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Wie böse ist das Filesharing? – neue Erkenntnisse

In einem kürzlich von Robert G. Hammond, Professor an der North Carolina University, veröffentlichten Working Paper wird der Einfluss von auf Filesharing-Netzwerken unauthorisiert veröffentlichter Musik-Alben auf reguläre Musikverkäufe untersucht. Darin kommt Hammond zum Ergebnis, dass der digitale und physische Albenverkauf keineswegs unter den durchgesickerten („geleakten“) Veröffentlichungen leidet, sondern sogar profitiert: „[A]n album that became available in file-sharing networks one month earlier would sell 60 additional units“ (S. 4). Interessant dabei ist, dass populäre, gut etablierte KünstlerInnen stärker vom Filesharing Pre-Release profitieren als weniger gut etablierte und junge Acts. Wie Hammond zu diesen Ergebnissen kommt, soll nun in weiterer Folge genauer dargelegt werden.

Methodik

Hammonds Paper betrachtet unauthorisierte Alben-Downloads in so genannten privaten BitTorrent Trackern, in die nur nach Einladung durch angestammte NutzerInnen ein Zutritt möglich ist. Dabei wurden sämtliche in den USA zwischen Mai 2011 und Januar 2012 veröffentliche Alben – das entspricht 1.095 Alben von 1.075 MusikerInnen – unterschiedlichster Genres in die Analyse miteinbezogen. Die deskriptive Statistik zeigt, dass 37,1% der betrachteten Alben von Majors – Universal Music Group (15,0%), Warner Music Group (9,5%), Sony Music Entertainment (7,8%) and EMI (4,8%) released wurden. Weitere 22,4% stammen von Indie-Labels mit einem Major-Vertrieb und der Rest von 40,6% wurde von Indie-Labels entweder selbst oder durch unabhängige Vertriebe verbreitet. Eine erste Analyse zeigt, dass 90,5% der Alben entweder vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum oder kurz danach unauthorisiert über Filesharing-Netzwerke an die Öffentlichkeit gelangt sind. Das Median-Album erschien 3,7 Tage vor dem offiziellen Release-Datum, das durchschnittliche Album sogar 7,7 Tage früher. Zudem kann gezeigt werden, dass der Großteil der Alben innerhalb von zwei Wochen vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin bereits in BitTorrent-Tauschbörsen verfügbar war oder zumindest ein paar Tage danach.

Die Filesharing-Daten werden nun von Hammond den regulären Verkaufszahlen digitaler und physischer Alben, die Nielsen SoundScan ermittelt, gegenüber gestellt. Dabei wurde ein Zeitraum von sechs Wochen nach dem offiziellen Releasedatum herangezogen, weil ein Großteil der Verkäufe – 55,8% im konkreten Beispiel – bereits innerhalb von zwei Wochen nach der Erstveröffentlichung erfolgt.

Da aber eine direkte Korrelation zwischen Filesharing-Aktivität und Alben-Verkäufen aufgrund des Endogenitätsproblems – eine unbeobachtbare Variable, die gleichzeitig das Filesharing als auch die Alben-Käufe beeinflusst, könnte das Ergebnis verfälschen – benötigt Hammond wie alle anderen Autoren gleichartig gelagerter Studien eine instrumentelle Variable. Dazu führt der Autor ein Maß der Verfügbarkeit der Alben in den betrachteten BitTorrent Trackern ein. Dieser Index errechnet sich aus der Anzahl der Bereitsteller und der Anzahl der Downloader ein- und desselben Musik-Files. Hammond geht nun davon aus, und kann das auch durch einen statistischen Test belegen, dass dieser Index nicht von einer unbeobachtbaren Qualitätseinschätzung der MusiknutzerInnen abhängt, und somit im Modell exogen ist.

Ergebnisse

Vor dem Hintergrund diese Modellspezifikationen kann Hammond nun zeigen, dass Filesharing einen positiven Effekt auf die regulären physischen und digitalen Musikverkäufe hat. „[A]n album that leaked one month earlier will receive 59.6 additional sales“ (S. 15). Allerdings profitieren etablierte MusikerInnen – jene, die zuvor bereits zwei Alben veröffentlicht haben, von denen sich jedes mehr als 100.000 Mal verkauft hat – stärker von geleakten Veröffentlichungen als junge bzw. nicht besonders gut etablierte KünstlerInnen. Hammond versucht dieses Ergebnis damit zu erklären: „(…) that artists with established fan bases are positively predisposed toward the [new] album“ als jüngere und weniger gut etablierte MusikerInnen (S.19).

Bezüglich der betrachteten Musik-Genres profitieren populäre wie Pop, Country und HipHop/Rap gegenüber weniger populären bzw. Nischengenres wie Folk, Heavy Metal, Alternative Rock oder Jazz stärker von den Leaks in den Musiktauschbörsen. Zusätzlich sind auch die Major-Labels größerer Profiteure von unauthorisierten Veröffentlichungen als Indie-Label mit Major-Vertrieb, die ihrerseits wieder besser abschneiden als Indie-Label, die auch selbst bzw. über andere Indies distributieren. Unter den Majors, von denen es zum Zeitpunkt der Untersuchung noch vier gab, profitierte die Sony Music Entertainment am meisten von den Leaks, gefolgt von der Universal Music Group, der EMI und der Warner Music Group.

Abschließende Einschätzung

Mit dem gleichen methodischen Zugang wie die bereits früher im Blog besprochene Studie von Oberholzer-Gee und Strumpf (2007), kommt Hammond zu ähnlichen Ergebnissen. Während Oberholzer-Gee & Strumpf keinen statistisch-signifikanten Zusammenhang zwischen Filesharing und Albenverkäufen herstellen können, errechnet Hammond sogar eine leicht positive Korrelation und fügt schlussfolgern hinzu: „I [can] not find any evidence of a negative effect in any specification, using any instrument“ (S. 21). Demgemäß braucht eine Musikschaffende keine Angst davor zu haben, dass die regulären Verkäufe ihrer Alben unter Vorveröffentlichungen in Musiktauschbörsen leiden. Damit wird eine Beobachtung bestätigt, die Will Page und Eric Garland bereits 2009 gemacht haben: „the same artists are popular with both legal and illegal downloaders“ (S. 23). Ein Widerspruch besteht aber zu den Erkenntnissen, die David Blackburn (2004) mit einer ähnlich gelagerten Methodik, gemacht hat. Blackburn errechnet zwar insgesamt einen positiven Effekt des Filesharings auf Alben-Verkäufe, der aber nur den wenig bekannten, jungen KünstlerInnen zugute käme. Hingegen müssten gute etablierte MusikerInnen massive wirtschaftliche Einbußen bei den Albenverkäufen wegen des Filesharings befürchten. Hammond spricht diese Unterschiede direkt an und sieht sie darin begründet, dass Blackburns Datenbasis lediglich Informationen über die Zahl in Filesharing-Netzwerken verfügbarer Musikfiles beinhaltet, nicht aber über die Anzahl herunter geladener Files. Hammond kann hingegen mit Daten sowohl über die Verfügbarkeit der Files als auch über die Anzahl heruntergeladener Files aufwarten. Ein weiterer Unterschied zwischen Blackburn und Hammond besteht darin, dass ersterer als Instrument-Variable die Ankündigung des US-Musikindustrieverbandes RIAA, individuelle Filesharer mit Zivilrechtsklagen verfolgen zu wollen, ins Modell einführt, wohingegen letzterer die Verfügbarkeit von Musikfiles dazu heranzieht. Da die Verfügbarkeit eine stetige Instrumentvariable ist, erhöht sich nach Aussage von Hammond die Schätzqualität des Modells erheblich (S. 22).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Hammonds Paper nicht nur die Ergebnisse der Oberholzer-Gee & Strumpf-Studie im Zehn-Jahresabstand zu reproduzieren in der Lage ist, und auch in gewisser Hinsicht Blackburns Erkenntnisse zumindest zum teil bestätigt, sondern auch den Befund jüngerer Studien, wie jene von Bhattacharjee et al. (2007) und McKenzie (2009), die ebenfalls direkt die Filesharing-Aktivität messen, bestätigt. Demnach gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Filesharing sich negativ auf reguläre Musikverkäufe auswirkt.

Quellenangaben

Bhattacharjee, Sudip, Ram D. Gopal, Kaveepan Lertwachara, James R. Marsden and Rahul Telang, 2007, “The Effect of Digital Sharing Technologies on Music Markets: A Survival Analysis of Albums on Ranking Charts.” Management Science, Vol. 53, No. 9 (September 2007), pp. 1359-1374.

Blackburn, David, 2004, On-line Piracy and Recorded Music Sales. Working paper, Harvard University.

Hammond, Robert G., 2012, Profit Leak? Pre-Release File Sharing and the Music Industry. Working paper, North Carolina State University, May 2012.

McKenzie, Jordi, 2009, Illegal Music Downloading and Its Impact on Legitimate Sales: Australian Empirical Evidence, Australian Economic Papers, Vol. 48, No. 4 (December 2009), pp. 296-307.

Oberholzer-Gee, Felix and Koleman Strumpf, 2007, „The Effect of File Sharing on Record Sales: An Empirical Analysis”. Journal of Political Economy, Vol 115, No. 1 (2007).

Page, Will and Eric Garland, 2009, The Long Tail of P2P. Economic Insight, Issue 14, May 14, 2009.


11 Responses to “Wie böse ist das Filesharing? – neue Erkenntnisse”


  1. 30. Mai 2012 um 3:25 pm

    Vielen Dank für diesen Artikel, auf den ich mich in meinem aktuellen Artikel beziehe: http://freiekulturundmusik.wordpress.com/2012/05/30/die-14-jahre-nach-napster-frage-wie-bose-ist-filesharing/
    In Zeiten von Facebook-Filesharing-Diensten wie Pipe ( http://www.golem.de/news/dateitransfer-pipe-macht-echtzeit-filesharing-ueber-facebook-moeglich-1205-92115.html ) sind derartige Analysen meiner Meinung nach wichtiger denn je.

  2. 2 Thomas Wunsch
    29. Mai 2012 um 11:54 am

    Ich denke hier wird der klassische statistische Anfängerfehler in der kausalistischen Verknüpfung gemacht. Das berühmte Beispiel, dass statistisch Menschen, die eine Brille tragen, intelligenter sind, bedeutet ja nicht, dass jemand intelligenter wird, wenn er eine Brille aufsetzt sondern umgekehrt, dass intelligentere Menschen öfter einer Brille brauchen.

    Übertragen bedeutet das, dass die Verkäufe eben nicht durch den prelease auf filesharing Börsen steigen, sondern umgekehrt, Alben, die begehrt sind und eine deutlich höhere performance versprechen, früher auf Tauschbörsen erscheinen. Einen positiven Effekt des filesharing zu unterstellen ist Humbug.

    Und überhaupt ist der Tenor, filesharing schade den Verkäufen nicht, einfach absurd. Inzwischen hat sich filesharing einfach so etabliert, dass sich der legale und illegale Markt sich relativ stabil parallel verhalten. Doch natürlich sind der massive Rückgang der CD Verkäufe in den letzten 20 Jahren maßgeblich durch den Anstieg des filesharing verantwortet.

    • 3 Peter Tschmuck
      29. Mai 2012 um 12:19 pm

      Deshalb müssen auch Instrument-Variable zum Einsatz kommen, die exogen sind und eben keine Kausalitätsprobleme, d.h. Endogenitätsprobleme erzeugen. Genau das hat Prof. Hammond gemacht. Man kann aber durchaus diskutieren, ob die von ihm gewählte Instrument-Variable geeignet ist.

      • 4 Thomas Wunsch
        29. Mai 2012 um 1:21 pm

        Eine Kausalität wäre nur dann nachzuweisen, wenn diejenigen, die die Musik per filesharing erworben haben, danach auch das Album gekauft hätten, doch soweit ich sehe wurde danach nicht gefragt.

        Wie gesagt denke ich, dass filesharing Markt und legaler Markt sich weitgehend identisch verhalten und der statistische Effekt, den Hammond misst, schlicht darauf zurückzuführen ist, dass er den Faktor der gesteigerter Nachfrage zu Verkäufen einerseits und filesharing andererseits statistisch nicht korrekt erfasst hat.

  3. 27. Mai 2012 um 10:53 pm

    Der Link zur Oberholzer Studie, also der Link im Absatz mit der Überschrift „Abschließende Einschätzung“ funktioniert nicht.


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