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Rezension: Die Wiener Jazzszene

Stefanie Bramböcks hervorragende Diplomarbeit ist Dank eines Wissenschaftsstipendiums der Stadt Wien im deutschen Peter-Lang-Verlag in Buchform unter dem Titel „Die Wiener Jazzszene. Eine Musikszene zwischen Selbsthilfe und Institution“ erschienen. Heute Abend fand dazu die Buchpräsentation im ORF Kulturcafé statt, die ich zum Anlass nehmen möchte, das Buch ausführlich zu rezensieren.

Stefanie Bramböck, 2010, Die Wiener Jazzszene. Eine Musikszene zwischen Selbsthilfe und Instution. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang Verlag. ISBN: 978-3-631-59652-4, EUR 40,90.

Die Arbeits- und Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene: Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 20. Mai 2009 

 

Ausgangspunkt der Arbeit war, die Arbeits- und Produktionsbedingungen für Jazz in Wien zu analysieren, die in einer Stadt, die sich dem Titel „Weltstadt der Musik“ schmückt, alles andere als hervorragend zu bezeichnen sind. Nichtsdestotrotz ist die Wiener Jazzszene äußerst vital und kann sich durchaus mit Jazzszenen anderer europäischer Großstädte messen. Ja, es ist sogar so, dass Wien als eine der wichtigsten Jazzmetropolen Europas angesehen wird. Gerade dieser Zwiespalt – suboptimale Rahmenbedingungen und international hohes Renommee – wird von der Autorin Stefanie Bramböck einer genauen Analyse unterworfen.

 

Der theoretische Rahmen und die Forschungsmethodik

Die theoretische Basis dieser Arbeit bilden zum einen das Szenenkonzept nach Ronald Hitzler und zum anderen der Production-of-Culture-Ansatz, der federführend vom US-Kultursoziologen Richard A. Peterson in den 1970er Jahren entwickelt wurde. Gemäß Hitzler lassen sich Szenen als „thematisch fokussierte, kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln“ definieren. (Hitzler, 2005: 20). Daraus ergeben sich verschiedene Akteurtypen: (1) der Szenenkern auch Szenenelite genannt, der wiederum in eine Repräsentations-, Organisations- und Reflexionselite zerfällt; (2) die Szenegänger, die regelmäßig an Veranstaltungen und Treffen der Szene teilnehmen und die Einstellungen, Motive und den Lebensstil mit dem Szenekern teilen. Dabei sind die Szenegänger über Freundeskreise und professionell Interessierte mit dem Szenekern verbunden. Den äußersten Kreis der Szene bildet (3) das Publikum, das in unterschiedlicher Intensität bei Szeneveranstaltungen anwesend ist.

Der Production-of-Culture-Ansatz fließt in die Analyse über die von Peterson (1982) identifizierten „six constraints“ – d.s. ein soziales Feld konstituierende Rahmenbedingungen – ein. (1) Industriestruktur („industry structure“), (2) Organisationsaufbau („organizational structure“), (3) Technologie („technology“), (4) rechtlichen Rahmenbedingungen („law“), (5) Nachfrage- und Marktstrukturen („market“) und (6) institutionalisierte Berufsrollen („occupational roles“).

Vor diesem theoretischen Hintergrund hat die Autorin nun mit 7 Mitgliedern des Kerns der Wiener Jazzszene (vor allem Musiker/innen und Musikjournalist/innen) Experteninterviews geführt, um mehr über die Arbeits- und Produktionsbedingungen für die Jazzszene in Wien zu erfahren. Darüber hinaus hat Stefanie Bramböck auch noch die Fördersituation für Jazz in Wien durch die öffentliche Hand für den Zeitraum von 1996 bis 2007 herausgearbeitet.

 

Die Arbeitsbedingungen der Wiener Jazzszene

Die Arbeitsbedingungen werden von der Autorin entlang dem vorher besprochenen Szenekonzept aufgearbeitet. Die zentrale Rolle nehmen dabei die Jazzmusiker/innen, die schwerpunktmäßig in Wien tätig sind, selbst ein, die die Repräsentationselite bilden. Zuerst spürt Frau Bramböck den Motivationen nach, die Musiker/innen zum Jazz geführt haben. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Ausbildungsprogramm, dass in Wien durchaus breit gefächert, und bereits in den Musikschulen verankert ist. Vor allem kommt den in Wien angesiedelten Universitäten und den privaten Konservatorien eine entscheidende Rolle zu, auch wenn die Interviewpartner/innen in der „akademischen“ Ausbildung keineswegs den Königsweg sehen, so ist sie doch ein wichtiges Element um in die bestehenden Netzwerke integriert zu werden.

Danach widmet sich die Autorin dann den verschiedenen Tätigkeitsbereichen von Jazz-Musiker/innen. Besonders wichtig sind dabei die Live-Konzerte. Dabei ist es üblich, dass so gut wie alle befragten Jazzmusiker/innen in mehreren Formationen gleichzeitig spielen und ihre Konzertaktivitäten nicht an der Stadtgrenze enden, sondern ganz im Gegenteil weit über Wien und Österreich hinausgehen. Und das ist auch gut und wichtig so, weil eine lebendige Jazzszene immer auch vom Austausch mit den Jazzszenen anderer Städte lebt. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Kompositionsaufträge, die für fast alle Befragten eine unentbehrlichen Einnahmenquelle darstellen und zudem dafür sorgen, dass das eigene kreative Schaffen Verbreitung findet. Und schließlich ist auch der Unterricht an Musikschulen oder an universitären Einrichtungen als Einnahmequelle für Jazzmusiker/innen nicht zu vernachlässigen, wobei die Diskrepanz den Lebensunterhalt mit Musikunterricht zu verdienen bei gleichzeitigem Verzicht auf eigene künstlerische Arbeit besonders stark ist.

Die Organisationselite teilt sich in zwei große Gruppen: (1) die Jazzveranstalter, seien es nun Jazz-Clubs oder Jazz-Festivals; und (2) die Jazzvermittler, wozu die Jazzagenten und Jazzmanager gezählt werden können. Besonders wichtig für die Wiener Jazzszene sind die Jam-Sessions, die an unterschiedlichen Orten abhalten werden und vor allem dem Nachwuchs die Möglichkeit bieten, sich zu erproben. Nach Angaben der Stadt Wien gibt es 50 Lokalitäten, die regelmäßig Live-Jazz in ihr Programm einbauen. Die beiden wohl wichtigsten Veranstaltungsstätten der Stadt sind dabei sicherlich das Porgy & Bess sowie das WUK. Ersterem widmet die Autoren ein längeres Subkapitel, in dem auch diese wichtige Institution näher eingegangen wird. Es wird aber auch auf die Gründe des Scheiterns des ambitionierten Konzepts mit dem „Birdland“ einen zweiten international renommierten Veranstaltungsort für Jazz in Wien zu etablieren, durchaus kritisch eingegangen. Schließlich sind noch die Jazz-Events, allen voran das im Sommer in der Staatsoper stattfindende Jazzfest Wien, von großer Bedeutung. Aber auch andere Veranstalter, wie das Wiener Konzerthaus leisten sich eine Jazz-Konzertreihe, die aber vor allem internationale Stars nach Wien bringen soll.

Während es in Wien durchaus zahlreiche und auch renommierte Aufführungsorte gibt, tut sich bei der zweiten Gruppe der Organisationselite – den Jazzvermittlern – eine große Lücke auf, Es gibt kaum namhafte Jazz-Agenturen in Wien und das Management der Jazzmusiker/innen ist meist auf Ehepartner und den Freundeskreis beschränkt. Dabei wird die Rundumbetreuung der Künstler/innen in der gegenwärtigen Umbruchsituation in der Musiklandschaft immer wichtiger. Dennoch: „Niedriges Gagenniveau, begrenzte Auftrittsmöglichkeiten und ein unregelmäßiger Einkommensverlauf führen dazu, dass der Spielraum von Jazzagenturen sehr stark von wirtschaftlichen Ressourcen begrenzt ist.“ (S. 66). Umso wichtiger wird daher das Selbstmanagement, auch wenn sich hier die Frage der Opportunitätskosten stellt. Die Autorin wägt jedenfalls Vor- und Nachteile des „Cultural Entrepreneurship“ ab.

Im Anschluss werden die Reflexionseliten der Wiener Jazzszene analysiert. Darunter sind vor allem der Rundfunk (Hörfunk und Fernsehen) sowie die Printmedien zu verstehen. Dabei beobachtet Stefanie Bramböck ein großes Defizit bei der Berichterstattung über die Szene  wie auch bei den Übertragungen von Jazzveranstaltungen im Hörfunk und Fernsehen. Eine Ausnahme stellt dabei lediglich der Kultursender Ö1 dar, in dem einige wenige Jazzsendungen, wenn auch meist zu Nacht schlafener Zeit zu finden sind. Ansonsten hat Jazz in den durchformatierten Radiosendern so gut wie keinen Platz. Ob dabei eine Österreichquote im Radio Abhilfe zu erwarten wäre, bezweifeln auch die befragten Jazz-Expert/innen.

Nicht viel besser ist es um die Berichterstattung in den Printmedien bestellt. Nur wenige Tageszeitungen leisten sich professionelle Jazzkritiker/innen und mit der Einstellung der „jazzzeit“ gibt es kein einziges Spezialmedium mehr, dass sich mit Jazz beschäftigt.

 

Die Produktionsbedingungen der Wiener Jazzszene

Unter den Produktionsbedingungen versteht die Autorin vor allem die wirtschaftlichen Aktivitäten zur Herstellung, zum Vertrieb und zur Verwertung des Produkts Jazzmusik. Dabei spielen die Major- und Indielabel die zentrale Rolle. Allerdings leistet nur mehr Universal Music Austria A&R-Arbeit am heimischen Jazzmarkt, alle anderen drei Majors haben sich in dieser Hinsicht aus Österreich bzw. Wien verabschiedet. Daher sind es vor allem die in Wien ansässigen Indie-Label, die wichtige Aufbauarbeit leisten. Namentlich sind dabei die Extraplatte, Quinton Records, Cracked an egg, Lotus Records und zahlreiche Jazzmusiker-Label zu nennen. Dass es auch anders geht, zeigt das Best-practice-Beispiel skandinavischer Jazzproduktionen, die vor allem beim deutschen ECM-Label herauskommen. Ergänzt werden die Labelstrukturen durch Interessensvertretungen wie der „Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten Österreichs“ (VTMÖ) und das „Austrian Music Ambassador Network“ (AMAN).

Darüber hinaus kommt sozialen Netzwerken und Musikportalen eine immer größere Bedeutung zu. Die CD hingegen wird von so gut wie allen Interpartner/innen als reine Visitenkarten gesehen, die kaum relevanten Einkommensströme erzeugt.

 

Die öffentlichen Förderungen für die Wiener Jazzszene

Den Abschluss der Arbeit bildet eine Analyse der Fördersituation von Jazz in Wien durch die öffentliche Hand. Mit Akribie hat die Autorin dabei die Ausgaben des Bundes, der Stadt Wien, des SKE-Fonds und des Österreichischen Musikfonds zwischen 1996 und 2007 untersucht.

Die Bundesförderungen (derzeit über die Kunstsektion im BM für Unterricht, Kunst und Kultur) erweisen sich dabei als bemerkenswert stabil. Vor allem wenn Investitionsförderungen, wie z.B. für das Porgy & Bess, heraus gerechnet werden, liegt das Förderniveau für die Wiener Jazzszene durch den Bund bei 2,5% bis 4,5% der gesamten Musikförderung, die ihrerseits lediglich 1% der gesamten Kunst- und Kulturförderung des Bundes ausmacht. In absoluten Beträgen handelt es sich um durchschnittlich EUR 379.000 pro Jahr, sofern auch die Investitionsförderungen berücksichtig werden. Darin enthalten sind zudem noch die Jahressubventionen für Orchester und Musikensembles sowie Einzelförderungen in Form von Preisen, Stipendien, Fortbildungszuschüssen, und Verbreitungsförderungen für Tonträger und Publikationen. Erfasst wurden von der Autorin auch Förderungen von Konzertveranstaltungen, Festspiel- und Projektförderungen.

Die Stadt Wien unterstützt die Jazzszene der Stadt über die Magistratsabteilung 7 und vergibt in erster Linie Jahressubventionen und so gut wie keine Einzelförderungen. Dabei fällt ins Auge, dass jedes Jahr die gleichen Fördernehmer zu den Begünstigten zählen und neue Fördernehmer eine große Ausnahme darstellen. Insofern überrascht es wenig, dass der Anteil der Jazzförderung an der gesamten Musikförderung der Stadt mit 2-4% pro Jahr sehr konstant ist. Im Durchschnitt wurden über den betrachteten Zeitraum hinweg EUR 630.000 pro Jahr von der Stadt Wien für die hiesige Jazzszene ausgegeben.

Anders die Situation beim Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen (kurz SKE-Fonds) der AustroMechana (österreichische Verwertungsgesellschaft für die mechanischen Rechte). Der Förderanteil für Jazz an der Gesamtförderung des SKE-Fonds schwankt zwischen 7% und 19%, abhängig davon, Organisationsförderungen bzw. Jahresstipendien im Jazzbereich ausgeschüttet werden. Die Förderhöhe weist eine dementsprechend hohe Schwankungsbreite von EUR 31.000 (1999) bis EUR 150.000 (2007) auf.

Kaum eine Rolle spielte bislang der Österreichische Musikfonds in der Förderung der Wiener Jazzszene. „Bei insgesamt 178 Förderzusagen, von denen 10 Produktionen im Bereich Jazz gefördert wurden beträgt der Anteil der Jazzproduktionen an den Gesamtförderzusagen 5,62 %.“ (S. 149).

 

Zusammenfassung

Rechnet man alle Förderungen der öffentlichen Hand über den Daumen zusammen, so kommt man auf jährlich rund EUR 1,0 Mio., die an die Wiener Jazzszene fließt. Das ist nicht viel. Vor allem in Anbetracht der Summen, die für klassische Musik aufgewendet werden. Dennoch wird die Wiener Jazzszene von außerhalb als sehr lebhaft und bedeutend eingestuft. Ein deutsches Jazzmagazin hat vor Jahren sogar von Wien als der Jazzhauptstadt Europas geschwärmt. Das sehen die Protagonisten vor Ort allerdings anders. Wie aus den Interviews hervorgeht, werden die Arbeits-, Produktions- und Förderbedingungen in der Stadt als suboptimal angesehen und nicht wegen, sondern trotz dieser Situation ist das künstlerische Niveau und die Motivation, Neues auszuprobieren, hoch. Verbesserungsbedarf gibt es auch Sicht der Autorin genug: Die mediale Wahrnehmung trägt dem Renommee, das die Wiener Jazzszene international genießt, kaum Rechnung. Die vorhandene Infrastruktur, vor allem im Bereich des Booking, Agenturwesens und Managements bedarf einer verstärkten Institutionalisierung und Internationalisierung. Die finanzielle Ausstattung der Akteure muss verbessert werden. Die die Wiener Jazzszene tragenden Indie-Label benötigen ein international ausgerichtetes Vertriebsnetz und die Szeneakteure selbst sollten sich selbst auch an der Nase nehmen: „Handlungsbedarf besteht auch im Hinblick auf die Szenerepräsentanten selbst, die sich gegenüber ihren stakeholdern als sehr fragmentierte Szene präsentiert, in der Lobbying und Interessensvertretungen für mehr Durchsetzungskraft und klarer Kommunikation von Forderungen fehlen. Fehlt das Ziehen am gemeinsamen Strang, muss sich auch die entgegengebrachte Aufmerksamkeit seitens der Politik auf Einzelinitiaitven beschränken und erschweren eine systematische Unterstützung.“ (S. 160).

So gäbe es also in der Wiener Jazzszene einiges zu verbessern und bleibt zu hoffen, dass die von Stefanie Bramböck gewonnenen Erkenntnisse, dargestellt in ihrem Buch „Die Wiener Jazzszene. Eine Musikszene zwischen Selbsthilfe und Institution“, einen Denkanstoss für eine Weiterentwicklung liefern, sodass nicht nur von außerhalb Wien auch als wichtiger Standort für Jazzmusik gesehen wird.

 

Literaturquellen:

Hitzler, Ronald, Bucher, Thomas und Niederbacher, Arne, 2005, Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. 2. Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Peterson, Richard A., 1982, „Five Constraints on the Production of Culture: Law, Technology, Market, Organizational Structure and Occupational Careers.” Journal of Popular Culture, 16, S. 143-153.

Stefanie Bramböck, 2010, Die Wiener Jazzszene. Eine Musikszene zwischen Selbsthilfe und Instution. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang Verlag. ISBN: 978-3-631-59652-4, EUR 40,90.


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