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Focus Musikmanagement – Zusammenfassung der Neuen Töne Music Talks vom 7. Dezember 2010

Am 7. Dezember 2010 fand im MICA – Music Information Center Austria (Stiftgasse 29, 1070 Wien)  eine von der Wiener Kreativwirtschaftsförderagentur departure und der Monatszeitschrift The Gap veranstaltete Podiumsdiskussion zu aktuellen Entwicklungen im Musikmanagement statt. Es war die Auftaktveranstaltung zur Diskussionsreihe „Neue Töne Music Talks“, die innovativen Ansätzen in der Musikwirtschaft nachspüren möchte.

Unter der Leitung von Stefan Niederwieser (The Gap) diskutierten Sabina Hank (Meander Records/Künstlerin und Labelbetreiberin, Wien), Tom Nieuwebour (K7 Records, Berlin), Katha Schinkinger (Katha PR/Artist Management Bunny Lake, Wien) und Univ.Prof. Dr. Carsten Winter (Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover).

 

Nach der Vorstellung der Diskutant/innen leitete Stefan Niederwieser von The Gap die Diskussion mit der Feststellung ein, dass sich die Wertschöpfungskette in der Musikwirtschaft nachhaltig verändert hat. Hatte früher einmal eine Band ein Album aufgenommen, wurde sie auf Tour geschickt, um dieses zu promoten, da ein Großteil der Einnahmen aus dem CD-Verkauf stammte. Durch die stark gesunkenen Tonträgerumsätze wäre dieses Geschäftsmodell nicht mehr wirtschaftlich tragfähig.

Für Carsten Winter war klar, dass neue Werte geschöpft werden müssten und zwar in dem Sinn, dass Musik mit zusätzlichen Nutzenkomponenten aufgeladen werden müsste. Im Live-Geschäft wäre das möglich, aber auch dort, wo soziales und kulturelles Kapital aufgebaut und Aufmerksamkeit generiert werden kann, stecken neue Erlöspotenziale.

Katha Schinkinger sah diese These im aktuellen Album-Projekt von Bunny Lake bestätigt. Zwar wurden durch die Promotion für die Produktion unmittelbar keinen höheren Verkaufszahlen erzielt, aber neue Einkommensströme im Live-Bereich (durch höhere Gagen) und im Sponsoring ausgelöst. Management könne dabei die verschiedenen Einkommensströme kanalisieren, indem Netzwerke genutzt werden.

Tom Nieuwebour von K7 Records bestätigte diese Sichtweise und betonte, dass es gerade die Indies wären, die eine Band, auch wenn sie vorerst kaum etwas verkauft, nicht gleich wieder fallen ließe. Stattdessen versuche man als kleines Label verschiedene Ertragsmodelle wie im Live- oder Synch-Bereich zu nutzen, bei denen die CD dann nur mehr als Promotionstool dient.

Für den Moderator gingen aber Live- und Synch-Ertragsmodelle nicht weit genug und er stellte noch einmal die Frage, welche Erweiterungen der Wertschöpfungskette für das Musikmanagement noch interessant wären?

Katha Schinkinger verwies auf das Schnüren gesamter Pakete wie z.B. Snych-Deals, in denen die Künstler/innen auch als Testimonials fungieren. So ähnlich wie der Spot, der von Soap & Skin für Ford vertont wurde, und der auch auf YouTube zu sehen sei.

Die Sichtweise der ausübenden Musiker/in brachte Sabina Hank in die Diskussion ein. Wenn die Künstler/in von ihrem Musikschaffen leben möchte, dann könne sie das nicht ohne Unterstützung durch andere Menschen. Genau hier müsse  Management ansetzen. Die Musikmanager/in müsse dabei die Künstler/in begreifen und verstehen. Aber genau das war in den starren Major-Strukturen, in denen sie sich früher bewegt hat, nicht möglich.

Für Carsten Winter sind vor allem die großen Strukturen, die sich zwischen Künstler/in und Publikum schieben, das Problem. Management müsse hingegen Nähe zum Publikum schaffen, wie z.B. durch neue Technologien oder eine professionelles Veranstaltungsmanagement. Dabei ist es heutzutage nicht mehr (so) wichtig Reichweite zu erzielen. Viel bedeutender wäre es, den Abstand zum Publikum zu reduzieren und Quantität durch Qualität zu ersetzen. Virtuelle Welten böten dabei hervorragende Möglichkeiten.

Für Katha Schinkinger sind aber neue Technologien nur ein Teil der Lösung. Auch konventionelle Promotion habe noch ihre Berechtigung und die funktioniert dann am besten, wenn die Manager/in ihr Produkt, d.h. die Künstler/in „liebt“. Eine Aussage, die Tom Nieuwebour nur bekräftigen konnte. Sabina Hank sieht in der „Liebe“ zur Künstler/in allerdings nur einen guten Ausgangspunkt für das Musikmanagement. Handfeste Unterstützung wie z.B. gute Booker und Booking-Agenturen sind unabdingbar.

Auf Frage des Moderators, ob über das Booking hinaus nicht auch  Social Media Plattformen wichtige Funktionen im Management erfüllen würden, meinte Sabina Hank, dass gerade Social Media Arbeit nicht ausgegliedert werden könne. Das müsste schon von der Künstler/in selbst gemacht werden, allein schon wegen der Authentizität. Carsten Winter fügte aber hinzu, dass es mit der Erfahrung im Social Media Bereich so wäre, wie früher mit der Bühnenerfahrung. Diese müsste man in die virtuelle Welt zu übertragen versuchen, z.B. durch Streaming.

In weiterer Folge wurden einige Fallbeispiele wie die Soundtrack Discovery Tour gesponsert von Coca Cola, die Mercedes Mix Tapes oder auch Apple mit iTunes angesprochen, die neue Wege aufzeigen, wie an das Publikum heutzutage mit neuen Musik herangetreten wird.

Auf die Frage aus dem Publikum, wie Management mit einer Band umgehen soll, die nicht gerade Medien tauglich wäre, war der allgemeine Tenor vom Podium, dass es kein allgemein gültiges Rezept der Kommunikation gäbe. Man müsste sich das von Produkt zu Produkt überlegen und dann eine maßgeschneiderte Lösung finden. Schablonen wären dabei nicht hilfreich und den Künstler/innen müsste viel mehr Eigenverantwortung zugestanden werden.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurden dann die Problematik angesprochen, dass Sponsoring zwar im Inland funktioniere, aber im Ausland schon nicht mehr. Hier wurde von Carsten Winter auf Sprungbrettfunktion einen kleinen Marktes, wie ihn Österreich darstelle, verwiesen. Die anderen Diskutant/innen sahen in der Bildung von Netzwerken über nationale Grenzen hinweg den richtigen Weg, was dann wieder die Frage aus dem Publikum nach dem Reichweitenaufbau provozierte. Carsten Winter versuchte daraufhin seine These vom Bedeutungsverlust der Reichweite im Musikmanagement zu untermauern, um dann doch noch einzuschränken, dass Reichweite und Zielgruppendefinition immer ein Thema bleiben würden, allerdings in einer Mischung aus alt und neu. Abschließend wurde dann noch die Frage nach dem Long Tail und der Bedeutung der weltweiten Nische für Musikmanagement angesprochen, worin Carsten Winter ein großes Potenzial sah, vor allem wenn Vernetzungsmöglichkeiten genutzt werden würden.

Insgesamt zeigte die Diskussion auf, dass dem Management im Musikbereich eine größere Bedeutung in den gegenwärtigen Zeiten des Umbruchs zukommt als in den Jahren und Jahrzehnten davor. Die eingespielten und erprobten Handlungsmuster aus früheren Zeiten können nicht mehr zum Einsatz kommen, neue haben sich aber auch noch nicht ausgeprägt. Management wird unter diesen Bedingungen noch viel mehr zum Trial-and-Error-Prozess, in dem vieles ausprobiert werden muss, was zwar das Risiko zu scheitern erhöht, gleichzeitig aber auch große Erfolgspotenziale in sich birgt. Jedenfalls ist das Innovationspotenzial im Musikmanagement so hoch wie schon lange nicht mehr und es gehört Ideen- und Einfallsreichtum dazu, dieses auch zu heben.

 

Fotos zur Veranstaltung finden sich hier.

Weitere Termine der Reihe „Neue Töne Music Talks“:

8. Feber 2011 Focus Rights Management ab 19.00 im mica (Stiftgasse 29, 1070 Wien)

5. April 2011   Focus Events und Live-Markt ab 19.00 im mica (Stiftgasse 29, 1070 Wien)

8. Juni 2011     Focus Distribution: „Is Streaming the answer … ?“ ab 19.30 im Fanny-Hensel-Mendelssohn-Saal der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien)

Die „Neue Töne Music Talks“ sollen thematisch zum departure-Themen-Call „focus Musik“ hinführen, der im Juni 2011 gestartet wird und für den rund 800.000 Euro für innovative Projekte in der Musikwirtschaft zur Verfügung stehen werden.


2 Responses to “Focus Musikmanagement – Zusammenfassung der Neuen Töne Music Talks vom 7. Dezember 2010”


  1. 1 Katha Schinkinger
    22. Dezember 2010 um 6:56 pm

    „Katha Schinkinger verwies auf das Schnüren gesamter Pakete wie z.B. Snych-Deals, in denen die Künstler/innen auch als Testimonials fungieren. So wurde von Bunny Lake ein Spot für Ford vertont, der auch auf YouTube zu sehen sei.“

    Nicht richtig zitiert. Ich habe auf den Soap&Skin Synch Deal mit Ford verwiesen.
    Zu sehen hier: http://www.youtube.com/watch?v=1xntWYxGZyg


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