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Apr
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US-Rechnungshof-Bericht zur Produkt- und „digitalen Piraterie“

Im April 2010 veröffentliche das U.S. Government Accountability Office (GAO) einen Bericht an den US-Kongress mit den Titel Intellectual Property. Observations on Efforts to Quantify the Economic Effects of Counterfeit and Pirated Goods. Darin wird neben der Produktpiraterie auch die unautorisierte Vervielfältigung und Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke (vulgo „digitale Piraterie“) in den USA thematisiert. Die Kernaussagen dazu können in der Folge hier nachgelesen werden.

 

Auch wenn sich dieser Bericht vor allem mit der Produktpiraterie, also mit der unerlaubten Herstellung und dem Vertrieb physischer Produkte wie Marken-Kleidung, Marken-Accessoires (Handtaschen, Geldbörsen etc.), Medikamenten, Zigaretten, Schmuck und Uhren usw. beschäftigt, wird auch die Verletzung von Markenrechten, Patenten und auch Urheberrechten (im US-amerikanischen Kontext Copyrights) betrachtet. Als potenzielle negative Effekte für die Hersteller und Verbreiter der Originalwerke werden Umsatzverluste, Beschädigung der Marke oder des Images, zusätzliche Kosten des Schutzes intellektuellen Eigentums sowie sinkende Anreize für die Forschung und Entwicklung genannt. Dem stehen auf Anbieterseite aber auch positive Effekte wie zusätzlich Verkäufe durch das so genannte Sampling, d.h. das Auffinden und Kennenlernen z.B. von Musik in Filesharing-Netzwerken, gegenüber. Auf Konsument/innenseite spielen hingegen die negativen Effekte, wie sie bei der Produktpiraterie auftreten – Gesundheitsschädigung und Sicherheitsricken sowie die schlechtere Produktqualität als die Originale – eine untergeordnete Rolle, sieht einmal von der Gefahr der Malware ab, die bei der Nutzung von Filesharing-Netzwerken auftreten kann. Hingegen ist auf Konsument/innen-Seite der Zusatznutzen durch einen niedrigeren Preis, der beim Filesharing ja bekanntlich bei Null liegt, als positiver Effekt in Rechnung zu stellen.

 

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der „Piraterie“

Sieht man einmal von der Rechtsverletzung ab, die durch die unerlaubte Nutzung von Copyrights entsteht, so geht es aus volkswirtschaftlicher Sicht vor allem darum herauszufinden, ob der Nettoeffekt der „digitalen Piraterie“ unterm Strich positiv oder negativ ist. Der Einfluss der „Piraterie“ auf Produzenten und Konsumenten sowie auf die Volkswirtschaft insgesamt lässt sich allerdings, so der GAO-Bericht, aufgrund der schlechten und lückenhaften Datenlage nur schwer oder überhaupt nicht feststellen. Zitat: „Most experts we spoke with and the literature we reviewed observed that despite significant efforts, it is difficult, if not impossible, to quantify the net effect of counterfeiting and piracy on the economy as a whole.“ (S. 15-16). So muss man sich insbesondere bei der Verletzung von Urheberrechten auf Annahmen stützen, die, werden sie nur leicht verändert, ein vollkommen anderes Ergebnis liefern. Es ist klar, dass unter solchen Bedingungen Manipulationen Tür und Tor geöffnet sind, die im Bericht auch exemplarisch aufgezeigt werden.

Es sind vor allem zwei Faktoren, die darüber entscheiden, ob der Nettoeffekt der „Piraterie“ positiv oder negativ ausfällt. Zum einen ist das die Substitutionsrate, d.h. das Ausmaß, in dem der Kauf von Originalwerken durch unautorisierte Kopien substituiert wird. In zahlreichen Studien wird dabei oft von einer 1:1-Substitutionsrate ausgegangen. Diese kann aber nur dann zur Kalkulation des Schadens zugrunde gelegt werden, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: (1) die Kopie muss in der Qualität als gleichwertig mit dem Original von der Konsument/in angesehen werden; (2) die Konsument/in ist bereit, für die Kopie den gleichen Preis zu bezahlen wie für das Original; und (3) die Konsument/in ist sich nicht bewusst, eine minderwertige Kopie zu erwerben, d.h. sie wird bewusst getäuscht. Sobald nur eine dieser drei Bedingungen nicht erfüllt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das Original durch die Kopie ersetzt wird. Damit darf aber eine 1:1-Substitutionsrate in den meisten Fällen nicht unterstellt werden. Wenn nun, wie im Fall des Musik-Filesharing, die Kopie zu Kosten gleich Null erworben werden kann, muss davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der Transaktionen keine Substitution für das käuflich zu erwerbende Musikstück darstellt. D.h. gäbe es die Möglichkeit des Filesharings nicht, dann würde in den meisten Fällen der Musiktrack oder das physische Musik-Produkt gar nicht erst gekauft werden. Die Substitutionsrate muss also wesentliche geringer ausfallen.

Um den Nettoeffekt der „Piraterie“ berechnen zu können, muss zum anderen der Wert, den die Konsument/in der unautorisierten Kopie zumisst, in Rechnung gestellt werden. Hier ergeben sich vor allem methodische Probleme der Erhebung, die nicht so einfach gelöst werden können.

 

Die Daten- und Methodenproblematik

Die Autoren des GAO-Berichts ziehen aus dieser Erkenntnis nun den Schluss, dass zur Quantifizierung der Auswirkung von „Piraterie“ mehrere Methoden gleichzeitig zum Einsatz kommen müssen. Folgende Ansätze finden in der Praxis dabei Anwendung: (1) Extrapolation von einer gesicherten Datenbasis aus: Da diese bei der „digitalen Piraterie“ meist nur schwer ermittelt werden kann, ist man auf Schätzmethoden angewiesen, die allerdings nur sehr ungenaue Aussagen zu lassen und bei Extrapolation zu großen Schätzfehlern führen können. (2) Angebots- und Nachfragestudien: Diese Methode bietet den Vorteil, das Konsument/innen-Verhalten gegenüber unautorisierten Kopien abzubilden, indem die Vorbehaltspreise, die erwartete Mindestqualität, die Zahl der erworbenen Kopien, die Preisbereitschaft gegenüber dem Original-Produkt, die Wirkung von in Aussicht gestellten Sanktionen u.ä. erhoben werden können. Solche Studien sind allerdings sehr kostspielig und werden sie nur auf eine soziale Gruppe bezogen, wie im Fall der Befragung von Studierenden über ihre Filesharing-Aktivitäten, dann sind sie nicht generalisierbar und nur sehr eingeschränkt gültig. Der GAO-Bericht zitiert in dem Zusammenhang auch die Musik-Filesharing-Studie von Rob und Waldfogel aus dem Jahr 2006, die ich hier im Blog ebenfalls evaluiert habe. (3) Multiplikatormodelle: Auf Basis von Input-Output-Rechnungen kann der induzierte Einfluss z.B. einer Betriebsansiedelung in einer Region (Stichwort: zusätzliche Wertschöpfung und Umwegrentabilität) erhoben werden. Diese Methodik kann auch herangezogen werden, um den negativen Einfluss von „Piraterie“ zu messen. Dabei darf aber nicht die zusätzliche Konsumentenrente, die durch niedrigere Preise erzielt wird übersehen werden sowie dass dadurch mehr Geld für andere Produkte und Leistungen zur Verfügung steht. Der GAO-Bericht dazu: „Most of the experts we interviewed were reluctant to use economic multipliers to calculate losses from counterfeiting because this methodology was developed to look at a one-time change in output and employment.” (S. 23). Nichtsdestotrotz werden solche Studien auch im Zusammenhang mit “digitaler Piraterie” von öffentlichen Stellen gern in Auftrag gegeben. (4) Weitere Methoden der Datenerhebung: Darüber hinaus werden im Bericht auch alternative Methoden genannt, darunter die Studie von Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf (2004 bzw. 2007), die hier im Blog ausführlich besprochen wurde und auch jene von Hui und Png (2003), die sich allerdings mit den Auswirkungen des CD-Brennens auf den CD-Verkauf, also nicht mit dem P2P-Filesharing, beschäftigt.

Insgesamt kommen die Autoren zu Schluss, dass es keine wie immer geartete Faustformel gibt, mit der der Wirkungen der „Piraterie“ quantifiziert werden kann. Das liegt zu einem daran, dass „Piraterie“ in den verschiedenen Industrien völlig anders ausgeprägt sein kann, aber auch innerhalb einer Industrie macht es einen Unterschied, ob z.B. von professioneller CD-Piraterie oder von Musiktauschbörsen ausgegangen wird. Zudem ist der Einsatz von nur einer Methode nicht aussagekräftig genug und es muss eine Methoden-Triangulation mit einem meist nicht unerheblichen Aufwand durchgeführt werden, um zu halbwegs brauchbaren Ergebnissen und Aussagen zu kommen. Je allgemeiner diese Aussagen ausfallen sollen, z.B. über den Einfluss der „Piraterie“ auf das Bruttoinlandsprodukt, desto schwerer wird es genaue Zahlen zu bekommen. Die Autoren gehen sogar soweit zu behaupten, dass die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen so gut wie gar nicht abgeschätzt werden können. Eine Aussage, die sie auch durch ähnlich gelagerte Studien der OECD bestätigt finden.

 

Kritische Würdigung

Die GAO-Studie bestätigt von quasi offizieller Seite, dass einfache Erklärungsmuster, wie sich die „Piraterie“ und insbesondere P2P-Filesharing auf die gesellschaftliche Wohlfahrt im allgemeinen und die Musikindustrie im besonderen auswirkt, nicht funktionieren. Die Zusammenhänge sind wesentlich komplexer und so kann die Behauptung, dass P2P-Musik-Filesharing für den Rückgang der Umsätze mit Musikverkäufen (allein) verantwortlich sei, seriöser Weise nicht aufrechterhalten werden. Es müssen daher andere Erklärungsansätze und –modelle gefunden und die Datenbasis über das Musik-Filesharing verbessert werden.

Die Autoren des GAO-Berichts haben allerdings keine primären Erhebungen durchgeführt, sondern stützen sich auf zwölf strukturierte Experten-Interviews mit Behördenvertretern und Wissenschafter/innen sowie auf zahlreiche Hintergrundgespräche mit Industrievertreter/innen. Zudem wurde bereits publizierte Sekundärliteratur ausgewertet, wobei für den Fall des Musik-Filesharings auffällt, dass nur drei diesbezügliche Studien in die Betrachtung mit einbezogen wurden, während es dazu wesentlich mehr Arbeiten gibt, wie im Blog unter dem Titel „Wie böse ist das Musik-Filesharing?“ in insgesamt 18 Teilen nachgelesen werden kann.

Alles in allem bleibt aber die Erkenntnis, dass noch viel empirische Arbeit notwendig ist, um die Auswirkungen der „Piraterie“ und insbesondere des Musik-Filesharings besser erfassen zu können als das bislang der Fall war.

 

Quellen:

Hui, Kai-Lung und Ivan Png, 2003, „Piracy and the Legitimate Demand for Recorded Music“. Contributions to Economic Analysis & Policy, Vol. 2, Nr. 1, Artikel 11.

Oberholzer-Gee, Felix und Koleman Strumpf, 2007, “The Effect of File Sharing on Record Sales: An Empirical Analysis”. Journal of Political Economy, Vol. 115, Nr. 1.

OECD, 2008, The Economic Impact of Counterfeiting and Piracy. Paris.

OECD, 2009a, Magnitude of Counterfeiting and Piracy of Tangible Products: An Update. Paris.

OECD, 2009b, Piracy of Digital Content. Paris.

Rob, Rafael und Joel Waldfogel, 2006, “Piracy on the High C’s: Music Downloading, Sales Displacement, and Social Welfare in a Sample of College Students”. Journal of Law and Economics, Vol. XLIX.


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