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Mai
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Musikproduktion für Filme – Interview mit dem Film-Komponisten David Brandstätter

David Brandstätter ist geschäftsführender Gesellschafter der neu gegründeten Filmproduktionsfirma Tectonic Slide Entertainment KG (www.tectonicslide.com), für die er an der Pre-Produktion von 3D-Animationsspielfilmen, u.a. an einer 3D-animierten Version der „Zauberflöte“ (The Magic Flute 3D) und an den Projekten „Theme Planet“ und „Lizzard Maddoxx“ arbeitet. Zur Filmmusik ist er über den Umweg der Musikproduktion für Videospiele gekommen. Nach seiner Multimedia-Art-Ausbildung an der Fachhochschule Salzburg, bot sich ihm die Gelegenheit in der Wiener Videospiele-Firma „neo Software“ (später Rockstar Vienna) ein Praktikum zu absolvieren und anschließend als Komponist und Sound Designer/Editor als Top-Sellern wie Max Payne, Grand Theft Auto 3 und GTA Vice City mitzuarbeiten. Nach dieser Zeit erfüllte er zunächst Musikaufträge für Werbespots, Trailer und Imagefilme, um dann über Kontakte zur US-Filmbranche mit Aufträgen als Additional Score Orchestrator u.a. für Roland Emmerichs Hollywood-Blockbuster „10.000 B.C.“ betraut und wurde als Komponist für den kanadischen Independent-Film „Punctured Hope“ engagiert. Dieser Auftrag brachte ihn in die Liste der 81 zur Auswahl stehenden Nominierungs-Kandidaten zum Oscar für die beste Filmmusik 2010.

 

TSCHMUCK: Worin liegen die Besonderheiten der Produktion von Filmmusik? Worin bestehen die Unterschiede zu „normalen“ Musikproduktionen?

BRANDSTÄTTER: Einige der Besonderheiten und Herausforderungen sind die notwendige Synchronität zum Bild, das framegenaue Arbeiten und das Treffen von Hitpoints mit musikalischen Akzenten, schnelle Harmonie-, Tempo- und Stimmungswechsel. Die Handlung eines einzigen Films kann das Publikum rund um den Globus und auch in verschieden Zeitepochen führen.

Man sollte über eine breite Palette an stilistischem Wissen verfügen, um Musik verschiedener Kulturen und Zeitepochen zu zitieren, mitunter auch untereinander zu kombinieren. Oft beinhaltet Filmmusik auch Sound-Design-Elemente. Musik und Geräusche verschmelzen und ergeben dadurch einen neues oder ungewohntes Hörerlebnis.

Filmmusik muss sich der szenischen Handlung des Films unterordnen, diese unterstützen, sie muss die Vision des Regisseurs richtig umsetzen. Die Musik kann die Handlung vorausahnen lassen oder das Publikum gezielt irreführen. Sie gibt vor, welche Emotionen eine Szene beherrschen. Insofern muss man als Komponist auch einen Sinn für Handlung und Dramaturgie besitzen und verstehen, wie sich der Spannungsbogen entwickelt. Die Musik, ein Thema oder ein Motiv sollte sich ja wie ein roter Faden durch den Film ziehen und der Erzählung eine Meta-Ebene hinzufügen, die Geschichte parallel musikalisch erzählen. Filmmusik sollte, wenn sie gut ist, auch „stand-alone“ funktionieren und eine Existenzberechtigung haben, und in der Lage dazu sein, den Zuhörer vor seinem geistigen Auge zurück zu den Stimmungen und Themen des Films bringen. Was die technisch notwendigen Tools betrifft, so unterscheiden sich diese nicht grundlegend von denen, die bei anderen Musikproduktionen benötigt werden. Die meisten gängigen Software Sequencer zur Musikproduktion sind heutzutage in der Lage Videodateien einzubinden. Ob nach der Komposition auch Live-Aufnahmen mit Musikern oder einem Orchester in einem großen Aufnahmestudio gemacht werden, ist hauptsächlich Frage des Budgets. Es gibt mittlerweile ausgezeichnete Instrumentbibliotheken wie zum Beispiel die Vienna Symphonic Library, die in Wien produziert wird, und auf einfache Weise sehr hochwertige Klänge für Musikproduktionen zugänglich macht. Hier hat sich technisch in den letzten Jahren einiges getan und die Zeiten, in denen ein großes Studio mit unzähligen 19-Zoll Outboard Klangerzeugern und Dynamik Prozessoren benötigt wurden sind mittlerweile Vergangenheit. Die Klangerzeugung ist komplett in den Computer übersiedelt und dank aktueller 64-Bit Architekturen lassen sich auch enorm große Instrumentbibliotheken zum Komponieren und Arrangieren in kürzester Zeit laden.

TSCHMUCK: Welche Budgetposten fallen bei einer Filmmusikproduktion an und wie hoch ist der Budget-Anteil für Filmmusik am Gesamtbudget eines Films? Lässt sich das irgendwie beziffern?

BRANDSTÄTTER: In den USA sind 15 bis 20 Prozent des Filmproduktionsbudgets für die Musik möglich. In Deutschland oder Österreich liegt der Anteil in der Regel deutlich darunter. Hierzulande wird die Wichtigkeit der Filmmusik immer noch ein wenig unterschätzt und ist daher ein Posten, an dem gerne eingespart wird, vor allem wenn es sich um TV-Produktionen handelt. Mit dem Budget müssen immerhin notwendige Aufnahmen von Musikern abgedeckt werden, auch werden damit bestehende Songs oder Instrumentalwerke für die Nutzung im Film lizenziert. Dann noch das Honorar für einen versierten Komponisten zu bezahlen, falls nötig auch für einen Dirigenten für die Aufnahme sowie für Orchestratoren, Arrangeure, Additional Score Komponisten, Recording Engineers, Music Editors, Score Mixer, Scoring Koordinatoenr, Assistenten sowie für das technische Equipment, Software- und Sample Library Lizenzen. Filmmusik für größere Filmproduktionen ist Teamarbeit und sollte auch dementsprechend budgetiert und honoriert werden.

TSCHMUCK: Worin bestehen neue technologische Trends in der Filmmusikproduktion? Welchen Einfluss hatte die Digitalisierung dabei?

BRANDSTÄTTER: Meiner Meinung nach ist die technische Revolution im Moment fast schon wieder vorüber. Die wesentlichen Teile der Produktion finden bereits in einer einzelnen Workstation statt, dafür habe ich vor einigen Jahren noch ein Netzwerk von bis zu sechs Computern benötigt, auf denen hochwertige Instrumentklänge zum Arrangieren aufgeteilt werden mussten, um ein Arrangement mit hochwertigen Klängen überhaupt in Echtzeit abspielen zu können. Vor dem Einzug der Computertechnik und entsprechender Software war ohne ein gut ausgestattetes Studio und Live-Musiker ohnehin nur wenig zu machen. Mittlerweile ist es mir möglich, mit einem Laptop im Flugzeug am Original-Referenzvideo zu arbeiten und die meisten Orchesterspielweisen als Einzelklänge immer mobil zur Verfügung zu haben, und das in hochwertiger 24-Bit Auflösung. Auf dem Laptop läuft natürlich dieselbe Software wie auf der großen Workstation im Studio und die Projektfiles lassen sich leicht auf beiden Systemen bearbeiten. Die technischen Lösungen haben das Arbeiten einfacher, mobiler und platzsparender gemacht. Die nächste Entwicklung, die ich kommen sehe, ist kollaboratives Arbeiten über das Internet am selben Projektfile und das in Echtzeit. Derzeit tauscht man ja im Team durchaus Projektfiles per FTP oder Online-Disk aus, um diese in verschiedenen Arbeitsschritten nacheinander zu bearbeiten. In Zukunft wird es sehr wahrscheinlich Online-Projektfiles geben, in denen ein örtlich getrenntes Team gleichzeitig arbeiten kann. Zum Beispiel könnte man einen Gitarristen, der in Los Angeles sitzt, aufnehmen, und das Recording mit einem Producer, der in London ist, von Wien aus bearbeiten und gemeinsam gleich am Arrangement arbeiten. Mir ist bekannt, dass dahingehend bereits Softwareentwicklungen im Gange sind und auch schon erfolgreich getestet wurden.

TSCHMUCK: Wo bestehen Innovationspotenziale für die Filmmusikproduktion insgesamt und speziell in Österreich bzw. in Wien?

BRANDSTÄTTER: Österreich verfügt ja über ausgezeichnete Orchester-Musiker und auch einige sehr gute Locations, die sich für Filmmusikaufnahmen eignen. Oft wird allerdings aus Kostengründen auf osteuropäische Städte und Musiker ausgewichen, um Kosten zu sparen. Speziell in Bratislava und auch in Prag werden regelmäßig internationale Produktionen abgewickelt, unter anderem für Auftraggeber aus Großbritannien und aus den USA. Viele Produktionen werden für Playstation-3- oder X-Box-Spiele recorded. Da Spiele immer filmähnlicher werden, steht hier Musik für Games der Filmmusik in Nichts nach. Wien sollte daher stärker als attraktive Stadt für Orchesterproduktionen promotet werden. Dafür sollten aber die nötigen Infrastrukturen vorerst analysiert und nötigenfalls ergänzt werden.

TSCHMUCK: Was wünscht sich ein Film- und Musik-Produzent von der Politik?

BRANDSTÄTTER: Ich hoffe, dass vorhandene, staatliche Fördermittel für Kultur im Allgemeinen und Film/Musik im Besonderen erhalten und erweitert werden. Natürlich sind Sparmaßnahmen in vielen Bereichen unvermeidbar geworden, dennoch sollte hier nicht der Rotstift angesetzt werden, sondern versucht werden, Österreich weiter als Film- und Musikland zu fördern und auch im Ausland zu repräsentieren. Ich denke dass sich der kulturelle Output im Bereich Film und Filmmusik aus Österreich noch steigern ließe. Hierfür sind die vorhandenen und neuen Förderprogramme sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Es würde auch die österreichische Wirtschaft unterstützen, wenn internationale Produktionen ins Land gebracht werden und bei uns mehr branchenrelevante Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Es sollte mehr in die Werbung und in Institutionen investiert werden, die Österreich im Ausland als Film- und Musikland promoten. Vielleicht wäre es ja an der Zeit für eine Vienna Music Commission, ähnlich wie die Vienna Film Commission, die ja Drehorte in Wien bewirbt und den Produktionsteams organisatorisch zur Hand geht.

Öffentliche Events zum Thema Filmmusik sollen auch weiterhin in Wien stattfinden. Sehr gut finde ich Nachwuchspreise wie den „Wiener Filmmusik-Preis“, Events wie der „Hollywood in Vienna Gala der Filmmusik“ oder das letztjährige „Konzert für Europa“ wo u.a. auch Filmmusik aufgeführt wurde. Auch mit dem noch relativ jungen Österreichischen Filmpreis ist nun eine jährliche Preisverleihung ins Leben gerufen worden, die uns wieder ins Bewusstsein ruft, dass Österreich tatsächlich auch ein Filmland ist.

TSCHMUCK: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.


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