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Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 2)

Nach dem 1. Weltkrieg hatten sich die Musiklandschaft und der Musikgeschmack in Australien deutlich verändert. „Jazz“ war zum Modewort für jene Art synkopenverzierter Musik geworden, die von den USA aus den Weltmarkt eroberte. Dass es sich dabei meistens gar nicht um originären Jazz der Afro-Amerikaner, sondern um Tanzmusik, die mit Jazz-Elementen durchsetzt war, handelte, war nur wenigen bewusst. Jedenfalls wurden „Jazz“-Platten auch Down Under zum Verkaufsschlager, wie eine mit „Present favourite jazz songs“ betitelte Reportage im Magazin Graphic of Australia vom 16. August 1923 belegt, in der ein Betreiber eines Plattengeschäfts in Melbourne auf die Frage, welche Musik bei seinen Kunden am besten ankomme, antwortete: What London sang yesterday. Look here (…): All these without exception were London’s favourites six months ago” (S. 40) und zeigte auf eine Stapel importierter „Jazz“-Platten.

Teil 2: Das Scheitern einer originär australischen Musikindustrie in der Jazz-Ära

Die Musikverlage waren über diese Entwicklung alles andere als glücklich. Sie machten vor allem das in den 1920er Jahren auch Australien erobernde Radio für den wirtschaftlichen Niedergang ihrer Branche verantwortlich. Walter B. Orton von den Australian Musical News gab bereits im Oktober 1927 eine wesentlich differenziertere Erklärung, warum es mit den Verkauf von Notenblättern bergab ging: „There is no question of doubt that the sales of [sheet] music during the last two or three years have materially dropped off, and that the publishers are faced with a very serious position. What are the reasons for this shrinkage of business? There are many causes. The player-piano, gramophone and wireless broadcasting have made serious inroads into the vitals of the business. Fees paid for mechanical royalties and broadcasting rights have helped to a certain extent to balance the shrinkage to the publishers, which may have the effect of relieving the pressure as far as they are concerned, but what of the music seller who does not collect any royalties? Is that business doomed, and why should the sales of popular and standard music have fallen away so such large extent? Other factors must be at work. The pricture theatre, which provides cheap entertainment, and the jazz palais, which has almost entirely supplanted the private dance, are factors which account for the position of the music trade just as much as the mechanical change.” (S. 50).

Die in Australien tätigen Tonträgerfirmen schienen vorerst nicht von der Krise betroffen, wenn man einem Artikel im Sydney Morning Herald vom 12. Januar 1927 Glauben über die Brunswick-Balke-Collender Co. schenken darf: „Although the Brunswick-Balke-Collender Company has been manufacturing records for only three years [in Australia], and the remaining two companies, the Columbia Graphophone Company, Ltd., and the Gramophone Company, Ltd., opened their factories only last year, the three firms are now producing more than ten million records annually, a total that will be increased, an even doubles, very shortly, it is expected. Each of the companies has found such an amazing demand for their products that they have been working more than one shift, and the Brunswick Company claims that their machines never stop during the whole twenty-four hours” (S. 48).

Der Grund für die gute Auftragslage der in Australien operierenden Tonträgerunternehmen war, dass der Markt nicht so wie in den USA und in Europa gesättigt war und von Anfang an ein Oligopol der ausländischen Majors bestand, die erst ab 1924 in Australien Produktionsstätten für Schallplatten errichtetet hatten.

Versuche eine originär australische Musikindustrie zu etablieren und damit auch den Wettbewerb zu intensivieren scheiterten allesamt. Der wohl interessanteste Versuch ein australisches Tonträgerunternehmen aufzubauen wurde vom britischen Geschäftsmann, Ex-Politiker und Erfinder Noel Pemberton Billing unternommen. In Großbritannien war Pemberton Billing einer der frühen Flugpioniere gewesen, der auch das erste Wasserflugzeug („supermarine“) konstruiert hatte. In den frühen 1920er Jahren wandte er sich der Tonträgertechnologie zu und erfand eine Aufnahmetechnik mit konstant linearer Geschwindigkeit. Das bedeutete, dass eine Schallplatte nicht mehr mit konstanter Umlaufgeschwindigkeit (78 rpm) abgespielt, sondern die Umdrehungszahl variiert wurde. Der große Vorteil dieser Technik bestand darin, dass statt maximal 4 Minuten pro Seite 15 wenn nicht sogar bis zu 30 Minuten pro Seite an Musik gespeichert werden konnte. Allerdings mussten die Abspielgeräte mit einer speziellen Vorrichtung zur Änderung der Umdrehungsgeschwindigkeit des Plattentellers ausgestattet werden. Zudem waren Schallplatten aus einem Material hergestellt, wodurch sie unzerbrechlich wurden und sogar zusammengerollt werden konnten.

Nachdem Pemberton Billing sowohl in Großbritannien als auch in den USA mit der Markteinführung der aus seiner Sicht überlegenen Technologie gescheitert war, versuchte er es erneut in Australien. Böse Zungen behaupteten, dass er nur deswegen nach Australien übersiedelt war, um seinen Gläubigern zu entkommen. Jedenfalls gründete er gemeinsam mit einem australischen Musikvertrieb im 1924 die World Record (Australia) Pty. Ltd. in Melbourne. Mit der Produktion von Schallplatten wurde im November 1924 begonnen und von einer intensiven Marketingkampagne für die „long duration and unbreakable records“ begleitet. Anfangs wurden Master von der US-Emerson Phonograph Company verwendet, aber bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1925 wurden Einspielungen im Melbourner Aufnahmestudio der World Record gemacht. Zumeist waren es US-amerikanische Tanzorchester und Sänger/innen, die gerade auf Tournee in Australien waren, die vor den Aufnahmetrichter gebeten wurden. Aber auch lokale Sänger/innen wurden produziert. Die Aufnahmen wurden unter den Labeln „Austral“, „Wafer“ und „World Record“ veröffentlicht.

Pemberton Billing versuchte aber nicht nur die Aufnahmetechnologie zu revolutionieren, sondern auch das Marketing. 1925 richtete er in Melbourne dazu eine eigene Radiostation – 3PB, wobei PB für Pemberton Billing stand – ein, die zwischen 8 und 10 Uhr am Vormittag ausschließlich Schallplatten von der der World Record Co. spielte. Der Ansatz war so neu, dass das Musikmagazin „Listener In“ in einem Artikel vom 5. Juni 1925 skeptisch fragte: „Should radio be used for advertising?”.

Die Zeit schien aber noch nicht reif für Pemberton Billings Visionen. Trotz intensiven Marketings und trotz der zukunftsweisenden Technologie, verkauften sich die World Record Platten nur sehr schlecht. Die „Austral“- und „Wafer“-Label wurden bereits im Oktober 1925 eingestellt und durch das „Condor“-Label ersetzt. Als auch dieses keine relevanten Verkaufszahlen erzielen konnte, stellten die Record (Australia) Pty. Ltd. und die Radiostation 3PB ihre Geschäftstätigkeit ein. Pemberton Billing übersiedelte 1926 wieder zurück nach Großbritannien, wo er als Theaterautor Erfolge feiern konnte.

Das war aber noch nicht das Ende der World Record Plattenfabrik. 1927 wurde die Liegenschaft an eine Investorengruppe rund um den Cheftechniker des ehemaligen Pemberton Billing Unternehmens, Frederick George Mitchell, verkauft. Es wurden neue Patente für eine unzerbrechliche Schallplatte eingereicht und im Juni 1927 die Unbreakable Disc Record Ltd. gegründet. Aber die hohen Erwartungen in das neue Unternehmen erfüllten sich nicht. Schon nach einem Jahr wurde die Produktion im ehemaligen Word Record Presswerk wieder eingestellt.

Mitchell glaubte aber immer noch an Marktfähigkeit der „unzerbrechlichen Langspielplatten“ und meldete im Mai 1929 weitere Patente an. Ab März 1930 wurden die Schallplatten, die in der Werbung als „bendable, dependable and light as a feather” angepriesen wurden, unter dem „Bellbird“-Label zum Verkauf angeboten. Wieder stellte sich nicht der erwünschte finanzielle Erfolg ein und die Produktion musste Monate lang gestoppt werden. Im September 1930 wurde das Unternehmen in Flexible Records Co. Ltd. umbenannt, das ab Mai 1931 wieder unter dem „Bellbird“-Label Platten veröffentlichte. Die neue Firma konnte sich eine Zeitlang dank der Sound-on-disc-Soundtracks für den eben erst entwickelten Tonfilm über Wasser halten, bis auch diese Technologie obsolet geworden war und die Flexible Record Co. Ltd. endgültig in Konkurs geschickt werden musste.

Das Scheitern der World Record Company und ihrer Nachfolgegesellschaften hat trotz des visionären Ansatzes zahlreiche Gründe: (1) Konnte sich die neue Aufnahmetechnologie nicht gegenüber der bereits etablierten durchsetzen, weil zum Abspielen der Schallplatten keine herkömmlichen Phonographen verwendet werden konnten, sondern extra dafür konstruierte Spezialgeräte; (2) Pemberton Billing hatte es verabsäumt, rechtzeitig auf das elektrische Aufnahmeverfahren mit Mikrofonen umzusteigen, die ab 1925 zum allgemeinen Standard geworden war; (3) der für die Schallplatten verwendete gepresste Karton (statt Schellack) war zwar flexibel und unzerbrechlich, aber wurde mit der Zeit porös, vor allem wenn die Platte mit dem schweren Tonabnehmer und einer Stahlnadel oft belastet wurde; (4) die Produktionskapazität des Presswerks war sehr begrenzt und es mangelte am nötigen Kapital, um mit der ausländischen Konkurrenz der Majors mitzuhalten. So konnte sich ein durchaus zukunftsweisendes Geschäftskonzept nicht durchsetzen und es konnte sich keine originär australische Musikindustrie nachhaltig etablieren.

 

Im dritten Teil wird der wirtschaftliche Aufstieg aber auch Niedergang der Brunswick-Balke-Collender Company sowie der Vocalion Company in Australien genauer beleucht.

 

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0


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