gewonnen haben, gelungen, eine längerfristige Karriere zu machen. Man denkt hierbei natürlich an Udo Jürgens (1966), Vicky Leandros (1972), ABBA (1974), Johnny Logan (1980, 1987), Bucks Fizz (1981), Nicole (1982) und Celine Dion (1988). Das sind aber die Ausnahmen von der Regel, denn die meisten ESC-Gewinner – vor allem jene der letzten Jahre – sind recht bald wieder in der Versenkung verschwunden. Aus KünstlerInnen-Sicht ist es also sehr zu empfehlen, die gegenwärtige öffentliche Aufmerksamkeit zu nutzen, um diese, in welcher Form auch immer, zu monetarisieren.

 

Der Eurovision Song Contest als Wirtschaftsfaktor

Es kursieren gerade im Netz immer wieder Verschwörungstheorien, dass Rundfunkstationen gar kein Interesse haben, den ESC zu gewinnen, da sie die damit zusammen hängende Kostenlawine fürchten. In der Tat kostet die Ausrichtung eines ESC eine ordentliche Stange Geld, die sich vor allem kleine TV-Stationen nicht so ohne weiteres leisten können. Das Wall Street Journal hat im Vorfeld des ESC 2013 im schwedischen Malmö eine Aufstellung der Produktionskosten für die ESC 2007-2013 gemacht, wonach die Budgets für die TV-Produktion irgendwo zwischen EUR 15 bis 35 Mio. liegen (Abb. 2).

 

Abbildung 2 - ESC-KostenAbbildung 2: Die budgetierten TV-Produktionskosten für die Eurovision Song Contest, 2007-2013

 

Zusätzlich sind noch weitere Ausgaben für die Adaption und Bereitstellung der örtlichen Infrastruktur (vor allem der Austragungshalle) zu berücksichtigen. So wurde für den ESC in Baku gleich eine neue Halle auf die grüne Wiese gestellt, die kolportierte EUR 100 Mio. gekostet haben soll. Aber auch die Adaption einer früheren Schiffswerft in Kopenhagen, in der der diesjährige ESC ausgetragen wurde, ist budgetär aus dem Ruder gelaufen, und der dänische Rundfunk musste dem lokalen Veranstalter mit EUR 3 Mio. unter die Arme greifen, wie BBC News berichtet.

Allerdings stehen diesen Ausgaben auch beträchtliche Einnahmen gegenüber. Die so genannten fünf großen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien steuern nach Medienberichten rund die Hälfte des Budgets über Teilnahmegebühren bei, wodurch ihre ESC-TeilnehmerInnen fix im Final qualifiziert sind. Auch die anderen Teilnehmerländer tragen einen entsprechend geringeren Anteil bei. Hinzu kommen dann noch Einnahmen aus Übertragungsrechten, Sponsoring- und Werbepartnerschaften sowie Ticketverkäufen. Unterm Strich wird für die veranstaltende Rundfundanstalt dennoch kein Plus herauskommen.

Der gesamtwirtschaftliche Wertschöpfungseffekt kann aber trotzdem positiv sein. Es gibt dazu kaum wissenschaftliche Erkenntnisse, aber eine Fallstudie, die Aliza Fleischer und Daniel Felsenstein über den Eurovision Song Contest, der 1999 in Jerusalem (Israel) ausgetragen wurde, erstellt haben, zeigt, dass der volkswirtschaftliche Nettoeffekt (errechnet durch eine Cost-Benefit-Analyse) zwischen US$ 2,58 und 3,75 Mio. lag. In dieser Hinsicht zahlt sich also die Austragung des ESC aus und bringt zusätzlich ein unbezahlbares Standortmarketing, wenn die Organisation glatt und ohne negative Begleiterscheinungen über die Bühne geht.

 

Quellen

BBC News, „Eurovision 2014: The evolution of Eurovision“, 9. Mai. 2014 (letzter Zugriff am 12.05.2014)

Daily Mirror, „Eurovision: BBC ‚putting out feelers‘ over costs of hosting song contest as it emerges Sweden may not WANT to win“, 8. Mai 2014 (letzter Zugriff am 12.05.2014)

Fleischer Aliza und Daniel Felsenstein, 2002, „Cost-Benefit Analysis Using Economic Surpluses: A Case Study of a Televised Event“, Journal of Cultural Economics, Vol. 26: 139-156.

Wall Street Journal, „Europe’s Glitziest Show, Now In Austerity Mode“, 11. April 2013 (letzter Zugriff am 12.05.2014)

 


1 Response to “Der Wurst-Faktor – die wirtschaftliche Relevanz des Eurovision Song Contest-Siegs”


  1. 13. Mai 2014 um 3:11 pm

    Interessanter Artikel!
    Vielen Dank dafür,
    Nyequa (http://musikempfehlung.wordpress.com/)


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