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Das Label im digitalen Zeitalter – Interview mit dem „City-Slang“-Geschäftsführer Christof Ellinghaus

In einem Interview spricht Christof Ellinghaus, Gründer und Geschäftsführer des renommierten deutschen Indie-Labels „City Slang“, das unter anderem Arcade Fire, Lambchop, Calexico und Notwist unter Vertrag hat, über die  aktuellen Umbrüche in der Musikindustrie, und erklärt, was diese für die Geschäftstätigkeit eines Indie-Labels bedeuten. Christof Ellinghaus nimmt aber auch Stellung zur aktuellen Diskussion rund um eine Kulturflatrate, zu 360-Grad-Modellen, zu neuen Formen des Musikvertriebs und darüber, wie man über MERLIN Geld an Musikstreaming-Services verdienen kann. Alles weitere kann nun in der Folge ausführlich hier nachgelesen werden:

 

Ein kurzer historischer Rückblick

Christof Ellinghaus ist der Gründer und Geschäftsführer des namhaften, deutschen Indie-Labels „City Slang“ mit Sitz in Berlin/Kreuzberg, das unter anderem die diesjährigen Grammy-Gewinner Arcade Fire, aber auch Lambchop, Calexico und Notwist unter Vertrag hat. 1987 hat Christof Ellinghaus sein Studium geschmissen und eine US-amerikanische Band auf ihrer Europa-Tour begleitet. Das war der Stein des Anstoßes gemeinsam mit einem Freund eine Konzert- und Booking-Agentur ins Leben zu rufen, die in der Folge die Konzerttourneen von so namhaften Bands wie Nirvana, Soundgarden, Lemonheads, Yo La Tengo oder Flaming Lips organisierte. Als sich herausstellte, dass viele der Bands gar keine Labelbeziehungen in Europa hatten, entschloss sich Ellinghaus 1990 inZusammenarbeit mit Vielklang das „City Slang“-Label zu gründen. 1991 veröffentlichte er mit durchschlagendem Erfolg das erste Album der von Courtney Love zwei Jahre zuvor gegründeten Band Hole. 1994 brachte „City Slang“ das zweite Hole-Album in Europa heraus. Mit der Zeit stießen weitere namhafte Acts wie Lambchop und Calexico hinzu.

Im Jahr 2000 gründete er für das EMI-Tochterlabel „Virgin Deutschland“ das Unternehmen „Labels Germany“, das einem Netzwerk von europäischen Indie-Labels eine Veröffentlichungsplattform bieten sollte. 2003 wurden dann „Labels“ und das EMI-Sublabel „Mute“ unter der Leitung von Tina Funk und Christof Ellinghaus zusammengeführt, um ein Jahr später im Verbund in „Virgin Deutschland“ eingegliedert zu werden. Daraufhin wollte Christof Ellinghaus aus dem Vertrag mit EMI/Virgin vorzeitig aussteigen, was ihm letztendlich auch gelang, allerdings zu dem Preis, dass er sechs Monate lang still halten musste.

Gerade in dieser Periode, hat Ellinghaus die kanadische Band Arcade Fire erstmals spielen gehört: „Ich habe sie live in einem kleinen New Yorker Club vor 250 Zuschauern im Oktober 2004 gesehen – das war direkt vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums. Und was von der kleinen Bühne herunter kam, war eine sensationelle Urgewalt. Dann habe ich sie angesprochen, was sie in Europa machen und war im Rennen für das europäische Label.“ Da aber sein Label bei der EMI festsaß, wurde nichts aus der Veröffentlichung des Debüt-Albums in Europa auf „City Slang“. Erst nachdem Ellinghaus im Mai 2005 sein Label von der EMI losgeeist und neu aufgestellt hatte, konnte es wieder operativ arbeiten. Und da kamen Arcade Fire wieder ins Spiel. Ellinghaus dazu: „Der Manager hat sie dann nach dem ersten Album weltweit an die Universal lizenziert – bis auf Amerika, Australien und Deutschland. Und irgendwann rief die Band dann bei mir an und fragte: ‚Wir wollen in Deutschland mit jemand arbeiten, den wir kennen und mögen. Möchtest nicht Du  das machen? Ist aber nur Deutschland.’ Da habe ich geantwortet: ‚Ich würde die Platte auch nur in Berlin und Brandenburg veröffentlichen.’ Na ja, das war dann „Neon Bible“ im Jahr 2007. Und letztes Jahr im Frühjahr ging’s dann wieder los mit dem neuen Album „The Suburbs“, das schließlich mit dem Grammy in diesem Jahr bedacht wurde.“

Der Erfolg rund um Arcade Fire ist aber nur einer von vielen künstlerischen Höhepunkten, die das „City Slang“-Label in den 20 Jahren seines Bestehens hat erleben dürfen und es zu der starken Marke hat werden lassen, die es heute ist.

 

Das Label im digitalen Zeitalter

TSCHMUCK: Wie groß ist „City Slang“ eigentlich?

ELLINGHAUS: „City Slang“ als Label ist eher klein. In Deutschland aber haben wir eine Alleinstellung und sind eher größer. Oder sagen wir es so: Die Marke erscheint größer als es das Umsatzvolumen oder die Mitarbeiterzahl vermuten ließe. Mit mir zusammen sind es 10 Leute – mal mehr, mal weniger.

TSCHMUCK: Welche anderen Funktionsbereiche sind bei „City Slang“ noch angeschlossen? Ein Vertrieb …?

ELLINGHAUS: Nein, unseren Vertrieb in Deutschland und in Österreich macht die Universal; und im Rest von Europa sind es unabhängige Vertriebe. Wir haben aber schon noch angegliederte Bereiche wie ein Booking-Büro, ein Schwester-Label „Souterrain-Transmissions“, einen Verlag – der ist ganz wichtig. Und wir haben eine Merchandise-Firma, mit der wir kooperieren. Das sind aber alles Betriebe, die unter anderer Leitung stehen, mit denen wir aber eng verzahnt arbeiten. Aber es ist schon irgendwie ein Rundum-Ding hier.

TSCHMUCK: Eine Art 360°- Modell?

ELLINGHAUS: Das Wort finde ich irritierend und hat so einen negativen Beigeschmack. Die Majors haben das einmal entwickelt und gesagt: „Passt auf, wir machen Eure Platte. Aber wenn wir das machen sollen, dann müssen wir auch an Euren anderen Einnahmen teilhaben.“ Das nennt sich dann 360°-Modell. Ja natürlich, wenn eine Band aus Portland, Oregon kommt, die kein Mensch auf dem Radarschirm hat und wir fangen an, die Werbetrommel für sie zu rühren usw. usf. Und die haben noch keine Booking-Agentur und keinen Verlag, kein Merchandise, und überhaupt gar nichts, dann kann man das alles auch aus einer Hand machen und am besten koordinieren. Wenn das alles gut läuft und ineinander greift, dann kann man da schon schöne Sachen machen. Die Band wird aber dann entscheiden, was sie von uns haben möchte. Die Band wird sich ja überzeugen lassen müssen, dass alle Bereiche gut abgedeckt werden.

 

Die Folgen der digitalen Revolution in der Musikdindustrie

TSCHMUCK: Was hat sich aus in den 20 Jahren seit der Gründung von „City Slang“ am gravierendsten verändert?

ELLINGHAUS: Die Kommunikationsmöglichkeiten mit unseren Fans würde ich sagen. Durch das Internet können wir direkt die Fans unserer Acts ansprechen und einbinden. Und die Art und Weise wie man heute Musik raus pusht. Früher hast Du eine CD gemacht und hast sie an Zeitschriften und ans Radio geschickt und dann ist meistens nichts passiert. Heute kannst Du eine MP3 oder ein Video problemlos in die digitale Welt stellen. Dann twitterst Du, dann facebookst Du, und ich weiß nicht, noch was alles. Wenn es gut ist, bekommt es eigene Beine und verbreitet sich wie ein Lauffeuer und das dementsprechend schnell. Zum Beispiel Arcade Fire: Die Geschwindigkeit mit der die Band riesig geworden ist, basiert einzig und allein auf dem Internet.

TSCHMUCK: Du siehst jetzt wesentlich mehr Chancen als Risiken?

ELLINGHAUS: Na ja, die digitale Klonbarkeit unserer Musik ist schon ein gravierendes Problem. Aber ja, ich finde die Chancen sind um ein Vielfaches größer als die Risiken. Da sich der ganze Musikmarkt ohnehin weg bewegt vom Besitz von Musik hin zur Benutzung von Musik, ist es sowieso redundant über Risiken zu reden. Das wird sich noch gewaltig verändern in den nächsten 5 bis 6 Jahren.

TSCHMUCK: Welche Auswirkungen haben all diese Veränderungen auf die wirtschaftliche Lage eines Indie-Labels wie „City Slang“?

ELLINGHAUS: Insgesamt sind ja am Musikmarkt die Zahlen relativ rückläufig. Es gibt eben keine Alben mehr, die sich 3 Millionen Mal verkaufen. Es gibt kaum mehr Superstars, die sich lange halten können. Das liegt aber nicht daran, dass alles digital kopierbar ist, sondern daran, dass heutzutage zehn Mal mehr an musikalischem Output produziert wird als noch vor 15 Jahren. Es ist vor allem diese Flut an Musik und Veröffentlichungen, die dafür sorgt, dass sich das Geld auf mehrere, kleine Töpfe verteilt.

TSCHMUCK: Wie geht „City Slang“ mit den neuen Distributionsformen – Download, Streaming, Cloud-Services – um? Auf der Homepage finden sich auch Songs zum freien Download. Welche Funktion erfüllen diese?

ELLINGHAUS: Das ist die beste Promotion, die Du haben kannst. Wenn Du eine vollkommen unbekannte Band mit einem ganz tollen Lied hast, dann möchtest Du, dass das die Leute hören. Dann gibt es keinen besseren Weg, es gratis an die Menschen heranzutragen. Und dennoch ist das Download-Geschäft irrsinnig wichtig. Aber in den nächsten 6 bis 7 Jahren hat sich vielleicht schon der Download erledigt, und wir werden alle unsere Musik in irgendeiner Cloud oder bei Spotify haben. Es wird mehr Nutzung geben und weniger Besitz.

TSCHMUCK: Aber wie könnt Ihr als Label davon überhaupt noch leben?

ELLINGHAUS: Die Nutzung muss eben auch angemessen bezahlt werden. Denn sonst geht wirklich jede Urheberschaft und im Endeffekt der kreative Prozess verloren. Aber ich denke schon, dass Mittel und Wege gefunden werden, wie Erträge generiert werden können.

TSCHMUCK: Meinst Du so ein Modell wie MERLIN?

ELLINGHAUS: Das ist eine ganz wichtige Organisation, die die kleinen Label bündelt. Die neuen Streaming- und Downloadanbieter gehen zu erst einmal zu Sony, Warner, EMI und Universal und denken: „Wir haben jetzt mit allen lizenziert, und jetzt ist alles gut.“ Und dann fehlt ihnen ein Viertel des Musikmarktes, weil das die Indies mittlerweile besetzen. Und das erledigt dann MERLIN.

 

Neue Ertragsmodelle für das Musikbusiness?

TSCHMUCK: Was hälst Du von der Kultur- bzw. Musikflatrate?

ELLINGHAUS: Ich glaube nicht, dass das wirklich eine Zukunft hat. Denn es ist bislang noch nicht wirklich gut durchdacht. Da habe ich aber auch Angst um die Verteilungsgerechtigkeit. Eine Flatrate ist zwar ein schöner Gedanke und wir müssen uns verabschieden vom Internet als Einkaufsmeile und hinwenden zum Internet als Radiosender. Aber meine erste Sorge bei der Kulturflatrate ist, dass sie nicht zu Ende gedacht ist. Wer soll den die Verteilung übernehmen? Es geht ja um Filme, um Spiele, um Musik und demnächst auch noch um Bücher. Wenn das alles nur so aus dem Internet gesogen werden kann, wie soll das dann noch aufgeteilt werden, ohne dass Unmengen von Daten kontrolliert werden? Es gibt diverse Modelle, die man durchspielen könnte und sollte, aber sie sind alle noch ein bisschen unausgegoren. Und nicht zuletzt würde sie alle derzeitigen Initiativen um legale Offerten von Musik (iTunes, Spotify etc.) redundant machen, was auch nicht im Sinne des Erfinders sein kann.

TSCHMUCK: Lässt sich bei „City Slang“ noch mit dem physischen Produkt Geld verdienen?

ELLINGHAUS: Der deutsche Markt hat gerade einmal einen digitalen Anteil von 12 bis 13 Prozent. Mit der CD kann man immer noch ein bisschen Geld verdienen. Aber wir produzieren auch immer noch den Fetisch Vinyl-Schallplatte. Und bei uns ist das digitale Geschäft im Jahr 2010 erstmals überhaupt wahrnehmbar gewesen. Insofern spielen CDs und Schallplatten immer noch eine große Rolle.

TSCHMUCK: Aber mit der Wahrscheinlichkeit, dass vor allem die CD keine Rolle mehr spielen wird?

ELLINGHAUS: Die CD wird natürlich ein marginales Produkt werden, je mehr diese Geräte Verbreitung finden, die man mit sich so herumträgt. Die Leute kaufen sich eine CD und stecken sie in den Schlitz vom Computer und laden sich die Musik auf die Festplatte. Sie verteilen dann die Musik auf ihre verschiedenen Gadgets und die CD kommt dann ins Regal und sammelt dort Staub an. Irgendwann werden die Leute merken, dass das eigentlich keinen Sinn macht und werden entweder zur Vinyl-Platte hinüber wechseln, mit der übrigens jetzt immer auch schon ein Download-Code mitgeliefert wird, oder sie wechseln überhaupt zum reinen Download oder zum Streaming.

 

Innovationspotenziale für Indie-Labels

TSCHMUCK: Welche Innovationspotenziale siehst Du für ein Indie-Label in Deutschland  und wie welche Funktionen wird ein Label in den nächsten Jahren erfüllen müssen?

ELLINGHAUS: Das Label wird in den nächsten Jahren mehr noch eine Filterfunktion haben und eine Empfehlungsfunktion erfüllen. Wenn Du eine starke Marke hast wie „City Slang“, von der die Konsumenten in den letzten 20 Jahren viele Platten gekauft haben, dann nehmen sie das schon einmal Ernst, was man ihnen ans Herz legt. Das ist das eine. Das andere ist natürlich, dass es immer wieder Bands geben wird, die ein Label benötigen – allein um die Logistik zu bewältigen oder um territoriale Grenzen zu überschreiten. Wir arbeiten viel mit amerikanischen Bands, die einen Partner suchen, der sie in Europa vertritt. Auch wenn Du Deine ganze Musik ins Internet stellst, heißt das noch lange nicht, dass es die Leute auch finden, downloaden und goutieren. Es wird also weiterhin die Funktion der Label sein, Bands zu stützen und ihnen zu helfen; sicherlich auch im Investitions-Bereich (Stichwort: Studio-Kosten). Andererseits muss man den Konsumenten eine Hilfestellung geben, um aus dem digitalen Rauschen das herauszufiltern, was ihnen gefällt.

Die Innovation besteht dann darin, sich vom traditionellen Geschäftsmodell zu verabschieden, Früher hat man der Band gesagt: „Ich gebe Euch Geld, stecke Euch ins Studio und Ihr macht eine Tonaufnahme. Wir nehmen die Tonaufnahme und versuchen sie kommerziell auszuwerten.“ Das ist ja die traditionelle Labelarbeit. Das wird sich aber über Kurz oder Lang in dieser Form erledigt haben. Es wird viel mehr partnerschaftlich gearbeitet werden müssen. Das heißt, wir kümmern uns darum, dass Eure sozialen Netzwerke funktionieren und um alles, was Ihr so benötigt. Das kann natürlich ein Management übernehmen aber heutzutage auch eine Plattenfirma. Für ein Label ist es eigentlich völlig unwichtig, ob irgendeine seiner Bands nach Österreich fährt und da spielt. Aber für die Band ist es wichtig, da zu sein, zu spielen und dort im Radio präsent zu sein. All diese Dinge muss man dann als Label partnerschaftlich mit der Band angehen. Da ist das Potenzial der Band-Label-Zusammenarbeit riesengroß.

TSCHMUCK: Es klingt danach, dass die Label immer mehr Managementfunktionen übernehmen müssen.

ELLINGHAUS: Na klar. Es ist ja ein großes Investment, eine Band zu produzieren. Wenn ich entscheide, ob ich eine Band hier und in den USA mache, dann sind auf jedem Kontinent jeweils schon allein mit der Entscheidung locker mal 10.000 Euro Grundinvestition fällig. Das muss man erst mal wieder verdienen. Man muss dann auch ganzheitlich gucken, was man noch machen kann und wie man eine sinnvolle Strategie entwickelt.

TSCHMUCK: Vielen Dank für das Gespräch.


2 Responses to “Das Label im digitalen Zeitalter – Interview mit dem „City-Slang“-Geschäftsführer Christof Ellinghaus”


  1. 1 Oliver
    6. Dezember 2011 um 5:57 pm

    Sehr gut. Mehr davon!


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