14
Okt
10

Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 6)

Ross Lairds sehr detailreiches und in manchen Abschnitten vielleicht sogar Detail verliebtes Buch bietet einen guten Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung der frühen, australischen Musikindustrie. Von einer solchen kann ohnehin erst ab 1924 die Rede sein, als mit der World Record Company in Melbourne und mit Brunswick Records in Sydney die ersten Plattenpresswerke ihren Betrieb aufgenommen hatten. Davor war Australien ein reiner Exportmarkt für Tonträger gewesen, der von einer kleinen Anzahl von Vertriebsfirmen, die mit den großen europäischen und US-amerikanischen Tonträgerproduzenten kooperierten, kontrolliert wurde.

Die wenigen Zahlen, die für die Periode von 1924 bis 1934 verfügbar sind, stützen jene Aussagen, die vor dem Tariff Board 1927 von einem wirtschaftlichen Abschwung nach 1926 sprechen. Die Rezession am australischen Tonträgermarkt hat also nicht erst mit der Weltwirtschaftskrise, sondern bereits drei Jahre zuvor eingesetzt und es lohnt sich, in diesem abschließenden Teil nach den Ursachen zu forschen.

Teil 6: Die Ursachen für die Rezession am australischen Tonträgermarkt (1926-1934)

Die australische Musikindustrie war über lange Perioden hinweg von ein paar wenigen Playern dominiert, die geradezu eine Monopolstellung hatten. Anfangs war es die Edison Co., die mit ihren Musikwalzen das Geschäft bestimmte und ab 1931 hatte die EMI ein regelrechtes Monopol für den Tonträgervertrieb, das erst mit Ende des Zweiten Weltkriegs aufgebrochen wurde. Lediglich die Jahre 1924 bis 1931 weisen einen gewissen Grad an Wettbewerb auf, wobei dieser mit den protektionistischen Zöllen auf Schallplatten-Importe ab 1928 stark eingeschränkt war. So gesehen kann von einem funktionierenden Konkurrenzmarkt ohnehin nur für die Jahre von 1924 bis 1927 gesprochen werden.

Abb. 1: Tonträgerhersteller in Australien (1924-1934)

Sieht man einmal von den innovativen und gescheiterten Experimenten der World Record Co. und ihrer Nachfolgefirmen in Melbourne ab, so waren es nur die Brunswick Records, die Vocalion, die Gramophone Co. sowie die Columbia Graphophone, die sich den australischen Markt untereinander aufteilten. Der Rest entfiel auf jene Vertriebsfirmen, die Billig-Schallplatten aus dem Ausland über Kaufhäuser, Textileinzelhändler, Tankstellen und ähnliche Nicht-Musikfachgeschäfte verkauften. Diesem Geschäftsmodell wurde aber, wie schon gesagt, mit den prohibitiv hohen Importzöllen auf Schallplatten 1928 ein Ende gesetzt.

Man kann also von einem Oligopol von vier Tonträger-Unternehmen in Australien für den betrachteten Zeitraum ausgehen, die vor allem von Sydney aus den Markt bearbeiteten. Lediglich die Vocalion hatte sich in Melbourne angesiedelt, später dann aber auch die Geschäftsleitung nach Sydney verlegt. Neben den Billig-Importen von Schallplatten machte dem Oligopol der seit den frühen 1920er Jahren sich in Australien immer weiter verbreitende Rundfunk das Leben schwer. Speziell nachdem 1927 die Tonträgerumsätze markant zurückgegangen waren, wurden die Radiostationen für die Umsatzeinbrüche verantwortlich gemacht. Die Kritik traf vor allem die so genannten B-Stationen, die vollkommen werbefinanziert waren und dementsprechend populäre Tanzmusik und Jazz spielten, also genau jenes Repertoire, mit denen die australischen Labels die Hauptumsätze erzielten. In einem Artikel vom 23. Oktober 1931 im Sydney Morning Herald mit dem Titel „Broadcasting – Restriction on records – Manufacturers taking action“ wurde ein Vertreter eines Tonträgerunternehmens mit den Worten zitiert: „[t]he public (…) will not buy so long as they can get the items over the air, practically free” (S. 289). Im gleichen Artikel wurde zu einem Boykott gegen jene Radiostationen aufgerufen, die ohne Erlaubnis Schallplatten der Tonträgerunternehmung zur Gestaltung ihrer Musiksendungen einsetzten. Nachdem die A-Stationen zu einer Vereinbarung mit den Labels gelangt waren, wurde im November 1931 der Boykott gegen die B-Stationen, die sich geweigert hatten, Lizenzen an die Tonträgerhersteller und die mit ihnen verbündeten Musikverlage abzuliefern, umgesetzt. Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Label davon wirtschaftlich negativer betroffen waren als die Radio-Stationen, die recht schnell Ersatz für die ihnen entzogenen Schallplatten fanden. Als die Umsätze immer weiter sanken, signalisierte man von Seiten der Label, die ohnehin fast alle von der EMI kontrolliert wurden, Kompromissbereitschaft. Im Juli 1933 einigte man sich mit den B-Stationen auf eine moderate jährliche Pauschalabgeltung, die die Sender an die Label entrichten mussten. Zudem erklärten sich die Stationen bereit, eine halbe Stunde pro Woche Spezialwerbesendungen für die Labels auszustrahlen und bei jeder im Radio gespielten Platte zu erwähnen, unter welchem Label sie erschienen war.

Es stellte sich aber bald heraus, dass zwar die Schlacht gewonnen, der Krieg aber für die Tonträgerunternehmen verloren war. Die Rundstationen hatten nämlich ab 1934 damit begonnen mittels elektrischer Transkription selbst Schallplatten anzufertigen, ohne dafür ein Presswerk zu benötigen. Sie waren daher nicht mehr auch die Schallplatten der Labels angewiesen, deren Umsätze im Jahr darauf auf ein Allzeittief fielen. Sobald für die Schallplatten keine Promotion mehr im Radio gemacht wurde, wurden diese auch nicht mehr gekauft.

Die Tonträgerunternehmen hatten schlicht und einfach nicht erkannt, dass sich mit dem Auftauchen der neuen Technologie des Rundfunks das Nutzerverhalten der Musikkonsument/innen verändert hatte. Anfänglich wegen seiner schlechten Übertragungsqualität nicht Ernst genommen, mauserte sich das Radio zum zentralen Medium der Musikverbreitung. Statt aber, wie es Pemberton Billing mit seiner Radiostation vorexerziert hatte, sich mit dem Rundfunk zu verbünden, begann man ihn für die Umsatzrückgänge verantwortlich zu machen und ihn zu bekämpfen. Die Stationen waren aber schon bald nicht mehr auf die Dienste der Label angewiesen und so verwandelte sich auch die australische Musikindustrie in eine Rundfunkindustrie, in der nur die EMI als einzig verbliebenes Tonträgerunternehmen in einer Marktnische überleben konnte. Von den 22 in Lairds Buch für das Ende der 1930er Jahren aufgelisteten, australischen Musikunternehmen (S. 315) war also nur eines ein Tonträgerunternehmen, alle anderen hatten in der einen oder anderen Form mit dem Rundfunk zu tun. Es dauerte dann noch über ein Jahrzehnt bis die Tonträgerindustrie in Australien wieder Fuß fassen konnte.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass fehlende Konkurrenz, protektionistische Maßnahmen, Kartellbildungen sowie der aussichtslose Kampf gegen den Rundfunk dazu beigetragen haben, dass die in Australien tätigen Tonträgerunternehmen wirtschaftlich immer schwächer wurden und bis auf ein Unternehmen ganz von der Bildfläche verschwanden, als dann die Weltwirtschaftskrise um sich griff. Diese Entwicklung führte auch dazu, dass so gut wie kein heimisches Repertoire im Lande mehr produziert wurde, und australische Künstler/innen gezwungen waren, ins Ausland zu gehen, um im Musikbetrieb Karriere zu machen.

Ross Laird ist es zu verdanken, dass er diese Entwicklung im Detail nachgezeichnet und mit vielen Originalzitaten aus der noch verfügbaren Geschäftskorrespondenz, aus Medienberichten und aus den Unterlagen der Anti-Preisdumping-Untersuchungen belegt hat. Trotz der nicht immer nachvollziehbaren Struktur des Buches – manche Kapitel könnten nach vorne andere wiederum nach hinten rücken – gelingt es Laird, die wirtschaftliche Entwicklung der frühen, australischen Musikindustrie verständlich zu machen. Ergänzt wird der Text durch einen umfangreichen Appendix, in dem nicht nur alle verfügbaren Produktions-, Absatz- und Umsatzzahlen der einzelnen Unternehmen dargestellt sind, sondern auch alle 195 Label, die für die betrachtete Periode in Australien nachweisbar sind, in Kurzbeschreibungen vorgestellt werden. All das macht „Sound Beginning“ zu einem Standardwerk für alle, die die australische Musikindustrie nicht nur in historischer Hinsicht verstehen wollen.

 

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0


1 Response to “Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 6)”



Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Oktober 2010
M D M D F S S
« Sep   Nov »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
25262728293031

Archive

Facebook

Twitter

Kategorien

Blog Stats

  • 307,293 hits

%d Bloggern gefällt das: