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Rezension: Der Wert künstlerischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgesellschaften

Der Titel des Buches weist bereits auf die Kernthese des Buches hin. Die gegenwärtigen Veränderungen, die vor allem die musikwirtschaftliche Verwertungskette betreffen, haben die KünstlerIn zur KulturunternehmerIn mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind, gemacht. Das erfordert, wie sich der Autor in einem Gastbeitrag in diesem Blog ausdrückt, „(…) dass er (der/die Künstler/-in) sich in seinen kommerziellen Fähigkeiten professionalisiert und sich ein entsprechendes Know-how und Wissen aneignet.“ Heutzutage reicht es nicht mehr aus, dass MusikerInnen ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Gagen aus Auftritten und CD-Produktionen bestreiten, sondern wirtschaftliche Verwerter ihrer Urheber- und Leistungsschutzrechte werden. Über die Lizenzierung ihrer geistigen Leistungen für die Filmsynchronisation (synch-Rechte), Werbung und Merchandising können neue und lukrative Einnahmequellen erschlossen werden. Und vor allem vor dem Hintergrund des sich ausweitenden Online- und Mobile-Musikgeschäfts gibt es für die RechteinhaberInnen neue wirtschaftliche Potenziale, die es zu nutzen gilt.

Um aber an ihr Geld herankommen, müssen sich die neuen KulturunternehmerInnen weiterhin der Verwertungsgesellschaften (VGs) bedienen. In dieser Hinsicht ist die Bedeutung der VGs eher gestiegen denn zurück gegangen. Allerdings müssen sich die RechteinhaberInnen mit dem System des Urheberrechts und der Rechtewahrnehmung durch die VGs auseinandersetzen, um den vielen Fallstricken zu entgehen.

In diesem Zusammenhang ist das vorliegende Buch als Ratgeber zu verstehen, mit dem die neuen MusikunternehmerInnen sich im Dickicht der globalen Musikverwertung durch die VGs besser zu Recht zu finden.

Nach einer kurzen Einleitung, beschäftigt sich der Autor im ersten Kapitel mit dem Titel „Der Wert künstlerischer Arbeit“ mit den verschiedenen Erlösquellen einer Musikschaffenden, und zeichnet den Weg von der Live-MusikmusikerIn zur MusikunternehmerIn nach. Besonders ausführlich setzt sich Leonhard Leeb dabei mit dem Urheberrecht im engeren wie auch weiteren Sinn (Leistungsschutzrechte) auseinander, zeigt die Systemunterschiede zwischen Kontinentaleuropa und dem angloamerikanischen Raum auf und setzt das Urheberrecht in der Kontext der Digitalisierung musikalischer und auch anderer Inhalte. Überleitend zur Rolle der Verwertungsgesellschaften, vergleicht er die beiden Konzepte der individuellen Rechtewahrnehmung, die jedem Rechteinhaber grundsätzlich offen steht, mit der kollektiven Rechtewahrnehmung durch die Verwertungsgesellschaften. Dabei weist der Autor vor allem auf die territoriale Verankerung der Rechte am geistigen Eigentum hin, das auch in internationalen Urheberrechtsabkommen garantiert ist. Deshalb hat sich über die Jahre und Jahrzehnte hinweg ein internationales System von Gegenseitigkeitsverträgen zwischen den nationalen Verwertungsgesellschaften herausgebildet, über das die Rechteinhaber die grundsätzliche Möglichkeit haben, ihre Rechte weltweit wahrgenehmen zu lassen.

Die EU-Kommission hat aber zumindest bei den Online-Rechten dieses Prinzip der Territorialität unter dem Postulat des freien Wettbewerbs im EU-Binnenmarkt und der damit verbundenen Freizügigkeiten infrage gestellt. So ist es aufgrund einer entsprechenden EU-Richtlinie möglich, dass sich die Rechteinhaber aussuchen können, welche der nationalen Verwertungsgesellschaften für die Wahrnehmung ihrer Online-Rechte zuständig sein soll. Das hat natürlich das System der Gegenseitigkeitsverträge im Online-Bereich obsolet gemacht, wodurch Rechteinhaber keine Garantie mehr haben, dass die Tantiemen aus der Online-Verwertung von jener Verwertungsgesellschaften fließen, der sie auch als Bezugsberechtigte für alle anderen Rechte angehören. Vor allem kleinere VGs – wie die österreichische AKM und AustroMechana – sind aufgrund der hohen Investitionskosten digitaler Erfassungs- und Abrechnungssystem ins Hintertreffen geraten und können ihren Mitgliedern nicht mehr die volle Wahrnehmung ihrer Rechte garantieren. Zudem sind die international agierenden Großverlage dazu übergegangen, ihr Repertoire direkt mit den Rechtenutzern unter Umgehung der VGs zu lizenzieren, was für die UrheberInnen und InterpretInnen zur Folge hat, dass sie nicht mehr kontrollieren können, ob und in welchem Umfang ihre Werke und Leistungen genutzt werden und welche Vergütungen ihnen zustehen würden.

In diesem Zusammenhang weist der Autor auch auf das alternative System der Creative Commons Lizenzen hin, das er aber zum jetzigen Zeitpunkt als keine gangbare Alternative für jene Rechteinhaber ansieht, die ihre geistigen Leistungen wirtschaftlich verwerten wollen. Ein Problem besteht auch darin, dass so gut wie alle VGs keine Creative Commons Lizenzen wahrnehmen. Eine Ausnahme stellt hier nur die niederländische BUMA dar, die auch CC-Lizenzen verwerten, aber nur dann, wenn ein entsprechend hohes Tantiemenaufkommen zu erwarten ist – eine wirtschaftliche Hürde, die nur wenige Rechteinhaber überspringen können.

Im zweiten Kapitel „Verwertungsgesellschaft“ wird die Arbeit, die Aufgabe und der Tätigkeitsbereich einer VG dargestellt und die wirtschaftliche Bedeutung von VGs hervorgehoben. So erwirtschaftete allein die AKM in Österreich 2007 EUR 80,4 Mio. an Lizenzerträgen. Rechnet man die AustroMechana, die das Vervielfältigungs- und Verbreitungsrecht wahrnimmt, hinzu, so kommen jährlich mehr als EUR 100 Mio. zusammen. Die deutsche GEMA erzielte 2007 Lizenzerträge in der Höhe von EUR 814,6 Mio., was die wirtschaftliche Relevanz der VGs eindrucksvoll belegt.

In weiterer Folge zeigt Leonhard Leeb auf, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um Mitglied bzw. Tantiemenbezugsberechtigte einer VG zu werden, wie der Wahrnehmungsvertrag ausgestaltet ist und wie die Voraussetzungen und das Procedere der Werkanmeldung beschaffen sind. Im letzten Teil dieses Kapitels steht die Administration des Vergütungssystems der VG im Mittelpunkt. Der Autor stellt dabei im Detail die Abrechnungssparten (Aufführung/Sendung, Vervielfältigung, Online) und die Vielzahl der damit verbundenen Tarifschemata dar, womit die Komplexität der Tantiemenabrechnung verständlich gemacht wird. Vorgestellt werden auch die Dokumentations- und Abrechnungstools, die ihre Wirkung erst dann so richtig entfalten können, wenn die Informationsstrukturen standardisiert sind und der Austausch über EDV-Schnittstellen möglich ist. Dabei wird sichtbar, dass vor allem die Onlinenutzung die VGs vor fast schier unlösbare Probleme stellt, die nur mit einem riesigen Investitionsaufwand zu bewältigen sind, vor denen die kleinen nationalen VGs zurückschrecken. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Majors dazu übergegangen sind, ihre eigenen Strukturen wie das DDEX-System (Digital Data Exchange) aufzubauen. In Kooperation der CISAC, dem internationalen Dachverband der VGs, haben der internationale Musikindustrieverband IFPI und die US-amerikanische RIAA auf Betreiben der vier Musik-Majors das DDEX-Informationssystem etabliert, an dem kleinere VGs, wie die AKM und AustroMechana, vorerst nicht partizipieren können, weil sie hohen Investitionskosten in die EDV-Infrastruktur scheuen.

Damit der kommt der Autor im dritten Kapitel zum „Copyright-Management“, das das Royalty-Management (d.h. Tantiemen-Management), die Vertragsgestaltung und das Copyright Clearing für die internationale Rechteerklärung umfasst. Dabei weist der Autor auf die Notwendigkeit von Verwertungsankern für die einzelnen Werke hin, die als ein Bündel von Geschäftsprozessen verstanden werden müssen, die von allen am Verwertungsprozess Beteiligten ausgeführt werden müssen, damit die RechteinhaberInnen an ihre Tantiemen kommen. Was einfach klingt, ist allerdings in der Praxis sehr kompliziert, weil es vieler Arbeitsschritte bedarf, damit ein Werk eindeutig identifiziert und dessen Nutzung korrekt abgerechnet werden kann. Wenn man dabei bedenkt, dass in den VGs die Werkmeldungen immer noch großteils händisch eingegeben werden müssen, obwohl es die entsprechende automatische Dateneingabe-Technologie bereits gibt, so kann man sich vorstellen, wie hoch die Fehlerquote bei der Bezeichnung der Urheber und Werktitel ist, die dazu führt, dass kein Tantiemenfluss zustande kommt. Hier sind vor allem die UrheberInnen und InterpretInnen selbst gefordert, mit größtmöglicher Sorgfalt bei der Werkanmeldung vorzugehen, um sich nicht selbst einen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen. Die komplexen Verflechtungen der Verwertung eines einzelnen digitalen Musik-Tracks bzw. den Radioeinsatzes eines Werks werden auf S. 170 und S. 255 eindrucksvoll dargestellt.

Im vierten Kapitel „Royalty Management in Bezug auf eine Verwertungsgesellschaft“ gibt der Autor Ratschläge, wie die RechteinhaberIn ihre Werknutzung dokumentieren soll, was der Werkerfassung durch die VGs zu berücksichtigen ist und wie die Abrechnung kontrolliert werden kann. Ein kurzer Abschnitt beschäftigt sich dann auch noch mit der Frage der Verwaltungskosten bzw. des damit begründeten Spesenabzugs durch die VGs, die die Tantiemenausschüttung schmälern.

Im fünften und abschließenden Kapitel „Kriterien für die Wahl der Verwertungsgesellschaft“ gibt Leonhard Leeb noch Tipps, worauf eine RechteinhaberIn bei der Wahl einer VG insbesondere in der Wahrnehmung der Online-Rechte achten soll. Überprüft werden sollte vorab, welche Qualität die angebotenen Leistungen der VG haben, ob das Management der VG effektiv und effizient arbeitet, wie die Willensbildung innerhalb einer VG abläuft, die letztendlich eine genossenschaftlich organisierte Solidargemeinschaft der Musikschaffenden und Verlage ist, wie die Rechteinhaber Zugang zu den internen Dokumenten und Aufzeichnungen kommen, welche technische Infrastruktur die VG aufweist und wie die VG internationale verankert und vernetzt ist. Das sind sehr viele Informationen, die die RechteinhaberIn einholen muss, die aber von höchster wirtschaftlicher Relevanz sind.

Abschließende kritische Würdigung

Leonhard Leebs Buch ist ein sehr lesenswerter Leitfaden für alle jene, die hinter die Kulissen der Verwertungsgesellschaften blicken wollen. Das komplexe Verwertungsnetzwerk wird im Detail nachgezeichnet und in einer Form für die LeserIn aufbereitet, die es ihr ermöglicht, die bestmögliche Vorgangsweise bei der ökonomischen Auswertung ihrer Urheberrechte zu wählen. Das Buch ist aber nicht nur ein Ratgeber, sondern auch ein wissenschaftliches Werk, in dem die Funktionsweise der VGs und deren Beziehungsnetzwerk, analysiert werden. Dabei werden auch aktuelle Entwicklungen wie die Creative Commons Lizenzen, die Diskussion über eine Kulturflatrate, die Umgehung der VG durch die Major-Verlage sowie insgesamt die neuen Herausforderungen durch die digitale Revolution dargestellt und kritisch reflektiert.

Wer sich aber aufgrund des Titel des Buches – „Der Wert künstlerischer Arbeit“ – eine Aufarbeitung diverser Werttheorien und des darüber geführten wissenschaftlichen Diskurses erwartet, die/der wird von dem Buch enttäuscht sein, denn mit theoretischen Reflexionen und Diskursen hält sich der Autor nicht lange auf. Ihm geht es vielmehr darum, die Praxis der Rechtewahrnehmung und -verwertung in all ihrer Komplexität darzustellen und verstehbar zu machen – und das ist ihm außerordentlich gut gelungen.

Leonhard Leeb, 2009, Der Wert künsterlischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgsellschaften

Facultas Verlag Wien, 2009, 255 Seiten, ISBN 978-3-7089-0388-0, EUR 36.-

 


5 Responses to “Rezension: Der Wert künstlerischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgesellschaften”


  1. 1 Handyman
    5. Februar 2010 um 2:54 pm

    Grenzenlose Überheblichkeit?!

    und mangelnder Respekt vor den Errungenschaften der Technik ist KEIN Qualifikationsmerkmal für Künstler. Das wird oft missverstanden, auch hier. Das Internet steht nicht im Eigentum einer Allgemeinheit, die darüber verfügen kann. Das ist gerade die Stärke dieser Technologie. In Wahrheit ist es ein harter Wetttbewerb auch zwischen unterschiedlichen Technologien und permanenten Innovationen. Die Musikdownloads – unabhängig ob legal oder illegal – stellen da nur eine sehr kleine Nische des Datentransfers dar, die gemessen an weiten Teilen der Bevölkerung sogar als unbedeutend eingestuft werden kann. Der Anspruch einiger US-amerikanischer Hollywood Konzerne ihre Medienkontrolle auch noch über das Internet auszuweiten ist nicht neu, aber zum Scheitern verurteilt. Die Künstler müssen eben selbst in Technologien investieren und können das nicht einfach nur Hollywood machen lassen. Auch ist kein Künstler ein besserer Künstler, wenn er durch die Hollywoodd Lobby vertreten wird.

    Wenn Künstler aufhören sich an Hollywood zu orientieren, werden sie wieder Geld verdienen.


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