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Rezension: Balkanboom! Eine Geschichte der Balkanmusik in Österreich

Buchcover BalkanboomIm Peter Lang Verlag erschien vor kurzem ein von Andreas Gebesmair, Anja Brunner und Regina Sperlich verfasster Sammelband zum Boom der Balkanmusikszene, der seit Mitte der 2000er Jahre vor allem in Wien und Graz zu beobachten ist. Unter dem Titel „Balkanboom! Eine Geschichte der Balkanmusik in Österreich“ publizieren die drei KultursoziologInnen die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts, dass sie am Forschungsinstitut mediacult durchgeführt haben. Sie haben dazu eine Vielzahl an Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge und Onlinequellen ausgewertet, sowie insgesamt 34 qualitative Interviews mit Musikschaffenden sowie LabelmanagerInnen und KonzertveranstalterInnen der Balkanmusikszene in Österreich durchgeführt, um den Ursachen für diesen Boom auf den Grund zu gehen. Das Buch liefert dazu nun die entsprechenden Antworten.

 

 

 

Rezension: Balkanboom! Eine Geschichte der Balkanmusik in Österreich

Balkanmusik in Österreich hat eine lange Tradition. Es waren vor allem GastarbeiterInnen aus dem Gebiet des früheren Jugoslawiens, die „ihre“ Musik nach Österreich mitgebracht haben. Die Palette reicht von traditioneller Volksmusik, über neukomponierte Volksmusik bis hin zum Yugo-Rock, der im Tito-Jugoslawien zur übernationalen Identitätsschaffung gefördert wurde. Auf dem Musikerbe ihrer Eltern und Großeltern aufbauend, haben dann die Kinder und Enkel der Gastarbeitergeneration musikalische Einflüsse aus dem Balkan aufgegriffen, um sich eine eigene Musikidentität zu schaffen, die über die Club- und Diskoszene, die gemeinhin mit der so genannten „Balkanmeile“ in Wien assoziiert wird, Verbreitung fand. So fanden neue Musikgenres wie z.B. der Turbo-Folk Eingang in die Musikszene der ex-jugoslawischen Community in Österreich.

Diese Entwicklung hat allerdings nicht direkt den Boom der Balkanmusik in Österreich ausgelöst. Entscheidend war vielmehr, dass Musik aus Südosteuropa eine Rahmung und somit Institutionalisierung im Feld des World Music Genres erfahren hat. Auf diese Weise konnte Balkanmusik, in der musikalische Ausdruckformen aus Ex-Jugoslawien, Bulgarien, Albanien aber auch aus manchen Regionen Rumäniens und Griechenlands zusammengefasst werden können, breiten Bevölkerungsschichten in der österreichischen Mehrheitsbevölkerung zugänglich gemacht werden. Dieser Prozess lässt sich zeitlich Ende der 1990er Jahre verorten und kam Mitte der 2000er Jahre zur vollen Blüte. Vorreiter dieser „mehrheitsfähigen“ Balkanmusik wie dieWiener Tschuschenkapelle oder die vom Balkan stammenden Roma- und Sinti-MusikerInnen haben den Weg für jene MusikerInnen geebnet, die entweder als Studierende an die Grazer und Wiener Musikuniversitäten oder auch als Kriegsflüchtlinge nach Österreich gekommen waren. Zudem traten vermittelnde Organisationen auf den Plan, die den MusikerInnen vom Balkan Möglichkeiten zur Verbreitung ihrer Musik boten wie das Akkordeon Festival Wien (seit 2000), das Balkan Fever Festival Wien (2004-2012), der Ost klub (seit 2004), das Label chap chapeau (2004-2008) und der Austrian World Music Award (2006-2011). MusikerInnen wie Martin Lubenov, Ljubinka Jokic, Adrian Gaspar und Nenad Vasilić schafften es so, in etablierten Veranstaltungshäusern wie dem Porgy & Bess und dem Wiener Konzerthaus aufzutreten.

Dennoch hat sich die Balkanmusik-Szene nicht organisch aus Diaspora der ex-jugoslawischen Zuwanderer, sondern eher parallel dazu mit einigen wenigen Berührungspunkten. Es darf also keineswegs undifferenziert von DER Balkenmusik in Österreich gesprochen werden, sondern von verschiedenen Subszenen, die sich scharf voneinander abgrenzen und von verschiedenen Publika rezipiert werden. Um die Heterogenität der Balkanmusik-Szenen in Österreich sichtbar und verständlich zu machen, haben die Autoren das von Pierre Bourdieu entwickelte Feldschema kultureller Produktion als Erklärungsansatz verwendet. Demnach muss einerseits zwischen Subgenres unterschieden werden, deren VertreterInnen ein hohes Ausmaß an künstlerischer Autonomie beanspruchen und jenen, die sich am Markt orientieren. Andererseits haben die jeweiligen Subgenres mehr oder weniger hohes feldspezifisches Ansehen. So zeigt sich, dass Balkanjazz, traditionelle Balkanvolksmusik, Balkan-Clubmusik und World-Crossover-Musik ein hohes feldspezifisches Ansehen genießen und vor allem von einem urbanen Mittelschichtspublikum der österreichischen Mehrheitsbevölkerung in etablierten Locations wie dem Porgy & Bess, dem Wiener Konzerthaus, dem Ost klub, dem WUK rezipiert werden. Hingegen genießen die traditionelle Hochzeitsmusik, neukomponierte Volksmusik, Yugo-Rock sowie Turbo-Folk wenig feldspezifisches Ansehen und werden entweder von einem älteren migrantischen Publikum oder von der 2. und 3. Generation von GastarbeiterInnen aus Ex-Jugoslawien nachgefragt. Es zieht sich quasi eine unsichtbare Trennlinie zwischen der Musik, die von der in der Diaspora lebenden MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien gehört wird und jener Musik, die von der österreichischen Mehrheitsbevölkerung als Balkanmusik wahrgenommen wird. Diese Segregation zieht sich aber nicht nur durch die Publika, sondern trennt auch die Musikschaffenden der verschiedenen Subgenres, die nur wenig Berührungspunkte und nur sehr punktuell miteinander kooperieren. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Es könnte an der immer noch sehr wenig sozial und kulturell durchlässigen österreichischen Gesellschaft liegen, dass sich die migrantischen Musikszenen in einem Quasi-Paralleluniversum zur Musikkultur der österreichischen Mehrheitsbevölkerung bewegen. Eines kann aber schon konstatiert werden, dass der Balkanboom, so wie jede andere Musikmode auch, seinem Ende entgegen steuert, wie die bereits 2009 sinkende Zahl von Veranstaltungen mit Balkanbezug (S. 291) belegt. Es war daher höchst an der Zeit, dass dieser Boom und seine Ursachen beforscht wurden und nun im Sammelband „Balkanboom! Eine Geschichte der Balkanmusik in Österreich“ auch höchstem wissenschaftlichen Niveau dargestellt wird.

 

Buchcover Balkanboom

 

 

 

 

 

Andreas Gebesmair, Anja Brunner und Regina Sperlich, 2014, Balkanboom! Eine Geschichte der Balkanmusik in Österreich. Peter Lang Academic Research, ISBN 978-3-631-64526-0, EUR 63,70.

 

 


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