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Die Geschichte der tschechischen Musikindustrie von 1890 bis 1948 – Teil 2

Gastbeitrag von Daniel Matoušek übertragen ins Deutsche von Peter Tschmuck

Die wissenschaftliche Literatur zur tschechischen und tschechoslowakischen Musikindustrie ist insgesamt dünn gesät. Vor allem über die Zeit nach 1950 ist wenig bis gar nichts bekannt. Dank der Bemühungen des tschechischen Schallplattensammlers und Musikindustrie-Historikers Gabriel Gössel ist zumindest einiges über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in seinen Büchern „Fonogram I“ (2001) und „Fonogram II“ (2006) zur Musikindustrie im Territorium der heutigen Tschechischen Republik aufgearbeitet worden. Da diese Bücher vorerst nur in tschechischer Sprache verfügbar sind, hat Daniel Matoušek die Pionierarbeit geleistet und die zentralen Stellen dieser Bücher ins Englische übertragen. Seine Zusammenfassung kann bereits in vier Teilen im Music Business Research Blog nachgelesen werden. Ich habe nun Matoušeks Texte auch ins Deutsche übertragen, womit erstmals Erkenntnisse zur frühen Musikindustrie in den tschechischen Ländern – Böhmen und Mähren – in Englisch und Deutsch nachgelesen werden können.

Im Teil 2 wird die Situation der tschechischen Musikindustrie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die tschechischen Länder mit der Slowakei zur Ersten Tschechoslowakischen Republik zusammengeschlossen haben, näher beleuchtet.

Der Erste Weltkrieg stellte für die musikindustrielle Entwicklung in den tschechischen Ländern – Böhmen und Mähren –eine Zäsur dar. Die Produktion von Schallplatten ging auf ein sehr niedriges Niveau zurück, nicht zuletzt weil die Presswerke zur Herstellung von Kriegsmaterial umgerüstet wurden. Zudem wurden alle Unternehmen „feindlicher“ Staaten enteignet und unter staatliche Aufsicht gestellt.

Trotz der Kriegswirren und des Zusammenbruchs der Habsburger Donaumonarchie im November 1918, dauerte es nicht allzu lange, bis ausländische Plattenfirmen in der neu entstanden Tschechoslowakischen Republik (ČSR) wieder ihre Tätigkeiten aufnahmen. Die deutsche Odeon war 1920 das erste ausländische Label, das in der ČSR wieder Schallplatten veröffentlichte. Kurz danach folgte die französische Pathé, die von der Radio-Lucerna-Gesellschaft im Land vertreten wurde. Die Gramophone Co. wurde 1922 in der ČSR wieder aktiv, indem sie den bekannten tschechischen Sänger und Schauspieler Karel Hašler zum Direktor ihrer Niederlassung in Prag machte. Die Columbia Graphophone wurde in der ČSR erst wieder 1924 aktiv und deutsche Kalliope brauchte bis 1929, um über die Triumphon im Land wieder präsent zu sein, obwohl sie in Deutschland schon seit 1920 wieder Schallplatten produzierte.

Neben der Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit durch die Tonträgerunternehmen sollte vor allem das Auftreten eines Rundfunks in der Tschechoslowakei die Entwicklung der Musikindustrie auch dort stark beeinflussen. Die Geschichte des tschechoslowakischen Rundfunks beginnt als private Unternehmung einiger weniger, enthusiastischer Geschäftsleute im Mai 1923 in einem Zelt am Prager Militärflughafen Kbely (Jesutova 2003: 21). Der erste Programmdirektor Miloš Čtrnáctý war davon überzeugt, dass Radio nicht der Unterhaltung dienen sollte, sondern vor allem einen Kultur- und Bildungsauftrag zu erfüllen hätte. Aus diesem Grund war in den Anfangsjahren 1923 und 1924 keine so genannte Unterhaltungsmusik im tschechoslowakischen Radio zu hören. Erst als die Radiohörer vehement mehr Musikberieselung einforderten, wurden leichte Salonstücke ins Programm genommen. Im Herbst 1924 wurde zum ersten Mal die „Schlager-Abende“ gesendet und Ende des Jahres war sogar Jazz-Musik zu hören. Bald folgten auch kabarettistische Programme mit entsprechender Musikbegleitung. Erst im November 1926 wurde erstmals auch Schallplattenmusik im Nachtprogramm gesendet. 1927 wurden dann schon die Mittwoch- und Samstagabende von „eleganten Jazz-Ensembles“ bestritten. Kabarett- und „unterhaltsame“ Abende wurden immer öfter gesendet und waren in den 1930er Jahren ein fixer und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Radioprogramms geworden.

Während der Rundfunk aufblühte und die Schallplattenproduktion in der ČSR wieder aufgenommen wurde, gab es kurz nach dem Krieg immer noch keine Tonstudios im Land. Erst die Odeon richtete ein solches in Prag ein, das ab 1925 auch vom tschechoslowakischen Rundfunk genutzt wurde. Trotzdem wurde der Großteil der tschechischen Schallplatten entweder in Berlin oder in Wien aufgenommen und meistens dort auch gepresst. Da es aufgrund der zu hohen Reisekosten nicht möglich war, ganze Orchester nach Wien oder Berlin zu schicken, traten nur die Solisten die Reise an und wurden dann von Klangkörpern der jeweiligen Plattenfirmen bei der Aufnahme begleitet. Nur in Ausnahmefällen konnte durchgesetzt werden, dass herausragende tschechische Dirigenten die Interpreten auf ihrer Reise begleiten durften. Lochmann (1955: 246) verweist auf ein weiteres, privat betriebenes Tonstudio, das 1928 seinen Betrieb in Prag aufgenommen hatte. Es handelte sich um das Dubbing Studio, in dem jedermann gegen Bezahlung von 25 Kč (tschechischen Kronen) für eine ¾ Minute seine eigene Stimme auf einer dünnen Metallfolie verewigen konnte.

Platten-Presswerke waren hingegen einige in Betrieb. Eine neue Fabrikstätte wurde von der Homocord 1923 in Prag eröffnet, die allerdings wegen technischer Unzulänglichkeiten bereits 1930 wieder geschlossen werden musste. Es waren also vor allem die bereits bestehenden Presswerke, die für die Schallplattenherstellung in der Tschechoslowakei von Bedeutung waren. Das Werk in Ústí nad Labem wurde bereits 1919 von der britischen Gramophone Company wieder in Betrieb genommen. Hermann Maassens Fabrik in Obergrund war Anfang der 1920er auch wieder aktiv. 1924 begann im Obergrunder Werk die Herstellung von Schallplatten für Hermann Eisners Artiphon und für zahlreiche, kurzlebige Labels wie Alfa, Omega, Stadion, Home, Special, Record, Titania, Mirofon oder Rubin. Produziert wurden vor allem Billig-Schallplatten, die als Trägermaterial Karton verwendeten. Als sich dann Mitte der 1920er Jahre die elektrische Aufnahmetechnik durchzusetzen begann, rüstete das Werk in Obergrund auf moderne und anspruchsvollere Aufnahmen um, die aus Artiphon-Matrizen hergestellt wurden.

Die elektrische Aufnahmetechnik ermöglichte nicht nur qualitativ bessere Aufnahmen, sondern trug auch wesentlich zur Expansion der Filmindustrie in der Tschechoslowakei bei. Die erste Tonfilmvorführung ist bereits für das Jahr 1929 im Prager Kino Lucerna, das von der US-amerikanischen Western Electric mit einem Tonsystem ausgerüstet worden war, belegt. 1929 wurden bereits 20 Tonfilme – alle ausländischer Herkunft – gezeigt. 1930 waren es bereits 200 Filme, davon bereits fünf aus tschechischer Produktion. Ende 1930 waren in der gesamten Tschechoslowakei bereits 40 Tonfilmkinos in Betrieb.

Die phonografische Industrie reagierte rasch auf die Einführung des Tonfilms in der ČSR. Populäre Filmmusiktitel wurden sogleich auf Schallplatte produziert, wobei diese meist in Berlin aufgenommen wurden. Die beiden ersten Musiktitel aus einem tschechischen Film – „C. a k. polní maršálek“ – wurden von der Plattenfirma Esta am Tag der Filmpremiere veröffentlicht.

Die Akteure der tschechoslowakischen Musikindustrie waren meist die gleichen wie vor dem Krieg, obwohl auch neue Namen dazu kamen. Ein solcher Neuling war der 30jährige Josef Friml, der in der ostböhmischen Kleinstadt Třebechovice pod Orebem 1922 einen Großhandel für Musikinstrumente eröffnet hatte. Mitte der 1920er Jahre hatte sein Geschäft schon mehr als 2.000 Instrumente im Sortiment, was es zum größten Instrumentenhandel der ČSR machte. 1925 fügte Friml seiner Produktpalette Grammophone, Schallplatten und diverses phonografisches Zubehör hinzu. Seine Werkstatt in Třebechovice, die unter dem Namen „Ostböhmische Musikindustrie Josef Friml“ firmierte, beschäftigte fünf Arbeiter und unterhielt auch ein großes Lagerhaus. Zwanzig verschiedene Typen von Grammophonen wurden in Handarbeit hergestellt, wobei das Holz dazu von lokalen Tischlereien bezogen wurde, die Metallteile und die Feinmechanik aber von den bekannten Schweizer Firmen Thorens und Paillard importiert wurden. Die meisten der Grammophone waren Auftragsarbeiten. Die Preise reichten von 200 Kč für ein Basismodell bis zu 2.400 Kč für Luxusausführungen. Dank dem Wegfall der Importzölle konnte Friml seine Geräte um 20 bis 40 Prozent billiger anbieten als gleichwertige im Ausland gefertigte Grammophone. Der monatliche Produktionsausstoß betrug zwischen 160 bis 200 Stück. Frimls ungewöhnlicher Geschäftserfolg, der sogar der Weltwirtschaftskrise standhielt, basierte nicht nur auf maßgeschneiderten Luxus-Grammophonen, sondern auch in der Erzeugung von Münz-Grammophonen, die in Restaurants, Biergärten oder öffentlichen Plätze unentgeltlich aufgestellt wurden. Beim Wechseln der Abspielnadeln wurde das eingeworfene Geld (0,5 Kč pro Plattenseite) von Friml bzw. seinen Mitarbeiters eingesammelt und zwar solange, bis ein bestimmter Betrag, der dem Preis des Geräts entsprach, erreicht war. Danach ging das Gerät in das Eigentum der Wirte über. Diese innovative Form des „Geräte-Leasing“ stellte sich bald als erfolgreiches Geschäftmodell heraus. Frimls Unternehmen überstand nicht nur die Jahre der Weltwirtschaftskrise, sondern auch die Nazi-Okkupation von 1939 bis 1945. Erst 1948 wurde die Firma nach dem kommunistischen Umsturz zwangsenteignet und verstaatlicht. Aus Sicht der US-amerikanischen Musikindustrie mag das Geschäftsmodell Frimls weniger revolutionär anmuten, da in den USA auch schon während der Großen Depression das Jukebox-Business gang und gäbe war. Aber für die Tschechoslowakei waren Musikmünzautomaten alles andere als selbstverständlich und Juxeboxen wurden in der ČSSR überhaupt erst Anfang der 1970er Jahre aufgestellt (Doruzka 1978: 131).

 

Im dritten Teil der Serie wird es dann vor allem um die beiden tschechischen Schallplattenunternehmen Esta und Ultraphon gehen, die insbesondere in den 1930er Jahren die Entwicklung der tschechischen Musikindustrie bestimmten.

 

Literatur

Gössel, Gabriel (2001). Fonogram I. Prague: Radioservis.

Gössel, Gabriel (2006). Fonogram II. Prague: Radioservis.

Doruzka, Lubomir (1978). Popularna hudba: Priemysl, obchod, umenie [Popularmusik: Industrie, Business, Kunst]. Bratislava: Opus.

Gramofonovy prumysl. http://www.usti-nl.cz/dejiny/19stol/ul-5-31.htm (Zugriff am 20.10.2011). Anmerkung: Offizielle Webseite der Stadt of Ústí nad Labem mit Archivmaterial des Stadtmuseums.

Jesutova, Eva (2003). Od mikrofonu k posluchacum: Z osmi desetileti Ceskeho rozhlasu [Vom Mikrofon zu den Hörern: Acht Jahrzehnte des tschechischen Rundfunks]. Prague: Cesky Rozhlas.

Lochmann, Adolf (1955). Gramofnova deska [Die Grammophon-Schallplatte]. Praha: Prace.



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