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Neue Konzertformate im Bereich klassischer Musik – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe am 23. Oktober 2013

Stefan Kleinberger hat am 23. Oktober 2013 im Jour-fixe aus seiner im IKM-Lehrgang entstandenen Masterarbeit mit dem Titel „Neue Konzertformate im Bereich klassischer Musik. Über die Notwendigkeit einer Modernisierung der Aufführungspraxis“ vorgetragen. Auf Basis seiner Analyse der gegenwärtigen Marktbedingungen, leitet er die Notwendigkeit einer Änderung der vorherrschenden Konzertpraxis mit neuen Konzertformaten ab.

Die Folien zur Präsentation können hier heruntergeladen werden und eine Zusammenfassung des Jour-fixe ist in der Folge nachzulesen:

 

Neue Konzertformate im Bereich klassischer Musik – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe am 23. Oktober 2013

Der Ausgangspunkt der Präsentation waren die Rituale, die immer noch in den Konzertsälen vorherrschen und die klassische Musikszene prägen. Dazu zählen die Frontalstruktur der Bühne, die eine Distanz zu den ZuhörerInnen herstellt, die Zentrierung auf die Musikdarbietung und damit verbundene Notwendigkeit des kontemplativen Zuhörens, Beifall erst am Ende eines Musikstücks, die seriöse bis gediegene Kleidung aller Beteiligter und das insgesamt fast schon religiös anmutende Rezeptionsverhalten. Dies alles ist eingebettet im Wunsch nach sozialer Gruppenzugehörigkeit und hat seine Wurzeln im bürgerlichen Musikleben, das sich am Beginn des 19. Jahrhundert ausgebildet hat.

Die neuen Konzertformate, die Stefan Kleinberger dann in Fallbeispielen vorstellte, brechen ganz bewusst mit einigen oder sogar allen dieser Rituale.

  • Veränderung des Konzertumfeldes: Die Frontalstruktur der Bühne wir aufgebrochen und die MusikerInnen werden im gesamten Saal verteilt oder das Publikum um das Orchester herum gruppiert.
  • Veränderung des Konzertortes: Aufführungen werden an ungewohnten Orten im Konzerthaus selbst (im Foyer, in Dachboden- oder Lager- und Kellerräumlichkeiten) oder außerhalb davon (Musikclubs, Fabrikshallen, Naturarenen, Sportstadien etc.) durchgeführt.
  • Veränderung des Repertoires wie z.B. Crossover: Klassische Musikdarbietungen werden mit anderen Musikgenres – Jazz, Pop/Rock, Weltmusik etc. – in Verbindung gesetzt.
  • Änderung der Aufführungsdauer und -zeiten: Verkürzung der Aufführungsdauer; Verlegung der Aufführungen in die Mittagszeit, in den Nachmittag oder in die Nacht.
  • Einbettung des Konzerts in Events

Aber warum ist dies überhaupt vonnöten? Der Klassikmarkt befindet sich keineswegs in der Krise, wie Stefan Kleinberger nachzuweisen versucht. Es werden mehr klassische Konzerte und Festivals denn je angeboten und die BesucherInnenzahlen weisen eine steigende Tendenz auf. Und noch fördert auch die öffentliche Hand im deutschsprachigen Raum klassische Musik sehr großzügig. Aber die Demografie des Publikums klassischer Konzerte wirft einige Fragen auf. Die HauptbesucherInnen-Gruppe sind nämlich die über 60jährigen. Gleichzeitig fällt die Altersgruppe der 15 bis 40jährigen als BesucherInnen von Klassikkonzerten fast gänzlich aus und die 41- bis 59jährigen sind bereits abseits des bildungsbürgerlichen Kanons mit Pop- und Rockmusik sozialisiert worden. Stefan Kleinberger verweist dabei auf den Kulturflaneur als neuen Typus des Musikkonsumenten, der heute ein Popmusikkonzert besucht, morgen in die Opern geht und übermorgen den Jazzclub aufsucht.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine nachwachsende Generation von MusikonsumentInnen gar kein Interesse mehr an klassischer Musik hat, weil weder die Eltern noch sie selbst damit sozialisiert wurden, wächst. Die Literatur spricht in diesem Zusammenhang vom Kohorteneffekt, der den Lebenszykluseffekt zu überlagern beginnt. Der Lebenszykluseffekt besteht darin, dass eine Generation von MusikkonsumentInnen aufgrund veränderter Lebensumstände (Einstieg ins Berufsleben und Familiengründung) vorübergehend als Klassikpublikum ausfällt, um dann als ältere Generation wieder in den Konzertsaal zurück zu kehren.

Es tut sich also eine Lücke zwischen den an sich gut besuchten Kinderkonzerten und den traditionellen Abonnementkonzerten auf, die immer schwerer für die Konzertveranstalter zu schließen ist. Daraus resultieren Einnahmerückgänge, die nicht mehr über zusätzliche Förderungen der öffentlichen Hand ausgeglichen werden können. Wenn also Publikumsbildung, Musikvermittlung und Audience Development nicht mehr greifen, müssen andere Formen der Darbietung klassischer Musik gefunden werden, wie Stefan Kleinberger postuliert.

Er ist dabei auch schon fündig geworden und nennt als Fallbeispiele „tonhalleLate“ der Züricher Tonhalle, Casino Style und Theatherkasino Zug/Schweiz, die Yellow Lounge der Deutschen Grammophon, die FM4 Radio Sessions und Flying Bach von der Red Bull Music Academy. Es ist an dieser Stelle nicht möglich auf all diese neuen Konzertformate einzugehen, aber schon der Besuch der jeweiligen Homepage erlaubt einen Einblick in deren Funktionsweise.

Zusammengefasst sieht Stefan Kleinberger die Notwendigkeit für die Modernisierung des klassischen Konzertwesens, da sich die Bedürfnisse der nächsten Generation von potenziellen KlassikhörerInnen von den jetzigen Klassikfans unterscheiden. Aber abgesehen davon können neue Konzertformate zur Imagewerbung für die Konzerthäuser genutzt werden und signalisieren Aufgeschlossenheit gegenüber Fördergebern und Sponsoren. Neue Konzertformate eignen sich auch besonders gut zur Erreichung neuer kulturaffiner Bevölkerungsgruppen und last but not least bieten sie positive Impulse für die Orchesterorganisation und Motivation für die MusikerInnen.

 

Hier kann die Masterthesis von Stefan Kleinberger zum Nachlesen herunter geladen werden:

https://musikwirtschaftsforschung.files.wordpress.com/2009/03/diplomarbeit_kleinberger_neue_konzertformate_final.pdf

 


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