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Komponieren für Events. Die Rolle zeitgenössischer Kunst in der Eventkultur – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 30. Oktober 2012

Am 30. Oktober 2012 fand am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ein Musikwirtschafts-Jour-fixe statt, in dem Martin Sigmund seiner Dissertation mit dem Titel „Komponieren für Events. Besondere Bedingungen für die Produktion, Präsentation und Rezeption von Auftragswerken zeitgenössischer Musik“ präsentierte.

Eine ausführliche Zusammenfassung seines Dissertationsprojekts kann in weitere Folge hier nachgelesen werden:

 

Komponieren für Events – eine Zusammenfassung von Martin Sigmund

Bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten wird im deutschen Sprachraum der Begriff „Event“ für eine neue Form von Veranstaltungen, aber auch – als reiner Anglizismus – für Veranstaltungen generell verwendet. Die Herkunft dieses Trends wird im Allgemeinen im Bereich des Marketing angenommen, mittlerweile aber haben Events ihren Platz auch in den Bereichen der Kunst, des Sports, der Politik, der Wissenschaft und sogar der Religion gefunden.

Die deutliche Zunahme event-artig organisierter Großveranstaltungen innerhalb der letzten Dekaden lässt auf ein Anwachsen der Eventkultur schließen, welches als „Eventisierung“ bezeichnet wird. Insbesondere im Bereich der Kunst stößt diese Entwicklung auf heftige Kritik. In der Verbreitung der so genannten Eventkultur wird eine für die Kunst zerstörerische Macht gesehen.

Ist diese Annahme berechtigt? Sind durch die zunehmende Bedeutung von Events negative Veränderungen für die Kunst feststellbar? Wenn ja, wie werden diese Einflüsse von Künstlerinnen und Künstlern selbst wahrgenommen und bewertet? Ist damit tatsächlich eine Verdrängung bzw. Bedrohung der Hochkultur verbunden?

Offenbar stehen hier zwei Relevanzsysteme gegeneinander: Einerseits das an Kunst „von bleibendem Wert“, bzw. am „Ernst“ (z.B. im Ausdruck „Ernste Musik“) orientierte System der „Hochkultur“, andererseits die am (vordergründig) spektakulären und flüchtigen Event und am „Spaß“ des einzelnen Menschen orientierte System der Eventkultur.

Trotzdem finden sich immer wieder Unternehmen und Institutionen, die gerade für ihre Events Kompositionsaufträge an zeitgenössische Komponistinnen vergeben. Ich halte das für eine hoch interessante Schnittstelle, denn zeitgenössische Musik steht heute wie kaum eine andere Kunstform für den Anspruch autonomer, kompromissloser  Kunst. Die Hypothese der Dissertation ist, dass zwischen Events und zeitgenössischer Musik ein Spannungsfeld besteht, und dass diese Kombination Veränderungsprozesse in verschiedene Richtungen auslösen könnte.  Stellt die Zunahme von Events bzw. die Eventisierung des Kultursektors eine Bedrohung für die zeitgenössische Musik dar? Wird diese ohnehin sehr kleine und sensible Nische durch die Eventkultur weiter zurückgedrängt?

Die zentrale Forschungsfrage der Dissertation lautet daher: Inwiefern unterscheiden sich die Bedingungen für die Produktion, Präsentation und Rezeption zeitgenössischer Musik in Events von jenen im konventionellen Kontext? Und mit welchen Veränderungen sind wir hier konfrontiert?

Daraus leiten sich zwei Unterfragen ab: (1) Wodurch sind Events gekennzeichnet, inwiefern unterscheiden sie sich von „konventionellen“ Veranstaltungen wie Konzerten, Vernissagen, Theatervorstellungen, Modeschauen, Auktionen usw.? (2) Und worin besteht das Bezugssystem der Hochkultur? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und kollektiven Orientierungen kennzeichnen dieses Feld?

Der zweite Bereich betrifft die anfangs erwähnten Kompositionsaufträge, die von Unternehmen und Institutionen für ihre Events vergeben wurden. Davon wählte ich 5 exemplarisch aus und untersuchte sie als Fallstudien. Nötig war dazu die Datensammlung zu den betreffenden Events (deskriptive Analyse); Leitfadeninterviews mit den Komponistinnen und Komponisten; komparatistische und hermeneutische Auswertung der Fallstudien.

Nun kommt aber noch ein dritter wichtiger Aspekt dazu: Der Blick in die Geschichte der Künste im 20. Jahrhundert zeigt eine wichtige Entwicklung, die in dieser Arbeit unbedingt beleuchtet werden muss, auch wenn sie den angenommenen Antagonismus zumindest relativiert (oder gerade deshalb): Es handelt sich um die Entstehung verschiedener Strömungen, denen gemeinsam ist, dass der geschlossene Werkbegriff in Frage gestellt wird und durch neue, ephemere bzw. performative Formen ersetzt wird. Eine zentrale Figur und Ausgangspunkt verschiedener solcher Entwicklungen ist John Cage. Die Darstellung dieser hier so genannten „Event-Kunst“ steht irritierend zwischen den beiden Spannungspolen Event und Kunst und stellt diese Wirklichkeitskonstruktion in Frage. Die beiden Pole – Event und zeitgenössische Musik – können nicht nach einem gemeinsamen Raster analysiert werden, sondern bedürfen unterschiedlicher Behandlung:

 

Events als Gegenstand der Wissenschaft

Hier geht es darum, den Begriff „Event“ einzugrenzen (Abgrenzung gegen umgangssprachliche und polemische Verwendungen) und spezifische Merkmale festzumachen. In der Zusammenschau der Literatur ergibt sich eine Reihe von Merkmalen, die in immer unterschiedlicher Gewichtung bei Events zu beobachten sind. Das verstärkte Auftreten dieser Merkmale in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, also auch im Kultursektor, ergibt das, was wir als Eventisierung bezeichnen. Dabei lassen sich neun Merkmale der Eventisierung feststellen:

 

1. Subjektorientierung: Das Erlebnis im Mittelpunkt
Der Begriff des „Erlebnis“ ist noch relativ jung: „Erlebnis” und „Erleben” gewinnen erst Mitte des 19. Jahrhundert gemeinsam die Stellung philosophischer Termini. Theoretisch ausgearbeitet wurde der Begriff aber von Gerhard Schulze („Die Erlebnisgesellschaft“) und von Pine („Experience Economy“). Damit steht nicht mehr die Kunst im Zentrum, sondern das Erleben des Individuums. Man könnte auch sagen: Events stellen den Menschen in den Mittelpunkt.

 

2. Liveness und Präsenz
Unmittelbarkeit ist im Event wichtig und stellt somit ein Gegengewicht zu einer technisch-medial vermittelten Welt – insbesondere des ubiquitären Internets und der Social Media – dar.

 

3. Einzigartigkeit: Die Antithese zum Alltäglichen
Nach Winfried Gebhardt sind Events die Negation des Alltags. Sie zeichnen sich durch Unwiederholbarkeit (im Gegensatz zu einem Repertoirebetrieb) aus und das Alleinstellungsmerkmale ist Neuartigkeit.

 

4. Verfremdung und Kontextverschiebung
Events finden an unüblichen Orten zu unüblichen Zeiten statt. Man denke nur an die „Lange Nacht der Museen“, die Oper im Steinbruch, den Vertical Catwalk oder an das Wunschkonzert im Rahmen von „Wien modern“.

 

5. Inszenierung und Dramaturgie
Mikunda spricht in dem Zusammenhang davon, dass jeder Event ein kleines Theaterstück darstellt und auch Schulze betont die Episodenhaftigkeit von Events.

 

6. Ansprechen aller Sinne (Multisensualität)
Das Vermitteln von Botschaften auf unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen ist eine der zentralen Wirkfaktoren von Events.

 

7. Thematische Fokussierung
Alle Elemente eines Events spielen thematisch zusammen und bilden einen Gesamtzusammenhang wie z.B. ein Konzert von Musik aus dem Biedermeier in einem Biedermeierhaus in Wien, wo in den Pausen und danach Köstlichkeiten nach Rezepten aus dieser Epoche kredenzt werden.

 

8. Gemeinschaftlichkeit und aktive Beteiligung
Events haben immer einen sozialen Aspekt. Events schaffen Sozialkapital, indem das Publikum sich als Gemeinschaft erlebt und versteht. Besonders wichtig für die Wirkung von Events ist die aktive Einbeziehung der Besucher bzw. Teilnehmerinnen. Wenn Events Theater sind, dann werden alle Besucherinnen zu Darstellerinnen.

 

9. Einbeziehung moderner Massenmedien

Events bedienen sich stets der modernen Massenmedien, um eine Botschaft zu vermitteln. Dabei kommt es nach Hubert Knoblauch zu einer „Verdoppelung der Beobachtung“, d.h. nicht nur die Teilnehmerinnen am Event beobachten, sondern werden von einer Masse von Medienkonsumentinnen selbst wieder beobachtet. Man wird quasi beim Beobachten beobachtet.

 

Um die obige Forschungsfrage beantworten zu können, wurden 5 Fallstudien zu Events gemacht, in den zeitgenössische Musik zur Aufführung kam, die von den Veranstaltern des Events in Auftrag gegeben wurde. Untersucht wurden das Fest zu „50 Jahre Oberösterreichische Ferngas“, eine Veranstaltung zweier kleiner Wiener Spenglereibetriebe unter dem Titel „Kyral Klang und Eppler Epen“, die „Allied Musical Forces Erlauf“, die „Grabenfesttage der Österreichischen Beamtenversicherung“, und die Eröffnungsveranstaltung der Luxemburger Philharmonie. Erhoben wurden dabei Eckdaten wie Titel des Events, Auftraggeber, Ort und Zeit des Events. Es folgten detaillierte Angaben über den Ablauf bzw. das Programm, die räumlichen Bedingungen, die Besucherzahl und die Publikumsstruktur (Alter, Geschlecht, Auffälligkeiten). Es wurde untersucht, an welcher Stelle des Programmablaufs die Komposition aufgeführt wurde und welche dramaturgische Funktion sie an dieser Stelle hatte. Weiters wurde untersucht, wie sich die räumlichen Bedingungen auf die Aufführung auswirkten und auf welches Publikum das musikalische Werk im Rahmen des Events traf und wie viele Menschen es erreicht hat. Diese Beschreibungen wurden ergänzt durch ausführliche Leitfadeninterviews mit den Komponistinnen und Komponisten.

 

Ergebnisse

Der angenommene – und im Kunstdiskurs immer wieder zitierte – drastische Gegensatz zwischen Eventkultur und Kunst wird durch die untersuchten Fallbeispiele nicht belegt. Zwar zeigt sich, dass bestimmte traditionelle Kunstformen eng mit dem sie umgebenden und historisch parallel zu ihnen entstandenen Kontext verbunden sind und sich nicht immer reibungslos in neue Kontexte einfügen lassen, doch bietet der Eventkontext gerade für innovative und avantgardistische Kompositionen vielfältige neue Möglichkeiten. Diese liegen vor allem in den Bereichen der Inszenierung, also der Einbindung auch außermusikalischer ästhetischer Elemente im gedanklichen Umfeld des Gesamtkunstwerks und in der aktiven Einbindung des Publikums, also dem Anschluss an die partizipatorischen Konzeptionen der Kunst seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Dabei muss stets die frühe Beschäftigung mit Events in der Kunst des 20. Jahrhunderts in den Blick gefasst werden. Bereits lange vor der Entstehung des Eventmarketing wurde hier an Grundelementen von Events gearbeitet und mit diesen experimentiert. Damit besteht auch eine historisch gewachsene grundlegende Verbindung zwischen Event und avantgardistischer Kunst.

Nicht zuletzt wurde deutlich, dass bis auf eine Veranstaltung („Grabenfesttage“ der ÖBV), durchwegs Publikumsgruppen erreicht wurden, die abseits der beschriebenen Veranstaltungen wohl kaum ein Konzert mit zeitgenössischer Musik besuchen würden. Dieser Aspekt hat in Anbetracht der marginalen und potenziell bedrohten Rolle von zeitgenössischer Musik im gesamten Musikleben großes Gewicht.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Events für die Kunst und insbesondere für zeitgenössische Musik mehr Chancen bieten als damit Risiken verbunden sind. Keinesfalls darf von einer Verflachung der Kunst im Event-Kontext ausgegangen werden. Es ist vielmehr so, dass Veranstalter, die sich selbst im „Hochkultur“-Segment einordnen, sich der Instrumente der Events bedienen, aber geflissentlich den Begriff Event vermeiden, weil dieser in bestimmten Kreisen immer noch negativ konnotiert ist. Die Dissertation soll dabei helfen, die Diskussion zu Events zu versachlichen und neue Potentiale für zeitgenössische Kunstformen zu erschließen.


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