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Zwei Opern-Titanen betreten die digitale Arena – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 7. Mai 2014

Am 7. Mai 2014 fand am IKM ein Musikwirtschafts-Jour-fixe statt, in dem Serge Poisson-Haro von der HEC Montréal und Dagmar Abfalter vom Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) Digitalstrategien der Metropolitan Opera in New York City und der Wiener Staatsoper auf Basis einer noch laufenden wissenschaftlichen Studie verglichen haben. Dabei wurde der unterschiedliche strategische Zugang – die MET überträgt live in Kinos, während die Staatsoper sich auf Videostreams im Internet beschränkt – herausgearbeitet, was wiederum beträchtliche Unterschiede in den Produktionskosten zur Folge hat. Eine Zusammenfassung des Vortrags, der in eine sehr engagierte Diskussion mündete, wurde von Dagmar Abfalter freundlicher Weise zur Verfügung gestellt und kann in der Folge hier nachgelesen werden:

 

 

Zwei Opern-Titanen betreten die digitale Arena – Zusammenfassung von Dagmar Abfalter

Seit die Live-Übertragung von Events über Streaming in höchster Qualität gewährleistet ist, haben die digitalen Technologien auch die Welt der Oper erobert. Führende Opernhäuser wie die Metropolitan Opera New York, kurz Met, und die Wiener Staatsoper senden heute ihre wichtigsten Produktionen live. Beide Opernhäuser haben ihr digitales Engagement allerdings in sehr unterschiedlichen Kontexten entwickelt, verschiedene Zeitpunkte für den digitalen Markteintritt gewählt und individuelle Produkte entwickelt:

  • Die Metropolitan Opera sendet zusätzlich zu ihrem Video on Demand Angebot als eines der ersten Opernhäuser seit der Saison 2006/7 live in Kinosäle – mit großem Erfolg, denn bisher wurden 14 Millionen Tickets für dieses Format verkauft, in der laufenden Saison bereits 3 Millionen. Die Streaming-Produktionen sind kostenintensiv und werden von einem eigenen Team rund um Direktor Peter Gelb gestaltet. In der Saison 2013/14 nehmen mehr als 2.000 Kinosäle in 66 Ländern an Met Live in HD teil und seit letztem Jahr sind auch die digitalen Investitionen wieder eingespielt, d.h. die Met macht mit Met Live in HD Gewinn – 2012 waren es 11 Mio. USD.
  • Die Wiener Staatsoper streamt hingegen seit Oktober 2013 direkt in die Wohnzimmer ihres weltweiten Publikums, Sie startet an einem Zeitpunkt hoher Marktdurchdringung mit Internetverbindungen und Endgeräten hoher Qualität. Im Gegensatz zur Met werden Produktionen nicht auf die Übertragung (Licht, Maske etc.) angepasst sondern so dargestellt, wie sie für die Staatsoper geplant und aufgeführt werden. Die Produktion des Streaming-Angebots ist deutlich günstiger als in der Met und wird intern mit der Unterstützung von Kooperationspartnern durchgeführt.

 
Der Vortrag zeigte, wie aufbauend auf den traditionellen Geschäftsmodellen der Opernhäuser neue, digitale Geschäftsmodelle, geschaffen wurden. Die Unterschiede des „Amerikanischen“ und „Deutschen“ (gemeint sind die deutschsprachigen Länder) Opern-Models – die Organisation von Opern (Stagione vs. Repertoire), die Größe der Opernhäuser, das Vorhandensein fixer Ensembles (im Deutschen Modell) und die Finanzierung, die sich im amerikanischen Modell an privaten Geldgebern und einer höheren Eigenfinanzierungsquote im Gegensatz zu einer bedeutenden staatlichen Unterstützung im deutschen Modell – hatten großen Einfluss auf die bestehenden Geschäftsmodelle. Im Rahmen dieser Voraussetzungen haben die Met und die Wiener Staatsoper sich mit unterschiedlichen Strategien seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert zu führenden Opernhäusern entwickelt, die mit über 200 Opern-Aufführungen weltweite Beachtung finden. Aktuelle Herausforderungen wie die Finanzkrise 2008, die Veränderung von Publikumsstrukturen oder die digitale Revolution und damit einhergehende Änderungen des KonsumentInnenverhaltens trafen beide Häuser auf unterschiedliche Weise. Und sie trafen auf Führungskräfte mit unterschiedlichen Charakteren, Erfahrungen und Visionen. Der Einfluss der unterschiedlichen internen und externen Kontextvariablen auf die verschiedenen Komponenten der Geschäftsmodelle (nach Johnson et al. 2008) – Wertangebot, Schlüsselressourcen, Schlüsselprozesse sowie die Profitformel – wurden genauer analysiert und im Anschluss an den Vortrag diskutiert.

 

Literatur:
Johnson, Mark W, Clayton M Christensen, and Henning Kagermann. 2008. „Reinventing your business model.“ Harvard Business Review 86 (12):50-59.


1 Response to “Zwei Opern-Titanen betreten die digitale Arena – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 7. Mai 2014”


  1. 1 Infoholic
    12. Mai 2014 um 10:30 am

    Sehr anregender Vortrag. Man darf gespannt sein, ob die Stadt Wien im Rahmen einer angekündigten Neuausrichtung der Vereinigten Bühnen Wien auch derlei zeitgemäße Geschäftsmodelle in Betracht zieht, bevor man demnächst historische Wiener Theater um dutzende (Steuer-)Millionen umbaut/vergrößert, weil man angeblichen Besucherauslastungsspitzen nur mit erhöhtem (phys.) Sitzplatzangebot zu begegnen können glaubt …..


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