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Der Wert künstlerischer Arbeit und die Rolle der Musik-Verwertungsgesellschaften – Zusammenfassung des Musikwirtschafts-Jour-fixe vom 27. Januar 2010

Am 27. Januar 2010 präsentierte Leonhard Leeb am IKM die Kernaussagen seiner in Buchform erschienen Dissertation mit dem Titel „Der Wert künsterlischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgsellschaften“. Er hat dabei auf die wichtige Rolle der Verwertungsgesellschaften für die UrheberInnen und vor allem für die InterpretInnen hingewiesen, die es unter den durch die digitale Revolution ausgelösten Veränderungen immer schwerer haben, an Ihre Tantiemen zu kommen. Verantwortlich dafür sind einerseits die Liberalisierung der Rechtewahrnehmung im Online-Bereich durch die EU-Kommission und andererseits die direkten Lizenzierungssysteme, die vor allem von den international tätigen Großverlagen, favorisiert werden.

Hier kann nun die Präsentation (Der Wert künstlerischer Arbeit) herunter geladen und in weiterer Folge kann die Zusammenfassung von Leonhard Leeb nachgelesen werden:

 

Der Wert künstlerischer Arbeit

von MMag. Dr. Leonhard Leeb

Mit dem Status als freischaffender Komponist und Konzertunternehmer leitete Wolfgang Amadeus Mozart eine musikgeschichtlich neue Ära ein: Unabhängig von höfischen Zwängen komponierte er auf eigenes Risiko und nahm nun Aufführungen sowie die Drucklegung seiner Werke selbst in die Hand. Ludwig van Beethoven gab, wenn man ihn nach seinem Beruf fragte, „Musikunternehmer“ an.  Heute nach 225 Jahren sind Künstler in ihrem Verständnis wieder dort, wo ihre großen Vorbilder wie Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven bereits schon einmal standen. Jordi Savall gründete seine eigene Tonträgerfirma „Alia Vox“ und der niederländische Dirigent, Organist und Cembalist Ton Koopman spricht in einem Interview über sich: „Man ist jetzt eben Kulturunternehmer. Und das bedeutet: Risiko nehmen, Sponsoren suchen und Projek­te durchziehen.“

Mit diesem Selbstverständnis des Künstlers, das sich zwingend aus der gegenwärtigen Marktsituation ergibt, hat der Künstler Aufgaben im Rahmen seiner Vermarktung selbst zu erledigen. Um diesen Anspruch des „Kulturunternehmers“ gerecht zu werden, bedarf es auch für den Künstler, dass er sich in seinen kommerziellen Fähigkeiten professionalisiert und sich ein entsprechendes Know-how und Wissen aneignet.  Ein Wissen über Strukturen, Möglichkeiten und potentielle Geschäftsfelder, die das Geschäft mit der Musik erfordert.

Die Erlösquellen eines komponierenden Interpreten werden mannigfaltiger und auch das Bewerkstelligen neuer Einnahmeströme wird komplexer. Viele Klassik-Interpreten lebten vor Jahren ausschließlich von den Gagen aus dem Livekonzert und den Einnahmen aus dem Verkauf von Tonträgern. Heute vollzieht sich die „Entwicklung der Einnahmen eines Künstlers“  in Richtung der Beteiligung an allen Finanzströmen wie Live- und Tonträgergeschäft, Produktgeschäft, Lizenzgeschäft, Sync-rights, Werbung und Merchandising. Die Erweiterung relevanter Nutzungsarten wie Online-Nutzungen von Musikwerken führen zu neuen, potentiellen Erlösquellen, die ihre Grundlage im Urheberrecht haben. Jedoch ist die individuelle Wahrnehmung dieser Online-Rechte durch den einzelnen Rechteinhaber praktisch unmöglich. Sie müssen sich bestimmter Verwertungsgsellschaften (VGen) bedienen, um ihre Rechtsansprüche durchzusetzen und Erlöse aus den Verwertungsrechten zu erzielen.

VGs sind  keine „normalen“ Unternehmen,  sondern es handelt sich vielmehr um Organisationsgründungen der Urheber und Künstler. Federführend beim Aufbau der VGs waren Komponisten wie Gustav Mahler und Richard Strauß. Künstler taten sich zusammen, damit sie gemeinsam dafür Sorge tragen, dass sie einen Ertrag aus der Nutzung ihrer kreativen Leistung ziehen können. Dieses ist das Grundprinzip der VGs. Die VGs stehen heute an einer Weggabelung: Sind sie Unternehmen von besonderer Art, weil sie in besonderer Weise sozialen und kulturellen Zwecken verpflichtet sind oder sind sie Organisiationen, die ausschließlich wirtschaftliche Zwecke verfolgen? Bis vor wenigen Jahren war die Stellung der VGs im Kulturbereich und in der Politik unangefochten. Heute ist ihre Position nicht mehr so gefestigt, wie noch vor einigen Jahren. Vor allem wird die Position der VGen als Solidargemeinschaft von den großen weltumspannenden Major-Musikverlagen in Frage gestellt. Sie sehen VGen als reine Inkassobüros.

Die Gründung der VGs und die Verankerung des Prinzips der kollektiven Rechtewahrnehmung war eine große kulturpolitische und solidarische Leistung der Gründerväter. Die Verpflichtung der VGen, dass die Schöpfer kulturell bedeutsamer Werke einen besonderen Vorzug bei der Vergütung erhalten sollen und dass alle Rechteinhaber auf einen Teil der Vergütung verzichten, damit dieser sozialen und kulturellen Zwecken zugeführt werden kann, sind auch heute noch wichtige Fundamente der VGen.  Allein in Österreich und Deutschland beziehen mehr als 80.000 Rechteinhaber als Mitglieder der VGs AKM und GEMA[1] Erlöse aus den Verwertungsrechten.

Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation zeigt, dass es für den einzelnen Künstler um Rahmenbedingungen geht, die unabhängig von einzelnen großen weltumspannenden Unternehmen funktionieren können und müssen. Die Zukunft wird zeigen, dass allein Unternehmensgröße und freier Markt keine Grundlagen für eine kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft sind. Der einzelne Künstler soll die Chance und Möglichkeit haben am System der kollektiven Rechteverwertung teilzuhaben und sich dadurch ein wichtiges finanzielles Standbein schaffen zu können. Dies ist ein Brückenpfeiler für die Kunstschaffenden, eigene Wege zu gehen, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation einzelner Großunternehmen.

 

Leonhard Leeb, 2009, Der Wert künsterlischer Arbeit. Urheberrecht, Rechtewahrnehmung und Administration durch Verwertungsgsellschaften

Facultas Verlag Wien, 2009, 255 Seiten, ISBN 978-3-7089-0388-0, EUR 36.-

 

 

 


[1] e AKM Mitglieder 17.433 (31.12.2007) und die GEMA 62.888 Mitglieder (31.12.2007)


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