31
Mrz
11

REBEAT revisited

Vor exakt einem Jahr habe ich hier im Blog den im niederösterreichischen Tulln angesiedelte digitalen Content-Aggregator REBEAT als neues Geschäftsmodell der Musikindustrie vorgestellt. Ein Jahr später habe ich den Mit-Gründer und Geschäftsführer von REBEAT, Günter Loibl, besucht, um ihn über die wirtschaftliche Entwicklung seines Unternehmens und anstehende Projekte im Musikbereich im Besonderen, aber auch über die Entwicklung des physischen und digitalen Musikmarktes sowie Innovationsmöglichkeiten im Allgemeinen, zu befragen.

Das Interview mit Günter Loibl kann in der Folge hier nachgelesen werden:

TSCHMUCK: Was genau ist REBEAT?

LOIBL: REBEAT ist ein digitaler Musikvertrieb. Wir haben eine Software entwickelt, mit der Musiker weltweit ihren digitalen Vertrieb von zu Hause abwickeln können; und zwar wirklich alle Aspekte. Mittlerweile verwenden das nicht nur Musiker, sondern auch größere Labels, allerdings nicht die Majors. Es ist eine Vertriebslösung, die einem alles abnimmt: die Technik, die Anbindung an die verschiedenen Portale, die Verträge. Wir kümmern uns auch um die steuerlichen Belange wie z.B. die Quellensteuer in den verschiedenen Ländern. Und wir sorgen auf dafür, dass die mechanischen Urheberrechtsabgaben in jenen Ländern, in denen sie nicht direkt an die Urheberrechtsgesellschaften bezahlt werden, korrekt abgerechnet werden. Es ist ein Dienstleistungspaket, bei dem sich Musiker und Label auf ihre Hauptaufgabe, das Musikmachen und Musikvermarkten, konzentrieren können. Der Vertrieb wird von uns mit all seinen Aspekten abgewickelt.

TSCHMUCK: Können Musikschaffende, ohne in größeren Strukturen eingebettet zu sein, mit REBEAT Geld verdienen?

LOIBL: In Ausnahmefällen schon. Da gibt es einen Studioproduzenten aus Deutschland, der in den USA pro Tag 50 bis 60 Downloads verkauft. Keiner weiß wieso, nicht einmal er selbst. Er tut eigentlich nichts dazu. Er hat seine Sachen nur hinein gestellt. Er kriegt im Monat von uns 3.000 Euro ausbezahlt, ohne dass er Marketing betreibt. Das ist sicher eine Ausnahmeerscheinung, aber sein Erfolg zieht sich schon über ein halbes Jahr. Es gibt aber schon einige Musiker, die pro Monat einen dreistelligen Betrag ausbezahlt bekommen und einige, die sogar einen vierstelligen Betrag bekommen. Wobei die meisten aus dem Pop- und Elektronikbereich kommen.

TSCHMUCK: Wie hat sich rebeat in letzter Zeit wirtschaftlich entwickelt?

LOIBL: Von 2009 auf 2010 haben wir eine 100%ige Steigerung gehabt. Wir sind wesentlich schneller als der Markt gewachsen. Alle Kernparameter des digitalen Vertriebs – Menge des Contents, Umsatz, Anzahl der verkauften Tracks, Anzahl der User –haben sich de facto verdoppelt. Die ersten zwei Monate von 2011 schauen genauso aus. Die Verkäufe von Jänner 2011 liegen um 75,7% über jenen von Jänner 2010. Dabei bedienen wir nicht nur den Long Tail, also den Content, der sich nur zwei Mal im Jahr verkauft, sondern Sachen, die auch wirklich gut gehen, z.B. die Hits von DJ Ötzi, wie „Hey Baby“ oder „Anton aus Tirol“. Wir haben wirklich namhaftes Repertoire wie „Mamba No 5“ von Lou Bega oder „Just an Illusion“ von Imagination, was in den 80igern ein großer Hit war.

TSCHMUCK: Wie groß ist das wirtschaftliche Potenzial von Musik-Content-Aggregatoren wie REBEAT?

LOIBL: In Österreich wird es schön langsam eng werden, weil es nicht mehr sehr viel freies Repertoire gibt. Man kann zudem einen digitalen Vertrieb nicht allein auf den Heimmarkt ausrichten. Wer das tut, macht einen riesigen, strategischen Fehler.

TSCHMUCK: Wie sieht die Situation international aus?

LOIBL: In den USA gibt es Tunecore, die aber ein anderes Geschäftsmodell haben, das mittlerweile auch an seine Grenzen stößt. Weiters gibt es The Orchard, für die wir immer mehr ein Problem werden als sie für uns, weil sie sich von vorne herein nie auf die einzelnen Musiker spezialisiert haben. Sie wollten von Anfang an immer nur die großen Label haben. Denen machen wir der Reihe nach das eine oder andere abspenstig. Dann gibt es noch IODA, Believe, Zebralution und noch einige andere. REBEAT nimmt dabei international in der Rangordnung der Independent-Vertriebe schon einen Platz in den Top-5 ein.

TSCHMUCK: Welche Rolle spielen dabei die Vertriebe der Majors?

LOIBL: Die Majors sind anfangs wie das Kaninchen vor der Schlange gestanden. Sie haben nicht gewusst, was sie damit machen sollen. Darum sind überhaupt erst solche Strukturen entstanden, wie wir sie jetzt haben. Es ist mittlerweile so, dass die Majors auch dazu lernen. Es ist für neue Portale nicht mehr so schwer Content zu lizenzieren, ohne dass sie hohe Vorauszahlungen machen müssen.

TSCHMUCK: Kann sich REBEAT eine Zusammenarbeit mit den Majors vorstellen?

LOIBL: Dass wir zusammen arbeiten, kann ich mir auf jeden Fall vorstellen. Da gibt es sogar schon einige Gespräche, die speziell darauf abzielen, dass wir Künstler haben, die mit uns einen relativ hohen Level erreichen können. Wenn es aber dann darum geht, eine weltumspannend richtig große Marke zu kreieren, dann brauchst Du andere Strukturen. Die Frage wird nun sein, ob die Majors diese Kurve kriegen werden. Sie hätten die Expertise dazu. Aber sie werden es sich nicht mehr leisten können, einem Künstler, der in Europa – und das ist mit REBEAT derzeit schon möglich – einen großen Erfolg hat, einen Vertrag hinzulegen, wie sie ihn heute machen. Das wird der Musiker nicht unterschreiben. Sie werden also vom hohen Ross herunter steigen müssen. Denn es gibt ihnen kein Künstler mehr 80-90% von seinen Einnahmen. Warum sollte er das tun? Die Majors müssen sich jetzt viel mehr aufs Management konzentrieren. Der Manager ist dazu da, den Künstler zu vermarkten. Und ich brauche heute nicht unbedingt eine weltweit flächendeckende Struktur. Wenn ich sie habe ist es gut und das ist auch der Vorteil von den Majors. Aber ich brauch sie nicht unbedingt. Ich kann mir auch in den USA einen Partner suchen, weil der dort den Markt gut kennt und mir den Künstler dort aufbaut. Und die Majors machen mittlerweile auch nichts anderes. Sie kaufen viele Dienstleistungen mittlerweile zu. Und die kann jeder andere auch zukaufen.

TSCHMUCK: Welche Projekte stehen derzeit an?

LOIBL: Es gibt bei uns zwei Schwerpunkte: Das eine ist mit Sicherheit Osteuropa. Dort sind wir schon sehr aktiv, werden aber noch weiter investieren. Der zweite große Schwerpunkt ist Indien. Von der Bevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen gehören 300 Millionen der Mittelschicht an, die immer größer wird. Es nur eine Frage der Zeit, dass der indische Musikmarkt stark zu wachsen und womöglich China in den Schatten stellen wird. Im Gegensatz zu China gibt es in Indien ein funktionierendes Urheberrechtsgesetz und Verwertungsgesellschaften. Das hat man in China de facto nicht. Deswegen haben wir uns auf Indien fokussiert. Aber auch die traditionell wichtigen Musikmärkte sind für uns interessant. Aber Westeuropa können wir von Österreich aus machen. Großbritannien ist z.B. unser drittgrößter Markt. Deutschland ist unser wichtigster Markt, gefolgt vom Heimmarkt in Österreich. Lediglich für das Geschäft in den USA sind wir zu weit weg vom Schuss. Da würden wir ein Büro und eine Struktur in den USA brauchen, was sich aber momentan von den Ressourcen her nicht machen lässt.

TSCHMUCK: Welche Entwicklungen zeichnen sich sowohl im physischen wie digitalen Musikvertrieb ab?

LOIBL: Physisch laufen wir schnurstracks auf eine Situation zu, in der der Tonträger von einem Massenartikel zu einem Merchandising-Artikel wird. D.h. die CD wird irgendwann ein Nebenprodukt sein. Früher hat der Künstler eine Tour gemacht, um seine CD zu promoten. Mittlerweile macht er eine CD, um seine Tour zu promoten. In den letzten Jahren hat sich das Einkommen der Musiker sehr stark in Richtung Live-Performance verlagert. Ich glaube aber nicht, dass das in Stein gemeißelt ist. Unter gewissen Voraussetzungen kann sich alles wieder drehen – und zwar in Richtung digitalen Vertrieb. Es wird der digitale Musikverkauf sein, der den Musikern ein beträchtliches Einkommen bringen wird.

TSCHMUCK: Geht das digitale Musikgeschäft in Richtung Streaming?

LOIBL: Nein, das wird nie passieren. Streaming ist für mich kein Musikverkauf. Streaming ist Radio, bei dem die Leistungsschutzrechte nicht mehr über die Verwertungsgesellschaften, sondern über die digitalen Vertriebe abgerechnet werden. Streaming wird nie die Bedeutung vom Musikkauf über Download erreichen. Die Leute werden weiterhin downloaden und die Musik kaufen wollen. Trotz unserer hoch-technisierten Welt besteht immer noch die Gefahr, keine Internetverbindung zu haben oder dass der Handy-Empfang gestört ist. Dann ist Streaming unbrauchbar; und das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern.

TSCHMUCK: Wo bestehen noch Innovationsmöglichkeiten?

LOIBL: Wenn ich mir heute einen Song auf iTunes kaufe und morgen ist die Festplatte kaputt, dann muss ich ihn mir noch einmal kaufen. Wenn ich mir aber einen Song kaufe, erwerbe ich nur die Nutzungsrechte an der Musik für den privaten Gebrauch. Das heißt, ich erwerbe eine Lizenz. Der nächste große Schritt wird sein, dass ich mir irgendwo im Netz meine ganzen Devices registrieren kann, d.h. mein iPhone, meinen Desktop-PC, meinen Laptop, mein Autoradio. Wenn ich nun, egal auf welchem Geräte, einen Titel kaufe, habe ich ihn gleichzeitig auf allen anderen Geräten auch. Wenn ich mir also ein neues Musikalbum hier am PC kaufe, und gehe dann nach unten zu meinem Auto und drehe das Autoradio auf, dann sind die Titel dort auch schon drauf. Das wäre technisch schon möglich, aber es ist noch nicht in einem Geschäftsmodell umgesetzt. Es bräuchte also eine zentrale Datenbank für alle digitalen Güter, die man jemals erworben hast – für Musik, Filme, Software usw. All das wäre dann an einer zentralen Stelle gespeichert und Du hättest jederzeit Zugang dazu. Das würde bedeuten, dass beim Kauf eines neuen Handys das alte de-registriert wird und nach der Registrierung des neuen dort schon alles drauf ist. Es würde dadurch die Hardware von der Software entkoppelt und die Software wäre in der Cloud ständig verfügbar.

TSCHMUCK: Vielen Dank für das Gespräch.


0 Responses to “REBEAT revisited”



  1. Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


März 2011
M D M D F S S
« Feb   Apr »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Archive

Facebook

Twitter

Kategorien

Blog Stats

  • 307,484 hits

%d Bloggern gefällt das: