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Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 3)

In Australien scheiterten nicht nur die Versuche, eine heimische Musikindustrie aufzubauen, sondern auch ausländische Unternehmen hatten nach wirtschaftlichen Anfangserfolgen in den 1920er Jahren bald mit gravierenden finanziellen Problemen zu kämpfen. Vor allem die mittelgroßen Majors wie die Brunswick-Balke-Collender und die Vocalion verfügten nicht über die entsprechenden Ressourcen, um sich nachhaltig am australischen Markt zu behaupten. Sie wurden genauso Opfer der Wirtschaftskrise wie auch die australischen Plattenfirmen und mussten letztendlich der 1931 gegründeten EMI den Markt alleine überlassen. Der Aufstieg und Fall dieser beiden Unternehmen wird nun in der Folge nacherzählt.

 

Teil 3: Aufstieg und Fall der Brunswick Co. und der Vocalion Co. in Australien

Die Brunswick-Balke-Collender Company

Bevor die beiden Majors, The Gramophone Co. und die Columbia Graphophone, in Australien Plattenpresswerke errichteten, wurde die Brunswick-Balke-Collender Company (B.B.C.) im Land aktiv. 1921 begann Brunswick über den in Sydney ansässigen Musikverlag D. Davis & Co. Ltd. seine Produkte in Australien zu vertreiben und als die Umsätze immer weiter stiegen, war das für die Brunswick-Geschäftsführung in Chicago Grund genug, um im Juli 1924 ein Presswerk in Sydney in Betrieb zu nehmen. Brunswick produzierte anfänglich für den australischen Markt vor allem Broadway-Hits von Al Jolson, Marion Harris, Nick Lucas und dergleichen, aber auch in Australien damals noch vollkommen unbekannte Jazz-Aufnahmen von Red Nichols, King Oliver, Duke Ellington, Andy Kirk, Clarence Williams und Johnny Dodds.

Trotz des wirtschaftlich erfolgreichen Starts, begannen die Tonträgerumsätze nach 1926 deutlich zu sinken. So zeigt die im Buch (Appendix 2, S. 320) dargestellte Produktionsstatistik, dass in der ersten Hälfte des Jahres 1927 weniger als halb so viele Stück Tonträger hergestellt wurden als noch im Vergleichzeitraum des Vorjahres.

Weitere Probleme traten auf, als der Geschäftspartner der Brunswick und Miteigentümer der australischen Niederlassung, David Davis 1929 starb und seine beiden Söhne Herbert und Jack in die Geschäftsführung eintraten. Die Davis-Brüder hatten ein Jahr davor die Clifford Industries Ltd. in Sydney gegründet, deren Ziel es war, Low-price-Platten von US-amerikanischen und europäischen Mastern herzustellen und über Handelsketten wie Coles, Woolworth und Foy & Gibson zu vertreiben. Als das Brüderpaar 1929 in die Geschäftsführung der australischen Brunswick eintrat, musste das zwangsläufig zu Reibereien führen. Als dann auch noch die Umsätze wegen der Weltwirtschaftskrise zurückgingen, waren Herbert und Jack Davis bereit, sich aus der Brunswick zurückzuziehen. Am 1. Mai 1930 wurde die Brunswick (Australia) Ltd. gegründet und die Davis-Brüder erhielten 10.000 ordentliche und 30.000 nicht stimmberechtigte Aktien an der neuen Firma sowie eine Dividenden-Garantie mit der Zusicherung, die gesamte Kapitaleinlage zurück zu bekommen, sollten wirtschaftliche Probleme auftreten. Die Brunswick-Balke-Collender hingegen erhielt 20.000 ordentliche und somit voll stimmberechtigte Aktien und kontrollierte somit das australische Joint Venture.

Was die Davis-Brüder nicht wussten war, dass die US-amerikanische Muttergesellschaft hinter den Kulissen den Verkauf der Tonträgersparte an die Warner Brothers Pictures eingefädelt hatte. Als dann der Verkauf an Warner Bros. abgewickelt wurde, gingen die Davis-Brüder leer aus. Sie waren darüber so verärgert, dass sie eine Schadenersatzklage über US$ 2.000.000 gegen Warner wie auch die Brunswick einreichten. Zusätzlich dazu riefen sie im Juni 1931 das Handelsgericht in Sydney an, um die behördliche Firmenauflösung zu fordern. Sie fürchteten, dass die neuen Eigentümer ihre Stimmrechte dazu nutzen könnten, ihren Verbindlichkeiten gegenüber den Davis-Brüdern durch einen Konkurs zu entkommen. Das Handelsgericht leistete dem Antrag von Herbert und Jack Davis Folge und ordnete die behördliche Auflösung der Brunswick (Australia) Ltd. an, weil die hohen Verluste keine ordentliche Geschäftstätigkeit mehr zulasse und eine Überschuldung drohe. Ende 1931 musste die Brunswick (Australia) Ltd. ihre Geschäftstätigkeit einstellen und wurde liquidiert.

Aber nicht nur die australische Brunswick hatte mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Auch die Clifford Industries waren in wirtschaftliche Schräglage geraten. Im August 1931 wurden die Aktionäre darüber informiert, dass die Geschäftstätigkeit wegen der hohen Verbindlichkeiten nicht mehr weitergeführt werden könnte. Daraufhin wurde Clifford Industries in Konkurs geschickt. Als Käufer der Konkursmasse trat eine gewisse Klippel Record Co. Ltd. auf den Plan. Dahinter verbargen sich höchstwahrscheinlich die Alteigentümer Herbert und Jack Davis, denn Klippel war der zweite aber niemals verwendete Familienname ihres Vaters gewesen. Zudem bestand die Geschäftsführung aus Mitarbeitern jener Rechtsanwaltskanzlei, die das Konkursverfahren abgewickelt hatten. Die Davis-Brüder griffen also zur gleichen Praxis, der sie vorher Warner Bros. verdächtigt hatten, um den aufgehäuften Schuldenberg loszuwerden. Jedenfalls wurde das Geschäft mit Billigplatten auf Basis von ausländischen Mastern für den Vertrieb in hiesigen Kaufhausketten unverändert bis 1932 fortgesetzt, bis die im Sinkflug befindlichen Umsatzzahlen eine Weiterführung der Geschäfte unmöglich machten und die Klippel Record Co. Ltd. ebenfalls liquidiert werden musste.

 

Die Vocalian Company

Die zweite mittelgroße Plattenfirma, die in den 1920er Jahren in Australien eine Produktionsstätte errichtete, war die Vocalion, die zur britischen Aeolian Company gehörte und in der ersten Hälfte der 1920er Jahre eine Vielzahl an Spezialaufnahmen mit australischem Repertoire über diverse Vertriebspartner im Land verbreiten ließ. Nachdem im Januar 1925 die Vocalion Gramophone Co. gegründet worden war, wurde die Entscheidung getroffen, Platten nicht nur mehr in den australischen Markt zu exportieren, sondern vor Ort ein Presswerk sowie auch ein Aufnahmestudio zu errichten. In Richmond, einem Vorort von Melbourne, wurde eine geeignete Liegenschaft gefunden, aber es dauerte noch bis Ende Juli 1927 bis die ersten Vocalion-Platten gepresst werden konnten. Zusätzlich wurden in Lizenz auch Aufnahmen des Polydor-Labels der Deutschen Grammophon sowie des Gennett Labels der Star Klavierfabrik in Richmond im US-Bundesstaat Indiana hergestellt.

Im Juni 1928 wurde die australische Niederlassung in die Vocalion Foreign Ltd. umgewandelt, die die gesamte Geschäftstätigkeit der Vocalion ausgenommen Großbritannien, Irland, Russland und Nordamerika übernahm. Zu diesem Zweck wurden das Vocalion und das Low-budget-Label Aco still gelegt und durch das Broadcast-Label und einige weitere Handelslabel ersetzt.

Mitte 1929 war die australische Vocalion noch sehr aktiv in der Produktion heimischen Repertoires, allerdings machte sich bald die Weltwirtschaftskrise bemerkbar und die Plattenverkäufe gingen zurück. Für das Jahr 1929 wurde ein markanter Verlust prognostiziert und die Geschäftsführung der britischen Muttergesellschaft begann sich nach einem Käufer für finanziell angeschlagene Tochter umzusehen.

Ein australisch-neuseeländisches Konsortium konnte als Käufer gefunden werden und Mitte 1930 wurde aus der Vocalion Foreign Ltd. die Vocalion Australasia Ltd. mit Sitz in Sydney. In der ersten Zeit muss die Auftragslage im Presswerk in Melbourne ganz gut gewesen sein, wenn man Zeitungsberichten Glauben schenkt, die von einer vollen Auslastung und einem Zwei-Schichtbetrieb berichteten. Auch die verfügbaren Produktionszahlen weisen darauf hin, dass Ende 1930 die Umsätze der Vocalion einen Höchstwert erreichten. Der Grund dafür lag in the Sound-on-disc-Synchronisationstechnik für den eben erst am Markt eingeführten Tonfilm. Allerdings konnte sich diese Technologie nicht lange am Markt halten und wurde durch ein optisches Aufnahmeverfahren ersetzt, das sich die Vocalion aber nicht leisten konnte oder wollte. Jedenfalls traten Mitte 1931 wieder gravierende finanzielle Probleme auf, die im August des gleichen Jahres noch im Konkurs der Vocalion Australasia mündeten. In den Australian Phonograph News war man über die Entwicklung wenig überrascht: „“Twelve month ago when Vocalion records were booming without an opposition (…) several men connected with the phonograph business shook their heads and predicted that the Company would be bancrupt within six to ten months. The staggering cost of window displays in every large city and the system of selling records on consignment were leading to eventual disaster. (…) The debacle is complete and overwhelming.” (p. 209).

Anfang 1932 kaufte der Kunststoffproduzent, Moulded Products Australasia Pty Ltd., das noch verbliebene Vocalion-Vermögen aus der Konkursmasse. Der neue Eigentümer versuchte die Plattenproduktion mit Master der britischen Decca wieder anzukurbeln. Ein Feuer im Jahr 1933 begrub aber alle Hoffnungen die Schallplattenproduktion im ehemaligen Vocalionwerk bei Melbourne fortzusetzen und die Liegenschaft wurde an die Dunlop Rubber Company verkauft.

Mit dem Untergang der Vocalion war nur mehr die 1931 aus einer Fusion zwischen der Gramophone Co. und Columbia Graphophone Co. hervorgegangene EMI aktiv, die für lange Zeit eine Monopolstellung am australischen Markt innehaben sollte.

 

Im vierten Teil werden die Aktivitäten der beiden, ursprünglichen Hauptkonkurrenten, Gramophone Co. und Columbia Graphophone Co., am australischen Markt sowie deren Zusammengehen zur EMI im Jahr 1931 nachgezeichnet.

 

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0


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