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Die Auswirkung von HADOPI auf das (Musik-)Filesharing

HADOPI ist ein Akronym und steht für die französische Behörde “Haute Autorité pour la Diffusion des Œuvres et la Protection des Droits sur Internet”, deren Aufgabe es ist, den Internetverkehr in Frankreich dahin gehend zu überprüfen, ob urheberrechtlich geschütztes Material ohne vorgehende Zustimmung der RechteinhaberInnen verbreitet wird. Die Behörde wurde auf Basis des so genannten ‚HADOPI-Gesetzes‘ aus dem Jahr 2009 ins Leben gerufen und nahm im Oktober 2010 seine operative Tätigkeit auf. Wenn nun eine RechteinhaberIn eine Urheberrechtsverletzung im Internet anzeigt und belegen kann, wird ein abgestuftes Mahnverfahren, das in Anlehnung an die Baseball-Regeln auch „Three Strikes“-Modell genannt wird, in die Wege geleitet: (1) Im ersten Schritt erhält die InhaberIn des Internetanschlusses, über die die Urheberrechtsverletzung mutmaßlich erfolgt ist, eine E-Mail-Mitteilung über die Rechtsverletzung. Der Internet Service Provider (ISP) wird daraufhin aufgefordert den inkriminierten Internetzugang bezüglich Urheberrechtsverletzung zu überwachen. Zusätzlich kann die mutmaßliche UrheberrechtsverletzerIn aufgefordert werden, einen Filter, der den Internettraffic überprüft, zu installieren. (2) Sollten innerhalb von sechs Monaten weitere Urheberrechtsverletzungen über diesen Internetzugang nachgewiesen werden, dann wird die zweite Warnstufe ausgelöst: In einem eingeschriebenen Brief wird die InhaberIn des Internetanschlusses über die Rechtsverletzung in Kenntnis gesetzt und über die entsprechenden Konsequenzen aufgeklärt. Sollte dennoch bis zu einem Jahr nach Versendung des eingeschriebenen Briefes eine weitere Rechtsverletzung nachgewiesen werden, wird die dritte Stufe eingeleitet. In einem vereinfachten Gerichtsverfahren können Sanktionen verhängt werden, die von Geldstrafen bis zur Sperrung des Internetzugangs für einen Zeitraum von zwei Monaten bis maximal einem Jahr reichen können. Die betroffene InternetnutzerIn kommt zudem auf eine „schwarze Liste“, um einen Wechsel zu einem anderen ISP zu verhindern.

Wie effektiv arbeitet nun die neue Behörde? Dazu hat HADOPI, die ihre Tätigkeit am 1. Oktober 2010 aufgenommen hat, im März 2012 einen Bericht mit dem Titel “Hadopi, 11/2 Year After The Launch” vorgelegt, um die Wirkung des abgestuften Abmahnverfahrens zu dokumentieren (hier ist die französische Originalversion des Berichts verfügbar). Im Folgenden möchte ich die zentralen Ergebnisse dieses Berichts aus Sicht der Musiknutzung darstellen.

 

Gemäß des Berichts haben seit Aufnahme der Tätigkeit von HADOPI zwischen Anfang Oktober 2010 und Anfang Dezember 2012 insgesamt 755.015 InternetnutzerInnen (InhaberInnen von IP-Adressen) ein erstes Abmahn-E-Mail erhalten. 95 Prozent der Verwarnten haben daraufhin ihr rechtswidriges Verhalten eingestellt. Dennoch haben 37.751 NutzerInnen weiterhin urheberrechtlich geschütztes Material über Filesharing-Netzwerke und Filehoster-System bezogen und verbreitet. Diese erhielten als zweite Warnung einen eingeschriebenen Brief mit dem in etwa gleichem Inhalt wie die E-Mail. Daraufhin stellten weitere 92 Prozent ihre Urheberrechtsverletzungen ein, was allerdings auch bedeutet, dass 3.020 NutzerInnen weiterhin rechtswidrig handelten und deshalb die dritte und letzte Verwarnung ausfassten. 98 Prozent der in dieser Form Abgemahnten reagierten mit der Einstellung ihres rechtswidrigen Verhaltens. So verblieben 60 Internet-UserInnen, die sich auch durch die dritte Verwarnung nicht abschrecken ließen und weiterhin Filesharing- oder Filehosting-Systeme nutzten.

Auf diese Zahlen kommt man, wenn die im Bericht genannten Prozentsätze zur Berechnung herangezogen werden. Sie zeigen die durchaus abschreckende Wirkung des abgestuften Abmahnverfahrens auf die InternetnutzerInnen in Frankreich. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage offen, ob HADOPI auch dazu beigetragen hat, insgesamt das Niveau der Nutzung von Filesharing- und Filehosting-Systemen in Frankreich gesunken ist.

Um diese Frage zu beantworten, liefert der Bericht Ergebnisse vier verschiedener Studien, die allesamt zu einem anderen Zweck erstellt wurden. In einer Nielsen-Studie, die von der ‘International Federation of the Phonographic Industry’ (IFPI) in Auftrag gegeben worden war (siehe IFPI, Digital Music Report 2012) wurde erhoben, dass zwischen Januar 2011 und Dezember 2011 die Anzahl der NutzerInnen von vierzig P2P-Tauschnetzwerken in Frankreich um 17 Prozent von ca. 5,0 Mio. auf 4,2 Mio. gesunken ist.

In einem Bericht der französischen Marktforschungsagentur Mediametrie//Netratings wurde für den Zeitraum von Februar 2011 bis Dezember 2011 für vier P2P-Filesharing-Netzwerke – µTorrent, BitTorrent, eMule and LimeWire -, die Anzahl der so genannten Unique Visitors erhoben und ein Rückgang von 29 Prozent festgestellt.

In einer Studie von Peer Media Technologies wurde für ein Sample von 200 bis 300 Kinofilmen, die über Filesharing-Netzwerke getauscht wurden, für das Jahr 2011 ein Rückgang der NutzerInnen-Zahl in Frankreich um 43 Prozent festgestellt. Nach einer ähnlich gelagerten Studie von ALPA/TMG ging die Anzahl der Downloads der Top-10 beliebtesten Kinofilme in Filesharing-Netzwerken in Frankreich im Jahr 2011 um 66 Prozent zurück.

Im HADOPI-Bericht wird zusätzlich eine eigene für die französische Online-Bevölkerung repräsentative Untersuchung (1.500 befragte InternetnutzerInnen älter als 15 Jahre) zitiert, wonach “[m]ore than 1 out of 3 respondants stated that HADOPI gives them reason to more regularly consume cultural works via websites that comply with copyright law”. Eine ähnliche Studie der Marktforschungsfirma IPSOS (Online-Befragung von 1.380 Internet-NutzerInnen zwischen 15 und 50 Jahren) kommt zum Schluss: “71% of peer-to-peer users state that they would stop downloading illegal content if they received a recommendation from Hadopi” (S. 6).

Der Bericht von HADOPI kommt auf Basis dieser Studienergebnisse zum Fazit: “[t]hese observations all reflect a shared tendency to move away from this from of illegal downloading since the graduaded was introduced (…)” (S. 2). Dem stehen allerdings Erkenntnisse der bereits genannten Mediametrie//NetRatings-Studie entgegen, die auf Seite 7 des Berichts dargestellt werden. Demnach zeigt das Nutzungsverhalten von P2P-Filesharing-Plattformen und File-Hostern in Frankreich im Zeitraum von Dezember 2010 bis Dezember 2011 eine hohe Stabilität auf: “[W]hile some services enjoy an increase in their audience, others have seen a drop, possibly attesting to a degree of balance in practices.” Diese Aussage lässt aufhorchen und steht im Widerspruch zur Angabe, dass das Filesharing- und Filehosting-Volumen in Frankreich aufgrund der Aktivitäten von HADOPI merklich zurückgegangen wäre. Es hat, so lässt sich vermuten, eine Verschiebung der Aktivitäten vom klassischen Filesharing z.B. Torrent-Tracker hin zu Filehostern wie Rapidshare ergeben. Dies wird aber im HADOPI-Bericht nicht explizit gemacht. Jedenfalls wirft der Bericht einige Fragen auf, die Raum für weiterführende Forschungsaktivitäten bieten.

 


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