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Neue Geschäftsmodelle in der Musikindustrie: Team Love Records

Team Love Records ist ein New Yorker Label, das seine Produktionen kostenlos auf seiner Homepage als MP3-Download bereitstellt und dabei die Philosophie vertritt, dass nur solche Musik nachgefragt wird, die man kennt und schätzt. Die Wertschätzung, die durch die freie Zurverfügungstellung der Musik errungen wird, soll letztendlich dazu führen, dass die Musik auch käuflich erworben wird. Was naiv klingen mag, funktioniert nun schon seit 2004 und hat durchaus auch wirtschaftliche Erfolge gezeitigt, wie in der Folge noch ausführlicher dargelegt werden soll. 

Die Vorgeschichte

2004 gründeten Nate Krenkel und Conor Oberst in New York das Label Team Love Records mit der Absicht, die bestehenden Strukturen in der Musikindustrie zu durchbrechen und eine neue Plattform für die Entfaltung von Kreativität zu bieten. Conor Oberst war zu diesem Zeitpunkt bereits ein angesehener Singer-Songwriter, der noch als Teenager den „Omaha-Sound“ maßgeblich geprägt hat. Seine für das Indie-Label Saddle Creek produzierten Alben verkauften sich seit den späten 1990er Jahren außerordentlich gut. Das Debüt-Album für Saddle Creek, „Letting Off The Happiness“ fand über Napster eine große Fangemeinde, was sowohl Conor Oberst als auch das Label Saddle Creek überregional bekannt machte. 2002 war dann die Anhängerschaft so groß, dass sich das zweite Album “Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground” für eine Indie-Produktion mit über 200.000 Stück und einer Billboard-Top-200-Platzierung außerordentlich gut verkaufte. Die beiden 2005 gleichzeitig vorgelegten Alben „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash in Digital Urn“ schafften es dann schon jeweils unter die Top-20 und riss Kritiker dazu hin, Oberst als neuen Bob Dylan zu feiern.

Trotz dieser Erfolge verweigerte sich Connor Oberst den Avancen der Major-Label. Er unterschrieb 2000 lediglich einen Verlagsvertrag bei Sony Publishing, wofür ihn der Talent Scout Nate Krenkel hatte gewinnen können. Eben dieser Nate Krenkel war es, der Sony Publishing 2003 wegen der anlaufenden Klagswelle gegen File-Sharer verließ, weil er darin den absolut falschen Weg sah. Ein Jahr später tat er sich mit seinem Freund Conor Oberst zusammen, um das Label Team Love zu gründen.

Das Geschäftsmodell

Ganz im Gegensatz zu den Majors, wurden die Musikfans aufgefordert, sich auf der Homepage des Labels zu frei bedienen. Sämtliche Produktionen wurden zum kostenlosen Download und ohne irgendwelchen Kaufzwang bereitgestellt. Conor Oberst zum Geschäftsmodell von Team Love Records: „No one can buy your record if they don’t even hear it, if they don’t know it exists. So when Nate and I talked about a label, we knew that the most important thing was to let people hear the music. And if they like it, we hoped that people would take the next step, which is to buy the record as a way of supporting the artist and enabling the artist to make more music for them to enjoy. We appealed to common sense: if you can afford something you like, you’ll buy it because that benefits the person who created that thing you like.” (Kot 2009: 96-97).

Vier Jahre und 25 Alben später fühlte sich Krenkel ist der Entscheidung bestätigt. 2006 konnte nämlich mit dem Debüt-Solo-Album von Jenny Lewis „Rabbit Fur Coat“ ein großer Coup mit mehr als 100.000 verkauften Stück in nicht ganz zwei Jahren gelandet werden, obwohl das Album auch frei von der Homepage herunterladbar war. Krenkel in einem Interview: „At the time, people were saying to us, ‚This is a business plan?’ But we haven’t been affected negatively by the free downloads. The tracks online that are downloaded the most are also tracks that have sold the most for us. And the ones that have been downloaded the least are also the ones that have been sold sold the least.” Und weiter: “[E]veryone is freaking out over nothing, and the piracy issue was more of a scape-goat for other ills in the music industry, whatever those may be.” (Kot 2009: 97).

Dass der vollkommen freie Download aber doch nicht ganz der Weisheit letzter Schluss war, kann aus dem mittlerweile adaptierten und eingeschränkten Download-Angebot abgelesen werden. Wer jetzt nämlich die Homepage aufsucht, muss sich zum einen als Nutzer registrieren, hat aber dann nicht mehr Zugriff auf den Gesamtkatalog, sondern nur mehr auf eine monatliche Selektion von Alben, die vor Kurzem veröffentlicht wurden. Dieses Angebot nennt sich Team Love Library, wo auch eine Rechtfertigung für diese Einschränkung zu lesen ist:

“When Team Love started we had the simple and possibly self-defeating notion that posting all our albums on the website as free downloads would be a good detour around the wreckage of the music industry and a way to avoid getting bogged down in the number one topic of discussion and distraction: piracy, illegal downloads, P2P networks and so on.

Five years later and the debate still drones in the background, and while some bands have adopted a mutated version of the “free download” (pay what you wish, etc), we’ve decided to reshape out policy in a different direction and introduce the Team Love Library. Each month (or so) we’ll be rotating the Library’s selections, featuring different Team Love albums as well as exclusive content such as unreleased songs, live or remixed versions of TL favorites.

The library will be open to the public 24/7, and as we have an endless abundance of MP3’s (we fucked up and made too many of them), anything you take from the library is yours to keep. You will not be notified if you fail to return something on time, and you will not lose your library privileges if you share selections with friends.”

Trotz dieser neuen Restriktionen sind die vorselektierten Alben weiterhin frei im MP3-Format verfügbar und es gibt keinerlei Einschränkungen bei der deren weiteren Verwendung. Team Love Records bietet also eine perfekte Voraussetzung dafür, dass die ausgewählten Musiker und deren Schaffen durch virales Marketing bekannt werden. Hört man sich durchs Angebot, so wird klar, dass damit vor allem ein Nischenmarkt bedient wird. Und mehr ist auch gar nicht beabsichtigt, denn in der Nische kann man es sich auch sehr komfortabel einrichten. Bei der derzeitigen Fragmentierung des Marktes kann das ohnehin der einzig verbleibende Weg sein, die wirtschaftliche Existenz eines Labels zu sichern. Die Zeit wird zeigen, ob Team Love Records den richtigen Weg eingeschlagen hat oder doch nur ein Versuch von vielen ist, der zum Scheitern verurteilt ist. Spannend ist der Versuch allemal. 

Quellen:

http://team-love.com/

Kot, Greg, 2009, Ripped. How The Wired Generation Revolutionized Music. New York etc.: Scribner, S. 87-101.


2 Responses to “Neue Geschäftsmodelle in der Musikindustrie: Team Love Records”


  1. 1 Michael Huber
    9. September 2009 um 10:11 am

    Das ist sicher ein praktikabler Weg für Musikschaffende mit einer treuen Fangemeinde. Kurzfristig angelegten Top40-Produktionen jedoch würde ich das nicht empfehlen. Den meisten Downloadern von LadyGaga- oder KatyPerry-Musik ist es vermutlich relativ egal, ob besagte Sängerinnen auch nur einen Cent an ihrer Musik verdienen. Wenn sie verschwinden, kommt wenig später der nächste Klon.


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