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Die Geschichte der tschechischen Musikindustrie von 1890 bis 1948 – Teil 3

Gastbeitrag von Daniel Matoušek übertragen ins Deutsche von Peter Tschmuck

Die wissenschaftliche Literatur zur tschechischen und tschechoslowakischen Musikindustrie ist insgesamt dünn gesät. Vor allem über die Zeit nach 1950 ist wenig bis gar nichts bekannt. Dank der Bemühungen des tschechischen Schallplattensammlers und Musikindustrie-Historikers Gabriel Gössel ist zumindest einiges über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in seinen Büchern „Fonogram I“ (2001) und „Fonogram II“ (2006) zur Musikindustrie im Territorium der heutigen Tschechischen Republik aufgearbeitet worden. Da diese Bücher vorerst nur in tschechischer Sprache verfügbar sind, hat Daniel Matoušek die Pionierarbeit geleistet und die zentralen Stellen dieser Bücher ins Englische übertragen. Seine Zusammenfassung kann bereits in vier Teilen im Music Business Research Blog nachgelesen werden. Ich habe nun Matoušeks Texte auch ins Deutsche übertragen, womit erstmals Erkenntnisse zur frühen Musikindustrie in den tschechischen Ländern – Böhmen und Mähren – in Englisch und Deutsch nachgelesen werden können.

Im dritten Teil wird die tschechische Musikindustrie während der Weltwirtschaftskrise näher beleuchtet, als durch die protektionistische Handelspolitik der tschechoslowakischen Regierung vor allem die heimischen Plattenfirmen Esta und Ultraphon bevorzugt wurden und begannen, den Schallplatenmarkt zu kontrollieren.

 

Mitte der 1920er Jahre entstanden zwei tschechische Plattenfirmen, die in der Folge die Entwicklung der tschechischen Musikindustrie maßgeblich prägen sollten: Esta und Ultraphon. Die Esta war von Anfang an der populären Musik und auf ein eher ländliches Publikum orientiert, wohingegen die Ultraphon mit ihrem Programm und angesehenen Interpreten stärker städtische Bildungsschichten anzusprechen versuchte. Die tschechische Ultraphon war ursprünglich eine Tochtergesellschaft der deutschen Ultraphon, die ihrerseits Teil des in den Niederlanden ansässigen Küchenmeister-Konzerns war, der 1931 spektakulär nach Jahren des ungebremsten Wachstums zusammenbrach.

Esta und Ultraphon traten zu einem Zeitpunkt in den tschechischen Markt ein, als sich in diesem noch viele andere Plattenfirmen tummelten. Der Marktführer war die Parlophon, die als Teil des Lindström-Konzerns, der 1925 von der britischen Columbia Graphophone aufgekauft worden war, 1929 in der Tschechoslowakei tätig geworden war, indem mit der tschechischen Novitas eine Vertriebsvereinbarung geschlossen wurde. Die Novitas stand im Eigentum des Musikindustriepioniers Diego Fuchs, dem es gelungen war, mit den bekanntesten tschechischen Sängern und Musikern Plattenverträge abzuschließen. Aufgrund des Top-Repertoires und den namhaften Künstlern konnte die Parlophon/Novitas in kürzester Zeit die Vorrangstellung am tschechischen Markt erringen, die ihre Platten zu einem überdurchschnittlich hohen Preis von 27 Kč 1930 anbieten konnte. Die Weltwirtschaftskrise forderte aber bald auch schon ihren Tribut von der Parlophon, die die Aufnahme tschechischen Repertoires einstellte und somit dieses Marktsegment den Marktneuligen Esta und Ultraphon überließ. Viele tschechische Künstler wechselten daraufhin von der Parlophon zu den beiden tschechischen Plattenfirmen. 1936 veröffentlichte die Parlophon nachweislich ihre letzte tschechische Platte und wurde dann zu einer reinen Vertriebsfirma für Schallplatten des britischen Mutterkonzerns.

Ein weitere für den tschechoslowakischen Markt wichtige Plattenfirma war die deutsche Homocord, die ebenfalls dem Lindström-Konzern zugerechnet werden kann. Die Homocord war bereits in den frühen 1920er Jahren am tschechischen Markt aktiv geworden, und es wurde in Prag sogar ein Plattenpresswerk errichtet. Den Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Erfolgs erreichte die Homocord als ihr langjähriger Geschäftsführer, Otto Fischl, durch Emil Schmelkes 1929 ersetzt wurde. Schmelkes, der zuvor das in Konkurs gegangene Vox Plattenlabel geleitet hatte, verfolgte eine aggressive Wachstumspolitik, die der Homocord aber nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zum Verhängnis wurde. Der wirtschaftliche Niedergang mündete 1935 in einem Konkurs und die Homocord wurde aus dem Firmenregister gestrichen. Obwohl Schmelkes zwei Konkurse zu verantworten hatte, war er dennoch als Manager weiterhin gefragt und avancierte zum Geschäftsführer der tschechischen Esta; aber dazu noch später.

Die Weltwirtschaftskrise, der vielen Plattenfirmen in der ČSR zum Verhängnis geworden war, wurde durch die protektionistische Politik der tschechoslowakischen Regierung noch verschärft. Um die heimische Produktion vor Importen aus dem Ausland vermeintlich zu beschützen, wurden die Einfuhrzölle drastisch erhöht, was vor allem die stark von Importen abhängige Musikindustrie traf. Nachdem die Schutzzölle bereits 1931 erhöht worden waren, erfolgte 1933 eine Versechsfachung der Tarife (Kotek 1998: 21). Das war der endgültige Todesstoss für die am tschechischen Markt tätigen, ausländischen Plattenfirmen. Einen Vorteil hingegen hatten die heimischen Unternehmen – Esta und Ultraphon –, über deren Entwicklung nun in der Folge genauer berichtet werden soll.

 

Die Geschichte der Esta

Eine Gruppe von Prager Geschäftsleuten, die allesamt in Verbindung zur Holzhandelsfirma Foresta standen, fassten 1930 den Plan, eine rein tschechische Plattenfirma zu gründen. Der Vize-Direktor der Prager Commerzbank, Josef Buršík, der Immobilienmakler Egon Bondy, der einen Großteil des Eigenkapitals zur Verfügung stellte aber bereits 1933 wieder ausstieg sowie der Geschäftsmann und spätere Direktor Rudolf Hajek bezogen eher bescheidene Büroräumlichkeiten im Prager Vorort Holešovice. Die neu gegründete Firma wurde unter dem Namen Esta registriert. Die ursprüngliche, innovative Geschäftsidee war, unzerbrechliche und biegsame Schallplatten auf Basis von Celluloid mit Hilfe von Matrizen der deutschen Kalliope herzustellen. Allerdings wurde bald klar, dass Celluloid keineswegs die Zukunftstechnologie der Musikindustrie war. Es war als Trägermaterial höchst unzuverlässig und von minderer Qualität. Bereits Ende 1930 kündigte Esta die Umstellung der Produktion auf Schellack-Schallplatten an, um den drohenden Konkurs abzuwenden. Nach Erinnerung von Jan Valentini vom Hauptkonkurrenten Ultraphon, hatte die Esta 1931 in kürzester Zeit einen Schuldenberg von 9 Millionen Kč aufgetürmt (Kotek 1998: 21). Die Esta trat die Flucht nach vorne an. Die erste Eigenproduktion war die Aufnahme zweier Schlager aus dem bereits erwähnten ersten tschechischen Tonfilm „C. a k. polní maršálek“, die sowohl in Tschechisch als auch in Deutsch am Tag der Filmpremiere im Oktober 1930 veröffentlicht wurden. Der finanzielle Erfolg dieser Platte allein hätte aber den Untergang nicht abwenden können. Der allgemeine wirtschaftlichen Niedergang und der Druck, der von den Billig-Labels der Konkurrenz (z.B. Slavia, Nolaphon, Sortima oder Lido) ausging, zwang die Esta ihre Platten im angrenzenden Ausland – Polen, Ungarn und Deutschland – zu vertreiben. Die Rettung vor dem finanziellen Ruin hatte die Esta zwei Umständen zu verdanken: Der damals sehr populäre tschechoslowakische Sportklub Sokol kaufte große Mengen an Esta-Schallplatten für seine vielen Vereinsmitglieder an, und die deutsche Crystalate lizensierte Esta-Aufnahmen für ihr Kristall-Label. Zudem brachte der Auftrag der tschechischen Akademie der Wissenschaften, historische Pathé-Aufnahmen wieder zu pressen und zu veröffentlichen sowie ethnografisch wichtige Aufnahmen von Volksmusik zu machen, zusätzliches Prestige.

1934 hatte die Esta zwar den Konkurs endgültig abgewendet, befand sich aber immer noch in einer sehr angespannten wirtschaftlichen Situation. Deshalb wurden Verhandlungen über eine Fusion mit dem Hauptkonkurrenten Ultraphon aufgenommen. 1935 wurde aber Rudolf Hayek, der die Fusionsgespräche eingefädelt hatte, als Direktor seiner Funktion enthoben und durch den uns schon bekannten Emil Schmelkes, der zuvor die Homocord geleitet hatte, ersetzt. Schmelkes erteilte den Fusionsplänen mit der Ultraphon eine Absage. Er leitete stattdessen eine radikale Umstrukturierung der Esta ein und schloss mit der US-amerikanischen Brunswick sowie mit der Polydor (dem Exportlabel der Deutschen Grammophon) Lizenzverträge ab. Als sich aber 1937 immer noch keine substanzielle Verbesserung der wirtschaftlich angespannten Lage abzeichnete, entschlossen sich die beiden verbliebenen Eigentümer Hayek und Buršík zum Verkauf ihrer Esta-Anteile an den Hauptgläubiger, die tschechoslowakische Commerzbank, für eine symbolische tschechische Krone. Ein Jahr später wurde dann gleich die ganze Commerzbank inklusive Esta und anderer Beteiligungen vom größten tschechoslowakischen Buch- und Zeitschriftenverlag, Melantrich, übernommen. Gössel vermutet, dass Melantrich bereits 1935 das wirtschaftliche Potenzial der phonografischen Industrie als vielversprechend eingeschätzt hat, nachdem die Ultraphon sieben Schallplatten mit Wanderliedern für den Verlag produziert hat, die dem Jugendmagazin „Ahoj na nedeli“ beigelegt worden waren. Die Platten erfreuten sich nicht nur großer Beliebtheit unter der Wanderjugend, sondern waren insgesamt ein großer kommerzieller Erfolg.

Der neue Eigentümer der Esta beendete die Niedrigpreispolitik und hob die Preise über alle Produktkategorien hinweg an. Gleichzeitig wurden die Rabatte gegenüber dem Einzel- und Großhandel drastisch eingeschränkt. Das Label wurde relaunched und insgesamt gelang es Melantrich die Esta wieder auf gesunde wirtschaftliche Beine zu stellen. Das Label war bis 1946, als mit der Verstaatlichung von tschechischen Unternehmen begonnen wurde, Teil des Melantrich-Konzerns.

Eng verbunden mit der Esta war das deutsche Polydor-Label, das in der Tschechoslowakei nicht von der Prager Geschäftsstelle der Deutschen Grammophon Gesellschaft (DGG), sondern von der in der Kleinstadt Cheb ansässigen Firma Christl & Schmidt, vertreten wurde. Die tiefe Rezession in Deutschland hatte die DGG 1932 veranlasste auch in der Tschechoslowakei direkt tätig zu werden. Um das wirtschaftliche Risiko gering zu halten, wurde die Polydor im Joint Venture mit Christl & Schmidt geführt. Die tschechische Polydor veröffentlichte ausschließlich tschechisches Repertoire, dass in Studios der Esta aufgenommen und in deren Plattenpresswerk vervielfältigt wurde. Zwischen 1935 und 1943 benutzte die DGG die Esta-Presswerke sogar, um Jazzplatten der US-amerikanischen Brunswick für den tschechischen Markt unter dem Titel „Tanzmusik“ herzustellen. In dieser Zeit wurde von der Esta und der Polydor sogar ein gemeinsamer Katalog für die Tschechoslowakei bzw. das Protektorat Böhmen und Mähren veröffentlicht.

 

Die Geschichte der Ultraphon

Der deutsche Unternehmer Heinrich Küchenmeister gründete am Beginn des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden die Küchenmeister Ultraphon Maatschappij Aktiengesellschaft, die unter anderem auch Phonographen der Marke Ultraphon herstellte. Bald schon war der Küchenmeister-Konzern als Deutsche Ultraphon in der Weimarer Republik tätig und schlug in den 1920er Jahren einen Expansionskurs ein, in dessen Zuge der Leiter der österreichischen Niederlassung 1927 in Prag einen Vertriebspartner für Ultraphon-Artikel in der ČSR suchte. Gustav Sušický, Eigentümer der Handelsgesellschaft für Staubsauger und andere Elektro- Geräte, war dazu bereit. Als dann 1928 die Ultraphon auch in die Schallplattenproduktion einstieg, erhielt Sušický den Exklusivvertrieb für die Tschechoslowakei. Gemeinsam mit der Brüdern Jan und František Valentini gründete er 1929 die Ravitas GmbH.

Das Ziel der Ravitas war es, in kürzester Zeit einen Katalog tschechischer Musikaufnahmen einzuspielen. Ursprünglich bediente man sich dabei der Aufnahmestudios der Deutschen Ultraphon in Berlin. Aber einige Aufnahme entstanden bereits in einem Prager Studio mit Hilfe deutsche Tontechniker. Auf diese Weise wurden allein im Jahr 1930 insgesamt 160 tschechische Aufnahmen produziert. Mitten in diese Phase intensiver Aufnahmetätigkeit platzte die Nachricht der Zahlungsunfähigkeit der niederländischen Konzernmutter, die 1931 schließlich Konkurs anmelden musste. Die Deutsche Ultraphon wurde mit in den wirtschaftlichen Abgrund gerissen und die Konkursmasse an den Elektro-Konzern Telefunken verkauft. Die tschechische Tochtergesellschaft hingegen wurde zusammen mit einem großen und wertvollen Matrizenlager (22.000 Orchestrola-, 121.000 Ultraphon- und 9.000 Musica Sacra-Aufnahmen) um 1 Million Kč an die Ravitas verkauft. Die Ravitas konnte eine so große Summe nicht aufbringen, konnte aber eine Zahlung in zwei Raten ausverhandeln, um Zeit zu gewinnen. Die Zeit wurde dazu genutzt, um im April 1931 das tschechoslowakische Handelsministerium davon zu überzeugen, sämtliche Vermögens- und Schuldpositionen der Ravitas in eine Aktiengesellschaft, die Ultraphon A.S., einbringen zu dürfen, um auf diese Weise an Finanzierungskapital zu kommen. Gustav Sušický wollte dieses Hasardspiel nicht mitmachen und zog sich aus dem Unternehmen zurück, das die Gebrüder Valentini am 1. Januar 1932 der Wirtschaftskrise zum Trotz an die Prager Börse brachten.[1] Buchstäblich ein Schlager, nämlich Karel Vaceks „Cikánka“ [„Zigeunermädchen“], sollte die finanziellen Probleme der Ultraphon AG lösen, nachdem sich dieser völlig überraschend mehr als 100.000 Mal verkauft hatte.

Die Ultraphon konnte in der Folge seinen Marktanteil auf 36% im Jahr 1933 steigern, nachdem sie insgesamt 300.000 Einheiten der Label Ultraphon, Orchestrola und Artona absetzen konnte. Im selben Jahr wurde auch ein Tonstudio in Prag eingerichtet, was die Aufnahme tschechischer Künstler und tschechischen Repertoires wesentlich erleichterte. Auch in den Folgejahren konnte die Ultraphon das Niveau halten und war in der Lage Ausfälle im Einzelhandelsgeschäft durch den erhöhten Absatz von Billig-Schallplatten über Kaufhäuser zu kompensieren. Es wurde sogar noch ein zweites Billig-Label mit der Selekton ins Leben gerufen, um steigenden Nachfrage nach preiswerten Schallplatten nachkommen zu können.

Auch ausländische Schallplattenfirmen, insbesondere aus Österreich und Deutschland, griffen gern auch die Infrastruktur der Ultraphon zurück. Das in Wien ansässige Phönix-Label ging sogar noch einen Schritt weiter und presste tschechische Ultraphon-Aufnahmen in Lizenz für die große tschechische Community in Wien. Die Ultraphon bemühte sich auch, Repertoire der Deutschen Gammophon (DGG), der US-amerikanischen Brunswick und der Polydor in Lizenz für den tschechischen Markt auf Schallplatte zu pressen, allerdings wurde sie von der Esta, wie bereits früher angemerkt, dabei ausgebootet. So blieb es lediglich bei einem umfassenden Lizenzabkommen mit der deutschen Telefunken Schallplatten GmbH, die sich als Hauptkonkurrent der DGG am deutschen Markt etablieren konnte.

Während im tschechischen Teil der Tschechoslowakischen Republik das Geschäft der Ultraphon trotz Wirtschaftskrise ganz gut lief, hinkte der slowakische Teil hinterher. Die Ultraphon musste sein Lagerhaus in Žilina schließen und der slowakische Markt wurde nunmehr über reisende Außendienstmitarbeiter so recht und schlecht bearbeitet.[2] Trotz dieser Schwierigkeiten geriet die Ultraphon – im Gegensatz zu seinem Hauptkonkurrenten Esta – nicht in Insolvenzgefahr. 1937 konnte die volle Kapazitätsauslastung des Ultraphon-Presswerks vermeldet werden, wo in zwei Schichten gearbeitet wurde, was zu einem Umsatz von 6 Millionen Kč führte.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Ultraphon war die Zusammenarbeit mit der deutschen Telefunken Schallplatten GmbH. Die Ultraphon war der Generalvertreter der Telefunken in der ČSR, was auch einen Leihvertrag von Telefunken-Aufnahmeequipment für tschechische Produktionen umfasste. Die Telefunken war ursprünglich 1903 als Joint Venture der beiden deutschen Elektro-Konzerne AEG und Siemens & Halske in Leben gerufen worden, um Telegraphen- und Telefonausrüstung herzustellen. Die Telefunken stieg erst 1932 in die Musikindustrie ein, nachdem die Konkursmasse der Deutschen Ultraphon um 100.000 Reichsmark erworben worden war. Damit konnte die Telefunken sein audiovisuelles Portfolio, in dem bereits die Tobis Klangfilm und Hersteller von Radiogeräten und –ausrüstung zu finden waren, abgerundet werden. 1933 ging die Telefunken, wie bereits erwähnt, mit der tschechischen Ultraphon eine enge Kooperation ein, wonach deutsches Repertoire im Ultraphonwerk auf Schallplatte gepresst wurde. Die Aufnahmen wurden sogar im regulären Ultraphon-Katalog zum Kauf angeboten.

Das zweite Label der tschechischen Ultraphon war die Orchestrola, die von 1928 bis 1932 als Billig-Label der Orchestrola-Vocalion Gesellschaft betrieben wurden. Sie war somit ein Joint Venture des Küchenmeister-Konzerns und der britischen Vocalion Records. Als dann 1931 der Küchenmeister-Konzern gemeinsam mit der Deutschen Ultraphon zusammenkrachte, verschwand die Orchestrola zwar in Deutschland vom Markt, aber das seit 1930 in der ČSR von Valentinis Ravitas angebotene tschechische Repertoire wurde nun von der tschechischen Ultraphon weiterhin veröffentlicht. Deshalb konnte die Orchestrola weiterhin in der Tschechoslowakei bestehen, wurde aber dann ins Selekton-Label umgewandelt.

 

Die tschechoslowakischen Musikindustrie in den 1930er Jahren

Zwei Faktoren prägten die musikindustrielle Entwicklung in der Tschechoslowakei in den 1930er Jahren. Das war natürlich die seit 1929 um sich greifende wirtschaftliche Depression und damit zusammenhängend die immer stärkere Protektionismus der Regierung. Die drastische Erhöhung der Schutzzölle zwang unter anderem auch die ausländischen Tonträgerunternehmen, das Land zu verlassen. Somit konnten sich die beiden heimischen Firmen, Ultraphon und Esta, nachhaltig als wichtige Marktakteure etablieren.

Trotz aller Restriktionen gelang es einigen ausländischen Plattenfirmen, Schlupflöcher in der Gesetzgebung zu nutzen, um die hohen Handelsschranken zu umgehen. Da die Matrizen nicht den hohen Einfuhrzöllen unterlagen, konnten diese für die Herstellung ohne Problem in der ČSR gebracht werden und tschechische Presswerke übernahmen dann die Vervielfältigung. Manche ausländische Unternehmen gingen sogar so weit, dass ihr gesamter Katalog in tschechoslowakischen Presswerken nachgepresst wurde. Diese Strategie verfolgte vor allem die Polydor, die als Exportlabel der Deutschen Grammophon fungierte. Tschechisches Repertoire, das in Wien oder Berlin aufgenommen worden war, wurde auch diese Weise von der tschechischen Esta ab 1932 auf Schallplatte gepresst. Eine andere Strategie verfolgte die deutsche Pallas, die in einem Dorf nahe dem berühmten Kurort Karlovy Vary [Karlsbad] ein Presswerk errichtete, das direkt die sudetendeutsche Bevölkerung mit deutschsprachigen Schallplattenaufnahmen versorgte. Die Pallas war Teil der deutschen Clement Claus AG und nutzte auch das Esta-Tonstudio in Prag für tschechische Aufnahmen. Allerdings gab es das Gerücht, dass die Pallas niemals Aufnahmen in den Esta-Studios durchführte, sondern dass es sich um kommerziell wenig erfolgreiche Esta-Platten handelte, die unter dem Pallas-Label veröffentlich wurden. Wie dem auch sei, Pallas-Platten waren Billig-Schallplatten, die qualitativ den Esta-Aufnahmen unterlegen waren. Die einzige ausländische Schallplattenfirma, die sich trotz der protektionistischen Handelspolitik in der ČSR halten konnte, war die britische Gramophone Company (später EMI), die mit ihrem Presswerk in Ústí nad Labem schon lange über eine Produktionsstätte in der Tschechoslowakei verfügte.

Die wirtschaftlich schwierigen Rahmenbedingungen lösten zudem einen fast schon ruinösen Preiswettbewerb aus. Zahlreiche Billig- und Billigstlabel waren in den 1930er Jahren am Markt aktiv geworden, was dazu führte, dass innerhalb von nur zwei Jahren die regulären Schallplattenpreise um 50% sanken. Kotek (1998: 20) vermutet dahinter sogar ein verstecktes Preiskartell ausländischer Unternehmen, die auf diese Weise die Ultraphon und die Esta wirtschaftlich unter Druck setzen wollten. Jedenfalls lässt sich der Preisverfall gut nachvollziehen. Während 1931 noch Opern- und Klassikaufnahmen der renommierten „roten Labels“ der Ultraphon noch 25 Kč bzw. 36 Kč kosteten, wurden Platten aus dem tschechischen wie auch deutschen Ultraphonkatalog 1932 unter dem Artona-Label um 15 Kč angeboten. Auf dem zweiten Billig-Label, Selekton, wurden die Platten ebenfalls um 15 Kč verkauft, wobei der Preis bald schon auf 12,50 Kč gesenkt wurde. Die Esta bot 1930 ihre Schallplatten um 25 Kč an, senkte aber die Preise bis 1933 auf 12,50 Kč. Erst Mitte der 1930er Jahre wurden die Preise auf Druck der tschechischen Verwertungsgesellschaft OSA[3] auf 15 Kč angehoben, nachdem die OSA gedroht hatte, seine Lizenzen zurück zu ziehen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Protektionismus und des ruinösen Preiswettbewerbs können auch an der Importstatistik für Schallplatten (Lochmann 1955) abgelesen werden. Innerhalb von fünf Jahren hat sich dadurch der Wert der Schallplatten-Importe in die ČSR um 95% verringert.

Die Wirtschaftskrise löste nicht nur einen Preisverfall für Schallplatten aus, sondern schlug sich auch in neuen A&R- sowie Werbeformen nieder. In den frühen 1930er Jahren tauchten erstmals so genannte „Werbe-Schallplatten“ auf, die ursprünglich von beliebten Straßenmusikanten eingespielt worden waren. Die Produktionskosten für solche Aufnahmen waren sehr niedrig, vor allem weil die Interpreten so gut wie kein Honorar erhielten. Erst wenn sich eine solche Aufnahme, die noch dazu über Werbung finanziert war, als Verkaufserfolg heraus stellte, wurde den Interpreten ein Plattenvertrag angeboten. Man könnte diese Form als eine Art frühe Casting-Show ohne Mediensupport bezeichnen, da eine unüberschaubare Menge von Amateurmusikern, in der Hoffnung ein Schallplattenstar zu werden, ins Aufnahmestudio drängten.

Trotz aller wirtschaftlichen Probleme, wuchs die Zahl der Plattenpresswerke auf tschechoslowakischem Boden in der ersten Hälfte der 1930er Jahren wegen der protektionistischen Handelspolitik. Esta, Ultraphon und Pallas richteten neue Presswerke ein und die Gramophone Co. betrieb weiterhin das Werk in Ústí nad Labem. Das von Herrmann Maassen in Obergrund errichtete Werk wurde nach seinem Tod im Jahr 1931, von seinem langjährigen Geschäftspartner Hermann Eisner, der auch der Artiphon Schallplatten Gesellschaft vorstand, übernommen. Eisner wandelte das Unternehmen nun in die Artiphon-Eisner & Co. um, die teilweise auch von der britischen Columbia Graphophone Co. (später EMI) mitfinanziert wurde. Josef Vrba, der die Columbia in der ČSR repräsentierte, wurde zum Leiter der tschechischen Artiphon-Niederlassung ernannt. Gössel vermutet, das diese Quasi-Übernahmen durch die Columbia/EMI ein Angriff auf die Esta und Ultraphon war, um deren immer stärken Einfluss in der tschechoslowakischen Musikindustrie zurück zu drängen. Im Obergrunder Werk wurden jedenfalls zwischen 1932 und 1935 vor allem von importierten Artiphon-Matrizen gepresst. Aber für die Artiphon-Eisner & Co. waren die hohen Zolltarife letztendlich der Grund, den tschechoslowakischen Markt 1935 wieder zu verlassen. Die Parlophon, Odeon und andere Lindström-Label, die dem Columbia-Konzern zuzurechnen waren und durch Diego Fuchs‘ Novitas vertreten wurden, stellten ihre Tätigkeit in der ČSR zur Gänze ein. Durch die Fusion zwischen Gramophone Co. und Columbia Graphophone Co. unter dem Dach der EMI, war es auch nicht mehr nötig mehrere Standbeine im Land aufrecht zu erhalten. Man fand mit dem Gramophone-Werk in Ústí nad Labem das Auskommen. Die deutsche Homocord verließ den tschechoslowakischen Markt 1934, sodass ab 1936 ein Oligopol von drei Plattenfirmen die Tonträgerindustrie in der ČSR kontrollierte: die heimischen Esta und Ultraphon sowie die britische Gramophone Co. als Teil der EMI.

 

Literatur

Gössel, Gabriel (2001). Fonogram I. Praha: Radioservis.

Gössel, Gabriel (2006). Fonogram II. Praha: Radioservis.

Gramofonovy prumysl. http://www.usti-nl.cz/dejiny/19stol/ul-5-31.htm (Zugriff am 20.10.2011). Anmerkung: Offizielle Webseite der Stadt of Ústí nad Labem mit Archivmaterial des Stadtmuseums.

Kotek, Vladimir (1998). Dejiny ceske popularni hudby a zpevu (2) 1918–1968 [Eine Geschichte der tschechischen Popularmusik]. Praha: Academia.

Lochmann, Adolf (1955). Gramofnova deska [Die Grammophon-Schallplatte]. Praha: Prace

 

Im nächsten und letzten Teil der Serie wird die Entwicklung der tschechischen Musikindustrie während des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren bis zur Nationalisierung der Plattenfirmen im Jahr 1948 nachgezeichnet.

 


[1] Es sei angemerkt, dass auf diese Weise auch die Tochtergesellschaften der Ultraphon in Frankreich, Albanien, Italien, Belgien, Luxemburg und in der Schweiz ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangten.

[2] Es sei aber vollständigkeitshalber dazu gesagt, dass auch in Böhmen und Mähren Handlungsreisende aktiv waren, um vor allem in den ländlichen Regionen preiswerte Schallplatten unter das Volk zu bringen.

[3] Ochranný svaz autorský pro práva k dílům hudebním, o.s.


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