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Quo vadis Musik-Verwertungsgesellschaften? – Zusammenfassung des zweiten Musikwirtschaftsdialogs am 14. April 2010

Am 14. April 2010 trafen MMag.a Ursula Sedlaczek, Geschäftsführerin AustroMechana, und MMag. Dr. Leonhard Leeb, Musiker, Jurist und Lehrender an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zusammen, um vor einem fachkundigen Publikum die Frage „Quo vadis Musik-Verwertungsgesellschaften?“ zu diskutieren. Dabei wurde die Rolle der Musik-Verwertungsgesellschaften (Musik-VGen) in der gegenwärtigen Umbruchsituation in der Musikindustrie ebenso beleuchtet wie die Herausforderungen, die im digitalen Umfeld zu bewältigen sind, und deren Funktion als Solidargemeinschaft von Urheber/innen und Verleger/innen.

Die gesamte Diskussion kann über einen Audiostream nachgehört werden bzw. werden in der nun folgenden Zusammenfassung die Argumentationslinien nachgezeichnet werden.

Hier geht es zum Audiostream.

 

Das Selbstverständnis der Musik-Verwertungsgesellschaften

Der Beginn der Diskussion wurde hinterfragt, warum die VGen, die als Inkasso-Organisationen für ihre Bezugsberechtigten sich üblicher Weise diskret im Hintergrund halten, gegenwärtig ins Gerede gekommen sind. Darauf hatte Frau Sedlaczek, die Geschäftsführerin der AustroMechana, die in Österreich für Urheber/innen und Verleger/innen das Vervielfältigungs- und Verbreitungsrecht (d.s. die mechanischen Rechte) wahrnimmt, eine einfache Erklärung: Nicht die VGen sind zum Thema geworden, sondern der Onlinekonsum von Musik und die damit zusammen hängende Problematik der Musik-Piraterie im Internet (Stichwort: Musiktauschbörsen). Und die VGen haben gar kein Interesse, auf sich aufmerksam zu machen, weil sie Nonprofit-Gesellschaften sind, die nicht wie normale Unternehmen mit entsprechenden Marketing- und Werbeetats agieren können. „Unser Job ist, Tantiemen für Urheber und Verleger einzunehmen und zu verteilen und das mit möglichst wenig Verwaltungsaufwand. Die, die uns brauchen kennen uns.“

Damit war auch schon die Rolle von VGen skizziert, die Dr. Leonhard Leeb aus Sicht der Bezugsberechtigten so definierte: Die Urheber/in  sucht Geschäftspartner für bestimmte Bereiche. „Und VGen sind meine Geschäftspartner, die meine Rechte wahrnehmen.“

Die gegenwärtigen Herausforderungen für die Musik-Verwertungsgesellschaften

Auf die Frage der Moderatorin, was denn das Horrorszenario für die AustroMechana wäre, wenn nicht jetzt lenkend eingegriffen werden würde, gab sich Frau Sedlaczek illusionslos: „Im Horrorszenario leben wir de facto schon.“ Und dafür verantwortlich ist nicht einmal die Piraterie, sondern „[d]ie EU-Kommission, die sagt, wir brauchen nicht in jedem Mitgliedsstaat ein bis zwei Musik-VGen. Es können vier große auch machen.“ Damit sind die Deregulierungsmaßnahmen der EU-Kommission angesprochen, die darauf abzielen, die nationalen Monopole der VGen bezüglich der von ihnen wahrgenommenen Rechte zumindest im Online-Bereich aufzubrechen und diese dem Wettbewerb auszusetzen. Das soll vor allem dadurch erreicht werden, dass die Rechteinhaber nunmehr die Möglichkeit haben, die Wahrnehmung ihrer Rechte exklusiv an eine VG zu übertragen.

Allerdings relativierte Leonhard Leeb die Bedeutung der Kommissionsentscheidung dahin gehend, dass, wie Geschäftsbericht der deutschen Musik-Verwertungsgesellschaft GEMA 2009 zu lesen ist, bei einer Gesamtausschüttungssumme von EUR 713 Mio. lediglich 1,4% oder rund EUR 10 Mio. auf die Wahrnehmung digitaler Rechte entfalle.

Die Erkenntnis, dass der Online-Bereich bei den Tantiemenausschüttungen der VGen anteilsmäßig sehr niedrig ausfällt, führte zur Frage, warum das so ist. Auch wenn die VGen dafür immer wieder in die Pflicht genommen werden, sieht die Geschäftsführerin der AustroMechana die Schuld dafür wo anders. Zunächst einmal bei den Onlineplattformen, deren Angebote kaum marktfähig seien, abgesehen einmal von Apple/iTunes. Andere Modelle, wie Flat-Fee-Angebote sind kommerziell nicht erfolgreich, weil diese an alte Handymodelle gekoppelt seien oder nicht gut beworben wären oder nicht mir Kreditkarte funktionieren würden. Aber auch die großen Rechteinhaber, das sind vor allem die Major-Musikverlage, tragen ein Scherflein zur Misere im Online-Geschäft der VGen bei, eben dadurch, dass sie ihre Online-Rechte exklusiv an eine Gesellschaft für die europaweite Wahrnehmung vergeben würden und diese Rechte nicht mehr über Gegenseitigkeitsverträge anderen Gesellschaften zur Verfügung gestellt werden. Das alte System, in dem ein Verlag sein Recht an eine nationale VG vergibt, wobei über Gegenseitigkeitsverträge sowie Subverlagsgesellschaften dieses Repertoire in jedem Land von jeder Gesellschaft wahrnehmbar war, wurde von den Großverlagen als intransparent angesehen und sie konnten nicht beeinflussen, zu welchen Tarifen in welchem Territorium ihre Rechte vergeben wurden. EMI Publishing war der erste Verlag, der von dieser Praxis abgegangen ist und vergab seine Online-Rechte exklusiv an die britische PRS und die deutsche GEMA, die ein Joint-Venture namens CELAS (Central European Licensing and Administration System) gegründet haben. CELAS ist somit die einzige Gesellschaft in Europa, die EMI-Repertoire wahrnehmen kann. Damit ist EMI Publishing nicht mehr an die Tarife gebunden, die die einzelnen VGen ausverhandeln, und kann selbst die Tarife und Konditionen bestimmen. In weiterer Folge wird nunmehr nicht jede Urheber/in den gleichen Tarif bekommen. Die erfolgreichen werden mehr, die weniger erfolgreichen werden einen niedrigeren Tarif bekommen. EMI Publishing steige auf diesem Weg aus der Solidargemeinschaft der VGen aus, so zumindest die Sichtweise von Frau Sedlaczek.

In einem solchen Wettbewerbsumfeld sind natürlich kleine Musik-Verwertungsgesellschaften strukturell im Nachteil. Wenn vier große Verlage den Großteil des Weltrepertoires abdecken, und ihre Rechte exklusiv an die vier großen europäischen VGen vergeben, was wird dann ein Rechtenutzer wie Apple/iTunes machen? So die rhetorische Frage von Frau Sedlaczek, die sie sogleich auch selbst beantwortete: „Der wird einmal versuchen diese vier großen Repertoires zu bekommen, damit er überhaupt was auf die Beine stellen kann. Und dann wird er sich überlegen, welche Rechte brauche ich noch, um möglichst viel Repertoire auf den Markt zu bringen?“ Kleine nationale Repertoires bleiben dann auf der Strecke, weil diese für das Geschäftsmodell nicht mehr so interessant/lukrativ sind und zudem haben die kleinen Gesellschaften gegenüber den großen einen Kostennachteil. Da stellt sich natürlich die Frage nach der Existenzberechtigung der vielen kleinen VGen.

Dr. Leonhard Leeb spricht hier ein Versäumnis der kleinen Verwertungsgesellschaften an. So ist die AustroMechana beispielsweise nicht Gesellschafterin der Digital Data Exchange Initiative (DDEX), die sich zum Ziel setzt, ein einheitliches Format für den Daten-Austausch zwischen den VGen zu entwickeln. Versäumnisse hinsichtlich DDEX konnte die Geschäftsführerin der AustroMechana nicht feststellen. Die AustroMechana wollte sich schlicht und ergreifend nicht an den hohen Entwicklungskosten beteiligen, die mit DDEX verbunden sind. Was aber nicht heißt, dass nach erfolgreicher Pilotphase und bei Vorliegen eines marktfähigen Formats, nicht auch die AustroMechana dieses Datenformat übernehmen wird. Allerdings sollte nicht der Fehlschluss gezogen werden, dass DDEX die Daten besser machen würde, so Sedlaczek. „Die Daten werden dann besser, wenn die Labels ihre Daten vollständig zur Verfügung stellen können und an die Telcos weiterleiten und die Telcos diese Daten uns übermitteln.“

Und auch die Lobbying-Bemühungen der VGen bei der EU-Kommission blieben fruchtlos. Frau Sedlaczek dazu mit einem Stimmungsbild aus Brüssel: „Die Empfehlung der EU ist gerade gekommen, als ich gerade erst Geschäftsführerin der AustroMechana geworden bin. Ich dachte, die Sache ist ganz einfach. Ich fahre hin und erkläre, was Sache ist. Kulturelle Vielfalt, UNESCO-Konvention, bei Konzentration der großen Repertoires werden die kleinen auf der Strecke bleiben. Sie glauben nicht, wie gelangweilt sie dort auf das Wort kulturelle Vielfalt reagiert haben. Die EU ist nun Mal keine Kulturunion, sondern eine Wirtschaftsunion. Die Argumente waren rein wettbewerbsrechtliche und wirtschaftspolitische Aspekte. Es gibt ein EUGH-Urteil, dass wir ganz normale Unternehmen sind. Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen, wie immer der ausschauen soll. Es wird die Solidargemeinschaft zerfallen. Und das ist der EU-Kommission wurscht.“

Wie zeitgemäß sind die Musik-Verwertungsgesellschaft?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurde zuerst nach den Aufgaben eine Verwertungsgesellschaft gefragt. Frau MMag. Sedlaczek tat das für die AustroMechana: „Unser Hauptjob, so bürokratisch das klingen mag, ist, diese Rechte so genau wie möglich zu dokumentieren. Der größte Teil meines Personals beschäftigt sich mit Dokumentation und Abrechung. Wir haben 5 Mio. registrierte Werke, 7,5 Mio. registrierte Einzelverträge und 20 Mio. Nutzungsdaten und pro Abrechung werden 9.000 Konten angesprochen. D.h. das ist ein Massengeschäft und muss dementsprechend effizient abgearbeitet werden.“ Damit wäre aber nur die Hauptaufgabe umschrieben. Darüber hinaus gilt es, den Markt zu beobachten und zu bearbeiten, d.h. neue TV- und Radiosender oder Internetplattformen müssen identifiziert und kontaktiert werden, und in weiterer Folge wird das Rechte-Clearing durchgeführt. Und schließlich wird noch die Leerkassettenvergütung von der AustroMechana eingehoben und verteilt.

Ob nun die Aufgaben von den VGen zeitgemäß wahrgenommen werden oder nicht, lässt sich nicht so einfach beantworten. Dr. Leeb verweist dabei auf die Vielzahl von möglichen Werknutzungen, sodass nur im konkreten Fall beurteilt werden kann, ob die Rechte-Wahrnehmung zeitgemäß erfolgt oder nicht. Seiner Erfahrung nach funktioniert die Wahrnehmung beim Großteil der Nutzungen durch die VGen klaglos. Lediglich im Bereich der Online-Rechte gäbe es Verbesserungsbedarf. Vor allem könnte der Informationsfluss verbessert werden.

Die Zeitgemäßheit von VGen kann aber auch an neuen Entwicklungen wie Creative Commons Lizenzen und der Musik-Flatrate diskutiert werden. Dazu Frau Sedlaczek: „Ich bin seit 51/2 Jahren bei der AustroMechana und kein Mensch ist bislang gekommen und hat mich gefragt, ob er nicht gern eine Creative Commons Lizenz haben könnte.“ Aber sie hätte auch kein Problem damit: „Wenn meine Generalversammlung sagt: ‚Machen wir Creative Commons Lizenzen’, dann machen wir das. Bis jetzt wollte es niemand.“ Auch für die Einführung einer Content-Abgabe in Form einer Musik-Flatrate ist die Geschäftsführerin der AustroMechana offen: „Als Verwertungsgesellschaft kann ich nur sagen: ‚Bitte, das ist das Manna, da brauch ich mich um nichts mehr bemühen, ich muss den Markt nicht mehr bearbeiten, das Geld rinnt von selber.’ Das leidige Problem daran ist, es hat einige Schönheitsfehler und einige Nachteile für den Urheber.“

Wesentlich wichtiger als die Diskussion um Creative Commons Lizenzen und Musik-Flatrate erachtet Frau Sedlaczek aber die Bemühungen um ein einheitliches Dokumentationssystem der VGen im EU-Raum. Auch an die Verwertung von gesammelten Daten wird gedacht. Und vor allem wird versucht, neue Ertragsquellen anzuzapfen. So weißt die Leerkassettenvergütung sinkende Umsätze auf, weil immer weniger mehr Leer-CDs und ‑DVDs gekauft werden. Bei MP3-Player gab es zudem zwischen 2008 und 2009, nach Angabe von Frau Sedlaczek einen Umsatzrückgang von 50%, was auf einen gesättigten Markt schließen lässt. Bei den PC-Festplatten hat ein Urteil des Obersten Gerichtshofes (OGH) eine Einkommensquelle für die VGen versiegen lassen. Es besagt, dass auf PCs üblicher Weise Dokumente und Fotos gespeichert werden, nicht aber Musik und Filme, und daher keine Urheberrechtsabgaben eingehoben werden dürfen. Anhängig ist das gerichtliche Verfahren noch bei MP3-Handys und es ist noch offen, ob darauf eine Urheberrechtsabgabe eingehoben werden darf.

Die Tantiemenverteilung und die Solidargemeinschaft

Ein weiterer Aspekt von VGen ist, dass sie nicht nur die Rechte für ihre Bezugsberechtigten einheben, sondern auch eine teilweise Umverteilung der Mittel vornehmen. Das Instrument dazu ist bei der AustroMechana der Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen, kurz SKE-Fonds. So geht die Hälfte der Leerkassettenvergütung, die bei der AustroMechana verbleibt, an den SKE-Fonds. Daraus werden dann Zuschüsse zur Alterspension oder zur Krankenversicherung gewährt aber auch Tonträgerproduktionen, Tourneen uvm. finanziell unterstützt. Dr. Leonhard Leeb sieht grundsätzlich kein Problem in einer verträglichen Form der Umverteilung zwischen den Bezugsberechtigten. „Ich bin durchaus bereit, kreative, junge Leute zu fördern, indem 10% von meinen Tantiemenerlösen durch die jeweilige VG  für die Förderung kultureller und soziale Projekte abgezogen werden.  Doch stellt sich dabei sehr schnell die Frage: ist es die alleinige Aufgabe der Urheber aus ihren Tantiemenaufkommen  Kreative in Österreich zu fördern, oder ist es  nicht Aufgabe der Kulturpolitik, des Staates allgemein?“ Auch die Geschäftsführerin der AustroMechana, Ursula Sedleczek, verteidigt den SKE-Fonds, sieht aber auch die Gefahr, dass dieser bald der Vergangenheit angehören könnte: „Beiräte entscheiden in der AustroMechana über die einzelnen Einreichungen. Wenn es in der Form abläuft, kann man durchaus dahinter stehen. (…) Die Solidargemeinschaft versteh ich nicht nur in Form von Förderung, sondern sie besteht schon darin, dass das Repertoire großer Rechteinhaber zum gleichen Tarif und zu gleichen Konditionen vergeben wie für kleine Repertoires. Aber das zerbricht und das ist das Gefährliche daran, weil die Großen kein Interesse daran haben zu den gleichen Konditionen, ihre Rechte wahrnehmen zu lassen wie die Kleinen, obwohl diese wesentlich höherer Kosten verursachen.“

Publikumsdiskussion

Im ersten Diskussionsbeitrag wurde auf Vorteile vor allem für die Rechtenutzer verwiesen, die ein zentrales Rechte-Clearing-System im Online-Bereich hätte, was aber von Frau Sedlaczek klar in Abrede gestellt und auf die Nachteile vor allem für die kleinen VGen verwiesen wurde: „Im jetzigen System muss Apple zu CELAS gehen, wo sie das gesamte EMI-Repertoire bekommen. Bei den Franzosen bekommen sie das gesamte Universal-Repertoire, bei der PRS bekommen sie das englische Repertoire, bei den Schweden das skandinavische und dann besteht für Apple/iTunes kaum ein Interesse mehr am verbleibenden österreichischen Repertoire, weil die wenigen Downloads aus dem österreichischen Repertoire kaum ins Gewicht fallen. Mit diesem Problem kämpfen auch andere Gesellschaften in Europa wie in Ungarn, Slowenien, Portugal und zum Teil auch Spanien.“ Wenn das österreichische Repertoire nicht untergehen soll, dann müssten die Urheber/innen und Verleger/innen bereit sein, zu anderen und vor allem größeren europäischen VGen zu wechseln. Diese Bereitschaft konnte sie aber nicht ausmachen.

Auch für Herrn Dr. Leeb macht der Wechsel zu einer anderen VGen außerhalb von Österreich keinen Sinn, auch nicht im Online-Bereich. Aufgrund der vielen wahrzunehmenden Nutzungen bräuchten die Urheber/innen mehrere VGen in Österreich, weil sich eine deutsche VG für die Rechtewahrnehmung in Österreich erst einen Staff aufbauen müsste.

Im Laufe der Diskussion melde sich auch der Geschäftsführer einer anderen österreichischen Musik-Verwertungsgesellschaft, Dr. Franz Medwenitsch, zu Wort. Er verwies in seiner Wortmeldung auf den großen Leistungsumfang, den die LSG (Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten Ges.m.b.H.) erbringe und skizzierte noch einmal, wer hinter den gegenwärtigen Veränderungen die treibenden Kräfte sind: „(1) die EU, die etwas dagegen hat, wenn etwas 27mal im Binnenmarkt gibt; (2) die Mitglieder selbst, vor allem die, die ein internationales Repertoire vertreten, große Verleger, große Labels. Die sagen: ‚Bevor wir mit 27 reden, reden wir lieber 1, 3 oder 5 VGen und die bieten uns ein Superservice und bieten uns noch einen fetten Rabatt am Ende des Jahres. Und da die Marktumsätze im Schwinden sind, müssen die Lizenzerträge steigen’; (3) die anderen Kollegen, die glauben, dass in ihrem eigenen Markt kein Wachstum mehr möglich ist. Und dann nehmen wir eben andere Länder und Märkte zwecks Wachstumsperspektive dazu.“ Aber der entscheidende Faktor gemäß Herrn Medwenitsch ist die Marktnähe, die nur die nationalen VGen gewährleisten können, und deshalb braucht es auch spezifisch österreichische Gesellschaften, die IHRE Künstler vertreten.

Ein anderes Thema brachte der Labelbetreiber Walter Gröbchen aufs Tapet. Er wollte wissen, ob die VGen im Online-Geschäft überhaupt in der Lage sind zu kontrollieren, was mit einem digitalen Soundfile passiert. Grundsätzlich wäre dies möglich, so die Antwort der AustroMechana-Geschäftsführerin, aber ihre Gesellschaft verfüge derzeit noch nicht über das entsprechende Kontroll-Know-how. Aber „[g]emeinsam mit anderen Schwesterngesellschaften haben wir aber eine Prüfung von iTunes durch Price, Waterhouse & Coopers direkt vor Ort in den USA durchgesetzt, die aber noch nicht abgeschlossen ist. Wenn das Know-how einmal aufgebaut ist, werden wir es auch in Österreich bei den größeren Plattformen anwenden. Man kann kontrollieren und wir werden kontrollieren.“ Diese Antwort schockierte den Fragesteller mehr als sie ihn beruhigte, weil er daraus schloss, dass die AustroMechana gegenwärtig nicht in der Lage sei, eine adäquate Kontrolle im Namen der von ihr vertretenden Urheber/innen und Verleger/innen auszuüben. Frau Sedlacezek versuchte daraufhin zu beruhigen, dass es schon einen Vertrag mit der Österreichischen Wirtschaftskammer gäbe, der bei Missbrauch eine Pönale von 100% der Nachforderung vorsehe. Und sie sicherte zu, dass die mit der AustroMechana vertraglich verbundenen Online-Plattformen auch kontrolliert werden würden.

Martin Fritz von der Universität für angewandte Kunst in Wien warf die Frage nach der Monopolstellung der AustroMechana auf und fragte konkret: „Wie stehen Sie zu möglicher kleiner Konkurrenz national bzw. haben Sie Pläne für Nischenangebote aus Ihrem eigenen Bereich?“ Die Antwort von Frau Sedlaczek fiel klar und deutlich aus: „Das Monopol hat einen Preis, es gibt ja eine Wahrnehmungspflicht und einen Kontrahierungszwang. Wir können uns also nicht die attraktiven Kunden sprich Urheber/Verlage heraussuchen. Die großen Rechteinhaber machen das ja. T-Mobile machen wir selber, weil lukrativ, aber die Kleinen können ruhig die kleinen Gesellschaften machen, obwohl diese ja gerade wirtschaftlich wenig attraktiv sind, weil sie mit höheren Kosten verbunden sind.“ Sollte einmal die GEMA in Österreich tätig werden dürfen, dann würde sie sich diese sicher nicht auf die kleinen, wenig umsatzträchtigen Nutzer, z.B. Lokale stürzen, sondern auf die großen Konzertanbieter und Labels. Und die Nische gäbe es in ihrem Bereich nicht. Würde man nur für kleine Konzertveranstalter arbeiten, dann wären die Verwaltungskosten auch wesentlich höher.

An der Monopolstellung der nationalen VGen hakte auch der Musik-Consultant, Manfred Lappé ein, der im mangelnden Wettbewerb unter den VGen eine Ursache für Ineffizienzen sah. Denn wie könne es sein, dass eine um ein Vielfaches größere VG wie die GEMA den gleichen Verwaltungskostenanteil von ca. 15% wie ihre kleineren österreichischen Schwestergesellschaften? Da müsse es doch Economies-of-scale geben. Und das führte ihn zur Frage, ob es dann nicht für den Rechteinhaber sinnvoller wäre individuell zu lizenzieren? Dr. Leonhard Leeb bewertete aber die Individualrechtewahrnehmung kritisch: „Für einen Urheber ist die Individuallizenzierung dann interessant, wenn er die technischen Möglichkeiten dazu hat. Es gibt einige Nutzungsarten für die die Individuallizenzierung sehr interessant wäre. Aber bei der gegenwärtigen Online-Rechtewahrnehmung ist das eine Illusion. Ich kann meine Urheberrechte nur gemeinsam mit anderen Urhebern durchsetzen und dafür braucht es VGen.“

Schlussrunde

In der Schlussrunde wurden die beiden Diskutant/innen noch einmal gebeten, die Frage „Quo vadis Musik-Verwertungsgesellschaft“ ganz konkret mit einer Projektion auf die Zukunft zu beantworten. Die AustroMechana-Geschäftsführerin, Ursula Sedlaczek, sieht die Zukunft der VGen in den Zusammenlegung ihrer Backoffices für Dokumentation und EDV, um Kosten zu sparen, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der nationalen Niederlassungen als Dependancen größerer Einheiten, wie immer die dann aussehen. Für Dr. Leonhard Leeb zeichnet sich die Verschmelzung zwischen Interpret/in, Komponist/in und Musikunternehmer ab. Aus der Historie  wurden aber die einzelnen VGen von diesen Gruppen der einzelnen Rechteinhabern gegründet und aufgebaut. Leider agieren die einzelnen VGen sehr in sich geschlossen und grenzen sich einander ab. Daher muss es auch zu einer Verschmelzung der Wahrnehmungsbereiche der einzelnen VGen kommen, da die Verschmelzung des Interpret/in, Komponist/in und Musikunternehmer schon ein gelebtes Künstlerbild ist.

Buchtipp:

Leonhard Leeb, 2009, Der Wert künsterlischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgesellschaften. Facultas Verlag Wien, 2009, 255 Seiten, ISBN 978-3-7089-0388-0, EUR 36.-

 

Nächster Termin der Musikwirtschaftsdialoge:

Am 9. Juni 2010 treffen um 19.30 im Fanny Hensel-Mendelssohn-Saal an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien am Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien, Prof. Felix Oberholzer-Gee (Harvard Business School) und Mag. Philip Ginthör (General Manager der Sony Music Entertainment Austria) zur Frage „Wie böse ist das Musik-Filesharing?“ aufeinander.

Diese Veranstaltung ist zugleich auf Teil der „Vienna Music Business Research Days“, die am 10. Juni 2010 zum Thema Musik-Filesharing und Musik-Flatrate fortgesetzt werden. Das detaillierte Programm dazu findet sich hier.


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