22
Feb
11

Focus Rights Management – Zusammenfassung der Neuen Töne Music Talks vom 8. Februar 2011

Am 8. Februar 2011 fand im MICA – Music Information Center Austria die zweite Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Neuen Töne Music Talks mit dem Focus: Rights Management statt. Unter der Leitung von Stefan Niederwieser (The Gap) diskutierten vor dem zahlreich erschienen Publikum Mark Chung (freibank und Vorstand des Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen – VUT Deutschland), Manfred Gillig-Degrave (Chefredakteur der Musikwoche) Hannes Tschürtz (Geschäftsführer Ink Music und Swimming Pool Sync & Licensing) und Steffen Wicker (Geschäftsführer der deutschen Musik-Streamingplattform simfy.de).

Die Diskussion wurde von der Wiener Kreativwirtschaftsförderagentur departure, der Musikzeitschrift The Gap sowie vom mica gemeinsam veranstaltet und hier in voller Länge nachgehört werden: Neue Töne Music Talks – Focus Rights Management

Eine globale Musik-Repertoiredatenbank? 

Als Ausgangspunkt der Diskussion diente das auf der diesjährigen MIDEM in Cannes vorgestellte Projekt einer globalen Repertoiredatenbank. Steffen Wicker vom deutschen Musikstreaming-Dienst simfy.de hielt diese Bemühungen angesichts des de-fragmentierten Rechtemarkts für sehr wichtig. Aus Sicht der von ihm betriebenen Musikstreaming-Plattform verwies er auf die aus seiner Sicht bestehende Problematik der aufwändigen Lizenzierung von musikalischem Content. Es reiche nicht aus zu einer Verwertungsgesellschaft eines Landes zu gehen und das internationale Repertoire an Musik zu lizenzieren, sondern es haben sich zusätzlich Player am Markt etabliert, wie z.B. die CELAS, die das angloamerikanische Repertoire von EMI Publishing anbietet oder PAECOL, ein Joint-Venture zwischen Sony Music, der deutschen und französischen Verwertungsgesellschaften GEMA und SACEM, das das Sony-Repertoire lizenziert. Wicker: „Das heißt, der Lizenzmarkt ist im Moment extrem komplex und ich muss teilweise in einem Land mit mehreren Gesellschaften sprechen.“

Das führe in der Folge auch zu einem Mehraufwand beim Reporting an die verschiedenen Gesellschaften, die die kompletten Datensätze benötigen, um sie mit ihren Datensätzen abgleichen zu können. Erst dann könne die Abrechnung für die Urheber/innen funktionieren.

Der Musikverleger Mark Chung beleuchtete in der Folge die Hintergründe, die zu dieser Situation führten. Der EU-Kommission war und ist nämlich die Monopolposition der nationalen Verwertungsgesellschaften ein Dorn im Auge. Um Wettbewerb wie in den USA zwischen den Verwertungsgesellschaften herzustellen, wurde der Lizenzmarkt für die digitalen Rechte liberalisiert. So kann nun jede/r Urheber/in selbst entscheiden, welche Verwertungsgesellschaft im EU-Raum die Wahrnehmung der digitalen Nutzungsrechte übernehmen soll. Was zu einer Verbesserung der Rechtewahrnehmung hätte führen sollen, war aber die Ursache für das gegenwärtige Chaos.

Für Manfred Gillig-Degrave von der Musikwoche war zwar die angedachte Global Repertoire Database (GRD) ein Silberstreifen am Horizont, die er aber mit großer Skepsis sieht. Schon in der Vergangenheit würden immer wieder Initiativen für eine zentrale Rechts- bzw. Repertoiredatenbank gesetzt, die allesamt im Sand verliefen. Zwar würden Musikerkennungssysteme auf einer solchen Datenbasis bereits heute funktionieren und wirtschaftliches Potenzial haben, aber das ist eben keine zentrale Metadatenbank. Eine solche hätte mit dem Problem des Ballasts gewachsener und unübersichtlicher Lizenzstrukturen zu kämpfen, in die nicht einmal die Verlage, Label und geschweigene denn die Verwertungsgesellschaften den Durchblick haben.

Hier hakte der Label-, Verlags- und Synch-Rightsagentur-Betreiber Hannes Tschürtz aus Wien ein, der darauf hinwies, dass viele Künstler/innen und kleine Labelbetreiber/innen gar nicht über ihre Rechte Bescheid wüssten. Und natürlich handle es sich um eine sehr komplexe Rechtsmaterie, mit der auch die Verwertungsgesellschaften ihre Probleme hätten. Dennoch müssten auf dieser Rechtsgrundlage die neuen Geschäftsmodelle basieren und dazu bräuchte man eine entsprechende Abrechungsbasis. Das alte Geschäftsmodell des Tonträgerverkaufs, das noch übersichtlich und vergleichsweise einfach war, ist nun einem stark fragmentierten Verwertungssystem von Musik gewichen. Man könne Geld mit dem Live-Geschäft verdienen, mit der Lizenzierung von Musik an Filme oder Werbung, mit möglichst vielen Plays bei Streamingdiensten und mit vielen anderen Möglichkeiten auch. „Und um den Überblick über diese Sachen zu behalten muss ich mal Klarheit haben, wem gehört eigentlich was? Wer sitzt auf welchen Rechten?“ Diese Frage wäre besonders schwierig zu beantworten, wenn Repertoire, das bis zu 50 Jahre alt sein kein, verwertet werden soll, „(…) wo eigentlich gar nicht mehr wirklich nachvollziehbar ist, wer die Rechte hat, oder ob es den Verlag noch gibt, der damals den Vertrag abgeschlossen hat, oder das Label.“ Zur Lösung dieser Frage, würden schon seit Jahren Ansätze diskutiert, die aber bislang nirgendwohin geführt hätten. Es wäre zu wünschen, dass ähnlich wie bei der Einführung der CD Anfang der 1980er Jahre, sich die wichtigsten Player zusammenfinden könnten, um einen gemeinsamen Standard zu entwickeln, den dann die Verwertungsgesellschaften übernehmen könnten.

In dem Zusammenhang verwies aber Steffen Wicker auch auf die Vorteile, die das Internet nun bietet: Heutzutage sei man „(…) in der Lage, jeden Abspielvorgang zu verfolgen und mitzuschreiben. Und das ist ein Unterschied zu früher, wenn man Alben oder CDs verkauft hat, wo ein Recht mit dem Album behaftet war (…) aber man nicht wusste als Verwertungsgesellschaft und als Komponist, wie oft wird der Titel denn abgespielt, wie oft wird das gehört?“ Der Standard der Zukunft bestünde eben darin, dass dank des Internets vollkommene Transparenz über die Musiknutzung herrschen könnte. Das Problem derzeit sei aber noch, dass viele Musikschaffende, Label und Verlage die Metadaten nicht in der Form einem Streamingdienst wie simfy.de zur Verfügung stellten, wie sie nötig wären. Das führe dann dazu, dass die Daten unvollständig an die Verwertungsgesellschaften weitergeleitet werden müssten, und nicht jede/r, der/dem Tantiemen zustehen würden, diese auch ausbezahlt bekomme. Die Hauptproblematik gemäß Steffen Wicker sei: „Es gibt niemanden, der sich dafür verantwortlich zeichnet, oder die Verantwortung übernimmt, diese Datenbank zu erstellen.“ Da simfy.de nicht mit allen Rechteinhabern sprechen könne, werde es immer ein paar geben, die später noch Ansprüche geltend machen werden. Für diesen Fall bildet simfy Rückstellung, um etwaigen Forderungen später auch nachkommen zu können. Letztendlich hätten in dieser Hinsicht Rechtenutzer/innen und Rechteinhaber/innen ein gemeinsames Interesse an einer zentralen Repertoiredatenbank.

 

Wem nutzt das Musik-Streaming?

Auf die Zwischenfrage aus dem Publikum, um wie viel Geld es den eigentlich gehe, das da verteilt werden könnte, wies der Moderator der Diskussion darauf hin, „(…) dass pro Streaming ein hundert tausendstel Cent bezahlt wird.“ Hannes Tschürtz bestätigte diese Angabe insofern, dass er in seinem Digitalvertrieb acht Kommastellen brauche, um Streaming-Plays abbilden zu können.

Steffen Wicker von simfy.de versuchte zu relativieren: Das werbefinanzierte Freemimum-Modell wäre nur ein Aspekt des gesamten Geschäftsmodells. Es gehe aber vielmehr darum, möglichst viele Gratisnutzer in Abonnenten des Premimum-Angebots, das bei simfy EUR 10.- pro Monat ausmacht, umzuwandeln. Dabei wären vor allem die Telekommunikationsanbieter (Telcos) und Internetservice-Provider (ISPs) wichtige Verbündete. „Das heißt, es gibt einen Telefonvertrag zwischen Endkunde und T-Mobile, beispielsweise, und T-Mobile bundelt dann einen Musiktarif mit rein in diesen Vertrag und dann ist es völlig egal, ob der Kunde dann die Musik hört oder nicht hört, es wird für jeden Nutzer pauschal was bezahlt. Dadurch steigt sozusagen der Umsatz insgesamt und dann hat man 100% Conversion der Nutzer in ein Premium-Modell, und schafft es darüber eben diese Umsätze zu generieren.“

Mark Chung vom Musikverlag freibank brach durchaus eine Lanze für Musikstreaming-Services wie Simfy oder Spotify, in denen er eher Verbündete als Gegner sieht: „Wir sind sehr froh, dass es das [Simfy, Anm.] gibt. Wir sind auch sehr froh, dass es Spotify gibt. Die Vergütungen sind sehr, sehr niedrig, – gar keine Frage, und das ist sicher ein Problem. Was wir nicht vergessen können und dürfen, ist, Simfy und Spotify und die anderen ähnlichen Services, die in anderen Ländern anbieten, operieren im Umfeld, wo wir über 80% unvergütete Nutzung, Piraterie, wie immer wir es nennen wollen, operieren.“ Allerdings verwehrte sich Chung gegen Anbieter wie LastFM, dessen Geschäftsmodell es nicht gewesen wäre, Musik zu vertreiben, sondern eine Marke am Markt zu schaffen, um sie um teures Geld weiterzuveräußern. „Wir haben da mal nachgeguckt, was die erfolgreichen deutschen Künstler so streamen auf LastFM. Xavier Naidoo hatte mit (…) 14.465 Streams, also hat nicht mal einen Dollar verdient. Also LastFM (…) ist ein typisches Beispiel für Leute, die Geschäftsmodelle machen, die Künstler und Labelinhaber und Rechtinhaber, sag ich einfach mal, die Leute, die die Inhalte schaffen, extrem niedrig vergüten, dann aber den eigenen Laden für 160 Millionen an CBS verkaufen. Davon haben wir zu viel gesehen und das ist natürlich auch ein Problem.“ Bei Simfy oder Spotify sieht Mark Chung diese Gefahr aber nicht. An Spotify ist die internationale Lizenzagentur MERLIN, zu der sich viele Indie-Labels und -Verlage zusammengeschlossen haben, sogar beteiligt und man hätte dadurch auch einen gewissen Einblick ins Geschäftsmodell von Spotify, den man sonst nicht hat. Chung: „Und es fließt mehr Geld als wir erwartet hatten“. Und es bestehe die Hoffnung, dass einerseits das Werbevolumen steigt und andererseits die Gratis-Musik-Nutzer/innen auf das kostenpflichtige Premium-Modell umsteigen. Wenn durch diese Streaming-Angebote die unvergütete Musiknutzung zurück geschraubt werden könnte, dann könne man diese Angebote nur als Verbündete sehen. Problematisch aber wäre es, wenn iTunes-Kunden zu Streaming-Nutzer/innen konvertieren. Man müsste also wissen, woher die Streaming-Nutzer/innen stammen: Waren es frühere User/innen unlizenzierter Musikangebote oder ehemalige iTunes-Kunden?

 

Die Rolle der Verwertungsgesellschaften?

Hannes Tschürtz stimmte dem zu und meinte auch, dass sich alles in die richtige Richtung entwickle. Es ginge nicht mehr darum, Musik zu besitzen, sondern um die ultimative Verfügbarkeit von Musik. Nur seien die Verwertungsgesellschaften mit diesen Entwicklungen massiv überfordert. So sei zwar die LSG in der Lage, die Lizenzabgaben, die der österreichische Musik-TV-Sender Go-TV nach längerem Hin und Her bereit war zu zahlen, punktgenau abzurechnen, aber die AKM sähe sich außer Stande, bei gleicher Datenbasis, dies für ihre Bezugsberechtigten ebenfalls zu tun. Wenn die AKM schon bei traditionellen Medien solche Probleme hat, wie groß müssen dann die Probleme bei den online-gestützten Medien sein?

Mark Chung zog daraus und aus der vorangegangenen Wortmeldung zwei Fazits: (1) Die Rechteinhaber/innen müssten sich selbst um die Datenbereitstellung kümmern, weil das sonst niemand für sie übernehmen wird; (2) müssten die Verwertungsgesellschaften in die heutige Zeit gebracht werden. Dazu gehöre auch, sich als Rechteinhaber/in in den jeweiligen Gremien zu engagieren und geeignete Kandidat/innen in die entsprechenden Positionen zu bringen. „Es ist ein mühsamer, langer Marsch durch Institutionen; aber wir müssen das machen, wenn wir von Musik leben wollen.“

Manfred Gillig-Degrave hielt die Verwertungsgesellschaften auch nicht für obsolet, denn diese verfügten ja über eine Verwertungsmatrix. Aber sie schleppten auch sehr viel Ballast aus der Vergangenheit mit sich herum. Im Vergleich dazu könnten die neuen Services wie simfy.de ein exaktes Tracking durchführen. Sie verfügten aber wiederum nicht über die Verwertungsmatrix. Die Verwertungsgesellschaften müssten daher ihr Tracking up-to-date bringen, weil sie ja letztendlich auch die finanziellen Möglichkeiten dazu hätten.

Eine Frage aus dem Publikum, ob überhaupt Musik noch eine kontrollierbare Ware ist, auf die sich ein Tracking beziehen könne, mit dem die Verwertungsgesellschaften arbeiten könnten, wusste auch Steffen Wicker von Simfy keine Antwort. Man könne nur die Daten an die Verwertungsgesellschaften reporten, die von den Rechteinhabern geliefert würden. Zwar ließe sich über ISCR-Codes und andere Identifikationsnummern auch einiges nachvollziehen, aber die Verwertungsgesellschaften müssten dann doch wieder die Urheberinformationen ergänzen können. „Das ist mein Punkt, dass ich glaube, dass wir als Serviceprovider nicht dafür verantwortlich sind, diese Metadatenanreicherung zu machen, sondern dass da die Verantwortung tatsächlich bei den Urhebern selber liegt, die Daten zur Verfügung zu stellen.“

Dem pflichtete Hannes Tschürtz insofern bei, dass die Verwertungsgesellschaften ohnehin über einen Großteil der Daten verfügten, aber die EU-Kommission mit ihrer Wettbewerbspolitik die digitalen Rechte fragmentiert habe und die Verwertungsgesellschaften den entscheidenden Schritt Richtung gemeinsamen Datenstandard nicht gemacht hätten, obwohl die Entwicklung ja absehbar war.

 

Ist die Cloud bereits besetzt?

Die nächste Fragerunde drehte sich um die Einschätzung der Diskutanten, ob es noch Platz für weitere System wie Simfy oder Spotify gäbe, oder aber ob der Markt schon besetzt sei. Für Westeuropa und den USA sah Steffen Wicker keinen Platz mehr für neue Modelle, aber es gäbe Länder, wo noch gar keine Streaming-Services aktiv wären. Viel versprechender wären hingegen Dienstleistungen für die diversen Services. „Weil für uns ist das Thema Reporting tatsächlich ein heißes. Es ist ein Rattenschwanz, den wir machen müssen, bringt uns keinen Umsatz, müssen wir halt machen.“ Und weiter: „Das ist ein möglicher Ansatzpunkt für eine Geschäftsidee, oder ein Businessmodell, dass man sagt: Man ist Serviceprovider für Dienste wie Simfy oder Spotify oder YouTube und bietet eben genau das an.“

Die Firma Rightsflow in den USA würde genau das bereits anbieten, warf Mark Chung in die Diskussion ein. „Rightsflow bietet als Service an, die Urheberrechtsabrechnung für Unternehmen zu übernehmen. Das gibt es in Europa noch nicht.“

Ergänzend dazu schlug Manfred Gillig-Degrave nach US-amerikanischem Vorbild die Entwicklung eines technischen Service-Providers an, über den die Verwertungsgesellschaften und die neuen Player wie CELAS oder PAECOL mit den Rechtenutzer/innen verknüpft werden könnten. Wie das funktionieren könnte, lehre die Vergangenheit. Als das Privatradio aufkam, hat man sich anfangs auch auf pauschale Vergütungsmodelle eingelassen, bis man sich dann nach Jahren auf beidseitig akzeptierte Tarife einigen konnte. In der analogen Welt wäre das noch möglich gewesen. Das Internet habe aber die Entwicklungsgeschwindigkeit erhöht, mit der die Verwertungsgesellschaften mit ihren einjährigen Hauptversammlungen nicht mitkommen.

Das hat aber nichts mit der viel zitierten Cloud zu tun, schränkte Gillig-Degrave ein. Darunter versteht man einen virtuellen Stauraum im Netz, auf den man etwas hochladen kann, um die eigenen Speicherressourcen zu entlasten. Und Sony hat mit Qirocity, das eigentlich ein simples Streaming-Service ist und mit Music Unlimited vorexerziert, wie das funktionieren könnte. Da könne auf 6 Millionen Musiktracks zugegriffen werden, die man nicht unbedingt auf seine Festplatte laden müsste, aber die man jederzeit über diverse Geräte wie die Sony Playstation für sich verfügbar machen kann. „Ich hab die [Musiktracks; Anm.] ja dann immer noch auf der Festplatte, aber wenn ich die anmelde, dann lade ich garantiert nicht meine 50.000 Tracks hoch, aber Sony gleicht mir das mit der Gracenote-Datenbank ab. (…) Also, das ist schon eine ganz interessante Geschichte, und letztlich ist die Cloudgeschichte ein anderes Geschäftsmodel denk ich, als Simfy oder Internetradio oder sonst was.“

Auch Mark Chung schlug in dieselbe Kerbe, dass bei der Bewältigung der Rechteproblematik die Technologie ein Verbündeter sei. Es ließen sich schon jetzt, wie Simfy belegt, trackgenaue Abrechnungen erstellen. Es ließen sich auch Datenbanken miteinander verbinden und letztendlich sei auch das Problem lösbar, dass derzeit nur 20% der Musiknutzung vergütet werde. Alles das brauche aber seine Zeit, in der man eben mit Pauschalvergütungen arbeiten müsste, um dann zu besseren Lösungen zu kommen. Die Voraussetzung aber sei einerseits die Modernisierung der Verwertungsgesellschaften, die immer noch zu viel Ballast mit sich herum schleppen und zu sehr an hausgemachten EDV-Lösungen arbeiten, und andererseits die Etablierung von Dienstleistern, die die unangenehme zeitraubende Aufgabe der Abrechung und des Reporting für die bereits existierenden Musikservices übernehmen könnten.

Volle Zustimmung kam dazu vonseiten Steffen Wickers, der einen einheitlichen Datenstandard, wie er jetzt über DDEX eingeführt werden soll, als Voraussetzung ansieht, um dann die Rechteinhaber dazu zu bringen, in diesem einheitlichen Format auch die Daten zu liefern. Dann könnten auch die Verwertungsgesellschaften und Verlage die Daten entsprechend einpflegen. Für das Vorhaben von Simfy, den Musikschaffenden und kleinen Labels ein Backend anzubieten, um ihre Daten selbst ins System einzupflegen, gab es nicht nur kritische Kommentare aus dem Publikum. So befürchtete auch Mark Chung eine weitere Fragmentierung der Rechtesituation, wenn jede/r Musikschaffende bei jedem Service weltweit ihre/seine Daten eingeben müsste.

 

Wohin segeln die Musik-„Piraten“?

In weiterer Folge wurde diskutiert, ob legale Musikangebote im Netz die unauthorisierte Musik-Nutzung zurückdrängen könnten. Manfred Gillig-Degrave meinte da schon eine Tendenz feststellen zu können, wenn es auch immer Leute geben werde, die sich Musik kostenlos aus dem Netz besorgen wollen, womit er aber leben könne, weil es sich dabei auch um Pioniere handle, die viel Neues an Musik entdecken und verbreiten würden. Ihm gehe es vielmehr um die Masse der Musikkonsument/innen, die lange Zeit mangels brauchbarer Musikangebote Tauschbörsen benutzt hätten. Und dabei schätzte er so genannte „Three-Strike-Modelle“ wie jenes in Frankreich sehr skeptisch ein. Zur Veranschaulichung zeichnete Gillig-Degrave den Verwarnungsprozess nach: So wurden nach Angaben der zuständigen Behörde (HADOPI) im Oktober/November 2010 insgesamt 150.000 Warn-Mails versandt. Lediglich 1.500 verwarnte User/innen haben innerhalb der Frist von sechs Monaten nicht darauf reagiert, was für Gillig-Degrave ein Beleg dafür ist, dass das Warnsystem an sich funktioniere. Die 1.500 „Uneinsichtigen“ erhielten nun eine zweite Verwarnung und erst dann folgt die ultimative, schriftliche Verwarnung mit der Androhung gerichtlicher Schritte. Für dieses Warnsystem wird aber ein großer Behördenapparat in Gang gesetzt, ohne dass der Aufwand in Relation zum (wirtschaftlichen) Ergebnis stünde. „Im Endeffekt bleiben vielleicht dann 100 Leute übrig, die die 1.500 Euro zahlen. Es ist aber ein riesen Aufwand getrieben worden.“ Das sei auch schon der HADOPI-Behörde selbst klar geworden und so ginge sie nun dazu über, nicht nur Mahnungen zu verschicken, sondern möchte mehr über die Motive der Musiknutzung herauszufinden.

Hannes Tschürtz versuchte eben dieses Musiknutzer/innen-Verhalten zu beleuchten. Es ginge der jetzigen Teenager-Generation gar nicht mehr darum, Musik zu besitzen, sondern sie verfügbar zu haben. Deshalb benutzen sie YouTube. Weniger wegen der Musikvideos, sondern wegen der leichten Verfügbarkeit der Musik. Letztendlich würden dann auch Bezahlmodelle funktionieren, wenn sie in der Lage sind, einen Mehrwert zu schaffen. Tonträger, seien es nun CDs oder Vinyl-Schallplatten, seien nur mehr Souvenirs, die man am Merchandising-Stand am Rande eines Live-Konzerts erwirbt.

 

Musikkauf auf Facebook?

Social Media waren das nächste Thema der Diskussion. Dabei herrschte am Podium der Konsens, dass z.B. Facebook ein guter Aufmerksamkeitsgenerator ist, aber nicht besonders gut geeignet ist, Musik zu verkaufen, wie es Hannes Tschürtz auf den Punkt gebracht hat: „[D]a ist Facebook natürlich ein fantastischer Multiplikator. Das trägt dann im Endeffekt zu einer gewissen Wertsteigerung bei. Aber direkt im Facebook kaufen, damit haben eigentlich alle, mit denen ich darüber gesprochen hab, nicht wirklich großartige Erfahrungen damit gemacht“. Facebook nütze auch dem Streaming-Service simfy.de, wie dessen Geschäftsführer Steffen Wicker ausführt: „Wir merken da schon einen deutlichen Antrieb über Facebook, sowohl was den Traffic als auch was die Konversionswahrscheinlichkeit angeht, wenn man durch einen Freund einladen wird zu Simfy.“

Auf die letzte Frage an die Diskutanten vor der Einbeziehung des Publikums war auf mögliche Monetarisierungen im Musikverlagsgeschäft gerichtet, die im Zuge der Diskussion noch nicht erörtert wurden. Abgesehen von der Verwertung der Synch-Rechte in Film, Werbung und Games, die Hannes Tschürtz in seiner kürzlich in Wien gegründeten Agentur Swimming Pool, vornimmt, kamen keine weiteren Anmerkungen bis auf den Vorschlag, dass man natürlich auch Applikationen für diverse Smartphones programmieren und vermarkten könnte.

Damit war die Podiumsdiskussion beendet und es konnten vom zahlreich erschienen Publikum nun Fragen gestellt und Anmerkungen gemacht werden, auf die hier aber nicht mehr im Detail eingegangen werden kann.

 

Die nächsten Neuen Töne Music Talks finden am 5. April 2011 zum Thema „Focus: Live-Bereich“ wieder im mica (Stiftgasse 29, 1070 Wien) ab 19.00 statt.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Februar 2011
M D M D F S S
« Jan   Mrz »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28  

Archive

Facebook

Twitter

Kategorien

Blog Stats

  • 307,484 hits

%d Bloggern gefällt das: