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Nachbetrachtung der dritten Vienna Music Business Research Days, 29.-30. Juni 2012

Die dritten Vienna Music Business Research Days standen ganz im Zeichen der “New Music Consumption Behavior”, die die digitale Revolution in der Musikindustrie mit sich gebracht hat. Dazu wurden aktuelle NutzerInnen-Studien aus Österreich und Großbritannien präsentiert und das Modell des Musik-Prosumers erläutert. In einem weiteren Beitrag wurde gezeigt, ob und welchen Einfluss Filesharing auf die Qualität neuer Musikprodukte hat. Es wurde zudem die Funktionsweise der französischen Behörde zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen im Internet – HADOPI – vorgestellt und eine Wirkungsanalyse der seit Oktober 2010 eingerichteten Institution präsentiert. In der nachfolgenden Podiumsdiskussion trafen dann unterschiedliche Standpunkte zum abgestuften Abmahnverfahren – auch ‘Three-Strikes’-Modell genannt – aufeinander. Bereits am Vorabend wurde in einer sehr kontrovers geführten Diskussion die Frage erörtert “Are File Sharer Pirates?”

Eröffnet wurden die dritten Vienna Music Business Research Days aber am 29. Juni mit einem Young Scholars‘ Workshop, in dem von neunzehn JungakademikerInnen aus sieben verschiedenen Ländern Beiträge geleistet wurden, die die gesamte Bandbreite der Musikwirtschaftsforschung widerspiegelten. Am Ende der Konferenz am 30. Juni wurde dann erstmals der Best Paper Award an die AutorInnen des von einer Jury gewählten Beitrages verliehen.

In der nachfolgenden Zusammenfassung der dritten Vienna Music Business Research Days können nun die Vorträge und Diskussionen nachgehört und auch im Videostream nachbetrachtet werden. Die meisten Paper und Präsentationen können auch herunter geladen werden.

Diskussion: „Are File Sharers Pirates?“ am 29. Juni

Der US-amerikanische Student Joel Tenenbaum wurde in einem immer noch laufenden Gerichtsverfahren für den Tausch von 30 Musikdateien in einem Filesharing-Netzwerk zu einem Schadenersatz von US$ 675.000 verurteilt. Eben dieser Joel Tenenbaum war nun einer der Diskutanten zur Frage, ob Filesharer nun PiratInnen sind, die sich unautorisiert urheberrechtlich geschützte Inhalte aneignen oder aber ganz normale MusiknutzerInnen, für die Filesharing einer der vielen Wege ist, auf denen Musik konsumiert wird. Der zweite Diskutant war der frühere Herausgeber des Billboard Magazines und Autor des Buches “Free Ride. How Digital Parasites Are Destroying the Culture Business and How the Culture Business Can Fight Back”, Robert Levine. Die Diskussion wurde von der Ö1-Journalistin Sabine Nikolay mit Unterstützung von Konferenzmitorganisator Peter Tschmuck geführt.

Joel Tenenbaum erzählte zu Beginn der Diskussion, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass er in die Mühlen der Justiz geriet. Er war nicht, wie viele andere NutzerInnen, denen der unautorisierte Tausch von Musikdateien in einer Musiktauschbörse vom US-amerikanischen Musikindustrieverband RIAA (Recording Industry Association of America) nachgewiesen wurde, bereit, außergerichtlich einen Schadenersatz von mehreren tausend US-Dollar zu leisten. Da der Staranwalt und Professor der Harvard Law School Charles Neeson sich seines Falles annahm, wagte der damals 25jährige Student den Gang vor Gericht. Ihm war von Anfang an bewusst, dass es wenig Interpretationsspielraum in seinem Fall gab und an ihm ein Exempel statuiert werden sollte. Joel Tenenbaum wollte aber zeigen, dass er nicht anderes gemacht hat wie viele Millionen andere auch, die sich auf Musiktauschbörsen tummeln und eben nicht das Pech haben, dabei erwischt zu werden. Er wollte aber auch vor Gericht belegen, dass Filesharing nicht unbedingt zum Schaden für die Musikindustrie sei, sondern gerade Musikfans und Heavy User wie er es sind, die sich auf unterschiedlichen Wegen Musik besorgen und durchaus auch bereits sind, Geld für Musikprodukte auszugeben.

Dem hielt Robert Levine entgegen, dass er die Verfolgung von einzelnen TauschbörsennutzerInnen für keine geglückte Vorgehensweise der Musikindustrie hält, die schließlich von der Recording Industry Association of America (RIAA) 2008 auch eingestellt wurde. Die TauschbörsennutzerInnen müssen sich aber bewusst sein, dass sie unredlichen Geschäftsmodellen Vorschub leisten, die mit dem freien Zugang zu urheberrechtlich geschützten Musikaufnahmen über Werbeeinahmen und den Verkauf von Spyware Unmengen an Geld verdienten.

Dem wurde aus dem Publikum entgegen gehalten, dass die Musik- und Filmindustrie es verabsäumt hätten, ähnlich gelagerte Geschäftsmodelle schon zu Beginn des Filesharing-Booms anzubieten, um damit Werbegelder, die nun an fragwürdige Torrent-Tracker und Filehoster gehen, in ihre Richtung zu kanalisieren. Robert Levine verwies aber darauf, dass es ein legitimes Anliegen der Content-Verwerter sei, ihre Rechte und jene der UrheberInnen zu schützen. In der Zwischenzeit hätten sie auch schon die Zeichen der Zeit erkannt und funktionierende Download- und Streamingservices wie den iTunes-Onlineshop von Apples oder Spotify und Rdio lizenziert. Es müsse den NutzerInnen nur klar der Unterschied zwischen legalen und illegalen Musikangeboten vermittelt werden.

Diesem erzieherischen Ansatz konnte allerdings ein 16jähiger Diskutant aus dem Publikum nichts abgewinnen. Ihm wäre schon bewusst, dass er gegen das Gesetz handle, wenn er Filesharing betreibt, aber es ginge ihm vor allem darum, die Musik zu bekommen, die er möchte, egal aus welcher Quelle. Dabei stellte er unmoralisches Verhalten insofern in Abrede, dass es in seinem Freundeskreis geradezu verpönt sei, sich nur der kostenlosen Musikangebote im Netz zu bedienen. Stets werde für jeden Download auch ein entsprechender Upload eingefordert, um die Reziprozität des Tausches nicht zu gefährden.

Dies führte schließlich zur Frage der Moderatorin, ob es auch einen Ausweg aus dem bestehenden Dilemma – einerseits der Wunsch nach freiem Zugang zu Inhalten im Netz und andererseits das berechtigte Interesse nach Urheberrechtsschutz – gäbe. Diese Frage versuchte Peter Tschmuck mit dem Hinweis auf die Einführung einer Kulturflatrate zu beantworten. Die Einhebung einer monatlichen Gebühr von fünf bis zehn Euros bei den Internetserviceprovidern hätte den Vorteil, dass die NutzerInnen von Tauschbörsen nicht mehr juristisch verfolgt werden müssten und gleichzeitig ein Einkommensstrom für die RechtinhaberInnen entstünde. Davon hielt Robert Levine aber nichts, weil er darin einen unnötigen Eingriff des Staates in den Marktmechanismus sah.

Die Diskussion endete schließlich mit einem Aufruf, den Diskurs über das Urheberrecht und die Funktionsweise des Internets auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu führen und dabei eine Lösung zu erzielen, die die Interessen aller Beteiligten – private und kommerzielle NutzerInnen, UrheberInnen und RechtverwerterInnen – berücksichtigt. Ob solch eine Lösung gefunden werden kann, wird erst die Zukunft weisen.

Hier geht’s zum Audiostream (Podiumsdiskussion – PublikumsdiskussionSchlussrunde) der Diskussion „Are File Sharers Pirates?“

Hier ist der Videostream verfügbar.

Ein Interview mit Joel Tenenbaum kann in der Futurezone nachgelesen werden

Hier kann die FM4-Morningshow mit Joel Tenenbaum vom 30. Juni 2012 nachgehört werden.

 

New Music Consumption Behavior am 30. Juni 2012

Michael Huber vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien eröffnete den zweiten Konferenztag mit einer Präsentation zum Thema “New Patterns of Musical Behaviour in Austria – Results of a Representative Study”. Auf Basis der 2009 im Auftrag der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien erstellten Studie ‘Wozu Musik?’ zeigte Michael Huber auf, dass Musikhören zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten der ÖsterreicherInnen zählt. Fast die Hälfte der Befragten hört mehr als zwei Stunden lang Musik pro Tag, wobei die Hördauer bei den unter 30jährigen sowie bei den über 60jährigen überdurchschnittlich hoch ist. Es sind aber vor allem die unterschiedlichen Hörgewohnheiten der verschiedenen Altersgruppen, die ins Auge fallen. Während die „alten“ Medien Radio, TV und Tonträger von allen Altergruppen in etwa gleich häufig genutzt werden, nutzen die unter 30jährigen den Computer, MP3-Player und Mobiltelefone signifikant öfter als ältere Befragte. Die präferierten Musikgenres sind dabei auch sehr unterschiedlich. ÖsterreicherInnen, die über 30 Jahre alt sind, hören verhältnismäßig gerne Schlager und volkstümliche Musik aber auch Oldies, klassische Musik und Jazz, wohingegen die Jüngeren zu Alternative Rock, Hitparadenmusik, HipHop/Rap sowie Dance/Techno neigen. Lediglich der Austropop ist quer über alle Altersgruppen hinweg in etwa gleich beliebt. Die beliebteste Live-Musikunterhaltung der ÖsterreicherInnen sind Clubbings und Discos, die regelmäßig von der Hälfte der Befragten frequentiert werden. Die unter 30jährigen sind dabei stark überrepräsentiert. So wie beim Besuch von Rock- und Popkonzerten, die in der Beliebtheit an zweiter Stelle rangieren. Der Besuch von Musicals, Blasmusik und Chor-Darbietungen ist auch noch recht beliebt, allerdings vor allem bei älteren MusiknutzerInnen. Deren Domäne ist aber vor allem der Besuch von Opern und Konzerten klassischer Musik und volkstümlicher Musik. Jazz-Konzerte werden von jungen wie auch älteren Musikfans in etwa gleich gern besucht. In dieser Hinsicht könne vom Jazz als der „neuen Klassik“ gesprochen werden, so Huber. Bei den Ausgaben für Musik fällt auf, dass in etwa 40 Prozent der Bevölkerung nicht bereit sind, Geld für Musikprodukte auszugeben. Bei denjenigen, die Musikausgaben tätigen, fließt der Großteil des Geldes zu Live-Musikveranstaltungen. Für Musikdownloads und Streaming-Angebote wird hingegen verhältnismäßig wenig ausgegeben. Insgesamt geben nur 10 Prozent der österreichischen Bevölkerung regelmäßig Geld für Musik aus der Konserve aus. Dabei gilt: Je höher die Bildung desto höher der die Ausgabenneigung für Tonträger und digitale Musikangebote. Und schließlich hat Michael Huber auch noch gezeigt, dass immerhin 58 Prozent der Befragten regelmäßig für sich selbst (z.B. in der Badewanne) singen. 32 Prozent singen in Gemeinschaft mit anderen. Aber ein Musikinstrument haben nur 24 Prozent der ÖsterreicherInnen gelernt, wobei dieser Anteil stark mit dem Bildungsniveau wächst. Bei denjenigen, die eine höhere Schulausbildung (mit Maturaabschluss) genossen haben, sind es bereits 67 Prozent, die ein Instrument erlernt haben. Insgesamt zeigen die Ausführungen von Michael Huber, dass das Musikkonsumverhalten lediglich nach Altersgruppen und Bildungsniveau signifikante Unterschiede aufweist, wohingegen andere demografische Merkmale wie ethnische Herkunft, Geschlecht oder Einkommen ein untergeordnete Rolle spielen, um unterschiedliches Musiknutzungsverhalten zu erklären.

Hier geht’s zum Audiostream (Vortrag und Diskussion)

Hier ist der Videostream verfügbar.

Zum Download: Konferenz-Paper „New Patterns of Musical Behaviour in Austria – Results of a Representative Study“

Anschließend an Michael Hubers Erläuterungen präsentierten David Bahanovich und Dennis Collopy von der University of Hertfordshire die aktuellen Ergebnisse der Befragung britischer Jugendlicher zu deren Musikkonsumverhalten. Nach 2008 und 2009 liegen nunmehr die Ergebnisse der dritten Umfragewelle für das Jahr 2011 vor. Für die aktuelle Studie wurden 1.888 Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren in allen Teilen Großbritanniens online zu ihrem Musikkonsum befragt. Die zentralen Ergebnisse sind:

  • Der Computer ist nicht mehr das zentrale Gerät für den Konsum von Musikangeboten und wurde durch den MP3-Player abgelöst. 65% der Befragten hören täglich Musik auf einem MP3-Player, wohingegen nur 18% regelmäßig einen CD-Player benutzen.
  • Die digitale Musiksammlung auf einem Computer eines Jugendlichen umfasst derzeit rund 4.000 Tracks. Auf MP3-Player werden durchschnittlich 2.796 Tracks verfügbar gehalten.
  • Trotz der Popularität von Musik-Streamingservices ist der Besitz von digitalen Musikfiles in Form von Downloads aber auch von Tonträgern für die Jugendlichen immer noch wichtig.
  • Es besteht weiterhin eine ‚value gap‘ zwischen der Beliebtheit von Musik und der Zahlungsbereitschaft der Jugendlichen dafür, vor allem wenn man die Ausgaben für Musik mit anderen Entertainment-Ausgaben vergleicht.
  • Während 2009 noch 61 Prozent der Befragten angab, Musiktauschbörsen regelmäßig zu nutzen, so tun dies 2011 nur mehr 40 Prozent. Als Hauptgrund wird die freie Verfügbarkeit angegeben aber auch das Kennenlernen neuer Musik und MusikerInnen sowie die Suche nach schwer auffindbarer Musik.
  • Ein Großteil der Filesharer wäre bereit, auf die Tauschbörsennutzung zu verzichten, wenn es ein unlimitiertes All-you-can-eat Bezahl-Downloadservice gäbe.
  • Die Nutzung von kostenlosen Streamingservices ist unter den Jugendlichen sehr beliebt, allerdings sind nur 12 Prozent bereit, für ein werbefreies Premium-Abo zu bezahlen.
  • 92 Prozent der Befragten sind sich bewusst, dass der Tausch urheberrechtlich geschützter Musik über das Internet illegal ist. 31 Prozent befürworten sogar Maßnahmen des abgestuften Abmahnverfahrens, wonach der Internetzugang gesperrt werden kann, wenn Urheberrechtsverletzungen begangen werden.

Insgesamt lässt sich aber sagen, dass der digitale Musikkonsum von Jugendlichen sehr komplex ist und keinen einfachen Erklärungsmustern folgt.

Hier geht’s zum Audiostream (Vortrag und Diskussion)

Hier ist der Videostream verfügbar.

Hier kann ein FM4-Beitrag mit Dennis Collopy nachgehört werden.

Ausgehend von den empirischen Ergebnissen der voran gegangenen Präsentationen, stellte Carsten Winter in seinem Vortrag die „Prosumers And Their New On-Demand Culture“ vor. Am Beispiel der Berliner Clubszene, die in einem Forschungsprojekt des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover beleuchtet wurde, entwickelte Carsten Winter das Modell des Musik-Prosumers. Dabei handelt es sich um eine neue Nutzungsform, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Dabei können die Sphären des aktiven Musikschaffens und passiven Musikkonsums nicht mehr länger voneinander getrennt werden. Jede private MusiknutzerIn ist gleichzeitig auch Musik-ProduzentIn und vice versa. Während im ‚alten‘ Geschäftsmodell der Musikindustrie die Musikprodukte über die Wertschöpfungskette zur KonsumentIn ‚gepushed‘ wurden, bestimmen heutzutage die privaten MusiknutzerInnen den Wert der Musik aktiv mit. Sie erstellen Playlists, raten YouTube Musikvideos, stellen über Crowdfunding Investitionskapital für Musikproduktionen zur Verfügung und fertigen Musik-Remixes an. Aus einer Push-Kultur ist eine Pull-Kultur geworden, in der die MusiknutzerInnen sich das Musikangebot an ihre Bedürfnisse anpassen.

Hier geht’s zum Audiostream (Vortrag und Diskussion)

Hier ist der Videostream verfügbar.

Zum Download: Die Präsentationsfolien zu „Prosumers And Their New On-Demand Culture“

Ein Interview mit Carsten Winter kann in den Salzburger Nachrichten nachgelesen werden.

Nach der Mittagspause spannte dann Joel Waldfogel von der University of Minnesota den Bogen vom Musik-Filesharing zur Veröffentlichung neuer Musikprodukte. Wie die Umsatz- und Absatzzahlen der Recording Industry Association of America (RIAA) belegen, ist seit 1999 ein Abwärtstrend bei den physischen Verkäufen feststellbar, der durch die starke Zunahme der digitalen Verkäufe nicht kompensiert werden konnte, was insgesamt einen deutlichen Verlust an Marktvolumen nach sich zog. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es dazu unterschiedliche Erklärungsansätze. Viele Studien halten das Filesharing hauptverantwortlich für den Markteinbruch, aber es gibt auch Studien die keinen negativen Zusammenhang zwischen Filesharing und Umsatz- sowie Absatzverlusten sehen. Joel Waldfogel ging aber in seinem Vortrag weit über diese ungelöste Frage hinaus und hinterfragte, ob und welche Wirkung das Filesharing auf die Veröffentlichung neuer Musikprodukte hat. Er begnügte sich dabei nicht, nur die Anzahl der Neuveröffentlichungen dem Filesharing-Volumen gegenüberzustellen, sondern versuchte auch die Qualität der Releases zu erfassen. Dazu konstruierte er zwei Qualitätsindizes. Der eine Index beruht auf den Best-of-Listen der Musikkritiker; der andere bezieht Radioairplay und Umsatzzahlen von neuen Musikstücken und jenen aus dem Backkatalog ein – Waldfogel bezeichnet dies als ‚vintage quality‘. Damit lässt sich nun rückwirkend bis in die 1960er Jahre, die ‚Qualität‘ der Musikveröffentlichungen messen. Auf Basis der Urteile der MusikkritikerInnen zeigt sich nun, dass nach Auftreten von der Musiktauschbörse Napster (ab 1999) die ‚vintage quality‘ sinkt, dann aber in etwa konstant bleibt. Hierbei muss aber berücksichtigt werden, dass keine KonsumentInnenurteile in die Messung eingeflossen sind. Deshalb wurden im nächsten Schritt die Airplay- und Umsatzzahlen in die Analyse mit einbezogen. Und dabei stellt sich heraus, dass sowohl gemessen an den Airplay- als auch an den Umsatzzahlen, die ‚vintage quality‘ der Musikproduktionen stark bis 2005 gestiegen ist und dann wieder abgenommen hat, nachdem diese seit Mitte der 1980er Jahre lange Zeit auf niedrigem Niveau konstant war. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Veröffentlichungen vor der digitalen Revolution qualitativ nicht so hochwertig wahrgenommen wurden wie danach. Als Gründe dafür führt Joel Waldfogel an, dass der durch die digitale Revolution bedingte Wegfall von Intermediären in der Musikdistribution die Qualität der Releases hat steigen lassen. Zudem ermöglichen neue Distributionsformen das Entdecken neuer, unbekannter Musik und vieles, was vor der Digitalisierung gar nicht den Endverbraucher erreichte, kann nun gefunden werden. Insgesamt kommen mehr neue Musiktitel auf den Markt, die über Blogs und lernende Internetradios häufiger als früher bewertet werden. Interessant in dem Zusammenhang ist auch, dass in den letzten zehn Jahren der Anteil der im Radio gespielten Indie-Produktionen von 6 auf 18 Prozent angestiegen ist. So gelangen also mehr neue Musiktitel an die breite Öffentlichkeit, wo sie sich über Social Media Netzwerke rasch verbreiten. Das hat die Experimentierfreudigkeit der privaten NutzerInnen erhöht, dass zu mehr ‚guter‘ Musik führt. In diesem Sinn schließt Joel Waldfogel seine Präsentation mit einem bildlichen Vergleich, wonach die Digitalisierung nicht als Piraterie zu werten sei, sondern als Zug durch das Rote Meer, den Moses durch das Teilen der Fluten ermöglichte, um ins gelobte Land zu gelangen – wo wir aber noch nicht angekommen sind.

Hier geht’s zum Audiostream (Vortrag und Diskussion)

Hier ist der Videostream verfügbar.

Zum Download: Die Präsentationsfolien und das Paper zu „Copyright Protection, Technological Change and the Quality of New Products“

Ein Beitrag zur Präsentation von Joel Waldfogel kann auf heise online nachgelesen werden.

Der Samstag Nachmittag wurde mit einer Präsentation zur Funktionsweise der französischen Behörde zu Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen im Internet HADOPI (Haute Autorité pour la diffusion des oeuvres et la protection des droits sur internet) durch deren Rechtschutzbeauftrage, Rose-Marie Hunault, fortgesetzt. Nach der Erklärung des Gesetzeswerdungsprozesses des ‘Lio d’HADOPI’ und einer Übersicht über die Struktur der Behörde, erläuterte Frau Hunault im Detail den Mechanismus der abgestuften Abmahnverfahrens (vulgo ‘Three Strikes’-Modell). Demnach wird die Behörde auf Antrag einer RechteinhaberIn aktiv und verschickt ein Warnmail an die InhaberIn des Internetzuganges, für den eine Urheberrechtsverletzung von der RechteinhaberIn nachgewiesen werden konnte. Können von dieser IP-Adresse keine weiteren Verletzungen mehr nachgewiesen werden, so endet die Observierung und die Daten werden gelöscht. Erfolgt hingegen ein weiterer vom Rechteinhaber dokumentierter Verstoß, wird eine weitere Warnmail und zusätzlich ein Brief an die InhaberIn der inkriminierten IP-Adresse versandt. Gibt es innerhalb eines Jahres keine weiteren Urheberrechtsverletzungen, endet die Beobachtung und die Daten der betroffenen Person werden gelöscht. Sollten hingegen Verstöße in diesem Zeitraum registriert werden, verschickt die Behörde einen eingeschriebenen Brief, in dem mögliche juristische Maßnahmen in den Raum gestellt werden. Gleichzeitig wird von HADOPI geprüft, ob im Einzelfall die Daten an die Staatsanwaltschaft zu übermitteln sind. Kommt HADOPI zum Schluss, dass keine maßgebliche Rechtsverletzung erfolgt ist, wird das Verfahren eingestellt und die Daten werden gelöscht. Wird aber eine maßgebliche Rechtsverletzung konstatiert, sind in der Folge nun die Staatsanwaltschaft und die Gerichte am Zug. Die Sanktionen können von Geldstrafen bis hin zur Sperrung des Internetzugangs bis zu einem Jahr reichen. Allerdings wurden bislang keine Sperren des Internetzugangs verhängt. Dass das abgestufte Verwarnungsverfahren Wirkung zeigt, belegen die Zahlen, die Frau Hunault präsentierte. Seit der Gründung der Behörde im Oktober 2010 wurden bis Anfang Juni 2012 insgesamt 1,09 Millionen erste Warnmails ausgeschickt. Ein Großteil der Internet-NutzerInnen stellte daraufhin das widerrechtliche Verhalten ein. Dennoch mussten 99.000 Warnmails in der zweiten Stufe versandt werden. Schließlich verblieben noch 314 InhaberInnen von IP-Adressen, die den eingeschriebenen Brief mit Strafandrohung erhielten, und die nun mit Sanktionen rechnen müssen. Insgesamt zeigt, nach Ansicht von Frau Hunault, das abgestufte Abmahnverfahren in Frankreich nicht nur Wirkung bei den Filesharern, die bei ihrem illegalen Treiben erwischt wurden, sondern auch bei allen anderen Internet-UserInnen, weil das Filesharing-Volumen in Frankreich gemäß unterschiedlicher Studien zurück gegangen sei.

Hier geht’s zum Audiostream (Vortrag und Diskussion)

Hier ist der Videostream verfügbar.

Zum Download: Die Präsentationsfolien zu „Graduated Response Measures in France“

Ein Beitrag zur Präsentation von HADOPI kann auf heise online nachgelesen werden.

In der unmittelbar anschließenden Podiumsdiskussion erläuterte der IP-Rechtsexperte Martin Kretschmer von Bournemouth University auf Frage des Moderators, Stefan Krempl, wie das vor Kurzem auch in Großbritannien eingeführte, abgestufte Abmahnverfahren funktioniert oder besser gesagt nicht funktioniert, weil es operativ noch nicht umgesetzt wurde. Er wunderte sich insgesamt darüber, dass alle in Großbritannien in Auftrag gegebenen Studien – wie der Gowers Report und der Hargreaves Report – allesamt von den politischen Entscheidungsträger nicht Ernst genommen und durch legislative Maßnahmen sogar konterkariert werden. Der britische Musikmanager und Konsulent der World Intellectual Property Rights Organization (WIPO), Peter Jenner, sprach sich daraufhin vehement gegen ‘Three-Strikes’ Maßnahmen aus und vernahm mit Genugtuung vonseiten von Rose-Marie Hunault, dass HADOPI keineswegs eine auf Dauer angelegte Behörde sei, sondern durchaus auch wieder aufgelöst werden können, wenn entweder die Rechtsverletzungen aufhören oder neue rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Insgesamt würde der derzeitige Behördenapparat jährlich um die EUR 12 Mio. kosten, räumte sie aber ein. Es gelte zudem zwischen dem Musik- und Filmbereich zu differenzieren. Während die Filmindustrie in Frankreich eine gute wirtschaftliche Entwicklung aufweise, leide speziell die phonografische Industrie des Landes unter einer Rezession. Dennoch bezweifelte Peter Jenner, dass staatliche Interventionen auf Ebene der privaten InternutzerInnen ein zielführender Weg sei: “Creating a business model for the music industry is a duty of the economy and not of the government”. Vielmehr sollten die Musikunternehmen lernen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen und zu akzeptieren, dass Internet eher wie Radio funktioniere und nicht wie ein Einzelhandelsgeschäft. Dem schloss sich der österreichische Musikproduzent, Harald Hanisch, an, der konstatierte, dass heutzutage jede/jeder sein eigenes Plattenlabel bzw. Verlag sei. Und gerade deshalb müssten die Urheberrechte auch im Internet durchgesetzt werden. Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass die Musikschaffenden ihren Lebensunterhalt mit Musik bestreiten können, was durch eine Aushöhlung des Urheberrechts erschwert würde. Hier hakte schließlich noch einmal Peter Jenner ein, der die Diskussion, was legal oder illegal sein, für überflüssig hielt und stattdessen funktionierende Geschäftsmodelle für die Musikindustrie einforderte, wie es z.B. ein dänisches Telekommunikationsunternehmen mit einem Flatratemodell für digitalen Content vorexerziert. Das Podium war sich aber einig, dass die Urheberrechtsdebatte keineswegs abgeschlossen sei und der gesellschaftliche Diskurs darüber zu führen ist.

Hier geht’s zum Audiostream der Podiumsdiskussion.

Hier ist der Videostream verfügbar.

 

Verleihung des Young Scholars‘ Best Paper Awards

Die Konferenz wurde mit der Verleihung des Best Paper Awards für den Young Scholars‘ Workshop, der am 29. Juni an der Universität für Musik und darstellende Kunst abgehalten wurde, abgeschlossen. Das Programm inklusive der meisten präsentierten Papers können auf der Workshop-Homepage eingesehen werden. Das von einer Jury gewählte beste Paper mit dem Titel „The ‚artepreneur‘: A model for future success and personal fulfillment for artists“ wurde von Maike Engelmann, Lorenz Grünewald und Julia Heinrich vorgetragen und wird in einer der nächsten Ausgaben des International Journals of Music Business Research veröffentlicht werden.

alle Fotos © by Magdaléna Tschmuck

 

Medienecho

Mica News vom 3. Februar 2012: „Vienna Music Business Research Days 2012“

Austria Presseagentur (APA) vom 3. Mai 2012: „3. Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung“

Austria Presseagentur (APA) vom 4. Juni 2012: „mdw: Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung“

Futurezone vom 25. Juni 2012: „Musikwirtschaftstage mit HADOPI-Vertreterin“

Salzburger Nachrichten vom 27. Juni 2012: „Musik nicht nur aus der Klangwolke“

Austria Presseagentur (APA) vom 28. Juni 2012: „Musiknutzungsverhalten unter der Lupe“

Die Presse vom 28. Juni 2012: „Musikwirtschaft im Fokus: „Aloha he, an Bord, Piraten!“

Futurezone vom 28. Juni 2012: „Studie: Moral spielt für Filesharer keine Rolle“

Kurier vom 28. Juni 2012: „Moral spielt bei Filesharer keine Rolle. Studie zeigt: Unerlaubte Weitergabe von Daten ist kaum mehr aus dem Alltag vieler Konsumenten wegzudenken“

Computerwelt vom 28. Juni 2012: „Musiknutzungsverhalten unter der Lupe“

FM4 vom 30. Juni 2012: „Joel Tenenbaum zu Gast bei der FM4-Morningshow“

Digital Sirocco vom 30. Juni 2012: „675.000-Dollar-Playlist: Für diese Songs wird Filesharer Joel Tenenbaum bestraft“

Futurezone vom 2. Juli 2012: „Joel Tenenbaum: ‚Durchs Filesharing droht mir der Bankrott'“

Salzburger Nachrichten vom 2. Juli 2012: „Die neue Macht der Musikkonsumenten“

heise online vom 2. Juli 2012: „Internetzugang für Heranwachsende wichtiger als Musik“

FM4 Connected vom 3. Juli 2012: „Interview mit Dennis Collopy“

Musikmarkt vom 9. Juli 2012: „Vienna Music Business Research Days: ‚Es geht um saubere wissenschaftliche Arbeit“

Futurezone vom 11. Juli 2012: „HADOPI: Verwirrung um Internet-Sperren“

Österreichische Musikzeitschrift (ÖMZ) Jg. 67, Heft 5/2012: Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung. Neues Musikkonsumverhalten im Zeitalter der digitalen Revolution
 


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