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Is Streaming the Next Big Thing? – Die KünstlerInnen-Perspektive

Mitte Juli 2013 hat Radiohead-Frontmann Tom Yorke mit der Ankündigung, seinen Song-Katalog und jenen seiner Band Atoms For Peace vom Musikstreaming-Service Spotify abziehen zu wollen, für gehörigen Wirbel gesorgt. In einem Interview für die britische Tageszeitung The Guardian hat er dies sehr direkt mit „new artists get paid fuck all with this model“ begründet. Aber auch andere KünstlerInnen bliesen in gleich Horn wie Yorke. Die Mitautorin des Belinda Carlisle Hits „Heaven is a Place on Earth“, Ellen Shipley, beklagte sich laut Business Insider, dass ihr Pandora für 3 Mio. Plays ihres Songs US$ 40 ausbezahlt hat. Sie beschuldigt Pandora, Spotify and Google für „(…) the meager, insulting, outrageous amount of money songwriters are being paid“. Und in der Tat sind einige ganz große Namen nicht über Spotify verfügbar: The Beatles, AC/DC, The Eagles, Garth Brooks, George Harrison.

Es stellt sich somit die Frage, ob und wie Musikstreaming-Services für KünstlerInnen von Wert sein können? In weiterer Folge werde ich auf das Für und Wider der Streaming-Plattformen aus Sicht der Musikschaffenden eingehen.

 

Is Streaming the Next Big Thing? – Die KünstlerInnen-Perspektive

In einem Pitchfork-Artikel attackiert Damon Krukowski von der Band Galaxie 500 und Damon & Naomi die Musikstreaming-Service frontal. Er rechnet vor, wie wenig sie an Tantiemen für die KünstlerInnen ausschütten. Für 13,760 Streams des Galaxie 500-Songs „Tugboat“ (veröffentlicht 1988) auf Pandora und Spotify erhielten die drei Songwriter von der US-Verwertungsgesellschaft BMI US$ 1,26 im ersten Quartal 2012 überwiesen – das macht pro Kopf und Nase 42 US-Cents. Da Krukowski und seine Kollegen die Masterrechte an den Aufnahmen besitzen, zahlte ihnen Pandora über die digitale Verwertungsgesellschaft SoundExchange weitere US$ 64,17 für die gesamte Nutzung des Galaxie 500-Katalogs bestehend aus 64 Aufnahmen im gleichen Zeitraum aus. Spotify, das die Rechte direkt bei den Rechteinhabern lizenziert, hat eine Rate von US$ 0,005 pro Stream mit dem Label der Band ausverhandelt. Für 5.960 Streams von „Tugboat“, müsste Spotify US$ 29,80 an das Label überweisen. Da aber die Rate pro Stream unterschiedlich für verschiedene Portale und für verschiedene NutzerInnen (Freemium-UserInnen vs. AbonnentInnen) ausfällt, wurden unterm Strich US$ 9,18 ausgeschüttet, die das Label noch mit den KünstlerInnen teilen muss. Krukowski kommt daher zum Schluss: „I have simply stopped looking to these business models to do anything for me financially as a musician.“

Auch die Cross-over-Cellistin Zoë Keating kommt zum selben Schluss wie Krukowski allerdings von einem anderen Standpunkt aus. In einem Guardian-Artikel wird sie zitiert: „I think Spotify is awesome as a listening platform. In my opinion artists should view it as a discovery service rather than a source of income.“ Keating hat im Detail die Tantiemenzahlungen in der ersten Jahreshälfte 2013 für ihre beiden Solo-Alben „One Cello x 16“ and „One Cello x 16: Natoma“, die von Streaming-Services stammen, auf Google Docs publiziert. Für 232.000 Streams wurden ihr insgesamt US$ 906,41 überweisen. Davon zeichnete Spotify für den Löwenanteil von US$ 808,01 für 201.412 Plays  verantwortlich.

 

Abbildung 1: Musikstreaming-Einnahmen für Zoë Keating in der ersten Jahreshälfte 2013

Fig. 1 Zoe Keating - music streaming revenue

Abbildung 1 zeigt nicht nur, dass Spotify die weitaus wichtigste Quelle für Streamingeinkünfte für Zoë Keating ist, sondern auch, dass die Zahlung pro Stream (US$ 0,004) unterdurchschnittlich ausfällt. Aus Sicht der Musikschaffenden sind Streams auf Xbox Music, MediaNet und Rhapsody wesentlich lukrativer. Am wenigsten wert (US$ 0.0005 per stream) sind im Vergleich dazu die Streams auf Amazons Cloud Drive.

In der Google Docs-Auflistung, weist Zoë Keating auch die Einnahmen aus, die sie über SoundExchange (vor allem von Pandora) und YouTube Content Management System (CMS) bezieht. In der ersten Jahreshälfte 2013 haben SoundExchange US$ 1.617,61 und YouTube US$ 930,26 an die Künstlerin überwiesen. Alles zusammen gerechnet, hat Frau Keating also US$ 3.454,28 im ersten Halbjahr 2013 mit Streams verdient, das sind US$ 575,71 pro Monat. Das klingt recht hoch, ist aber bescheiden für eine Künstlerin, die bereits so gut etabliert ist wie Zoë Keating.

Legt man die von Frau Keating publizierten Wert zugrunde, so sind 5,1 Mio. Streams bei einer Lizenzrate von 0,4 US-Cents nötig, um den gesetzlichen US-Mindestlohn einer KellnerIn von jährlich US$ 20.380 zu verdienen. Eine ähnliche Rechnung hat bereits der TheCynicalMusician.com Blog vor drei Jahren angestellt und dabei herausgefunden, dass eine KünstlerIn entweder 3.871 CD im Einzelhandel, 12.399 Downloads auf Amazon/iTunes absetzen oder 4,05 Mio. Streams auf Spotify erzielen muss, um den monatlichen US-Mindestlohn von US$ 1.160 ausbezahlt zu bekommen.

 

Abbildung 2: Die Anzahl der Einheiten, die pro Absatzkanal verkauft werden müssen, um den monatlichen US-Mindestlohn 2010 zu erhalten.

Fig. 2 US-minimum wage by streaming

 

Diese Einzelfälle bieten zwar einen ersten Eindruck, welche Rolle Einnahmen von Streaming-Services für KünstlerInnen spielen, aber sie erlauben keine allgemeine Einschätzung, wie relevant diese Einkommensquelle für die Musikschaffenden ist. Das “Artists Revenue Streams”-Projekt der “Future of Music Coalition” kann dazu mehr sagen. In einer Online-Befragung (6. September bis 28. Oktober 2011) von 7.395 Musikschaffenden haben 5.013 Befragre Auskunft über ihre Einkommenssituation gegeben. Obwohl dieses Sample nicht repräsentativ ist, ist es dennoch groß genug, um die Einkommenssituation US-amerikanischer Musikschaffender einschätzen zu können.

Im Blog-Beitrag mit dem Titel „Off the Charts: Examining Musicians’ Income from Sound Recordings“, präsentiert die Projektverantwortliche Kristin Thomson auch Daten zu KünstlerInnen-Einnahmen von Streaming- und Webcasting-Services. In einem ersten Schritt gaben die Befragten Auskunft darüber, ob sie überhaupt schon Einnahmen von On-Demand-Musikstreaming-Services wie Rhapsody, rdio oder Spotify erhalten haben, was eine Minderheit von 35% (363 von 1.038) bejaht hat (Abbildung 3).

 

Abbildung 3: Zahlungen von On-Demand Musikstreaming-Services

Fig. 3 Interactive streaming payments

 

Diesselbe Gruppe von KünstlerInnen wurde dann gefragt, ob sie jemals von SoundExchange Zahlungen für die Nutzung ihrer Werke durch nicht-interaktive Webcaster wie Pandora, iHeartRadio or Slacker erhalten haben, was bei 13% (135 Personen) der Fall war (Abbildung 4).

 

Abbildung 4: Auszahlungen von Sound Exchange

Fig. 4 Digital Performance Royalties

 

Von der noch kleinen Gruppe Musikschaffender, die Geld von Streaming-Services erhalten haben, gab immerhin mehr als die Hälfte (51%) an, dass das Tantiemenaufkommen gestiegen ist, wohingegen nur 11% einen Rückgang in den letzten 5 Jahren feststellen konnte. Weitere 46% gaben an, dass sie in den letzten 5 Jahren mehr Tantiemen von SoundExchange bezogen haben. 14% berichteten einen Rückgang. Im Gegensatz dazu, gaben 49% der Befragten an, dass sie weniger aus dem Verkauf von Tonträgern lukrieren konnten. 26% haben im Vergleich zu den letzten 5 Jahren mehr mit den Tonträgerverkäufen verdient (Abbildung 5).

 

Abbildung 5: Veränderungen bei den Einkünften aus Musikverkäufen, gegliedert nach Formaten

Fig. 5 Changes in revenue from sound recordings
Die Zahlen belegen eindeutig, dass es in den letzten Jahren zu einer Verschiebung der Einnahmen vom physischen Produkt hin zu digitalen Angeboten gegeben hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Einkommensverluste im Tonträgerverkauf durch die Zuwächse bei digitalen Verkäufen wettgemacht werden konnten, wie auch ein Befragter in der Studie ausführt: “though the revenue has increased, it has not increased proportionately compared to the ‘traditional’ or, what used to be, ‘conventional’ outlets where product could be sold. So this is not an accurate reflection of the total of ‘real sales’, comparatively speaking.”

Da in der Studie keine Absolutwerte erhoben wurden, lässt sich daraus auch nicht ableiten, wieviel US-amerikanischer MusikerInnen mit Streaming- und Webcastingangeboten verdient haben. Zwei im Blog-Beitrag präsentierte Fallstudien zeigen aber das Streaming- und Webcasting-Einnahmen für die KünstlerInnen (noch) eine vernachlässigbare Größe sind. Ein Independent-Singer/Songwriter gibt an, dass 3,5% seines Einkommens im Zeitraum von 2008-2011 von physischen und digitalen Musikverkäufen stammt. Darin enthalten sind auch die Tantiemenzahlungen der Streaming- und Webcasting-Services. Ein Jazz-Bandleader berichtet überhaupt nur 1,7% Einnahmen aus dieser Quelle in den Jahren 2006-2011. Die mit Abstand wichtige Einnahmequelle für beide Musiker sind jedenfalls Live-Auftritte – 30,5% für den Singer/Songwriter und sogar 77,8% für den Jazz-Bandleader.

In diesem Sinn kommt die Projektleiterin Kristin Thomson zum Schluss: So, it’s pretty clear that the sources of income for sound recordings are shifting – away from brick and mortar and towards digital sales and, for some genres, sales at shows. Income from new sources [streaming and webcasting] is reported by a minority of survey respondents, but for those who have earned something, they say that it has grown over the past five years.“

Die Jahresberichte der digitalen US-Verwertungsgesellschaft SoundExchange ermöglichen auch eine Einschätzung, wie hoch die Einnahmen von Streaming- und Webcasting-Services für KünstlerInnen ausfallen. SoundExchange sammelt sie Tantiemen nicht-interaktiver Internetradios, Webcaster und Satellitenradios wie Pandora, iHeartRadio, Slacker und Sirius, um die Hälfte der Einnahmen an die RechteinhaberInnen (i.d.R. Labels), und die andere Hälfte an mehr als 90.000 Musikschaffende (45% an die InterpretInnen und 5% an die Session-MusikerInnen) weiterzuleiten. Gemäß Jahresbericht 2012 hat SoundExchange US$ 507,3 Mio. eingesammelt und nach Abzug des Verwaltungsaufwandes US$ 459,7 Mio. an die RechteinhaberInnen und KünstlerInnen ausbezahlt. Somit haben mehr als 90.000 Musikschaffende US$ 229,9 Mio. erhalten, was einem Durchschnittswert von jährlich US$ 2.554 pro Bezugsberechtigter entspricht. Wenn wir nun im günstigsten Fall davon ausgehen, dass 20% (18.000) der Musikschaffenden 80% der Webcasting-Tantiemen (US$ 183,9 Mio.) erhalten, so verdient eine „Upper-Class“-KünstlerIn US$ 10.218 im Durchschnitt, wohingegen 80% „Lower-Class“-KünstlerInnen (72.000) sich den Rest von US$ 46 Mio. – durchschnittlich US$ 639 pro Bezugsberechtigter – unter sich aufteilen müssen. Es klar, dass bei dieser Auszahlungshöhe kaum eine KünstlerIn von den Webcasting-Einnahmen leben kann.

 

Schlussfolgerungen

Musikstreaming- und Webcasting-Services sind gegenwärtig vernachlässigbare Einkommensquellen für die große Mehrheit Musikschaffender. Dabei gilt zwischen InterpretInnen, Singer/SongwriterInnen und reine UrheberInnen zu unterscheiden, wobei es zusätzlich noch wichtig ist, ob eine KünstlerIn/Band über ihre Master- und Verlagsrechte frei bestimmen kann oder ob sie diese an ein Label/einen Verlag zur wirtschaftlichen Auswertung lizenziert haben. Aber auch wenn der Streaming-Markt in den nächsten Jahren weiterhin exponentiell wachsen sollte, werden die Einnahmenzuwächse aus Streaming- und Webcasting-Tantiemenströmen keinewegs die Verluste aus dem physischen Musikverkauf kompensieren können.

Realistischer Weise können Musikschaffende Streaming nicht als relevante Einkommensquelle ansehen. Nichtsdestotrotz sollten diese Plattformen als wichtiges Promotionstool für die Verbreitung der eigenen Werke angesehen werden. Zudem könnten die Streaming-Services wichtige Partner in dem Sinn werden, dass sie statt Geld mit Daten bezahlen. Sie verfügen über riesige Datenmengen, aus denen sich Informationen für eine Tourplanung und eine Album-Veröffentlichung ableiten lassen könnten. Zoë Keating, schlägt daher in einem Blog-Beitrag vor, dass Musikstreaming-Services ihre Daten mit den KünstlerInnen teilen sollten, damit diese die Daten monetarisieren können: „I wish I could make this demand: stream my music, but in exchange give me my listener data. But the law doesn’t give me that power. The law only demands I be paid in money, which at this point in my career is not as valuable as information. I’d rather be paid in data.“ So gesehen ist das wertvollste Asset für Musikschaffende in der digitalen Ökonomie der Zugang zu Daten, die sie dann selbst in Geld ummünzen könnten.

 

Quellenangaben

Business Insider, „My Song ‚Heaven Is A Place On Earth‘ Was Played More Than 3 Million Times On Pandora And I Was Paid Less Than $40“, 8. Juli 2013 (abgerufen am 19. September 2013).

Keating Zoë, „What I want from Internet radio“, 14. November 2012 (abgerufen am 26. September 2013)

Pitchfork, „Making Cents“ by Damon Krukowski, 14. November 2012 (abgerufen am 20. September 2013)

TheCynicalMusician.com, „The Paradise That Should Have Been“, 21. Januar 2010 (abgerufen am 20. September 2013)

SoundExchange, 2013, Annual report for 2012.

The Guardian, „Streaming music payments: how much do artists really receive?“, 19. August  2013 (abgerufen am 20. September 2013).

The Guardian, „Thom Yorke blasts Spotify on Twitter as he pulls his music“, 15. Juli 2013 (abgerufen am 19. September 2013).

 


3 Responses to “Is Streaming the Next Big Thing? – Die KünstlerInnen-Perspektive”


  1. 8. Oktober 2013 um 3:12 pm

    Es gibt nur eine Lösung für den Unfug. Keiner stellt mehr etwas ein. Die Konstruktion passt aber in unsere Zeit, wo man sich für nichts zu schade ist. Da sollten Anwälte mal prüfen, welche § für solche Abzocker sinnvoll genutzt werden könnten.


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