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Musikwirtschaft Australien – Die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie (Teil 1)

Mit „Sound Beginnings. The early record industry in Australia” hat Ross Laird das meines Wissens bislang einzige Buch zur frühen Geschichte der Musikindustrie in Australien vorgelegt. Er zeichnet darin nicht nur die technologischen Entwicklungsschübe in der frühen australischen Musikindustrie nach, sondern liefert auch eine sehr detailreiche und mit vielen, ausführlichen Zitaten belegte Geschichte der Tonträgerunternehmen, die in Australien zwischen 1877 und 1935 aktiv geworden waren. Es ist somit ein unverzichtbares Nachschlage- und Standardwerk zum besseren Verständnis der musikindustriellen Entwicklung Down Under. In der Folge möchte ich nun die Frühgeschichte der australischen Musikindustrie mit Hilfe von Ross Lairds Buch in mehreren Teilen nacherzählen.

 

Teil 1: Die australische Musikindustrie von ihren Anfängen bis zum Ende des 1. Weltkriegs

Das Eröffungskapitel ist mit „Prehistory“ überschrieben und beschreibt, wie Thomas Alva Edisons Erfindung – der Phonograph – gleich von Anfang an in den damals noch zum Britischen Königreich zählenden australischen Kolonien wahrgenommen wurde. Bereits im Februar 1878, also nicht einmal zwei Monate nach der Patentanmeldung des Phonographen in den USA, erschien im Telegraphic Electrical Society Journal in Sydney ein erster Artikel, aus dem auch hervorgeht, dass Edison keineswegs einen Apparat zur Musikwiedergabe konstruieren wollte. Die Zeitschrift zitiert dabei Edison persönlich, “(…) that he [Edison] himself can hardly say what its practical value is or will prove to be.” (S. 2).

Der erste Phonograph gelangte im Juni 1879 über einen Agenten der Edison Co. ins Land und wurde einer staunenden Öffentlichkeit in der Collins Street Independent Church in Sydney präsentiert. Weitere öffentliche Vorführungen des Tonaufzeichnungs- und Wiedergabegeräts folgten in Sydney und Melbourne. Aber im Laufe des Jahres 1880 schwand das Interesse an Edisons Erfindung, und es ist Professor Douglas Archibald zu verdanken, dass der Phonograph 10 Jahre später doch noch in Australien und auch in Neuseeland nachhaltig etabliert werden konnte. Ab dem Mai 1890 tourte Archibald mit einer Mischung aus gelehrtem Vortrag und Show – heute würden wir es Infotainment nennen – durch alle größeren Städte der sechs britischen Kolonien auf dem australischen Kontinent wie auch durch die beiden neuseeländischen Inseln. In seinen Vorführungen brachte Archibald Grußbotschaften berühmter Persönlichkeiten wie jene des damaligen britischen Premierministers Gladstone oder von Edison zu Gehör aber es erklangen auch schon Vokal- und Instrumentalstücke. Nichtsdestotrotz wurde der Phonograph immer noch als Gerät, das den Büroalltag erleichtern sollte, angesehen. Zudem war der Phonograph aufgrund des batteriebetriebenen Elektromotors extrem unhandlich und schwer und für Privatpersonen unerschwinglich teuer.

Dennoch zeigte sich der Veranstalter von Archibalds Tournee am Kauf einer damals bereits verfügbaren „Coin-in-the-slot-machine“ interessiert, die an öffentlichen Plätzen zur Musikwiedergabe aufgestellt werden konnte. Der Erfolg muss durchschlagend gewesen sein, denn weitere Interessenten stellten sich bei der Edison Co. ein, um diese Frühform der Juxebox erwerben und in Australien betreiben zu dürfen. Da es an Musikwalzen mangelte, mussten die lokalen Betreiber der „Coin-in-the-slot“-Maschinen die Aufnahmen in Eigenregie durchführen. Anonyme lokale Sänger/innen und Instrumentalist/innen wurden buchstäblich von der Straße weg ins Tonstudio gebracht, um beliebte Musikstücke und Gassenhauer einzuspielen. Und es wurden auch schon Aufnahmen für den Privatgebrauch angefertigt, wie ein Inserat der Allen & Co. belegt: „“[We] are able to supply records of any popular song at a few hours’ notice’.” (S. 13).

Für das Jahr 1898 sind die ersten wissenschaftlich-anthropologischen Feldaufnahmen dokumentiert. Alfred Haddon nahm dabei Initiationsgesänge der Torres Strait Islander auf und ein Jahr später machte die Royal Society of Tasmania in Hobart eine Aufnahme mit Fanny Smith, eine Vertreterin der wenigen noch verbliebenen tasmanischen Aborigines. Eine besondere Bedeutung kommen allerdings den Feldaufnahmen von Sir Walter Baldwin Spencer zu, der zwischen 1901 und 1912 viele Tonaufnahmen der in Zentralaustralien lebenden Aborigines-Völker auf Edison-Walzen festhielt.

Aufgrund der sehr früheren Aktivitäten der Edison Co. in Australien hatte das Unternehmen lange Zeit eine Monopolstellung im Lande. Die Edison Co. forderte 15% Tantiemen auf alle Aufnahmen, die in Australien mit Edison-Gerätschaft aufgenommen wurden. Die starke Stellung von Edison in dieser frühen Phase schreckte lange Zeit auch Konkurrenten ab, in den Markt einzutreten. Das erste Grammophon und mit ihm die ersten Schellack-Schallplatten sind erst für das Jahr 1899 in Australien nachweisbar.

Als aber Edisons Phonographen-Patent 1903 auslief, versuchte Edwin C. Henderson in Sydney die erste lokale Tonträgerproduktion zu etablieren. Er gründete die Federal Phonograph Record and Supply Co. und das „Federal”-Label, um mit lokalen Konzertsänger/innen beliebtes Repertoire auf braunen Wachswalzen einzuspielen. Da aber diese Walzentechnologie bereits veraltet und gegenüber den importierten, hochwertigen Edison-Zylindern klar unterlegen war, musste „Federal“ recht bald wieder seinen Betrieb einstellen. Henderson gab aber nicht auf und gründete im Oktober 1904 die Australia Phono Record Company, die aber wegen Streitigkeiten mit den Investoren bereits im April 1905 wieder ihren Betrieb einstellen musste. Henderson ließ sich aber auch nach diesem Rückschlag nicht entmutigen und begann 1906 damit, qualitativ hochwertige Musikwalzen nach dem neusten Stand der Technik selbst herzustellen. 1907 wurden unter dem „Australia“-Label die ersten Aufnahmen zum Verkauf angeboten. Das Repertoire bestand vor allem aus Marschmusik dargeboten von der Naval Brigade Band und der Australian Military Band sowie einigen Instrumentalstücken unbekannter Interpret/innen. Ein Feuer in der Produktionshalle im Jahr 1908 begrub endgültig alle Ambitionen eine originär australische Musikindustrie zu etablieren. Einem ähnlich gelagerten Versuch in Melbourne war das gleiche Schicksal beschieden. Eine namentlich nicht mehr eruierbare Firma brachte die Labels „Empire“ und „Entertainer“ in Form von Musikwalzen auf den Markt, die aber nur bis 1910 nachweisbar sind.

Der australische Markt wurde also weiterhin von der Edison Co. dominiert und nahezu alle Distributeure waren auf Importe aus den USA und Europa angewiesen. Trotzdem kann auf einen stark wachsenden Markt mit Phonographen und Tonträgern im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geschlossen werden, wenn man bedenkt, dass ein lokaler Händler in Melbourne allein im September 1907 1.000 Phonographen und 50.000 Stück Tonträger auf Lager hatte.

Einige ausländische Tonträgerhersteller produzierten sogar spezielle Aufnahmen exklusiv für den australischen Markt. So z.B. die deutsche Homophon Gesellschaft in Berlin, die auf ihren Exportlabeln „Rexophone“, „Rondophone“ und „Universal Double-Disc“ auch australisches Repertoire ins Land brachte. Und weitere europäische und US-amerikanische Unternehmen folgten diesem Vorbild. So gelangten in den Vorkriegsjahren viele Importe, darunter auch solche, die nur für Australien bestimmt waren, auf den Markt. Während der Jahre des 1. Weltkriegs war Australien dann aber wieder sehr stark auf britische Importe angewiesen, was vor allem die Stellung der Gramophone Co. und der Columbia Graphophone stärkte.

 

Im zweiten Teil der Serie zur Frühgeschichte der australischen Musikindustrie möchte ich die Rolle des Jazz in Australien sowie die Versuche der Pemberton Billing and World Record Company eine originär australische Musikproduktion auf die Beine zu stellen, nacherzählen.

 

Ross Laird, 1999, Sound Beginnings. The early record industry in Australia. Sydney: Currency Press. ISBN: 0-86819-579-0


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