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Okt
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Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 4)

Die beiden Hauptrivalen am weltweiten Tonträgermarkt, die Gramophone Co. und die Columbia Graphophone Co., wurden nur zögerlich am australischen Markt aktiv und es dauerte eine Zeitlang, bis sie Plattenpresswerke dort in Betrieb nahmen. The Gramophone Co. konnte sich zudem niemals dazu durchringen ein Tonstudio einzurichten und Aufnahmen in Australien selbst durchzuführen, wohingegen die Columbia Graphophone von Anfang an auch ein Aufnahmestudio betrieb, in dem wichtige lokale Acts produziert wurden. Die Weltwirtschaftskrise zwang dann die beiden Rivalen 1931 zur Fusion zur EMI, die in der Folge den australischen Markt mangels Konkurrenzunternehmen monopolisierte. Wie es dazu gekommen ist, kann nun hier nachgelesen werden.

 

Kapitel 4: Die Gramophone Co. und die Columbia Graphophone Co. in Australien

The Gamophone Company

Die 1898 in Großbritannien gegründete Gramophone Co. wurde erst im Jahr 1900 in Australien aktiv, nachdem sie einen Agenten mit 25.000 Stück Schallplatten und einer Vielzahl von Grammophonen nach Australien geschickt hatte, um dort eine Vertriebsfirma für „His Master’s Voice“-Produkte in Sydney aufzubauen. Allerdings entwickelte sich das Geschäft nicht so gut wie erwartet und so wurde die Niederlassung samt dem Inventar an den in Sydney ansässigen Musikalien- und Schallplattenhändler Hoffung & Co. Ltd. verkauft.

Als nach dem Ersten Weltkrieg die australische Regierung eine protektionistische Handelspolitik inklusive höherer Einfuhrzölle und Handelsbeschränkungen forcierte, wurde das Auslaufen der Distributionsvereinbarung mit Hoffnung & Co. im Jahr 1925 von der Geschäftsführung der Gramophone Co. in Hayes bei London zum Anlass genommen, selbst wieder aktiv im pazifischen Raum zu werden. Dazu wurden zwei Gesellschaften, eine in Australien und eine andere in Neuseeland gegründet. Letztere war aber eine reine Vertriebsorganisation und wurde als Tochtergesellschaft der australischen Gramophone Co. zugeordnet. Diese sollte nicht nur ein Vertriebsnetz aufbauen, sondern auch ein Plattenpresswerk in Sydney errichten.

Mitte 1925 wurde der neue General Manager der beiden Gesellschaften, William Manson, nach Sydney entsandt, wo er am 18. Januar 1926 die neue Produktionsanlage feierlich eröffnen und mit der Herstellung von „His Master’s Voice“- und „Zonophone“-Schallplatten beginnen konnte. Der internen Geschäftskorrespondenz mit der Zentrale in Hayes nach zu schließen, liefen die Geschäfte anfangs sehr gut. Der australische und neuseeländische Markt hatten noch einigen Aufholbedarf und waren noch nicht so gesättigt wie die europäischen und die nordamerikanischen Märkte. So versprühte Manson in einem Bericht an die Konzernzentrale vom Oktober 1926 Optimismus: „According to the figures given to me, the sales of His Master’s Voice and Zonophone records in Australia from July 1st, 1924 to June 30th, 1925 amounted to 1,321,403 records. During the same period, sales of His Master’s Voice records in New Zealand were 201,677, making a total for both countries of 1,523,080, or an average of 127,000 records per month (…). Taking everything into consideration, I feel we are safe in anticipating the receipt of orders at the rate of 2,000,000 records per annum, with a strong probabilty of an inrease to 2,400,000 within a year provided there are no manufacturing difficulties or big slumps in the general trade” (S. 122-123).

Seine Euphorie wurde aber bald gedämpft, nachdem mit der Columbia, der Brunswick und mit Vocalion Ernst zu nehmende Konkurrenten in den australischen Markt eingetreten waren. Die Entscheidungsträger in London drängten ihren Geschäftsführer in Sydney dazu, ein Aufnahmestudio nach dem Vorbild der Columbia einzurichten, um den lokalen Markt besser bedienen zu können. Manson lehnte aber rundweg ab und führte zahlreiche Argumente gegen ein Tonstudio ins Treffen, wie seine Geschäftskorrespondenz aus dem Jahr 1926 belegt: “The expense of installation and upkeep would probably be very heavy, in addition to which a large recording allotment would be necessary. The Recorder’s salary and expenses would also have to be taken into consideration. The instrumentalists and vocalists here do not compare favourably with the best English and foreign artists, and local jealousies would militate against sales. (…) Then again one has to consider the general policy of Australia, namely, to declaim loudly the necessity of buying everthing Australian but in their private life to buy imported articles and to ‘swank’ amongst their friends that these are the only ones good enough for them.” (S. 128). Mansons Briefe an die Konzernleitung in London geben auch einen Einblick, wie die damalige Musikszene in Australien bewertet wurde. Folgt man Mansons Ausführungen, so war er davon überzeugt, dass sich das Tonstudio der Columbia nicht bezahlt machen würde, weil „(…) Australian ‘hits’ appear to have been very few and far between, and certainly there have been none of very great importance” (S. 128). Und überhaupt: “We, personally, do not think there is a great of talent in Australia – talent that would interest the public.” (S. 124).

Statt ein Aufnahmestudio einzurichten, verlegte sich Manson darauf, einen zweiten Produktionsstandort in Sydney aufzubauen. Im Vorort Lidcombe wurde er fündig und ein entsprechendes Gelände angekauft. Aber die Ausbaupläne wurden wegen der einsetzenden Weltwirtschaftskrise nicht mehr realisiert. Stattdessen erfolgte 1931 der Zusammenschluss von der Gramophone Co. und der Columbia Graphophone Co. zur Electrical Music Industries (EMI). Die Produktionsanlage der Gramophone Co. in Sydney wurde im Juli 1931 geschlossen und das Equipment sowie alle Lagerbestände zum Standort der Columbia in Homebush/Sydney transferiert. Ab 1931 nutzten das „His Master’s Voice“- sowie das „Zonophone“-Label das Tonstudio der Columbia und es wurden Aufnahmesitzungen mit den australischen Pianisten Isador Goodman und Molly De Gunst durchgeführt. Es hatte also 30 Jahre lang gedauert, bis das weltweit damals einflussreichste Tonträgerunternehmen der Welt Aufnahmen mit lokalen Künstler/innen in Australien machte.

Unter dem Dach der EMI wurden die beiden Billig-Label „Zonophone“ (The Gamophone Co.) und „Regal“ (Columbia Graphophone Co.) zu „Zonophone-Regal“ fusioniert und „His Master’s Voice“ wurde als High-profile-Label weitergeführt.

 

Die Columbia Graphophone Company

Der zweite Baustein der späteren EMI, die Columbia Graphophone Co., wurde in Australien nachhaltig aktiv, nachdem Louis Sterling 1923 in einem Management-Buy-Out die Anteile der britischen Tochtergesellschaft der US-Columbia Phonograph aufgekauft hatte und seinerseits die wirtschaftlich danieder liegende ehemalige Muttergesellschaft im März 1925 akquiriert hatte, um an die Patente am elektrischen Aufnahmeverfahren heranzukommen. Die neue Holding-Gesellschaft, die Columbia International Ltd., war nunmehr in London angesiedelt und kontrollierte die Niederlassungen in Großbritannien, in den USA sowie die kürzlich erst erworbene Carl Lindström AG, die erfolgreich das Parlophone-Label international positioniert hatte. Es war dann die britische Gesellschaft, die Columbia Graphophone, die im Oktober 1925 in Homebush/Sydney ein Grundstück erwarb, um ein Plattenpresswerk sowie ein Aufnahmestudio zu errichten. Bereits vor der feierlichen Eröffnung am 14. Oktober 1926 wurden im Juni erste Studioaufnahmen mit Sydney Simpson and His Wentworth Orchestra sowie mit dem britischen Bariton Walter Kingsley eingespielt. Im Gegensatz zur Gramophone Co. sah das Columbia-Management einen ausreichend großen Markt für lokales Repertoire in Australien und Neuseeland und produzierte in der Folge vor allem populäre Musiktheater-Produktionen aus Sydney und Melbourne in Originalbesetzung wie „Rose Marie“ von Rudolf Friml, „Madame Pompadour“ von Leo Fall oder „Der Bettelstudent“ von Carl von Millöcker.

Die Columbia versuchte auch vom aufkommenden Tonfilm zu profitieren und begann ab den späten 1920er Jahren Soundtracks von Hollwood-Filmen in Australien zu verkaufen. Bald schon dominierten diese importierten Aufnahmen und drängten das lokale Repertoire an den Rand, wobei Ross Laird einschränkt: „Australian recordings continued to be an important part of local sales, through comprising only a small proportion of the discs were released onto the market each month.” (S. 171).

Ein Sonderfall war die erste Aufnahme eines australischen Symphonieorchesters auf australischem Boden im Februar 1930. Da der Tonfilm viele Orchestermusiker, die in Lichtspieltheatern angestellt waren, brotlos gemacht hatte, entschloss sich das Columbia-Management zwei Klassik-Aufnahmen mit einer Gruppe arbeitsloser Orchestermusiker zu machen. Die erste Aufnahme beinhaltete den „Ungarischen Marsch“ aus Berlioz’ Oper „Fausts Verdammnis“ und den berühmten Walzer aus dem Ballet „Copellia“ von Leo Delibes. Auf der anderen Platte waren Emile Waldteufels Walzer „Immer oder Nimmer“ sowie Williams „Guard’s Patrol“ versammelt. Auch wenn das Ganze als Benefizprojekt für arbeitslose Musiker dargestellt wurde, so war es doch in erster Linie eine Promotionsaktion für die australischen Columbia, die damit das Faktum zu verschleiern versuchte, dass man ausgezeichnet an der Synchronisation von importierten Tonfilmen verdiente.

Aber der Boom mit Filmsynchronisation war nur kurzlebig und so sank die Anzahl der von Columbia in Australien hergestellten Schallplatten dramatisch. Nach der im Buch ausgewiesenen Produktionsstatistik (Appendix 4 und 8, S. 320-321) wurden im Monat August 1927 mit 158.219 Stück nicht ganz doppelt so viele Tonträger verkauft als im Vergleichszeitraum des Jahres 1932 mit 89.559 Stück. Auch die Tantiemenzahlungen an australische Künstler/innen spiegelten die Krise wieder. Wurde noch Ende 1928 £ 3.066 ausbezahlt, so waren es Ende 1929 nur mehr £ 1.258.

Ross Laird vermutet, dass die Columbia am australischen Markt nur wegen dem Billig-Label „Regal“ überleben konnte, da es für das Gros der Verkäufe verantwortlich zeichnete. So wurden nach der Fusion mit der Gramophone Co. von Januar bis November 1932 mit 642.650 Stück mehr als doppelt so viele „Regal“-Schallplatten verkauft als von den beiden anderen Labeln – Columbia und Parlophone – zusammen genommen (289.465 Stück). Nach der Zusammenführung von Regal und Zonophone blieb das neue Billig-Label weiterhin der wichtigste Umsatzträger der EMI.

Insgesamt erwies sich die Columbia Graphophone Co. als der stärkere Partner in der Ehe mit der Gramophone Co., zumindest in Australien. Die Columbia Graphophone (Australia) Pty Ltd. übernahm alle Produktionsstandorte im Land und verfügte über ein Aufnahmestudio. Aber auch das gemeinsame Vertriebsnetzwerk wurde von ihr kontrolliert. So gesehen war die EMI in Australien in erster Linie die Nachfolgegesellschaft der Columbia Graphophone, die die Vermögenswerte der Gramophone Co. und insbesondere deren Label „His Master’s Voice“ und „Zonophone“ übernommen hatte.

 

Im fünften Teil der Serie zur Frühgeschichte der australischen Musikindustrie werden die Anti-Dumping-Untersuchungen des australischen Tariff Boards im Jahr 1927 aufgearbeitet, die die Entwicklung der Musikindustrie in Australien bis zum heutigen Tag beeinflussen.

 

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0


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