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Aug
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Die britische Musikindustrie im Überblick – Zusammenfassung der Studie ‚Adding Up the UK Music Industry‘

Will Page und Chris Carey von der britischen Musikverwertungsgesellschaft PRS for Music haben nun schon zum dritten Mal einen Gesamtüberblick über die Musikindustrie des Vereinigten Königreichs unter dem Titel “Adding Up the UK Music Industry 2010” abgeliefert. Darin zeigen sie, dass die gesamten Einnahmen der britischen Musikindustrie um 4,8% von £3,964 Mrd. auf £3,775 Mrd. im Jahr 2010 gefallen sind. In dieser Zahl enthalten sind sämtliche Umsätze der phonografischen Industrie – bewertet zu Einzelhandelspreisen –, wie sie vom britischen Musikindustrieverband BPI berichtet wurden (-7,9% auf £1,237 Mrd.). Ebenfalls enthalten sind die geschätzten Einnahmen (-6,8% auf £1,480 Mrd.) aus Ticketverkäufen und Nebeneinkünften bei Live-Musikveranstaltungen. Erfasst wurden auch die Tantiemenströme an die britischen Musikverwertungsgesellschaften PRS for Music (‑1,3% auf £0,425 Mrd.) und PPL/VPL (+18,9% auf £0,425 Mrd.) sowie die geschätzten Einnahmen der Unternehmen der phonografischen Industrie im B2B-Bereich (+7,2% auf £0,218 Mrd.), die direkten Einnahmen der Musikverlage abseits der Tantiemenströme der Verwertungsgesellschaften (+0,6% auf £0,242 Mrd.) und schließlich noch musikbezogene Werbe- und Sponsoringeinnahmen (+4,2% auf £0,094 Mrd.).

Will Page und Chris Carey, „Adding Up the UK Music Industry 2010“, Economic Insight, Issue 23, 04.08.2011

 

 

Hauptverantwortlich für den Rückgang der Umsätze in der britischen Musikindustrie waren vor allem die stark rückläufigen Einnahmen aus Tonträgerverkäufen, die nicht durch die immer noch wachsenden digitalen Musikverkäufe kompensiert werden konnten. Diese Tendenz wird sich in den Folgejahren noch verschärfen, weil auch der digitale Musikmarkt erste Anzeichen einer Sättigung zeigt.

Es sind aber das erste Mal nach langer Zeit die Einnahmen im Live-Musikbusiness (Ticketverkäufe sowie Nebeneinkünfte, z.B. aus dem Verkauf von Merchandisingartikeln) rückläufig. Es wäre aber laut Autoren verfehlt, eine Rezession oder gar Krise im Live-Geschäft identifizieren zu wollen. Stattdessen weisen sie darauf hin, dass nicht zuletzt im Live-Musikmarkt das Angebot die Nachfrage bestimmt. So waren 2010 weniger der zugkräftigen Live-Acts wie z.B. die Rolling Stones, Coldplay oder Take That in Großbritannien auf Tour. Insgesamt ist die Anzahl der Konzerte in Stadien und in mittleren sowie kleineren Veranstaltungsstätten gesunken. Demgegenüber hat sie Zahl der Musikfestivals in Großbritannien um 16% im Vergleich zum Vorjahr zugelegt, was sich in um 20% höheren Einnahmen in diesem Marktsegment nieder geschlagen hat. Die Autoren ziehen daher den Schluss, dass 2011, wenn Publikumsmagneten wie Rihanna und Justin Bieber in Großbritannien auf Tour sein werden, wieder einen Einnahmenzuwachs im Live-Musikbusiness bringen wird.

Das Bild bei den Tantiemeneinnahmen der britischen Musikverwertungsgesellschaften ist ein Geteiltes. So gingen die Einnahmen aus der Nutzung mechanischer Rechte, wie sie die PRS for Music wahrnimmt, wegen dem Rückgang im Tonträgergeschäft (-8,8%) zurück, wobei die Einnahmen aus digitalen Musikservices (+4,3%) und aus dem Bereich Rundfunk (+1,9%) dem Negativtrend entgegen wirkten. Berücksichtigt man noch die Kosteneinsparungen von 10,0% in der PRS-Administration bleibt ein kleines Minus von 1,6%. Hingegen konnten die beiden Verwertungsgesellschaften für Aufführungsrechte – PPL und VPL – einen Zuwachs im Tantiemenaufkommen von 18,9% auf £79 Mio. vermelden. Das ist vor allem auf die Steigerung im Bereich der internationalen Musiklizenzierung durch die Ausweitung der Gegenseitigkeitsverträge zurückzuführen, die ein Plus von 49% auf £31,7 Mio. gebracht hat.

Die Unternehmen der phonografischen Industrie konnten im B2B-Geschäft abseits der direkten Musikverkäufe Zuwächse von 7,2% auf £218 Mio. verzeichnen. Eine Detailanalyse zeigt, dass es vor allem die zusätzlichen Einnahmen von £10,8 Mio. von den werbebasierten Musikstreaming-Plattformen wie Spotify und We7 sind, die für das Plus verantwortlich sind.

Einen leichten Zuwachs von 0,6% auf £242 Mio. konnten auch die Musikverleger abseits der Tantiemenzahlungen durch die britischen Verwertungsgesellschaften 2010 verzeichnen. Während das Tantiemenaufkommen aus dem Ausland um 10,0% (£12,8 Mio.) im Vergleich zum Vorjahr zurück ging, und das Geschäft mit Musikdrucken sowie die Lizenzerträge aus dem großen Recht mehr oder weniger stabil waren, wuchsen die Lizenzerträge aus Synchronisationsrechten um 20,3% (+9,5 Mio.).

Schließlich konnten auch die Erträge aus musikbezogenen Werbe- und Sponsoringaktivitäten von £90,0 Mio. auf £93,6 Mio. bzw. um 4,3% zulegen. Die Einnahmen aus Live-Musik-Sponsoring stiegen dabei um £2,3 Mio. (+6,8%) und jene aus musikorientierten Werbe- und Sponsoringaktivitäten im Internet sowie im Mobile-Business um £1,0 Mio. (+16.3%).

Diese von Page und Carey kompilierten Daten geben insgesamt ein differenziertes Bild der gegenwärtigen Umbruchsituation in der Musikindustrie – und nicht nur in der britischen – wieder. Zwar ist der phonografische Musikmarkt in der Generierung von Einnahmen immer noch dominant, aber er verliert immer mehr an Bedeutung, obwohl die digitalen und mobilen Musikverkäufe ein Wachstum aufweisen. Dennoch ist die Sättigung des digitalen Musikmarktes absehbar, wodurch Einnahmen aus dem Lizenzgeschäft an Bedeutung gewinnen werden. Aber auch Management-Support für viel versprechende Künstler könnte ein wichtiges Geschäfts- und Ertragssegment in näherer Zukunft werden. Alle in diesem Bericht präsentierten Daten weisen jedenfalls in diese Richtung. Es gilt daher zum einen Effizienzpotenziale auszuschöpfen und zum anderen neue Märkte zu bearbeiten. In diesem Sinn sind zumindest die beiden Vorschläge der Autoren zu verstehen: (1) Standardisierung und Zentralisierung der Metadaten für Musiktransaktionen, die sich fast ausschließlich in digitale Netzwerke verlagern werden (z.B. durch DDEX oder einer Global Repertoire Database), um der Komplexität sowie der schier unüberschaubaren Menge an digitalen Transaktionen Herr zu werden; (2) Fokussierung auf Wachstumsmärkte wie jene der BRIC-Länder Brasilien, Russland, China und Indien. Ob das reichen wird, gilt es abzuwarten. Jedenfalls ist der Trend weg von direkten Musikverkäufen – sei es über Tonträger oder digitale Downloads – durch diese Studie bestätigt und es gilt, neue Strategien der Einkommensgenerierung für die Akteure der Musikindustrie einzuschlagen.

 

Siehe auch:

Will Page und Chris Carey, „Adding Up the UK Music Industry 2009“, Economic Insight, Issue 20, 04.08.2010

Will Page und Chris Carey, „Adding Up the UK Music Industry 2008“, Economic Insight, Issue 15, 20.07.2009

 


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