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Erster Musikwirtschaftsdialog: „Pro und Contra Musik-Flatrate“

Am Mi., 10. Februar 2010 findet ab 19:30 im Wiener ORF Kulturcafé in der Argentinierstraße 30a, 1040 Wien die erste Diskussionsrunde der Veranstaltungsreihe „Musikwirtschaftsdialoge“  der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in Kooperation mit dem Radiosender Ö1 zum Thema „Pro und Contra Musik-Flatrate. Wer bezahlt die Rechnung?“ statt. Der Professor an der Universität São Paulo, Volker Grassmuck, ein langjähriger Befürworter der Kulturflatrate, und der Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie in Deutschland, Stefan Michalk, werde ihre unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema vor Publikum austauschen. Wer nicht die Gelegenheit hat, direkt im ORF Kulturcafé anwesend zu sein, hat die Möglichkeit, die Veranstaltung als Live-Stream mitzuverfolgen.

Hier geht’s zum LIVE-Stream der Musikwirtschaftsdialoge

 

Die Diskussion um die Einführung einer Kultur- bzw. Musik-Flatrate findet vor dem Hintergrund sinkender Umsätze in der Musikindustrie statt (siehe dazu „Die Rezession in der Musikindustrie“ und „Der Tonträger ist tot! Es lebe der Musikdownload?“ ). Vor allem die Tonträgerumsätze sind weltweit in den letzten zehn Jahren stark zurück gegangen, ohne dass die steigenden Einnahmen im Online- und Mobile-Musikgeschäft dieses Minus hätten ausgleichen können. Im gleichen Zeitraum konnte trotz massiver Kampagnen und juristischen Vorgehens gegen Musiktauschbörsen und ihre Nutzer das File-Sharing-Volumen kaum verringert werden. Die Einführung einer Musik-Flatrate könnte nach Meinung der Befürworter neue Einkommensströme für die Musikschaffenden generieren, wohingegen die Gegner darin eine Zwangsbeglückung und Kultursozialismus sehen.

Die Position des Bundesverbands der Musikindustrie in Deutschland

Am 25. Januar 2010 nahm der Bundesverband Musikindustrie mit einem Positionspapier in zehn Punkten gegen die Kulturflatrate Stellung. Darin wird unter anderem damit argumentiert, dass eine Kulturflatrate unfair wäre, weil alle Internetnutzer dafür zahlen müssten. Weiters würde die Kulturflatrate bereits bestehenden digitalen Geschäftsmodellen die ökonomische Basis entziehen. Sie benachteilige zudem sozial Schwache, verflache die Kultur, entwerte geistiges Eigentum, verstoße gegen international geltendes Recht und widerspreche überhaupt den ökonomischen Prinzipien der Marktwirtschaft – von den hohen Kosten, die der Aufbau eines entsprechenden Verwaltungsapparates verursache, ganz zu schweigen.

Was ist nun eine Musik-Flatrate?

Abstrahiert man einmal von anderen digitalisierbaren Inhalten, wie Büchern, Filmen, Zeitungen, Software, Spielen etc. und reduziert das Konzept einer Flatrate auf Musik, ist damit eine Abgabe gemeint, die beim Internet Service Provider eingehoben wird, um die dadurch erzielten Erträge auf die Urheber und Rechtverwerter zu verteilen. Die Musik-Flatrate ist somit nicht als unspezifische Steuer zu verstehen, die in einen anonymen Budgettopf fließt, sondern als zweckgebundene Abgabe z.B. von Verwertungsgesellschaften eingehoben und nutzungsgerecht verteilt werden könnte.

Im Grunde genommen ist die Musik-Flatrate ein bereits in Form der Leerkassettenvergütung erprobtes Konzept. Diese existiert in Österreich seit 1980  und wird in Form einer Abgabe auf Leermedien (ursprünglich auf Kassetten, dann auch auf bespielbare CDs, DVDs und mittlerweile auch Computerfestplatten sowie MP3-Player) erhoben und an die Begünstigten verteilt. Allerdings erlaubt die Leerkassettenvergütung keine nutzungsgerechte Verteilung der Gelder. Ganz im Gegensatz zur Musik-Flatrate, die durch entsprechende digitale Erhebungsmethoden das Nutzerverhalten erfasst und verteilt werden könnte.

Was sind die Alternativen?

Derzeit besteht die Situation, dass Musik in unauthorisierter Form genutzt wird, ohne dass die Rechteinhaber und -verwerter davon profitieren. Die Musikindustrie-Verbände fordern daher die Gesetzgeber in den jeweiligen Ländern auf, restriktive Maßnahmen gegen die unerlaubte Tauschbörsennutzung zu setzen. In Frankreich wurde vom Parlament ein Gesetz verabschiedet, wonach eine Behörde mit dem Kürzel HADOPI den Internetverkehr nach unautorisierten Nutzungen überprüft und in einem abgestuften Verfahren den betroffenen Usern letztendlich sogar den Zugang zum Internet sperren kann. In Großbritannien, Spanien, Japan und Neuseeland werden ähnliche Gesetzesinitiativen verfolgt und in Deutschland ist eine heftige Kontroverse über das Filesharing ausgebrochen, die auch schon den Deutschen Bundestag erreicht hat.

Viele Frage sind noch offen

Es wird sich zeigen, ob diese restriktiven Maßnahmen greifen werden oder ob die Quasi-Legalisierung von Musiktauschbörsen durch eine Musik-Flatrate doch der einzig gangbare Weg ist. Wenn dem so ist, dann stellen sich aber noch zahlreiche Hindernisse in den Weg. Die EU-Copyright-Richtlinie aus dem Jahr 2001 müsste geändert werden. Es müsste geklärt werden, wer die Musik-Flatrate in welcher Höhe einheben und verteilen darf. Ein Verteilungsschlüssel müsste festgelegt und der Kreis der Begünstigten müsste klar definiert werden. Mögliche Formen des Missbrauchs müssten erkannt und ausgeschlossen werden. Der Datenschutz müsste gewahrt bleiben und es müsste ein Weg gefunden werden, dass nur diejenigen die Abgabe zahlen müssen, die tatsächlich auf Filesharing betreiben. Letztendlich bedarf es aber den politischen Willens eine Musik-Flatrate flächendeckend einzuführen.

Erster Musikwirtschaftsdialog zu „Pro und Contra Musik-Flatrate“

Ob eine Musik-Flatrate eine realistische Option ist und die Basis eines neuen Sozialvertrags zwischen den Kreativen und der Gesellschaft darstellt, wie es Flatrate-Befürworter Volker Grassmuck formuliert, oder ob die Musik-Flatrate nur eine Form des Kultursozialismus ist, wie Gegner befürchten, wird am Mi., 10. Februar ab 19.30 im ORF Kulturcafé (Argentinierstraße 30a, 1040 Wien) von Volker Grassmuck (Professor an Universität São Paulo) und Stefan Michalk (Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie in Deutschland) diskutiert werden.

Eintritt frei. Um Anmeldung wird gebeten unter ausseninstitut@mdw.ac.at

Live-Stream des Musikwirtschaftsdialogs zum Thema „Pro und Contra Musik-Flatrate“.


2 Responses to “Erster Musikwirtschaftsdialog: „Pro und Contra Musik-Flatrate“”


  1. 11. Februar 2010 um 9:16 am

    Ich konnte leider weder live vor Ort sein noch den Stream verfolgen. Gibt es eine Möglichkeit, die gestrige Diskussion nachzuhören bzw. zu -sehen?

    • 2 Peter Tschmuck
      11. Februar 2010 um 11:08 am

      Lieber Tobias Bolt!

      Ja, es wird hoffentlich bald möglich sein, die gesamte Diskussion in Form einer Sound-Datei vom Blog herunterladen zu können.


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