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Sep
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Rezension: Ökonomie der Balkanmusik

Vor Kurzem ist im Peter Lang Verlag die Diplomarbeit von Ivona Ðermanovic zur „Ökonomie der Balkanmusik. Der Livemusik-Sektor populärer Balkanmusik in Wien“ erschienen. Mit dieser Arbeit konnte Frau Ðermanovic eine Forschungslücke schließen, denn es gab bislang kaum Untersuchungen zur musikwirtschaftlichen Infrastruktur der Ex-Jugoslawischen Community in Wien. Basierend auf zahlreichen Interviews, konnte die Autorin zwei wesentliche Forschungsfrage beantworten: (1) Welche Motive spielen für Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, bei der Entscheidung zur selbständigen Tätigkeit im Bereich populärer Balkan-Livemusik, eine Rolle und welche Herausforderungen sind im Rahmen dieser Tätigkeit zu bewältigen? sowie (2) Welche Aspekte sind im Rahmen der Standortwahl von Bedeutung und welche Besonderheiten der Balkanmusikszene in Wien bestehen darüber hinaus? Wie diese Fragen im Buch beantwortet wurden, kann in weiterer Folge nachgelesen werden.

   Ivona Ðermanovic, 2012, „Ökonomie der Balkanmusik. Der Livemusik-Sektor populärer Balkanmusik in Wien“. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang Verlag, ISBN 978-3-631-63150-8 br. (Druckausgabe), ISBN 978-3-653-01885-1 (eBook), jeweils EUR 49,50.




Nach einer Einleitung werden im zweiten Kapitel des Buches Begriffsdefinitionen vorgenommen, um den Forschungsgegenstand entsprechend abzugrenzen. Dabei wird beispielsweise erklärt, was unter Balkanmusik zu verstehen ist, wie die Ex-Jugoslawische Community in Wien abgegrenzt wurde und vor allem, welche Musikgattungen und -genres der Balkanmusik in Wien präsent sind. In Wien leben immerhin geschätzte 205.000 bis 250.000 Personen ex-jugoslawischer Herkunft, womit sie die zweit größte Zuwanderungsgruppe nach den Deutschen in Wien sind. Im dritten Kapitel wird daher die Migration aus Ex-Jugoslawien nach Österreich und speziell nach Wien genauer beleuchtet und aufgezeigt, dass Österreich eine lange Tradition als Einwanderungsland hat. Umso erstaunlicher ist es, dass es immer noch wenige Forschungsarbeiten zu diesem Thema speziell im musikwirtschaftlichen Kontext  gibt.

Die Autorin ist nunmehr angetreten, um dieses Manko zu beheben. Als theoretischen Hintergrund zieht sie dazu verschiedene Ansätze ethnischer Ökonomien sowie das Szene-Modell von Ronald Hitzler heran, um diese dann mit den  gewonnenen,  empirischen Daten kritisch zu reflektieren. An Fallbeispielen aus der Wiener Balkan-Lokalszene sowie von Konzert- und Clubbing-Veranstaltern demonstriert die Autoren, dass keine der Ansätze ethnischer Ökonomien eine befriedigende Erklärung bietet und somit die Forschungsfrage nur zum Teil beantworten kann. Stattdessen identifziert Frau  Ðermanovic folgende Motive, warum Personen mit ex-jugoslawischen Hintergrund in der Balkanmusik-Szene in  Wien tätig werde: (1) Leidenschaft für Musik, (2) Spass an der professionellen Zusammenarbeit mit bekannten Balkan-Musikstars, (3) Unzufriedenheit mit dem bestehenden Angebot an Balkan-Livemusik-Veranstaltungen in Wien, (4) gute Verdienstmöglichkeiten, (5) Hineinwachsen in die Branche aufgrund einer vorhergehenden Tätigkeit in einem Familienbetrieb und (6) Wunsch nach Selbstverwirklichung sowie nach Unabhängigkeit und Autonomie. Allgemein kann also von meist instrinsischen Motiven gesprochen werden, die Personen mit ex-jugoslawischen Hintergrund antreiben, in der Balkan-Musikszene tätig zu werden.

Die Autorin belegt in der Folge, dass die ex-jugoslawische Community in Wien über eine gut augebaute Live-Musik-Infrastruktur verfügt, die auch wirtschaftlich hochrevelant ist. Mit bis zu 15 Auftritten pro Wochenende, zählt Wien heute zu den europäischen Städten mit der höchsten Anzahl an regelmäßig stattfindenden Live-Auftritten bekannter Balkan-Stars auußerhalb von Ex-Jugoslawien. Einzelne Veranstaltungen sind dabei in der Lage bis zu 5.000 BesucherInnen anzuziehen. Es gibt also ein hohes wirtschaftliches Potenzial, das LokalbetreiberInnen und VeranstalterInnen ausschöpfen können. Dies schlägt sich auch in einer großen Vielfalt von Balkanmusik-Genres nieder, die in Kapitel 6 genauer dargestellt werden. Das Spektrum reicht dabei von traditioneller Volksmusik und Roma-Musik über neu komponierte Volksmusik und Balkan Brass bis hin zu Turbo-Folk, „Narodjaci“, Pop/Rock und HipHop.

Auf dieser Basis wird die Entwicklung der Balkan-Musikszene in Wien seit den 1960er bis heute nachgezeichnet und dabei Brüche, die mit verschiedenen Einwanderungswellen zusammenhängen, sichtbar gemacht. Dies mündet schließlich in der Beschreibung der gegenwärtigen Wiener Balkanmusik-Szene, die als sehr ausdifferenziert dargestellt werden kann. Es fällt aber dennoch auf, dass es eine Konzentration von Balkan-Lokalen mit entsprechenden Musikangebot im 16. Bezirk (Ottakring, mit der bekannten ‚Balkan-Meile‘) und im 10. Bezirk (Favoriten) gibt. Dennoch versuchen sich Veranstalter auch bewusst räumlich von diesen Zentren abzugrenzen, um nicht in eine Konkurrenzsituation zu geraten, wie z.B. ein sehr erfolgreich Clubbing-Veranstalter im 23. Bezirk (Liesing) beweist.

Damit kommt die Autoren im achten Kapitel ihrer Arbeit auf Basis der Interviews mit LokalbetreiberInnen und VeranstalterInnen zur Beantwortung der zweiten Forschungsfrage nach der Standortwahl. Hier zeigen sich durchaus unterschiedliche Motive, die von der gewollten bzw. bewussten räumliche Entfernung von der Konkurrenz, über ein ausreichendes Parkplatzangebot und der Übernahme eines bestehenden Geschäftslokals bis hin zum reinen Zufall reichen. Auch in diesem Zusammenhang ermöglichen die Forschungsergebnisse eine differenzierte Betrachtung, die nicht allein die Vorteile „ethnischer Clusterbildung“ (konkret entlang der Ottakringer ‚Balkan-Meile‘) für die Standortwahl sieht, sondern auch andere wirtschaftliche und nicht-wirtschaftliche Gründe dafür identifiziert.

Insgesamt stellt das Buch von Ivona Ðermanovic einen immens wichtigen Beitrag zum Verständnis ethnischer Musikkulturen in Wien dar und beleuchtet erstmals sehr ausführlichen den Livemusik-Sektor populärer Balkanmusik in der Bundeshauptstadt. Es wäre nun zu wünschen, dass diese Forschungen durch ähnlich gelagerte Ansätze in den Bundesländern erweitert würden und noch weitere Bereiche der Musikwirtschaft in Betrachtung mit einbezogen werden könnten. Wer aber mehr über die ex-jugoslawische Musikszene in Wien erfahren möchte, dem ist die Lektüre von „Ökonomie der Balkanmusik. Der Livemusik-Sektor populärer Balkanmusik in Wien“ sehr ans Herz gelegt.


Ivona Ðermanovic, 2012, „Ökonomie der Balkanmusik. Der Livemusik-Sektor populärer Balkanmusik in Wien“. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang Verlag, ISBN 978-3-631-63150-8 br. (Druckausgabe), ISBN 978-3-653-01885-1 (eBook), jeweils EUR 49,50.


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