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Creative-Commons-Lizenzierung für Musikschaffende – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 22. Juni 2011

Am 22. Juni 2011 präsentierte Mag. Monica Rütgen die Ergebnisse ihrer explorativen Studie zur Motivation von Musikschaffenden, ihre Werke unter Creative-Commons-Lizenzen zu veröffentlichen. Sie hat dazu acht Musikschaffende, die das CC-Musikportal Jamendo nutzen, in leitfadengestützten Interviews befragt, warum sie sich für das CC-Lizenzmodell entschieden haben, und konnte drei Hauptmotive identifizieren: (1) die instrinsische Motivation, die eigene Kreativität vor die kommerzielle Nutzung zu stellen und dabei auch stolz auf den eigenen Beitrag zu sein; (2) die soziale Motivation, einen Beitrag für die Community zu leisten, von der man sich Anerkennung, Feedback aber auch die Möglichkeit der freien Nutzung anderer Werke erhofft; (3) die extrinisische Motiviation, sich durch eine möglichst weite Verbreitung der eigenen Musik eine Fanbase aufzubauen, dadurch den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und Networking zum eigenen beruflichen Vorteil zu betrieben.

Monica Rütgen hat sich aber nicht nur mit der Motivation der Musikschaffenden, das CC-Lizenzmodell zu verwenden, beschäftigt, sondern auch mit der Haltung der Befragten zu den Verwertungsgesellschaften und zu allgemeinen Aspekten, wie mit dem Musikschaffen überhaupt eine Existenz begründet werden kann.

Jour-fixe-Präsentation und Masterarbeit zum Download. Hier folgt die Zusammenfassung der Präsentation durch Monica Rütgen

 

 

„Warum verwenden Musikschaffende Creative-Commons-Lizenzen?“

von Monica Rütgen

 

Musikschaffen im digitalen Zeitalter

Die Digitalisierung und das Medium Internet haben die Musikbranche vor große Herausforderungen gestellt: Ein neu strukturiertes Wertschöpfungsnetzwerk, der weltweite Zugang zu Musikwerken, die aktivere Rolle der Konsumenten und von ihren Tonträger entkoppelte Werke. Digitale Medien lassen sich nahezu ohne Qualitätsverlust weltweit verbreiten, kopieren, tauschen, kombinieren und verändern. Dieser technische Fortschritt hat aber zur Folge, dass die Kontrolle und Vermarktung von physischen Kopien problematisch wird. So ist vor allem die Frage, wie das Urheberrecht den technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen gerecht werden kann, ein großer Diskussionspunkt, der in der Literatur immer wieder aufgegriffen wird. Grob gesehen kann man sagen, dass es zwei Fronten gibt: Auf der einen Seite steht die Urheberrechtsindustrie, welche durch das Digitale Rechte Management (DRM) die Kontrolle zurück erlangen will. Auf der anderen Seite hat sich eine soziale Bewegung formiert, welche die Potentiale des Internet nutzen will und das Urheberrecht in seiner jetzigen Form als Relikt vordigitaler Zeit wahrnimmt.

 

Von Open Source zu Creative Commons

Stimmen für den freien Zugang im Internet findet man schon seit Mitte der achtziger Jahre. Vorreiter waren die Anhänger der Open Source Software Bewegung, einer gemeinsamen Initiative für die Entwicklung von freier Software. Ausgehend von dieser wurde die Forderung nach Open Content immer stärker. Der Durchbruch gelang der 2002 gegründeten gemeinnützigen Organisation Creative Commons, welche mittlerweile (Stand Mitte 2009) schon über 350 Millionen Werke unter Creative Commons Lizenz zu verzeichnen hat.

Creative Commons Lizenzen werden also von Musikern genutzt, doch welche Motive stecken dahinter? Zur Beantwortung dieser Frage findet man in der Literatur nur wenige Anhaltspunkte. Forschungsarbeiten über die Motive der Beitragsleister findet man vor allem im Open Source Bereich, der Online Enzyklopädie Wikipedia, YouTube und den Weblog Bereich – jedoch nicht im Musikbereich. Es gibt auch Communities, in denen Musik geteilt und frei zur Verfügung gestellt wird, wie beispielsweise Jamendo, welche auch den Untersuchungskontext für die Forschungsarbeit liefert.

 

Motive für die Creative-Commons-Lizenzierung

Wüsste man genauer über die Motive Bescheid, welche Musiker dazu bewegen, eine Creative Commons Lizenz zu verwenden, so könnte man daraus auch Implikationen für eine sinnvolle Gestaltung des Urheberrechts ableiten. Auch Labels und Verwertungsgesellschaften könnten besser auf die Bedürfnisse der Musikschaffenden eingehen, sofern sie dazu gewillt sind. Es könnten auch Modelle aufgestellt werden, welche den Bedarf an Creative Commons Lizenzen im Musikbereich erklären. Die identifizierten Motive können auch wertvolle Informationen zum erfolgreichen Design neuer Geschäftsmodelle liefern.

Zur Beantwortung der Frage „Warum verwenden Musiker Creative Commons Lizenzen?“ wurde in einem ersten Schritt eine ausführliche Literaturrecherche gemacht. Im zweiten Schritt wurde, aufbauend auf diese, eine qualitativ-empirische Studie durchgeführt.

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit liefern erste Anhaltspunkte und Propositionen, um zu klären, warum sich Musiker für Creative Commons Lizenzen entscheiden. Es konnten einige in der Literatur genannte Motive „bestätigt“ werden, aber auch gänzlich neue Motive aufgedeckt werden:

Eine wichtige Voraussetzung für die Verwendung einer Creative Commons Lizenz durch Musikschaffende konnte gefunden werden, nämlich dass diese praktisch, unkompliziert und flexibel ist und dennoch gewisse Sicherheiten bietet. Diese Zufriedenheit mit der Creative Commons Lizenz hat auch Auswirkungen auf die nochmalige Bereitschaft, eine Creative Commons Lizenz zu verwenden.

Bezüglich der Motive für die Verwendung einer Creative Commons Lizenz wurde deutlich, dass Musiker unterschiedliche Primärmotive dafür haben, ihre Werke unter eine Creative Commons Lizenz zu stellen. So sind die am häufigsten genannten Motive in allen Motivgruppen, nämlich sowohl in der extrinsischen als auch in der intrinsischen und sozialen, vertreten. Dennoch scheint die intrinsische Motivgruppe Musikschaffende am meisten dazu zu veranlassen, eine Creative Commons Lizenz zu nutzen.

 

Intrinsische, soziale und extrinsische Motive

Innerhalb der intrinsischen Motivgruppe stellte es sich für die Verwendung einer Creative Commons Lizenz als besonders relevant heraus, dass Musiker einfach Spaß daran haben, sich selbst ausdrücken zu können, sich weiter zu entwickeln und etwas Neues dazu lernen zu können. Sie sind auch stolz auf ihren geleisteten Beitrag und können sich durch die Verwendung ihres Stückes für kommerzielle Zwecke geehrt fühlen. Viele der Musikschaffenden entscheiden sich auch für eine Creative Commons Lizenz, da bei der Kreation ihrer Musik der kreative Schaffungsprozess im Vergleich zu monetären Absichten im Vordergrund steht.

Auch soziale Motive stellten sich im Zuge dieser Forschungsarbeit als wesentlich für Musikschaffende für die Verwendung einer Creative Commons Lizenz heraus: So spielt hier vor allem die Möglichkeit, Feedback von Hörern und anderen Musikern zu erhalten und sich mit diesen austauschen zu können, eine wesentliche Rolle. Musiker stellen ihre Werke aber auch aufgrund bestimmter Normen und Werte, wie Altruismus und Reziprozität unter eine Creative Commons Lizenz, und da sie denken, dass Musik frei zugänglich sein sollte. Bezogen auf die Creative Commons Bewegung, entscheiden sich Musiker unter anderem auch für Creative Commons Lizenzen, um der Community zum Wachstum zu verhelfen und ihr somit zu ermöglichen, auch in der Zukunft agieren zu können.

Extrinsisch werden Musiker vor allem durch die schnellere Verbreitung ihrer Musikwerke motiviert, diese unter eine Creative Commons Lizenz zu stellen. In diesem Zusammenhang hoffen sie auch, ihren Bekanntheitsgrad und ihre Fanbasis aufzubauen. Entscheidend ist hier auch, dass Hörer unter eine Creative Commons Lizenz gestellte Musik testen können. Musiker sehen Creative Commons Lizenzen auch als Marketinginstrument an, durch welches gute PR und Werbung begünstigt werden, und sie erhoffen sich Kontakte aufzubauen, welche ihnen beruflich von Nutzen sein könnten. Besonders wichtig ist es für Musiker auch, dass sie durch Creative Commons Lizenzen ihre Musikwerke unabhängig verwerten können, d.h. ohne Einschränkungen eines Labels oder einer Verwertungsgesellschaft.

 

Weitere Motive

In diesem Zusammenhang konnte im Rahmen dieser Forschungsarbeit auch eine extreme Unzufriedenheit der Musiker mit den Möglichkeiten, die eine Verwertungsgesellschaft bietet, festgestellt werden. Diese Unzufriedenheit hängt stark mit der Entscheidung von Musikern zusammen, ihre Werke unter einer Creative Commons Lizenz zu veröffentlichen. Zusätzlich würden sich Musiker wünschen, sich nicht zwischen einer Creative Commons Lizenz und der Mitgliedschaft bei einer Verwertungsgesellschaft entscheiden zu müssen.

Im Zuge des Auswertungsprozesses stellte sich auch heraus, dass die meisten Musikschaffenden es bevorzugen, keine materielle Gegenleistung für ihr unter eine Creative Commons gestelltes Werk zu erhalten, da es dem System der Creative Commons Bewegung widerspricht und sie nicht-materielle Gegenleistungen, wie z.B. Applaus als wichtiger empfinden. Zusätzlich glauben sie nicht, dass ihnen durch die Verwendung einer Creative Commons Lizenz ein Gewinn entgangen ist.

 

Quellenangabe

Rütgen, Monica, 2011, Warum verwenden Musikschaffende Creative Commons Lizenzen? Eine qualitativ-empirische Analyse der Motive für die freie Weitergabe von Musikwerken. Masterthesis, Kulturmanagement-Lehrgang am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft Wien.

 


1 Response to “Creative-Commons-Lizenzierung für Musikschaffende – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 22. Juni 2011”


  1. 18. August 2011 um 8:25 pm

    Ich habe auch an der Studie teilgenommen.

    Ein Vertrag mit einem Majorlabel ist heute kein Galant mehr für eine erfolgreiche Musikerkarriere.

    Im besten Falle ist man einige Monate in den Charts und danach kennt einen kein Schwein mehr.

    Oder redet heute noch jemand von Monrose?

    Aber Creative Commons ist auch kein Allheilmittel.

    Freie Musik nistet mangels Aufmerksamkeit in den Medien ein Nischendasein.


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